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Die Bauplatz-Frage für das neue städtische Verwaltungs-Gebäude

Full text: Zur Wahl des Bauplatzes für das neue städtische Verwaltungs-Gebäude / Kampffmeyer, Theodor

4) würden dementsprechend durch den Erwerb des in Rede stehenden .«.ompleres für die 
Stadtgemeinde Berlin die Srparat-Ausgaben für den Erwerb des zur Uferstraßen-Anläge 
erforderlichen UferlandeS rollig erspart werden, welche nothwendig werden würden, falls 
der Aufbau des neuen Verwaltungs-Gebäudes anderwärts geplant werte» sollte; 
5) würden dadurch in sanitärer wie baupolizeilicher Hinsicht die die Wasserläufe der Spree 
und die innere Stadt verseuchenden und verpestenden Färbereien und Gerbereien beseitigt 
werden; 
6) gewährt dieser Grundstücks-Komplex für den geplanten Bauzweck an der langen Wasser 
front und auch sonst nicht nur das schönste und hellste Tageslicht, sondern auch den 
Büreau-Rämnen im Sommer eine wohlthuende Erfrischung, fern vom Straßengeräusch; 
1) würde, — und darauf kann nicht eindringlich genug hingewiesen werden — durch die 
Abfuhr des alten Abbruchmaterials und die Anfuhr des neuen Baumaterials zur Wasser- 
seite eine nicht zu unterschätzende Ersparnis; beim Neubau des geplanten neuen Ver 
waltungsgebäudes erzielt werden: 
8) und für den Erwerb dieses Grundstückskomplexcs zur Zahlung eines Angeldes bei Ab 
schluß der Kaufverträge mit den vcrschiedrue» Besitzern gegenwärtig nur ca. 400000 
Mark erforderlich, während die übrigen Kaufgelder sich auf mehrere Etatsjahrc verrheilen 
lassen; 
9) muß dock bei aller Anerkennung des Prinzips, daß das neue Verwaltungsgebäude in 
möglichster Nähe des alten Rathhauses zu erbauen ist, dieses Prinzip gegenüber anderen 
Erfordernissen und praktischen, wie ökonomischen Rücksichten erst in zweite Reihe gestellt 
werden, sofern die Entfernungen beider Häuser ein gewisses Zeitmaß von 10 Minuten 
nicht übersteigen. Abgesehen davon, daß die höheren Beamten außer ;u regelmäßigen 
Sitzungen und gelegentlichen Konferenzen nur selten zu persönlichen Rücksprachen, so 
fern solche nicht schon telephonisch erledigt werden können, genöthigt sein werden, das 
neue städtische Verwaltungsgebäude auszusuchen, wird eine Wegverlängerung von wenigen 
Minuten nur eine sehr geringe Rolle spielen, gegenüber dieser Unbequemlichkeit über 
haupt das Amtsgebäud'e verlassen und die Straße betreten zu müssen. Keiuenfalls 
aber darf dieser Umstand so schwerwiegend erachtet werden, daß dieserhalb allein ein 
Mehraufwand von mehrere» Millionen gerechtfertigt erschiene. 
10) Die Entfernung zum Königliche» Polizei-Präsidium, zu dem Königlichen Amts- und 
Landgericht in der Indenstraße, zum städtischen Mühlendammgebäude und Kölluischen 
Rathhause sind nur verhältnismäßig geringe. Wenn erst der neue Justiz-Palast die Neue 
Friedrichstraße zieren wird, dann durfte auch dieser Theil von Alt-Berlin von der König- 
straße her bei den dort vorhandenen großartigen, leider noch nicht genügend ausgenützten 
Bauterrains angesichts solch vornehmer Nachbarschaft, kommunaler wie fiskalischer Ok- 
bäude, eine lebhafte Bauthätigkeit sich entwickeln sehen und die Stenerkraft der Reichs- 
Hauptstadt durch daS Aufblühen dieses bisher mehr als stiefmütterlich behandelten Stadt 
theils einen weiteren ganz erheblichen Zuwachs erhalten. Auch die Anlage einer Pferde 
bahnlinie vom Aleranderplatz durch die Diene Friedrichstraße über die neue Waisenbrücke 
wird dann nur eine Frage ganz kurzer Zeit sein, völlig zu schweige» von dem Tampier- 
Vcrkehr, welcher sich nach der vollendeten Regulirung der Spree auf dieser unzweifel 
haft bald entwickeln wird. 
I I) Was endlich die Lage des Bauplatzes und insbesondere die hierbei in Betracht zu ziehen 
den Perkehrsverhältnisse betrifft, io liegt dieser Bauplatz in unmittelbarer Nähe des 
Stadtbahnbofes Iannowitzbrücke resp. Aleranderplatz, auch befindet sich an der p>annowitz- 
brücke die Haltestelle für die Personen-Dämpfer und außerdem verkehren noch dort die 
Pserdebahnlinien aus allen Himmelsrichtungen, bezw. sind mit Leichtigkeit am Molken 
markt zu erreichen. Ans allen Vororten ist die Verbindung nach diesem Bauterrain eine 
außerordentlich günstige und bequeme zu nennen. 
Nach dem Vorgesagten wird man daher bei einer vornrlheilsloseu Prüfung der hier in Be 
tracht gezogenen, zur engeren Wahl gestellten vier Projekte und bei einer eingehenden und unbefangenen 
Würdigung der Vorzüge und Schattenseiten eines jeden derselben nicht umhin können, gerade die 
Wahl dieses letztgenannten Bauplatzes als eine ganz besonders glückliche zu bezeichnen, ganz ab 
gesehen davon, daß die Kosten dieses 4. Projektes sich als die billigsten erweisen. 
Dabei muß noch besonders, und dies kann nicht eindringlich genug hervorgehoben werden, 
daß die Differenz, uni welche das Projekt ->,I IV. billiger ist als das Terrain Parochialstraße, 
beinahe 1'z Millionen, schon einen sehr erheblichen Beitrag zu den Baukosten des neuen städti 
schen Verwaltungsgebäudes absiebt, ein Moment, welches bei der gegenwärtigen Finanzlage der 
Stadt und besonders im Interesse aller steuerzahlenden Bürger Berlins die gewissenhafteste Berück 
sichtigung erheischt. 
AIS ein wohl abgerundetes Ganze wird daS auf diesem Bauplatz errichtete neue städtische 
Verwaltungs-Gebäude den neuen Verwaltungs-Verkehr aufzunehmen voll in der Lage sein, auch 
wenn die Stadtgemeinde von Berlin durch die Einverleibung der Vororte, sie möge ansfallen wie 
sie wolle, die geplante Ausdehnung und Erweiterung als Groß-Berlin erfährt. 
Auch aus diesem neuen städtischen VerwaltungS-Gebäude möge, wie ans dem Berlinischen 
Rathhause, der Segen einer zielbewußten Selbstverwaltung hinausgetragen werden in die ein 
gemeindeten Vororte und in die weite Bevölkerung von „Groß-Berlin" zur weiteren Ehre der 
deutschen Reichshanptstadt Berlin und zum Ruhme unseres deutschen Vaterlandes. 
Berlin, den 7. Mai 1894. 
Frobenstr. 16. part. Oswald Schneider. 
(Separat-Abdrnck ans No. 220. der „Voss. Ztg." vom 13. Mai 1894.)
        
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