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Rundgang durch das Reichtags-Gebäude

Full text: Das Reichstagsgebäude / Rapsilber, Maximilian

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Stilisirung der Beleuchtungskörper und Möbel etc. handelt es sich um 
Musterleistungen deutschen Kunstschaffens, überall tritt die Eigenart 
Wallot’s in einer überraschenden, ja fast verblüffenden Ideenfülle zu 
Tage. Ein kraftgenialisches deutsches Empfinden pulsirt in allen 
diesen mit ihrer Zweckbestimmung so wunderbar harmonirenden Ge 
bilden. Mit dem gedankenlos vertrottelten Formenwust der her 
gebrachten Typen ist gründlichst aufgeräumt, das Kunsthandwerk war 
wieder auf schlichte und gediegene Einfachheit zurückzuleiten, ein 
mühevolles Beginnen, das nur eine so durchgreifende Persönlichkeit 
wie Wallot zu vollführen im Stande war. In den beiden Erfrischungs 
sälen hat das unverfälscht süddeutsche Naturell Wallot’s den weitesten 
Spielraum gefunden, und es lag auf der Hand, dass die ausführenden 
Künstler aus München zu citiren waren. So sind die Holzarbeiten 
der Restaurationssäle von der Firma Pössenbacher, die Modelle für 
die Skulpturen von Vogel und Pruska, die Gewölbemalereien von 
Otto Hupp und die freihändigen Stuckornamente von Biehl, sämmt 
lich in München, geliefert worden. Doch die genialste aller hier zur 
Gestaltung gekommenen Ideen ist das erstaunliche Tonnengewölbe, 
das die Illusion eines Laubendachs hervorruft und zu einem klassischen 
Typus in seiner Art zu werden alle Aussicht hat. Ganz schlicht und 
glattflächig spannt sich die riesige Wölbung über die ringsumlaufende 
Täfelung. Ein undurchdringliches Gerank einer distelartigen spät 
gothisch stilisirten Pflanzentype überzieht in kühnen Windungen die 
Fläche. Im Gewölbeansatz stehen die prachtvollen mittelalterlichen 
Geschlechtswappen der deutschen Regentenhäuser. Das ganze Halb 
rund über dem Buffet erfüllt das Stammwappen der Hohenzollern. 
Im Scheitel der Wölbung dehnt der deutsche Reichsadler sein Riesen 
gefieder, gleichsam den ganzen Raum überschattend, daher auch der 
Sinnspruch: ,,Sub umbra alarum tuarum protege nos!“ Die Reichs 
insignien zu Füssen und zu Häupten des Adlers schauen gleichfalls 
aus der Wölbung herab. Von knorrigen Wurzeln und Stämmen 
ausgehend wird das grüne Blätterwerk von einem netzförmigen braunen 
Geäst durchsponnen, an dem rothbäckige Aepfel hängen. Fröhliche 
Schaaren eines drolligen Puttenvölkleins treiben im Grünen ihr Wesen.
        
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