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II. Planlose Wanderungen A. Durch die Theater Neue Stücke am Schauspielhause von Lohmeyer, Rheinisch, Siegert, Erckmann-Chatrian, Wildenbruch

Full text: Aus der Hauptstadt / Lindau, Paul

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wäre, mitten in der Nacht ein junges Mädchen in ihrem 
Zimmer aufzusuchen. 
Ferner muthet uns Wildenbruch zu, die folgende 
Situation für gesellschaftlich möglich zu halten. Die jüngere 
Schwester, Christine, hat sich soeben verlobt, um sich un 
schädlich und den Weg zwischen den Herzen des von ihr 
heimlich geliebten Professors und ihrer Schwester frei 
zumachen. Eine zahlreiche Gesellschaft ist in dem Salon 
vereinigt; das junge Brautpaar wird beglückwünscht, man 
läßt Champagner kommen und die Gläser klirren. In diesem 
Augenblick tritt der Professor ein. Er erkundigt sich nach der 
Ursache der Feststimmung und hört, daß das von ihm im Stillen 
geliebte Mädchen sich verlobt hat. Christine füllt ein Glas, 
reicht es ihm artig und bittet ihn, mit ihr anzustoßen. Der 
Professor behält das Glas in der Hand, sieht sie einen 
Augenblick an, und als sie ihn wiederholt auffordert, mit 
ihr anzuklingen, ruft er: „Nein!" und schlendert das Glas 
zu Boden. Wenn das wirklich in unseren Tagen in einer 
unserer guten Stuben geschähe, was wäre die Folge? Der 
Herr Professor würde höflich gebeten werden, das Zimmer 
so bald wie möglich zu verlassen und nie wieder zu betreten; 
man würde ihn für den ungezogensten Menschen von der 
Welt halten und der Bräutigam würde wahrscheinlich nicht 
erst abwarten, bis das Mädchen in Thränen ausbricht, er 
würde vermuthlich aus der Stelle eine Auseinandersetzung 
über dieses unverantwortliche Benehmen herbeiführen. Die 
gute Wirthin würde im Stillen die tiefsinnige Betrachtung 
anstelle», daß von dem Dutzend neuer Gläser eins zerbrochen 
ist und daß die Flecke aus dem Teppich vielleicht gar nicht 
mehr zu entfernen sind.
        
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