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Full text: Das Reichstagshaus in Berlin / Rapsilber, Maximilian

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anders die helfenden Künste schulen? Wie unglücklich kurzsichtig 
sei das haushälterische Streben nach nüchterner Nützlichkeit! Die 
hohe Stufe von Kunst und Kunstgewerbe in den Nachbarländern 
sei eben nur eine Folge der großen Monumentalbauten und damit 
sei eine unversiegbare Quelle des nationalen Reichthums geöffnet. 
Wie gewaltig Wallot's Beweisführung durchschlug, bewies der 
Petitionssturm der deutschen Kunstkörperschaften an den Reichstag, 
die hochwogende öffentliche Meinung zu Gunsten Wallot's. Der 
hiesige Architekten-Verein betonte es, daß es ein unumgänglicher 
künstlerischer Grundsatz sei, daß ein jedes architektonische Gebilde 
in demjenigen Stoffe auszuführen sei, für welchen es entworfen sei, 
es sei tief zu beklagen, wenn der Künstler zur Verleugnung dieses 
Grundsatzes gezwungen sei. Es ist erstaunlich, daß es der Reichs 
tag bei der auf 800000 M. bewertheten Angelegenheit trotzdem 
fertig gebracht hat, bei allerdings nur sehr geringer Stimmenmehr 
heit, umzukippen. Und weshalb? Weil Herr von Boetticher sich 
von den sachverständigen Architekten Adler und Persius die archäolo 
gische und historische Bedentung des Stucks auseinandersetzen ließ 
und weil Herr von Levetzow in beleidigtem Aufbrausen dem Reichs 
tag sein Ehrenamt als Baukommisstons-Mitglied vor die Füße zu 
werfen drohte. Hätte er's doch gethan! Was uns das alte Pom 
peji und die Stuckkunststücke der Italiener und Franzosen angehen! 
Hier handelte es sich um eine Sache, die deutsch gedacht und 
empfunden sein wollte. So herrlich und imponirend die Wandel 
halle jetzt auch wirkt, der Triumph der Surrogat-Idee wird dauernd 
doch als ein Flecken auf dem Ehrenkleid der deutschen Kulturarbeit 
empfunden werden. 
Die Kuppet des Weichstagshauses. 
Im April 1893 verbreitete es sich wie ein Lauffeuer durch 
Berlin und ganz Deutschland, daß an dem neuen Reichstagshause 
Etwas nicht in der Ordnung sei. Der Kaiser hatte es von Rom 
aus verkündigt. Der Kaiser erblickte damals in den Werken der 
gegenwärtigen Architekten nichts als eine Häufung von Geschmack-
        
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