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Full text: Das Reichstagshaus in Berlin / Rapsilber, Maximilian (Public Domain)

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Leider machte die Kommission ihren Wunsch geltend, das wichtige 
Relief im Westgiebel nach eigener Wahl zu vergeben. Diese nicht 
recht motivirte Einmischung in den Wirkungsbereich Wallot's 
brachte denn auch eine bedauerliche Dissonanz in der Gesammtwirkung 
hervor. Auch die Germania von Begas fällt aus dem Rahmen 
des Ganzen heraus. Mit anerkennenswerther Schnelligkeit brachte 
die hiesige Maschinenfabrik „Cyklop" (Mehlis u. Behrens) 1891 die 
gewaltigen und kühnen Eisenkonstruktiouen der Walmkuppel, deren 
statische Berechnung vom Geh. Regierungsrath Dr. Zimmermann ge 
liefert wurde, in die Höhe. Und am 2. September desselben Jahres 
konnte schon das stolze Wahrzeichen des kaiserlichen Berlins, die 
goldstrahlende Reichskrone, auf dem Gipfel des Wallot'schen Werkes 
enthüllt werden. Zwei Jahre später, zu der Zeit, da das große 
Modell des Reichstagshauses auf der Columbischen Weltausstellung 
den Löwenantheil der deutschen Kulturarbeit in sich repräsentirte, 
fielen die Rüstungen und mit freudigem Staunen erkannte Jeder, 
der Augen hatte, zu sehen, daß all die hochgespannten Erwartungen, 
die der erste Entwurf erregte und die weiteren Phasen des Bau 
gedankens noch steigerten, in überreichem Maße erfüllt waren. Eine 
Leistung, aus welcher nicht nur die geistigen Züge eines deutschen 
Meisters so markant zu Tage traten, eine künstlerische Großthat, 
welche das ganze Können einer aufstrebenden Epoche so schlagend 
zum Ausdruck bringt, bedeutet nach der langen Kette von Miß 
erfolgen der byzantinisch streberhaften Kunst einen ungeheuren 
Gewinn, dessen ganze Tragweite zur Zeit bei Weitem noch nicht zu 
ermessen ist. Aber Thatsache ist es, daß das Vertrauen zum 
deutschen Kunstschaffen im Volksbewußtsein sich machtvoll aufzurecken 
beginnt. Ein moralisches Moment von größter Spannkraft im 
Volksleben, und darin ruht auch für den Künstler in erster Linie 
die lohnende Genugthuung für seine Arbeit zum „Gedeihen und zur 
Ehre des deutschen Vaterlandes". 
Aber ein Schatten fiel doch in die Freude. Es war ein pein- 
voller Anblick, die braven Stuckateure gerade in der majestätischen 
Wandelhalle, wo man sie zum Wenigsten finden durfte, aus den 
zahllosen Cementtonnen des weißen Steinkleisters sich bedienen zu 
sehen. So ein Etwas von beleidigtem Nationalgefühl krampfte sich 
in der Brust des Zuschauers auf. Die große Tragikomödie, in der
	        
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