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Im Innern des Reichstagshauses Der erste Eindruck

Full text: Das Reichstagshaus in Berlin / Rapsilber, Maximilian

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wunderbaren System von Leitmotiven, ähnlich wie bei den Musik 
dramen Richard Wagners. Die mithelfenden Künstler sind streng 
an den Willen Wallot's gebunden, sie modelliren seine eigenen Ge 
danken, je nach dem Naturell des Betreffenden mehr oder weniger 
kongenial. Maison, Diez, Lesflng, Wiedemann, Stuck, Linnemann, 
haben die Eigenart Wallot's am besten begriffen. Von allem 
lärmenden Prunk weit entfernt, bethätigt sich Wallot in erster Linie 
in den schlichten und großgedachten Flächen, wie in der markigen 
Betonung der charakteristischen Fassadenlinien und Profile, worin 
die monumentale Hoheit des ersten Amtshauses Deutschlands be 
gründet ist. Dann aber, wo es gilt, einzelne Theile künstlerisch 
hervorzuheben, brausen machtvolle Ornament-Akkorde auf, von einer 
gigantischen Schönhecksfreude belebt. Aber auch hier frappirt das 
überall gewahrte Princip des unerläßlich Nothwendigen. Nirgends 
ein Zuviel. Immer bildet ein Zug von männlicher Kraft und vor 
nehmer Zurückhaltung die Grundlage. Und doch lebt in dem 
Ganzen eine malerisch empfundene, phantasievolle Eigenart, die 
ihrerseits im naturalistischen germanischen Naturell und der heutigen 
Zeitanschauung wurzelt. Von Weitem gesehen, imponiren die großen 
Linien, aus der Nähe fesselt das gemüthstiefe, liebevoll ausgebildete 
Ornament. Auch das ist echt deutsch. Als Hauptmotiv zieht sich 
die in der Natur der Aufgabe begründete Reichs - Symbolik durch 
das ganze Gebäude; wie die vier Eckthürme das Haus zusammen 
fassen, so sind überall die Verkörperungen der vier Königreiche die 
Eckpfeiler der Ornamentik, in blühend lebendiger Gliederung um 
kränzen die übrigen Gaue des Vaterlandes den Kern, in den 
Staaten, Städten und Flüssen, vom Fels zum Meer eine herrliche 
Einheit. Wie von selbst ergiebt sich die Verwerthung der heraldischen 
Elemente, wie denn ja die Wappenbilder die Reiche, Stämme und 
Stände in verständlicher Weise symbolisiren. Wenn der Künstler 
vielfach die heraldischen Formen zu höchster Unzufriedenheit der ein 
gefleischten Wappen - Gelehrten und Antiquare umgebildet hat, so 
geschah es, um nicht in dem Wirrwarr der verschiedensten Stil 
charaktere die Einheit seines Werkes zu zerstören. Dagegen läßt 
sich vernünftiger Weise nichts einwenden, hat doch durch Wallot's 
künstlerisches Zuthun das bereits stark vermoderte Wappenwesen ein 
neues Interesse und einen frischen Impuls gewonnen.
        
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