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II. Planlose Wanderungen A. Durch die Theater Herbstliches. Im Nationaltheater, bei Wallner und die Meininger

Full text: Aus der Hauptstadt / Lindau, Paul

liebenswürdige Vornehmheit in den Umgangsformen, die früher 
häufig als ein besonderes Vorzugsrecht der französischen 
Staatsmänner betrachtet wurde, in jüngster Zeit jedoch 
gerade in Frankreich, wo der Wirbel der Ereignisse Manchen 
aus verräucherter Schenke in die höchsten staatsmünnischcn 
Kreise hinaufgetrieben hat, seltener geworden ist. 
Der Schreiber dieser Zeilen, der mit dem Grafen Saint 
Ballier seit dessen Amtsantritt im Jahre 1878 in persön 
lichem Verkehr zu stehen die Ehre gehabt, hatte heute mit 
dem Botschafter eine längere Unterredung, die freilich durch 
aus nicht den Charakter einer sogenannten „Interview" trug, 
deren Inhalt indessen für weitere Kreise von Interesse sein 
könnte und die Oefsentlichkeit nicht zu scheuen hat. Graf 
Saint Ballier erklärte gleich zu Beginn der Unterhaltung, 
daß es ihn mit tiefen Schmerz ersiillt habe, seinen Abschied 
einreichen zu müssen. Er habe noch nie einen Posten mit 
so schwerem Herzen aufgegeben, wie den jetzigen, er empfinde 
einen wahrhaft herzzerreißenden Kummer (im vrai dechire- 
ment), wenn er sich jetzt bei seinem Scheiden klar mache, 
welche Opfer er seiner Ueberzeugung zu bringen habe, welche 
Dienste er seinem Vaterlande habe leisten können und unter 
anderen Verhältnissen voraussichtlich auch in Zukunft noch 
geleistet haben würde. Nur der ungleich stärkeren Macht 
der Ereignisse habe sein Wille und sein sehnlicher Wunsch 
weichen müssen. 
„Ich durfte nicht mehr bleiben," fuhr Graf Saint 
Ballier fort, „wenn ich mich nicht in meinen eigenen Augen 
herabsetzen wollte. Die Stellung des Botschafters ist eine 
andere, als die eines Ministers im Lande. Ter Botschafter 
ist berechtigt, ja, in dem dienstlichen Interesse der ungestörten
        
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