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II. Planlose Wanderungen A. Durch die Theater "Kriemhild" von Adolf Wilbrandt

Full text: Aus der Hauptstadt / Lindau, Paul

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Wilbrandt ist in der Behandlung des Nibelungenstosfcs 
ganz selbstständig vorgegangen. Er ist in allein Wesent 
lichen von dem Wege, den seine bedeutendsten Vorgänger 
eingeschlagen haben, abgewichen. Er ist der alten deutschen 
Heldensage am Getreuesten gefolgt und hat int Gegensatze 
namentlich zu Richard Wagner, aber auch zu Jordan, Hebbel 
und Emanuel Geibel das Uebersinnliche gänzlich ausgeschie 
den. Von dem gewaltigen heidnischen Spuk der alten nor 
dischen Sage >hat Wilbrandt Nichts in seine Dichtung 
herübergenommen. Sein Siegfried wird christlich bestattet: 
der Priester besprengt den Sarg, über dem sich das Kreuz 
des Erbarmers erhebt, mit geweihtem Wasser; Chorknaben 
stimmen die Litanei an und schwingen das Weihrauchfaß. 
So richtig diese Auffassung auch ist, so befremdend wirken 
doch diese sichtbaren Zeichen der christlichen Kirche in diesem 
Heldendrama. Erst auf dem Wege der Ueberlegung gelangt 
man zu der Feststellung, daß es sich nicht etwa um einen 
Anachronismus handelt. Der christliche Gedanke ist ja auch 
in den Recken Siegfried und Hagen nur recht mäßig ent 
wickelt. Für unsere Empfindung habeit sie sich des Vermächt 
nisses des nordischen Heidenthums niemals recht entledigen 
können. Noch immer dünkt uns Siegfried ein Liebling und 
Abkomme jener Götter, die das Christenthum vertrieben, und 
für uns steht Hagen noch immer im Bunde mit den fin 
stern Mächten der heidnischen Unterwelt. 
Wilbrandt hat in strenger Durchführung seiner Auf 
fassung alle seine Gestalten aus die Verhältnisse der be 
greiflichsten Menschlichkeit zurückgeführt. Sein Siegfried hat 
keine Tarnkappe, kein irgend welchem Fasner abgerungener 
Schatz giebt ihm übermenschliche Gewalt und kein Bad im
        
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