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I. Plaene fuer das K. Zeughaus zu Berlin

Full text: Plaene fuer das K. Zeughaus und ein K. Stallgebaeude zu Berlin / Bodt, Jean de (Public Domain)

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Blondel’schen Entwurfes enthaelt. Der Umstand, dass die 
Zeichnung dem Broebes'schen Stiche du dessin de Mr. 
Blondei, mit Ausnahme des auf letzterem befindlichen 
Giebels und unwesentlicher Einzelheiten entspricht, 
unterstuetzt ebenso jene Moeglichkeit wie die Maassein 
heiten und -Verhaeltnisse im Sinne Blondeis, welche 
das Blatt zeigt. Doch koennen diese ebensowohl von 
einer ausserfranzoesischen. mit Blondels Architektur- 
System vertrauten Kraft herruehren. Ein Vergleich 
mit dem Broebes’schen Stiche laesst aber wiederum 
diesen als eine Milderung der Schwaechen erscheinen, 
welche Tafel 4 u. 5 b in der uebermaessig hohen, 2 /u der 
gesammten Erontenhoehc betragenden, durchlaufenden 
Attika zeigt. Sonach erscheinen Tafel 4 u. 5 b wie 
der Broebes’sche Stich als Bearbeitungen ein und des 
selben, uns bis jetzt unbekannten Grundplanes, dessen 
Maass-Organismus auch voellig in der ausgefuehrten 
Fronte sichtbar ist, wie Pruefung und Vergleich mit 
der auf Tafel 4 u. 5a gegebenen, in fast gleichem 
Maasstabe erfolgten Aufnahme nach der Natur ergeben. 
Tafel 6 und 7, Entwurf 11 der Hauptansicht nebst 
Querschnitt, geben die erste Fronten-Bearbeitung 
Bodts. Der Kuenstler behielt die Verkroepfung des 
untersten Mittelbaues (Tafel 4 u. 5) noch bei, Hess 
aber den Mittelbau weiter vorspringen und kroente 
ihn mit Giebel. Hierdurch erhielt die Hauptfront ein 
kuenstlerisch ausgesprocheneres Mittel. Er verminderte 
die Hoehe der Quaderschichten indem er unter den 
Fensterkaempfern 7 Schichten statt 6 anordnete, er 
schmueckte die oberen Fensterbruestungen saemmtlich 
nach gleicher Weise, belebte die Flaechen lieber den 
Fenstern durch Lisenen-Umfassung, schloss die durch 
brochenen Fenster-Verdachungen und beschraenkte 
deren Schmuck auf die drei Hauptaxen. Wohl wagte er 
noch nicht die Attika zu entfernen, doch versuchte er, 
deren Schwere durch Abwechselung der Reliefzuege 
zu mildern. Koerpervolle und reiche Gruppen nebst 
Trophaeen erscheinen an Stelle der frueheren. Die 
Ecktreppen des Hofes sind schon vorhanden. Das 
zweifellos mindestens unter Bodts Augen vermuthlich 
mit Beihuelfe von Longuelune*) ausgefuehrte Blatt 
traegt seinen Maassstab anstatt mit pieds (wie 
Tafel 10 u. 11) oder Fussen mit dem hollaendischen 
voeten bezeichnet. — Da die Giebelfuellung Kurscepter 
*) Zacharias Longuelune (geh. zu Paris 1669, gest. 1748 zu Dresden), 
Schueler des A. le Pautre, wurde von Bodt nach Berlin gezogen, und 
unterstuetzte diesen am Zeughausbau. „Beide verfolgten gleiche kuenst- 
und Kurhut, die Flucgel gleichfalls das kurfuerst- 
liche Namenzeichen F 111 tragen, entstand auch diese 
Bearbeitung spaetestens im Jahre 1700. 
Zu gleicher Zeit, von gleicher Hand gezeichnet, 
mit gleichen Emblemen versehen, entstand Bodts Ent 
wurf 111 der Hauptansicht (Tafel 8 u. 9 oben), bei 
welchem der Meister den Untertheil des Mittelbaues 
wie die lluecklagen je in eine Flucht legte und die 
Eckvorlagen auf je eine Axe beschraenkte. Die Attika 
ersetzte er durch eine mit prachtvollen Gruppen und 
Trophaeen geschmueckte Balustrade. In allen architek 
tonischen wie plastischen Theilen zeigt sich das Be 
streben des Kuenstlers, im Sinne der franzoesischen 
bienseance zu beruhigen. 
'Vermuthlich wurde der Entwurf II auch wegen 
der durch ihn bedingten Veraenderungen der Grundriss- 
Profilirung verworfen und unter solchen und aelin- 
lichen Umstaenden reifte der der jetzigen Fronte zu 
Grunde liegende Entwurf IV (Tafel 8 u. 9). Bodt 
ging, mit Ausnahme des Mittelbaues, auf die Grundriss- 
Profiiirung vom Entwurf I (Tafel 4 u. 5 b) zurueck, 
behielt aber seine frueheren uebrigen Aenderungen 
der Fronte bei und fuegte ihr, mit Benutzung des 
Perraultschen Motives, die Nischenpforte ein. Die 
Annahme der auf der Zeichnung ausgesprochenen 
preussischen Koenigswuerde durch Kurfuerst Fried 
rich III mag zu der Anordnung dieser Prachtpforte 
beigetragen haben, welche erst nach 1701 erfolgte, wie 
das Skizzenbuch des Architekten Pitzier ergiebt"). 
Die Zeughausplaene aus Bodts Nachlasse ergeben, 
wie dieser Meister Schritt fuer Schritt sich nach 
Moeglichkeit von dem Entwurf I frei macht und dem 
Bau seine eigne kuenstlerische Weise aufdrueckt. Man 
lerische Ziele und lebten“, wie von Heineckens zu Dresden befindliches 
Manuscript sagt, „bestaendig in grosser Vertraulichkeit. Auch im Felde 
war Longuelune seinem Freund zur Seite, obgleich er nach dessen 
Aussage, nie eine Militaircharge bekleidete, und leistete ihm in vielen 
Belagerungen erspriessliche Dienste.“ Longuelune wiederum war mit 
dem Bildhauer Hulot, welcher seit dem Jahre 1700, vermuthlich durch 
Bodt berufen, neben Schlueter und Wechenmayr, den plastischen 
Schmuck des Zeughauses fertigte, innig befreundet. Alle drei finden 
wir spaeter bei gemeinschaftlicher Arbeit in Dresden wieder. Longuelune 
besuchte 1710—1713 auf Kosten Koenig Friedrichs I. Italien und trat 
nach dessen Tode 1713 in saechsische Dienste; im Jahre 1728 wurde er 
zum Oberlandbaumeister befoerdert. Seinen Dienstbezirk bildete 
wesentlich das Schloss Pillnitz. Ueber Longuelune’s vielseitige 
kuenstlerische Thaetigkeit belehren viele erhaltene Zeichnungen. Wie 
Bodt unterrichtete auch er die Kinder Koenigs August III. im Zeichnen 
und in der Architektur. Die von L. hinterlassenen ßuecher und Kupfer 
stiche waren, gegenueber denen Bodts, nur auf 72 Thaler 20 Gr. ab 
geschaetzt, hingegen seine Medaillen, Ordensjeichen, Diamanten, Juwelen, 
Schnupftabakdosen, Silbergeschirr u. s. w. auf 24000 Thaler (Akten 
j im Kgl. H. St. Archiv u. a. a. Stellen). 
*) In der Kgl. Technischen Hochschule zu Berlin befindlich.
	        
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