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Die Fronten des Reichstagshauses

Full text: Das Reichstagshaus in Berlin / Rapsilber, Maximilian (Public Domain)

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die Landwirthschaft, der Weinbau, der Bergbau und das Forstwesen 
verkörpert. In den Nebenfassaden bauen sich vier Fensterreihen 
über einander auf, daran haben manche sonst gescheute Leute herum- 
genörgelt, natürlich wieder ohne Grund. Daß Wallot hier ehrlich 
ohne Spiegelfechterei zu Werke gegangen, berührt wohlthuend. 
Was sollten hier die Riesenfenster, wo nur einfach eingerichtete 
Geschäftszimmer liegen? Die Laibungen sind mit Fleiß ganz einfach 
profilirt, das wirkt ernst. Für den monumentalen Charakter sorgen 
die durch die drei Geschoffe durchgehenden Pfeiler und darüber der 
herrliche Architrav. Ueber den Fenstern des Obergeschosses liegen 
schwere Giebel auf, die durch ihre wuchtige Vorladung das ganze 
Jnterkolumnium beherrschen und als Einheit darstellen. Ein zier 
licher Zahnschnitt läuft unter den Fenstern des Obergeschosses um 
die drei Nebenfronten rings um, ein recht anmuthiges Motiv. 
Dann sind in den Sturzen der Fenster des Zwischengeschosses 
schlußsteinartig die 22 Stammwappen der Bundesstaaten mit Aus 
schluß der Königreiche angebracht. Wagerecht stilisirte Kronen liegen 
aus ihnen und darunter sind die erklärenden deutschen Schriftzeichen 
eingemeißelt. Die Fenster über den Portalen der Nebengeschosse 
schließlich sind durch Steinpfostentheilung wieder auf eigene Art 
gegliedert. Dieser lebendige Wechsel der Fenster je nach der ihnen 
zukommenden Bedeutung ist ein hervorragendes Moment in der 
Schönheit der Fronten. Solcher künstlerischen Finessen ließen sich 
noch viele nachweisen. 
Ich habe schon auseinandergesetzt, daß auf das Wallot'sche Werk 
keiner der vorhandenen Stilcharaktere paßt. Das Reichstagshaus 
hat seinen eignen Stil. Es wird allerorts die Klage laut, das 
19. Jahrhundert besäße keinen selbstständigen Stil. Wenn nun aber, 
wie hier, neutreibende Kräfte schöpferisch in die Aktion treten, 
schütteln die Stilphilister den Kopf. In das Kasten- und Schachtel 
werk ihrer mühsam angelernten, aber nicht empfundenen Aesthetik 
fügt sich der „Stil Wallot" nicht willig hinein. Eine einflußreiche 
Persönlichkeit, von der das Gerede geht, sie sei ein erleuchteter 
Kunstkenner, hat in dem Reichstagshause eine Cirkusarchitektur zu 
erblicken geglaubt. Das ist eine charakteristische Verlcgenheitsphrase 
für die bornirte Oberflächlichkeit, die überall das große Wort führt 
und die sich, ganz begreiflich und deshalb verzeihlich, von der bahn-
	        
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