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Appendix Erläuterungsbericht zu dem Entwurf der in der Berliner Jubiläums-Ausstellung in einem grossen Modell dargestellten Friedenskirche am Humboldthafen in Berlin

Full text: Die Dankeskirche in Berlin / Orth, August

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nicht, dafs die Stimme des Predigers sich in der Priedenskirche 
im ganzen Umfange des Baumes bequem hörbar machen liefse. 
Dann aber ist die Gröfse des Baumes nur ein Yortheil. 
Die Anzahl bequemer Sitzplätze, welche sieh in der Frie 
denskirche ausschliefslich der beiden breiten Seitenschiffe erreichen 
läfst, beträgt gegen 3000. 
Was die Stilfrage betrifft, so fragt man mich oft: „Warum 
„bauen Sie nicht gothiscli, -weshalb nicht im deutschen Stil?“ 
Ist der gothische Stil wirklich der deutsche? — Ich will 
nicht ein viel gebrauchtes Witzwort darauf anwenden, dafs er 
als der Zeit neuestes Produkt der Pariser Mode zu uns gekom 
men sei. Aber was für Einflüsse durch syrische Bauten auf 
diese Stilbildung auch in neuerer Zeit vorausgesetzt werden; zu 
uns ist der Stil jedenfalls als ein fertiger gekommen; derselbe 
zeigt sich gerade in den frühesten Bauten als ein vollständig 
geschlossehes System. Seine Bildung hat der Stil wesentlich in 
Frankreich erfahren. Dieses vermindert jedoch nicht mein war 
mes Interesse für denselben. Ich bin aufgewachsen im Anschauen 
gothischer Kirchen, meine Jugendträume verknüpfen sich damit 
und verdanke ich denselben meine frühesten künstlerischen An 
regungen, vielleicht die Neigung, Arcliitect zu werden. Dann 
habe ich später zeichnend, messend und studirend diesem Stil 
viel Zeit gewidmet, mehrere Kirchen darin ausgeführt und vor 
allem an den kühnen Const-ructionen desselben cönstruiren gelernt. 
Wenn also Aufträge oder der örtliche Baucharacter dieses ver 
anlassen, würde ich durchaus nicht ungern in gothiscliem Stil 
besonders kirchliche Gebäude errichten. Sehe ich jedoch von 
dieser persönlichen technisch künstlerischen Jugendneigung ab, 
so kann ich auch für kirchliche Gebäude einer wesentlich moder 
nen Stadt, besonders aber der protestantischen Kirche den gothi- 
sclien Stil nicht für den vorzugsweise geeigneten halten. Wir 
leben nicht mehr im Mittelalter, wir denken und empfinden 
nicht mehr wie dieses: das zeigt schon die Bildung und Ent 
wickelung unseres neuen deutschen an das alte, also mittelalter 
liche Kaiserthum anknüpfenden Keiches. Alles daran ist eigen 
artig, ist aus den Bedürfnissen und Verhältnissen der Gegenwart 
erwachsen und ist es gerade dadurch zu einer unvergleichlichen 
Machtentwickelung gelangt. Auch an neuer Stelle hat es seinen 
Sitz, und hat auch aus diesem Boden einen Theil der Fülle 
seiner Macht. 
Das Urtheil der Jury über die Concurrenz zum Berliner 
Dombau, welches vom 27. März und 2. April 1869 datirt ist, 
zeigt schon in den 10 preisgekrönten Arbeiten nur einen gothi- 
schen Entwurf, dessen Verfasser aber in seinem schönen Kuppel 
bau nicht dem Wege gothischer Tradition folgt. Es lieifst 
bezüglich des Stils im Protocoll: „Uebergehend auf die Stilfrage 
„beschlofs dann die Kommission nach längeren Verhandlungen 
„mit 12 gegen 4 Stimmen: „„dafs ein Dom im Spitzbogenstil 
„„an der betreffenden Stelle wegen des architectonischen Charac- 
„„ters der umgebenden Gebäude nicht zulässig sei.““ Es wurde 
dieses unter Zustimmung des berühmten Gothikers Hase und, 
wie der Zeit erzählt wurde, auf dessen Antrag beschlossen. 
Bei der Ausstellung der preisgekrönten Entwürfe zum Ber 
liner Dom in München äufsert sich die Zeitschrift des Bayeri 
schen Architecten- und Ingenieur-Vereins im Jahrgang 1869 
über die Stilfrage in besonders eingehender interessanter Weise 
wie folgt: 
„Ueberblickt man im grofsen Ganzen die durchweg auf 
„der höchsten Höhe architectonischer Durchbildung stehenden 
„Dombauprojecte, so kommt man zu dem Schlufs, dafs doch 
„nur diejenigen Arbeiten unseren Anforderungen vollkommen 
„entsprechen, die frei bearbeitet, das romanische Formenprincip 
„mit vorherrschend antik-hellenischer Auffassung nachweisen; 
„dieses Freibearbeiten mufs es gestatten, wenn es die Wirkung 
„des Bauwerkes erfordert, sowohl in die romanische wie spät- 
„romanische und selbst in die gothische Bauperiode überzugreifen; 
„und hiermit thun wir, was uns die Architecturgeschichte in 
„vielen Fällen sogar vorschreibt; so imponirte in der sogenannten 
„nachromanischen Zeit die schnell herangebildete und ausgezeich 
nete maurische Bildung den christlichen Landen dergestalt, dafs 
„sie sich sofort vieles davon aneigneten und dafs auch die 
„Arcliitectur zuerst einzelne Formen, allmälig aber selbst allge 
meine Tendenzen der maurischen Bauweise annahm.“ Dann 
heifst es weiter: „Nach diesen kurzen Betrachtungen, Angesichts 
„der zur Vergleichung vorliegenden Dombaupläne, scheint es 
„keineswegs mehr gewagt zu behaupten, dafs die romanischen 
„Baustile ebensowenig wie der ausschliefslich antik-hellenische 
„diejenige Wirkung hervorzubringen vermögen, die wir von 
„einem neuen, unserer Zeit angehörenden Dombane verlangen; 
„die überwältigende Wirkung der gothischen Dome mufs einer 
seits, wenn auch in völlig umgestalteter Weise das Ideal für 
„jeden Dombau bleiben, die ideale Kunstform aber kann anderer 
seits ohne antik-hellenisches Gefühl nicht gedacht werden; es 
„beantwortet sich die Frage, in welcher Stilweise der Berliner 
„Dom zu bauen ist, schon jetzt ziemlich klar durch die Pläne 
„von Orth, Eggert-Burg, Kyllmann und Heyden, Ende und 
„Böckmann, und möchte ein eingehendes Studium dieser Arbeiten 
„den Weg vorzuzeichnen im Stande sein, das endlich zum 
„ersehnten Ziele führen wird.“ 
Was hier allgemein über die Stilentwickelung gesagt ist, 
wird noch unterstützt durch das, was über meinen Entwurf zum 
Berliner Dom im Besondern gesagt wird. 
Wenn ich selbst auch weifs, dafs, was so viele Jahre hinter 
uns liegt, der Vergangenheit angehört, dafs, wenn der Berliner 
Dom einmal zum Bau kommt, vielleicht neue Gedanken, neue 
Kräfte auftreten, die auch diese wie die gesamte übrige Ver 
gangenheit frei benutzen, wie wir es gethan haben, so möge 
mir doch noch gestattet sein, mit Eücksicht auf die Stilfrage, 
wie ich sie für die protestantische Kirche und für Berlin ver 
trete, das Urtheil eben dieser Zeitschrift über meine Entwürfe 
anzuführen, während ich es sonst nicht gewohnt bin, über meine 
eigene Thätigkeit Urtheile, besonders wenn sie anerkennend 
sind, selbst anzuführen. Es hat das ja hier aufserdem wesent 
lich eine grundsätzliche Bedeutung, indem das, was eben allge 
mein gesagt ist, noch durch den speciellen Fall erläutert wird. 
Es heifst da: 
„An gewaltiger monumentaler Wirkung des Aeufsern sowohl 
„als des Innern zeichnet sich Ortli’s zweiter Dombau-Entwurf 
„höchst vortheilhaft aus und liegt hier in Bezug auf die ästhe 
tische Seite des Projects — unserem Gefühle nach — eine 
„vollendete Lösung der Aufgabe vor. Mit äufserst feinem Gefühl 
„sind in Orth’s Arbeit alle Formen in freier Conception der 
„gröfstmöglichen Wirkung dienstbar gemacht und verdanken sie 
„innerster Ueberzeugung ihr durchaus harmonisches Dasein; sie 
„tragen alle frei bearbeitet romanischen Character mit vorherr 
schend gräcisirender Umgestaltung und geben Zeugnifs von 
„der hohen künstlerischen Begabung des Autors. Bedürfen wir 
„aber zur Ausführung eines so bedeutungsvollen Bauwerkes, wie 
„es der Berliner Dom nun eben ist, einer neu zu schaffenden 
„Ausdrucksweise, die nicht unmittelbar einem.der abgeschlossenen 
„Baustile entnommen werden kann, so wird diese Ausdrucks- 
„weise wohl auch folgerichtig auf die Profänarchitectur zu iiber- 
„führen sein, wenn anders die frühere Macht der Architectur 
„sich bewährt, nach der die ihrer Zeit entsprechenden Cultus- 
„gebäude auch auf den Stil der profanen Baukunst zurück- 
„wirkten.“ 
Ich habe nur deshalb so vollständig obiges Urtheil ange 
zogen, weil zur Zeit von manchen Seiten, was auf kirchlichem 
Gebiete nicht gothiscli ist, scharf angegriffen wird. Ich habe 
deshalb auch geglaubt, ein Urtheil früherer Jahre mit 
anziehen zu dürfen. Für die Ausschliesung des gothischen 
Stils für den Berliner Dom hatten in der Jury folgende Mit- 
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