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Rundgang durch das Reichtags-Gebäude

Full text: Das Reichstagsgebäude / Rapsilber, Maximilian

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Flammen, das Sinnbild nimmer rastenden Strebens, emporsteigen und 
in olympischer Bläue strahlt der Himmel hernieder. Die mit der 
Krone gezierte und dem Schwert gerüstete Germania steht unter einem 
Baldachin in der Mittel-Nische, das jugendfrische, anmuthig-ernste 
Weib hält den Lorbeerkranz für das Verdienst bereit. Zu ihrer 
Rechten sitzen oder stehen die Poesie, die Musik und als Reigen 
führerin der bildenden Künste die Architektur, zu ihrer Linken die 
Theologie, die Naturwissenschaft und die Geschichte, all diese mit 
ihren Attributen oder in ihrer Thätigkeit begriffen. Mild leuchtende 
Farben gehen zu einem festlich heiteren Akkord zusammen, der in 
dem glühend rothen Velarium hinter der Germania seinen Höhepunkt 
erreicht. Die drei Fenster der Gerechtigkeit im Obertheil der Nord 
vorhalle vereinigen sich zu einem schön gedachten Ganzen. „Gerechtig 
keit ist das Fundament des Staatslebens“, dieser Lieblings-Ausspruch 
Kaiser Wilhelms I. bildet das Leitmotiv für die Darstellungen der 
Fenster und es hat seine tiefere Bedeutung, dass gerade in der 
Nordvorhalle, wo das Publikum, das „Volk“ das Haus betritt, ein 
fürstliches Gelöbniss in ergreifenden Kunstgebilden den Kommenden 
entgegenleuchtet, während an der entgegengesetzten Seite des Hauses, 
wo die Abgeordneten ihren Eintritt haben, von Seiten des Volkes an 
die Fürsten das Gelöbniss abgelegt wird: „Wir wollen sein ein einig 
Volk von Brüdern“. So greifen die einzelnen Theile des gewaltigen 
Bauorganismus gedankenvoll und harmonisch in einander, der tiefe 
Eindruck, der das empfängliche Gemüth immer wieder beim Betreten 
des Reichstagshauses umfängt, ruht nicht zum Mindesten in der hohen 
sittlichen Würde, die Wallot seinem Werk verliehen hat. In dieser 
Hinsicht hat die neuere Kunst dem Reichstagsbau nichts Ebenbürtiges 
an die Seite zu stellen, das Bauwerk erscheint mir je länger je mehr 
als eine vollendete Verkörperung des deutschen Idealismus. — Im 
Mittelfenster ist der Genius der Gerechtigkeit in seinem Wirken vor 
Augen geführt. Die Justitia, ein vergeistigt schönes Weib, thront in 
einer Nische, ihr zu Füssen ruht eine Sphinx mit den Gesetzestafeln, 
ein Knabe trägt einen Folianten herbei und der Genius hat sich in 
der Thätigkeit der Rechtsbelehrung an einen Jüngling gewandt, der
        
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