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Full text: Das Reichstagsgebäude / Rapsilber, Maximilian (Public Domain)

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gewappnet. Aber die Sehnsucht nach der Erfüllung des Helden 
traums blieb in den Tiefen der Volksseele lebendig und der Glaube 
an die vorgeahnte Machtgrösse wurzelte sich fester und immer fester 
in den deutschen Boden ein. Das Geschlecht der Freiheitskämpfer 
nahm seine romantischen, traumschönen Ideale mit ins Grab, sein 
Vermächtniss verpflanzte sich auf die folgende Generation, welche 
klaren Blickes, nüchtern und thatenstark die Fundamente der kommen 
den Zeit gelegt hat. Langsam, wie die Eichensaat, reifte das Ge 
schick heran, die Frucht einer mühevollen, aber gottgesegneten Arbeit. 
Als endlich den Enkeln die Erfüllung kam, brauste ein neuer welt 
erschütternder Frühlingssturm durch die deutschen Lande. Die Wucht 
der kriegerischen Ereignisse riss alle Bedenken, Zweifel und Sonder 
gelüste mit sich fort, in einem gewaltigen Anlauf drängte der Volks 
wille zu dem höchsten Ziel, zur Errichtung des Deutschen Reichs. 
Jedesmal, wenn ein Volk einen Machtgipfel erstiegen, tritt sein 
schönstes Können, das Phantasieschaffen, in die Aktion. Leicht ver 
gänglich ist das Waffenglück, eine genaue Kunde von den Thaten der 
Staatsmänner ist auf lange Zeiten in den Archiven vergraben. Der 
Dichter und Künstler aber hat den Beruf, für die politischen Neu 
bildungen die unvergänglichen Symbole zu formuliren, einen äusseren, 
sichtbaren Ausdruck für die im Herzen des Volkes lebendige Be 
geisterung, für den inneren, sittlichen Werth des Errungenen zu 
finden. Die schöpferisch erregte Kraft einer grossen Zeit ersteigt 
ihren Höhepunkt immer erst in den künstlerischen Thaten, die auf 
die Kriegsstürme folgen. 
So hat denn das Deutsche Reichstagshaus ausser seiner 
praktischen auch die ideale Bestimmung, die Siege der deutschen 
Waffen, die neugewonnene Reichseinheit für alle Zeiten in sich zu 
verkörpern und den fernen Geschlechtern Kunde zu geben von dem 
Geist, welcher die Reichsgründer beseelt hat. Der Grundstein des 
Hauses, welcher am 9. Juni 1884 von Kaiser Wilhelm I. gelegt ist, 
enthält die Urkunde mit den kennzeichnenden Worten: 
„Unter den glorreichen Waffen-Erfolgen der vereinten Deutschen 
Stämme ist durch Gottes Fügung das Deutsche Reich zu ungeahnter
	        
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