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II. Planlose Wanderungen A. Durch die Theater "Odette" von Victorin Sardou

Full text: Aus der Hauptstadt / Lindau, Paul

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kränkt, wenn er einen Theil derselben fiir eine solche Heldin 
uns entwendet. 
Wenn wir also auch noch so aufmerksam dem Sar- 
dvu'schen Schauspiele lauschen und uns an dem merkwür 
digen Geschick in der Handhabe der theatralischen Hülfsmittel 
erfreuen, wenn wir uns auch wider unsern Willen haben 
rühren lassen, so fühlen wir doch, sobald wir der schwülen 
Atmosphäre des Theaters entrückt sind, aus dem Heimwege 
gerade das Gegentheil von dem, was das Bühnenwerk be 
wirken soll, das Gegentheil der Erhebung und Befriedigung. 
Wir ärgern uns über unsere Weichheit, unsere Schwäche 
verdrießt uns. Zum Glück kommt diese katzenjämmerliche 
Stimmung zu spät — zum Glück für den Dichter und den 
Director. Im Theater selbst hat „Odette" einen großen, 
unleugbaren Erfolg errungen. 
Das kleine Residenztheater, das zu Beginn des Winters 
mit so großen Widerwärtigkeiten zu kämpfen hatte und aus 
der Liste der beachtenswerthen Bühnen schon so gut wie 
gestrichen war, hat mit „Odette" einen neuen Aufschwung 
genommen und sich in der Gunst unseres Publikums wie 
derum befestigt. „Odette" hat die öden Bänke wieder be 
völkert, und es ist dem Director, Herrn Emil Reumann, 
der sich so viel Mühe gegeben und so wenig Früchte ein 
geheimst hatte, und den Künstlern, die nun endlich wieder 
Mal vor vollem Hause spielen können, wohl zu gönnen. 
Wenn sich der Stern des Residenztheaters durch „Odette" 
wieder gehoben hat, so ist der der Direction Ernst am 
Victoriatheater leider gesunken. Und das hat mit ihrem 
Singen die „edle Richtung" gethan! Director Ernst hatte 
es sich in den Kops gesetzt, das deutsche Trauerspiel zu
        
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