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Full text: Die Dankeskirche in Berlin / Orth, August

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delsäulen, die Rippen, Gurte usw. in stark bewegtem Profil 
hergestellt, alle Nischen mit Rundstäben eingefafst werden, 
wodurch der Schall stark zerstreut wird. Ich lege auf dieses 
Zerstreuen der Schallwellen besonderen Werth, und habe des 
halb bei Bauten wesentlich romanischen Grundcharakters in 
den Pfeilerformen rein romanische Bildungen vermieden, weil 
sich aus jeder solchen einspringenden Ecke der Schall in der 
Richtung der Schallquelle zurückbewegt, und zwar. fast sämt 
licher Schall, welcher solche Pfeiler trifft. Aehnlich werden 
die Strahlen eines Lichts von rechtwinklig gegen einander gestell 
ten Spiegeln zurückgeworfen. Man kann ja durch Rundstäbe 
solche Ecken stark brechen, was akustisch nützlich ist, aber 
noch einfacher werden dann runde Stützen und besonders Bün 
delsäulen, die sich in Ziegelrohbau sehr leicht hersteilen lassen. 
Aus demselben Grunde vermeide ich möglichst rechtwinklig 
einspringende Gurte und Leibungen, weil dies die akustisch 
günstige Herrichtung eines Kirchenraumes erleichtert. Wenn 
die Bündelsäule auch wesentlich in gothischer Zeit entwickelt 
ist, so ist doch der romanische rechtwinklige Pfeiler mit vor 
gelegten Halb- und Dreiviertelsäulen und mit Ecken, die durch 
Rundstäbe gegliedert sind, so nahe der Bündelsäule, dafs eine 
nicht von der Gothik unterbrochene Weiterentwicklung des 
romanischen Stils nothwendig auch zu Bildungen ähnlich denen 
der Bündelsäule hätte führen müssen. Nimmt man aber jetzt 
den romanischen Stil wieder auf, so kann man dies in unserer 
Zeit nur in dem Sinne thun, die Entwicklung, welche er natur- 
nothwendigerweise in Vervollkommnung der Wölbtechnik hätte 
finden müssen, auch dahin weiter zu führen; man darf sich 
nicht an den Unvollkommenheiten einer unfertigen Entwicklung 
festschnüren lassen, denn dadurch würde jedem Weiterstreben 
bald der Boden entzogen werden. 
Beim Bau der Zionskirche habe ich, wie erwähnt, noch 
manches von dem, was ich auf akustischem Gebiete erstrebte, 
unterlassen müssen. Bei der gleichfalls gewölbten Kirche in 
Pyrmont habe ich diese Bestrebungen fortgesetzt, und der Erfolg 
ist vollständig gewesen, wenigstens sagte mir der dortige Geist- 
liehe, dafs ihm nicht viele Kirchen bekannt seien, in denen 
man so bequem sprechen und hören könne. Es wurde dies 
dadurch zu erreichen gesucht, dafs die Deckenflächen, soweit 
sie schädlich wirken konnten, mit Stippputz versehen, die schäd 
lichen Wandflächen aber nach Abb. 13 gequadert wurden. Die 
Kirche ist allerdings nicht sehr grofs, sie hat nur etwa 600 
Sitzplätze, doch können glatte Wände und Decken auch bei 
diesen Mafsen gefährlich wirken. Bei der Garnisonkirche in 
Neifse, welche bei etwa 900 Sitzplätzen in Schiffen und Em 
poren gleichfalls gewölbt ist, habe ich dieselben Mittel für die 
Decke, für gewisse Theile der Wände aber eine Vorblendung 
von Ziegeln beistehenden Profils (Abb. 14) mit Erfolg zur An- 
Bei der Dankeskirche sind die gesamten 
oberen Kirchengewölbe mit Stippputz verse 
hen, der ihnen in der Erscheinung durchaus 
nicht schadet, vielmehr der Fläche ein ge 
wisses, angenehm wirkendes Korn giebt. Nur 
schmale Streifen neben den Rippen, welche 
mit einem Blattfriese bemalt wurden, blieben 
glatt. Es sind ferner unter den Emporen 
die Flächen zwischen Sockel und Kämpfer, 
die Stirnflächen der Emporen zwischen den 
Gesimsen und Bogenumrahmungen und end 
lich die Flächen zwischen Sockel und Fen 
sterbrüstung oberhalb der Emporen mit Stipp 
putz bedeckt. Die. Säulen sind theils rund, 
theils als Bündelsäulen hergestellt, - sämtliche 
Bögen der Emporen, die Einfassungen der Fenster usw. haben 
kräftiges Relief erhalten, welches überall den schädlichen Schall 
zerstreut. Die beiden breiten Pfeilerflächen neben der Thurm 
vorhalle unter der Orgelempore sind dazu bestimmt, später 
einmal Gedächtnifstafeln, wie sie aus den letzten Kriegen in 
allen Kirchen angebracht sind, aufzunehmen, und werden so 
auch schallzerstreuend wirken. Die angeführten aus akustischen 
Gründen getroffenen Mafsnahmen haben ihren Zweck vollständig 
erfüllt. Von Mitteln, welche den schädlichen Schall, indem sie 
ihn ablenken, in nützlichen umwandeln, ist bei der Dankes 
kirche, weil sie klein ist, Abstand genommen, bei gröfseren 
Kirchenbauten würden sie in Anwendung zu bringen sein. 
Ich habe geglaubt, obige erfolgreiche Versuche auf aku 
stischem Gebiete hier im Zusammenhänge wenigstens berühren 
zu sollen, da ieh der Ansicht bin, dafs aus denselben Nutzen 
gezogen werden kann. Es sind Versuche, die nicht blofs theo 
retisch begründet sind, sondern die auf jahrelangen aufmerk 
samen Beobachtungen und Erfahrungen beruhen. Ich mache 
auf dieselben auch deshalb aufmerksam, damit nach mir viel 
leicht andere meine Bestrebungen fortsetzen und das Ziel 
erreichen: dem sich kräftig entwickelnden protestantischen Kir 
chenbau auch bei Ausführungen grofsen Mafsstabes die Lebens 
bedingung allseitig guten Hörens zu sichern.*) 
Die Architektur, die Formensprache der Dankeskirche 
entspringt der ganzen Anordnung und Construction, im Innern 
hatte auch die akustisch wünschenswerthe Gestaltung darauf 
Einflufs. Der Grundcharakter ist, wie erwähnt, romanisch, 
jedoch mit den Weiterbildungen, welche die Bündelsäulen, 
Strebepfeiler und grofsen Fenster veranlassen. 
Die Gestaltung der inneren Stützen, Bogenrippen, Gurte, 
Grate, Fensterwölbungen usw. entspricht den Formen des ent 
wickelten Mittelalters. Die Capitelle der Bündelsäulen sind der 
artig gestaltet, dafs, wie die Stütze als Einheit wirkt, so auch 
das Capitell nicht die Krönung des einzelnen Dienstes bildet, 
sondern die ganze Stütze gegen das Gewölbe mit seinen Gurten 
und Rippen abschliefst. Das Capitell hat dadurch einen kräf 
tigeren Ausdruck erhalten, als dies im späteren Mittelalter 
meist der Fall ist. So wie die Stützen Bündel sind, so sind 
auch die Rippen, Gurte usw. als Bündel von zwei bis drei 
Stäben gebildet. 
Die Fenster hatten bei ihrer Gröfse eine Theilung nöthig, 
welche zweckmäfsig aus Stein erfolgte. Es entsteht dadurch 
*) Ich verweise in dieser Beziehung auch auf meine früheren 
Schriften über Akustik: Zeitschrift für Bauwesen 1872, S. 189 ff. 
„Die Akustik grofser Räume usw.“, Deutsches Bauhandbuch I, 
S. 339: „Lehre vom Schall“, Handbuch der Architektur IH, S. 31 
bis 47: „Anlagen zur Erzielung einer guten Akustik“, Deutsche 
Bauzeitung 1881, S. 9: „Vorrichtungen usw.“ 
Wendung gebracht.
        
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