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Appendix Erläuterungsbericht zu dem Entwurf der in der Berliner Jubiläums-Ausstellung in einem grossen Modell dargestellten Friedenskirche am Humboldthafen in Berlin

Full text: Die Dankeskirche in Berlin / Orth, August

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glieder gestimmt: Herrmann, Strack, Hitzig, Erbkam, Lucä, 
Hase, Engelhard, v. Eitgen, Semper, Ziebland, Lübke und 
Grüner. Es dürfte an und für sich hiernach berechtigt sein, 
wenn mann annimmt, dafs nicht an jeder Stelle der gothische 
Stil der geeignetste ist. Bei der hervorragenden Bedeutung des 
selben ihn auszuschliefsen, ist nicht meine Absicht. Vielmehr 
wünsche ich* dafs bei den vielfach bezüglich des Stils so weit 
auseinander gehenden Anschauungen dem Publicum, der gebil 
deten Bevölkerung durch eigene Anschauung der Vergleich der 
verschiedenen Eichtungen ermöglicht werde. Schliefslich hat die 
Nation, für die gebaut wird, zu entscheiden, in welchem Stil 
gebaut werden soll. Dieselbe kann nicht wohl nach Zeichnungen 
urtlieilen, sehr wohl aber auf Grund ausgeführter Beispiele. 
Mag ein noch so grofser Apparat aufgewendet werden, um 
öffentliche Meinung zu machen, die öffentliche Meinung, die 
Nation bestimmt doch nach eigenem unmittelbaren Empfinden. 
Es wird seit lange in parlamentarischen und anderen Körper 
schaften, in der Presse und vorwiegend in einigen Architectur- 
schulen so einseitig im Sinne der historischen Gothik auf das 
öffentliche Urtheil einzuwirken gesucht, dafs ich es für Pflicht 
gehalten habe, mein Urtheil über die Grenzen dieser Berechti 
gung auszusprechen. 
Es kommt dazu, dafs practisch der Boden der historischen 
Gothik selbst von den Gothikern vielfach verlassen wird, beson 
ders auch unter Entlehnung von Ideen aus dem Gebiete der 
Eenaissance. 
Wie der hochberühmte Altmeister der Gothik, wie der 
Domhaumeister v. Schmidt in Wien darüber denkt, hat er beim 
Baufest des Wiener Bathhauses in Erwiederung auf einen Toast 
nach einem Berichte der Nationalzeitung aus dem September 
1883 wie folgt ausgesprochen. „Sein Streben sei gewesen, die 
„verschiedenen Ideen der Architectur, wie sie in ihm gelebt 
„haben und wie sie andererseits in dem Zeitbilde leben, zum 
„Ausdrucke zu bringen. Für die stilistische Eichtung des Baues 
„mag das Ereignifs des heutigen Tages bezeichnend sein, dafs 
„er als Erbauer zwischen dem Bürgermeister von Wien und 
„dem von Born am Tische sitze. Wenn wir diesseits der Berge 
„mit unseren Kräften stets Zusammenhalten mit denen jenseits 
„der Berge mit ihrer Feinheit und Liebenswürdigkeit, dann mufs 
„alleweil etwas Grofses geschaffen werden. Das sei seine moderne 
„Architectur, das sei sein architectonisches Glaubensbekenntnis. 
„Es steht vor Ihnen in Stein und damit habe ich Ihre Herzen 
„getroffen, das haben sie mir bewiesen durch tausendfältigen 
„Beifall.“ 
Auch die interessante Fünfhauskirche, ein klarer Central 
bau, ist nicht nach dem System des Chorschlusses gothischer 
Cathedralen entwickelt, sondern weit mehr nach dem der Ee 
naissance-Kuppel. Die Strebebogen verschwinden und sind in 
grofsentheils unterhalb der Seitenschiffsdächer liegende Strebe 
mauern umgehildet. In der Beschreibung des Baues in der 
Wiener „Allgemeinen Bauzeitung“ Jahrgang 1875 wird auch 
direct ausgesprochen: 
„Es handelte sich daher bei Aufstellung des Bauprincips, 
„nach welchem der Centralbau durchgeführt werden sollte, nm 
„Uebertragung eines in andern Bauepochen zur Anwendung 
„gebrachten Systems auf die gothische Bauweise.“ 
Auch der einzige bei der Berliner Domconcurrenz preisge 
krönte gothische Entwurf war auf Grund einer solchen Ueber 
tragung einer Eenaissanceidee in’s Gothische entstanden. 
Wo wird nun überhaupt noch im streng historischen Sinne 
gothisch gebaut? Ferstel that es in der Votivkirche zu Wien, 
Statz im Dom zu Linz. Im Sinne Viollet-le-Duc’s aber, 
eines der bedeutendsten Meister und Kenner der Gothik, geschieht 
dieses, soweit der Strebebogen als Hauptsystem der Gothik ver 
lassen wird, nicht. Derselbe sagt in seinem Dictionnaire raisonne 
de TArchitecture framjaise I. S. 60 unter Arc-boutant: „Suivant 
„les goüts de chaque ecole, on a beaucoup bläme ou beaucoup 
„loue le Systeme des arcs-boutants; nous n’entreprendront pas 
„de les defendre ou de faire ressortir leurs inconvenients; il n’y 
„a qu’une chose ä dire ä notre sens sur ce Systeme de con- 
„struction, c’est qu’il est Texpression la plus franche et la plus 
„energique du mode adopte par les constructeurs du moyen äge. 
„Jusqu’ä leur application dans les eglises gothiques, tout est 
„tätonnement; du mornent que les arcs-boutants sont nettement 
„accuses dans les constructions, la structure des eglises se deve- 
„loppe dans son veritable sens, eile suit hardiment la voie 
„nouvelle. Demander une eglise gothique sans arcs-boutants, 
„c’est demander un navire sans quille, c’est pour T eglise comme 
„pour le navire une question d’ötre ou de ne pas ötre.“ 
Ich selbst tadle es nicht, wenn der Strebebogen aufgegeben 
wird. So genial der Wurf war, aus den auvergnatischen das 
Widerlager bildenden halben Tonnengewölben nur den Strebe 
bogen als 'Widerlager zu behalten und den übrigen Theil als 
unnöthig fortzulassen, so ist es doch constructiv viel richtiger, 
viel einfacher, die Widerstandsmassen gegen den Gewölbeschub 
in möglichst directer Eichtung nach den festen Punkten der 
unteren Verstrebung zu führen, wie dieses in neuerer Zeit viel 
fach, so auch von Otzen bei seiner Kreuzkirche, geschieht. 
Auch diese interessante, wenn auch vielleicht im Mafsstab 
etwas vergriffene Kirche verdankt einem Compromifs mit einer 
Eenaissanceidee ihren Ursprung, wie überhaupt die provinziell- 
hannöversehe Schule vielfach eigene Wege in Benutzung der 
gothischen Formen geht. Ich tadle alle diese Weiterbildungen 
nicht, vielmehr halte ich das Streben für voll berechtigt. Es 
trägt einmal eine jede Zeit ihr eigenes Kleid. Aber wer die 
Wege der historischen Gothik vertritt, vertritt nicht auch diese 
Beispiele. 
Ich selbst glaube mich aber nach alledem selbst auch 
berechtigt, in der Benutzung eines historischen Stils nach den 
Bedürfnissen unserer Zeit eine Umbildung, eine Weiterbildung 
eintreten zu lassen, ich halte mich vor allem berechtigt und 
verpflichtet, eine Stilentwickelung, wie sie sich hier in Berlin 
unter wohlwollender Mitwirkung, ja vielfach unter der Initiative 
Friedrich Wilhelms IV. durch Schinkel, beide Stiers, Stüler, 
Bunge, Söller und Strack aus kleinen Anfängen consequent ent 
wickelt hat, wo sie durch die Umgebung berechtigt ist, fortzu 
führen, nicht hlos aus Consequenz oder weil ich die Formen 
sprache beherrsche, sondern aus folgenden sachlichen Gründen. 
Zuvor will ich aber noch anführen, dafs der Stil, aus dem 
diese Bestrebungen grofsentheils entsprungen sind, eines Theils 
der altchristliche, anderntheils der romanische ist. Der letztere 
ist zudem der Stil unserer besten Kaiserzeit, der specifisch 
nationale Stil und zwar weit mehr als der gothische, sofern 
dieser überhaupt so genannt werden kann, obwohl er in der 
Hallenkirche und im Backsteinbau in Deutschland ganz eigen 
tümliche Entwickelungen gefunden hat. Wenn man demnach 
an den romanischen Stil ankniipft, so knüpft man an die besten 
Traditionen unserer Kaiserzeit an. 
Unter den Gründen, welche mich abgehalten haben, gerade 
für Berliner Kirchen meine früheren Studien auf dem Gebiete 
der Gothik weiter zu verfolgen, nehmen die Bedürfnisse der 
protestantischen Kirche eine Hauptstellung ein. Diese kann die 
mittelalterlich katholische Prozessionskirche mit ihrem Säulen 
wald, so poetisch schön die 'Wirkung desselben ist, nicht brau 
chen. Wir brauchen für die Predigt einen weiten freien Eaum, 
weit mehr, als ihn die katholische Kirche erfordert. Wir kom 
men damit auf andere Grundrifs- und Kaumformen. Diese 
gröfsere freie Weite des Baumes ist nicht blos des besseren 
Sehens und Hörens wegen wünschenswerth, sondern die Gemeinde 
erhält auch mehr das Gefühl der Einheit, der Zusammengehörig 
keit, als wenn sie in eine ganze Keihe von Schiffen mit engen 
Säulenhallen getheilt ist. Zieht man beispielsweise im Grundrifs
        
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