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III. Das Innere des Palais

Full text: Ein Kaiserheim / Transfeldt, Adolf

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Wie der ehrwürdige Kaiser auf dem Sterbebette selbst keine Seit 
fand, müde zu sein, ebenso aufopfernd gedachte Seine hohe Gemahlin bis 
zum tetzten Augenblicke noch nur der Pflichten Ihres erhabenen Amtes. 
Schon fchiver an der Krankheit leidend, die nach Gottes Willen Ihren Tod 
herbeiführen sollte, versammelte Ihre hochselige Majestät, einer Gewohn 
heit des Kaisers folgend, noch am s. Januar 1690 die Kommandirenden 
Generale zu einer Mesttafet in Ihrer Wohnung, und nur vier Tage 
später, am 7. Januar, ging Sie in Gegenwart der ganzen Königlichen 
Mamilie zur ewigen Ruhe ein. Km 4 Uhr 20 Minuten Nachmittags 
senkte sich die Purpurstandarte des Kaiserlichen Palais auf Halbmast, der 
tief trauernden Gevölkerung den Tod der edlen Kaiserin verkündend. 
Am 9. Januar erfolgte die Ginfargung in der Mitte des Galkon-Laales; 
die Damen des Hofstaates betteten die Entschlafene in einen, mit weifzem 
Atlas ausgeschlagenen, Metallsarg, der in einen, mit Purpur-Sammet 
bezogenen, Paradesarg von Eichenholz gelegt wurde. Die Menster des 
Saals ivaren schwarz drapirt, Palmen und andere Glattpflanzen, zwischen 
denen Kandelaber brannten, bildeten an der Fensterseite eine grüne Wand; 
zahllose Kränze und Glumenspenden umgaben den Sarg. Am Abend 
versammelte Sich die Königliche Familie mit den Westlichen Verwandten 
im Palais und betrat unter dem Gesänge des, im Malachit-Zimmer 
stehenden, Domchors den kapellenartig hergerichteten Raum. Der Ober- 
Hofprediger Dr. Kögel erinnerte hierauf in einer Ansprache an die wichtigsten 
Gegebenheiten im Leben der hohen Verblichenen, die sich an dieses Heim 
knüpfen. Von hier aus sah Sie Ihren Gemahl und den theuren Lohn 
ms Meld ziehen, froh und dankbaren Herzens begrüßte Sie Leide hier 
wieder und die siegreich heimkehrenden Fahnen, hier milderte Lie das 
Loos der Unglücklichen, der Armen und Kranken, der Wittwen und 
Waisen. 
Nach dieser Ansprache fand die feierliche Neberführung der sterb 
lichen Hülle der Entschlafenen nach der Kapelle des Königlichen Schlosses 
statt, wo die Aufbahrung und Parade-Ausstellung der hohen Verblichenen 
erfolgte. 
Vom Lalkon-Laal aus gelangen wir nach links, nach Westen hin, in das 
Malachit-Zimmer, (Bild 3L), 
welches zahlreiche Vasen und andere Gegenstände aus diesem Kupfererz, 
meist Geschenke Fürstlicher Personen, und hauptsächlich der Zaren Nirolaus 
und Alexanders II., enthält. 
Die Tapeten und die Lezüge der Möbel bestehen aus bordeaux- 
rothem Damast. 
Auster zwei grosten Vasen und grosten Schalen aus Malachit, sowie 
zwölf Tischen, deren Platten ebenfalls aus Malachit flnd, befinden stch hier 
auch zwei Vasen aus Lapis lazuli; auf den malachitnen Fensterbrüstungen 
ruhen ein grostes Stück Malachit und ein groster Lasurstein auf Gestellen. 
Jntereflant ist das, auf einem Mahagoni-Gestell unter einem Vor 
hänge von rothem Sammet ruhende, Lildnist eines Karthäufer Mönches, 
welches lange Zeit als ein Werk des Pietro Vanucci gen. Perugino 
galt; nach Pasfavants und Waagecks Urtheil ist es aber ums Jahr 1503 
von dem grosten Schüler diefes Meisters, von Raffael selbst, gemalt. 
In der Nähe des Gildes steht unter einer Glasglocke ein Schachbrett 
aus Chinesischem Holz mit eingelegter Arbeit von Holz und Elfenbein auf 
einem Tischgestell von vergoldeter Lronze; die äusterst künstlich geschnitzten 
Mguren, welche Chinesische Krieger darstellen, bestehen aus weistem und 
aus roth gebeiztem Elfenbein. Ueber dem mittelsten Lopha hängt das 
im Gctober 1876 Seiner hochseligen Majestät gelegentlich Seiner An 
wesenheit in Mailand vom Könige Victor Cmanuel verehrte, das Colofleum 
zu Rom darstellende, Stemmosaik-Lild, von Gallandt, darüber der 
Engel, die Himmelspforte öffnend, von Steinbrück. Andere Gelgemälde 
in diesem Zimmer sind: Die Stadt Corleone in Sicilien, der Molo von 
Ostende und der Leestrand, von A. Achenbach, das Innere der 
St. Markuskirche in Venedig, von Wilberg, Madonna mit dem Kinde, 
von Lassoferrato, die Himmelskönigin, nach Lourgognone, ein Lruft- 
bild der Madonna, von Steinbrück, Festung am Strande: Havre de 
Grüce, von W. Krause, die Madonna del Granduca, nach Raffael, 
eine Landschaft, von Helfft, ein Araber bei einer Kanone, von Gouter- 
weck, tropifche Landfchast und tropischer Urwald, von I. M Rugendas, 
der Geigenspieler, Copie nach G. Dow, von L. Elast, die Flucht der 
heitigen Familie nach Aegppten, eine alte Copie, nach L. Caracci, 
zwei Lruftbilder einer Italienerin, von G. Raab, die Mutter mit dem 
Kinde am Strande, von Nielitz, ein Llumenstück, von der Fürstin 
von Liegnitz, ein Leestück, von Gudin, Mutter und Kind auf der 
Gleiche und Mutter mit Kind und Ziege, von F. E. Meperheim, 
Tobias' Abfchied von den Eltern, von G. Herz, ein Schaf, von Ver- 
boeckhoven, die Mutter, ihr Kind küffend, von Pfannschmidt, See 
schiff auf der Fahrt, von Simon de Vtieger, Italienischer Gandit, von 
I. Petzl, Köchin, ihren Keffel scheuernd, von E. Pistorius. 
Im Malachit-Zimmer wurde nach den, im Galkon-Laal und in dem 
kleinen Lpeise-Laal eingenommenen, Diners der Kaffee gereicht. 
Sodann gelangt man in den 
kleinen Speise-Saal, (Bild 39), 
dessen Wände aus weistem Ltuckmarmor bestehen, während die Möbet- 
bezüge von blauer Farbe sind. An der gegenüberliegenden Wand er 
blickt man zwei, in Nischen befindliche, Guffets mit zahlreichen stlbernen 
Pokalen, Humpen, Schildern u. s. w.> lauter Andenken, für welche Leine 
hochselige Majestät besonderes Intereffe und die Cr daher, wie viele 
Seiner Sachen, Höchsteigenhändig aufgestellt hatte. Den Lilber-Guffets 
gegenüber steht ein großer silberner Humpen, in deffen Wände eine voll 
zählige Sammlung aller verschiedenartiger Deutscher Thaler eingefügt ist. 
In diesem Saal befindet sich ferner das Gronze-Modell des, vor 
dein Palais stehenden, Rauch'schen Denkmals Friedrichs des Grosten, 
eine Statuette Rauchs, von Drake, zwei silberne Tafel-Aufsätze, welche 
die Gegegnung des Königs Wilhelm mit Seinem Sohne bei Königgrätz 
und den Giwaks-Abend bei Rezonville, sowie die Kaiserproklamation zu 
Versailles darstellen, ferner eine Reiter-Statuette des Prinzen Mlhetm im 
Tournierkostüm von Silber mit Vergoldung, zur Erinnerung an das Fest 
spiel der meisten Rose im Neuen Palais zu Potsdam am 1Z. Juli 1829, 
durch welches der König Friedrich Wilhelin III. den Geburtstag Seiner 
Tochter, der Kaiserin von Rustland, feierte. 
Jm kleinen Lpeife-Saal fanden die Diners statt; hier ivurden auch 
die Weihnachtsgefchenke für die Mitglieder der Königlichen Familie auf 
gebaut, nur in den beiden letzten Jahren 1688 und 1689 geschah dies 
im runden Saale. 
In früheren Jahren liebte es der hochfelige Kaiser, bei schlechtein 
Wetter mit Seiner hohen Gemahlin durch die ganze vordere Zimmerreihe 
des oberen Geschoffes zu promeniren.
        
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