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II. Planlose Wanderungen A. Durch die Theater Die "Nibelungen" mit Hedwig Reicher-Kindermann

Full text: Aus der Hauptstadt / Lindau, Paul

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raschung in einen wahren Beifallssturm löste. Man sagte 
sich: Das ist doch dieselbe Sängerin, die im vorigen Jahre 
die Fricka gesungen hat! Wie war es möglich, daß sie sich 
da nicht unserer Bewunderung aufgedrängt hat? Wie hat 
sich eine solche Künstlerin, deren Name bisher keineswegs 
zu den bekanntesten gehörte, ganz plötzlich, so zu sagen über 
Nacht, zu dieser wunderbaren Vollkommenheit ausbilden 
können? Wie war cs möglich bei den Gepflogenheiten un 
serer geschäftigen Presse, daß wir nicht tagtäglich mit schal 
lenden Posannenstößen ihr zu Ehren betäubt worden sind? 
Aber wir wollen uns nicht bei diesen nebensächlichen Fragen 
aufhalten, wir wollen uns freuen, daß es so ist. Endlich 
haben wir in unserer Zeit, in der wir so oft lediglich auf 
den Respect angewiesen sind, den eine ruhmreiche Vergangen 
heit gebietet, einmal eine große Sängerin in der vollsten, 
blühendsten Gegenwart, — eine Künstlerin, ausgestattet mit 
den reichsten, natürlichen Mitteln, die sie verschwenderisch 
verausgabt, ohne darauf Bedacht nehmen zu müssen, daß 
sie auch für den nächsten Tag zu sorgen hat, — sie zehrt 
eben nicht von ihrem Capital, sie lebt noch von ihren 
Zinsen, — gebildet in einer vorzüglichen Schule, aus der 
sie mit dem Zeugnisse der Reise entlassen ist, und begnadet 
mit echtem dramatischen Talente. Das Organ der Kinder 
mann besitzt eine Tonfülle, die ganz unglaublich ist. Dabei 
ist der Klang der vornehmsten Art, ohne irgend welche Bei 
mischung, und in allen Registern ausgeglichen, der Ansatz 
glockenrein, der Ton fest, die Aussprache von tadelloser 
Deutlichkeit. Hedwig Kindermann ist aber auch eine be 
deutende Schauspielerin. Jede Stimmung spiegelt sich auf 
ihrem ausdrucksfähigen Gesichte wieder, jede Bewegung ist 
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