Path:
II. Planlose Wanderungen A. Durch die Theater Die "Nibelungen" mit Hedwig Reicher-Kindermann

Full text: Aus der Hauptstadt / Lindau, Paul

210 
frische Eintreten Siegfrieds nicht verscheucht wird. Es 
mischt sich auch schon unheimlicher Spuk hinein. Von der 
Höhe des Felsens ist mit Siegfried alle Lust gewichen. 
Waltrutens schmerzlicher Bericht über das Dahinsiechen 
Wotans Pflanzt die trübe Stimmung fort. Die Bändigung 
Brünnhildens durch Siegfried in der Gestalt Günthers bleibt 
abstoßend und häßlich. Zur Großartigkeit steigert sich die 
Handlung in der Eides- oder vielmehr Meineidsscene. Noch 
einmal wird die finstere Tragik des Ganzen durch ein 
liebliches Zwischenspiel abgelöst (Gesang der Rheintöchter), 
um dann mit wuchtigen Schritten zur Katastrophe zu eilen. 
Siegfried wird erschlagen. Der Componist hat für das 
Ende des Helden den gewaltigsten Ausdruck der Tonsprache 
gefunden. An der Leiche Siegfrieds vollzieht sich das große 
Strafgericht an Göttern und Menschen, und mit dem Jauchzer 
der Walküre reitet Brünnhilde in die Flammen des Schei 
terhaufens. 
Die neuen Aufführungen haben uns eine Künstlerin 
offenbart, die berufen erscheint, neben den großen drama 
tischen Sängerinnen, von denen uns in alten Mähren Wun 
ders viel gesagt wird, einen dauernden Platz in der Kunst 
geschichte einzunehmen. Hedwig Reicher-Kindermann 
gehört sicherlich zu dem Geschlechte, das eine Malibran, eine 
Henriette Sontag, eine Schröder-Devrient gezeugt hat. Es 
ist schwer, den Eindruck zu schildern, den diese merkwürdige 
Künstlerin gleich bei ihrem ersten Anstreten hervorgebracht 
hat: das Staunen des betroffenen Publikums, das mit weit 
geöffneten Augen diese Brünnhilde anstarrte und seinen Ohren 
nicht trauen wollte, als der jubelnde Aufschrei der Walküre 
zum ersten Male ertönte, — und wie sich denn diese Ueber-
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.