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Full text: Aus der Hauptstadt / Lindau, Paul

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Schlangcngefäß unseren Blicken entzogen. Aber wir sehen 
immerhin genug, um an dem sauberen Schuhwerk und den 
Beinkleidern nach neuestem Schnitt den vornehmen jungen 
Mann zu erkennen. In der Nähe des Dahingestreckten, 
gleichfalls auf dein Altan, erblicken wir ein junges Weib, 
das mit dem Ausdruck des höchsten Entsetzens die beiden 
Hände jählings an die Ohren führt und mit weitausgerisse 
nen Augen in die Leere stiert. Aus dem halbgeöffneten 
Fenster des ersten Stockes der Villa selbst sieht der Gatte 
hervor, der Urheber des Entsetzlichen, der Rächer seiner 
Ehre, das eben entladene Gewehr, aus dessen Lauf noch 
leichte Rauchwölkchcn aufsteigen, von der Schulter lösend. 
„Er traf ihn sicher, er traf ihn gut." Ein Flug weißer 
Tauben, deren Gefieder in strahlender Helligkeit erglänzt, 
durch den Knall aufgescheucht, flüchtet sich in die dunklen 
Schatten des Hintergrundes. 
Eine bekannte Zeichnung von Gavarni heißt: „Le der- 
nier jour de mansarde“. sie zeigt uns ein junges Mäd 
chen, das tief nachdenklich im jämmerlichen Dachstübchen vor 
dem Kamin sitzt, das Kinn auf die Hand gestützt, und das 
morgen vielleicht im prächtigen Wagen über die Boulevards 
rollen wird — aber um welchen Preis! Klinger hat den 
selben Vorwurf behandelt. „Ein Schritt" nennt er dieses 
Kunstblatt. Es ist Nacht. Der Mondschein erhellt nur die 
eine Seite der engen Gasse, deren andere in tiefe Finsterniß 
gehüllt ist. Eine schmutzige Gosse trennt die beiden Seiten 
öon einander. In der hellbeleuchteten steht ein junges Müd- 
chen, dürftig gekleidet, an die Mauer gelehnt, den einen Fuß 
über die Gosse gestreckt. Auf der anderen Seite ein altes 
Weib, eine Kupplerin, die ihr zuzureden scheint. Im tiefen
        
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