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Appendix Erläuterungsbericht zu dem Entwurf der in der Berliner Jubiläums-Ausstellung in einem grossen Modell dargestellten Friedenskirche am Humboldthafen in Berlin

Full text: Die Dankeskirche in Berlin / Orth, August

ANHANG. 
Erliiuterungsbericht 
zu dem 
Entwurf der in der Berliner Jubiläums-Ausstellung in einem grofsen Modell dargestellten Friedenskirclie 
am Humboldtbafen in Berlin. 
Bei der Concurrenz für eine grofse protestantische Kirche, 
welche der Architektenverein in Berlin im Jahre 1855 für 
seine Mitglieder ausschrieb, war die Situation einem Entwürfe 
des Hochseligen Königs Friedrich Wilhelms IV., einer eigen 
händigen Skizze desselben für die Stadtgestaltung am Humboldt 
hafen, entnommen. Hiernach sollte auf der Achse der jetzigen 
Alsenbrücke ein Platz für eine gröfsere Kirche mit Prediger 
häusern und einem mit Säulenhallen umschlossenen Vorhof er 
halten bleiben. Als später nach dem Tode dieses für die Kunst 
begeisterten genialen Königs der Humboldthafen zur Anlage 
kam ist leider die Hafenbreite an dieser Stelle wesentlich ge 
ringer angenommen, um den Ladeplätzen zur Seite noch be 
sondere Auffahrtsrampen anfügen zu können und ist dadurch 
der Platz für die Kirche fortgefallen. Bei dem zur Zeit gegen 
früher durch die Anlage von Dampfkrahnen wesentlich verän 
derten Betriebe würde es jetzt vortheilhafter sein, auf keinen 
Fall aber schaden, wenn man die Ladeplätze etwas höher als 
jetzt annähme und nach der Strafse schwach ansteigend pfla 
sterte, sodafs die Auffahrtsrampen ganz fortfallen könnten, 
ohne den Hafenverkehr zu beeinträchtigen. Vielmehr würde 
die gröfsere maschinelle Hebung der Lasten um ebensoviel die 
Abfuhr durch Fuhrwerke bei geringerer Steigung zur Strafse 
erleichtern, also diese Aenderung im Interesse des Hafenverkehrs 
liegen. Fügt man an beiden Seiten diese Bampenbreiten den 
angrenzenden Ladeplätzen und eine gleiche Breite an jeder Seite 
dem Hafen zu, so bietet es keine Schwierigkeit mehr, den ur 
sprünglichen Gedanken Friedrich Wilhelms IV. wieder herzu 
stellen. In demselben waren die Hafeneinfahrten von der Spree 
her zu beiden Seiten der Kirche angenommen. Dieses ist auch 
jetzt noch durchführbar, doch wird es vielleicht einfacher sein, 
die jetzige Hafeneinfahrt im wesentlichen zu belassen und zu 
überwölben, weil damit zugleich die Leistungsfähigkeit des Ha 
fens ohne Mehrkosten sich wesentlich vergröfsert. In meinem 
Entwürfe habe ich letzteres durchgeführt, ohne jene Lösung 
ausschliefsen zu wollen. Abgesehen vom Unterbau der Kirche 
würde die Hafenänderung erhebliche Kosten nicht veranlassen, 
dagegen würde ein Bauplatz in dieser bevorzugten Stadtgegend 
von der hier gewonnen Gröfse bei etwa 600 Quadratruthen 
Fläche, wenn man ihn kaufen müfste, mindestens 2000000 .M 
kosten. Dagegen spielen die Kosten des Unterbaues der Kirche 
und der Hafenänderung keine Bolle. 
Da für die nächsten Jahre wesentliche Umgestaltungen 
für die Berliner Wasserverkehrsanlagen durch die grofsartigen, 
seitens des Staats und der Stadt geplanten Verkehrs-Erleichte 
rungen und Erweiterungen bevorstehen,, so wäre es zur Zeit 
zweckmäfsig, auch obige Fragen, wenigstens aber so weit mit 
erörtert zu sehen, um den genialen Gedanken Friedrich Wilhelms IV. 
nicht dauernd auszuschliefsen und ihn auf die Möglichkeit der 
Durchführung zu prüfen. Wird jetzt dieses versäumt, so 
würde derselbe praktisch vielleicht auf immer ausgeschlossen 
werden. 
Die Frage, welche an die Wasserbautechnik zu stellen 
wäre, würde lauten: 
„Ist der Gedanke Friedrich Wilhelms IV. für 
„die Herstellung des Humboldthafens noch jetzt 
„ohne Beeinträchtigung des Hafenverkehrs 
„durchzuführen?“ 
Was dieser geniale Gedanke des hochbegabten Königs für 
die Stadtgestaltung, ganz abgesehen von der hier durchgeführten 
architektonischen Ausbildung, bedeutet, mufs jetzt allerdings 
Jedem einleuchten, welcher sieht, wie dieser grofsartige Strafsen- 
zug der Siegesstrafse nebst Alsenstrafse schliefslieh an der Al 
senbrücke ins Leere ausklingt. Es fehlt an dieser Stelle ein 
grofser monumentaler Körper von hervorragender Masse, welcher 
hier in mächtiger Wirkung nur durch eine Kirche von breiter 
Frontbildung geschaffen werden kann. Friedrich Wilhelm IV. 
sah dieses vorahnend bereits in seinem Entwürfe voraus. Un 
fertig würde die ganze Anlage erscheinen, auch wenn man von 
der gut construirten, aber aufserordentlich unschön disponirten 
Stadtbahnbrücke über den Humboldthafen absieht. Dieselbe 
macht das Bild von der Alsenstrafse her zu einem geradezu 
häfslichen. Die Brücke bildet ein aufserordentlich störendes 
Element in dieser sonst grofsartigen Situation. Arcliitecten in 
mafsgebender Stellung lehnen alle Verantwortung für diese archi- 
tectonische Disposition ab, und ist es sehr zu bedauern, dafs 
Dircksens Constructionen an dieser Stelle von Architectenseite 
keine Modification erfahren haben. Diese Stadtbahnbrücke macht 
es jetzt doppelt wünschenswert, den Abschlufs, welchen der 
Hochselige König an dieser Stelle in grofsartiger Voraussicht 
der Entwickelungen dem Stadtbilde geben wollte, noch jetzt aus 
geführt oder wenigstens in seiner künftigen Durchführbarkeit 
nicht gehindert zu sehen. Die Ueberzeugung von dieser Noth- 
wendigkeit, dann Pietät gegen den Hochseligen König, dessen 
persönlicher Initiative, wie dies der Minister v. d. Heydt auf 
dem Schinkelfeste des ArchitectenVereins 1856 aussprach, ich 
die wesentliche Erhöhung des mir vom Arehitectenvereiu ertheil- 
ten ersten Preises und dadurch die wesentliche Ausdehnung 
meiner italienischen Studienreise verdankte, sind die Hauptgründe 
gewesen, weshalb ich diesen Gedanken auf Grund der früheren 
Arbeit, aber mit wesentlich verändertem Grundrifs für die Jubi 
läums-Ausstellung in einem grofsen Modell bearbeitet habe. 
Zugleich mafsgebend war dafür meine Verpflichtung als Archi- 
tect und Mitglied der Academie der Künste, die Architectur bei 
dieser aufsergewöhnlichen Gelegenheit in einer auch für das 
gröfsere Publicum verständlichen Weise nach meinen Kräften 
vertreten zu helfen.
        
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