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Zur Geschichte Berlins 4. Die Zeit des grossen Kurfürsten und König Friedrichs I.

Full text: Die Bau- und Kunstdenkmäler von Berlin / Borrmann, Richard

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Kämmereiwesen. Die beiden neuen Städte. 
stadt waren Stücke der städtischen Heide und 
Hütung weggenommen worden, wie 1713 eine 
königliche Kommission seihst zugab. 
Wo nach hundertjähriger Gewohnheit weder 
von einer höheren Behörde noch von der Gemeinde 
Aufsicht zu besorgen war, konnte die Vermögens 
verwaltung wohl grundsatzlos und eigennützig 
werden. Doch befand sich der städtische Haus 
halt, als die Nachwirkungen des Krieges über 
standen waren, so weit in Ordnung, dass die Ein 
nahmen meist die Ausgaben überstiegen. Die 
städtischen Landgüter verpachtete man freilich an 
Bürgermeister und Kämmerer für sehr niedrige 
Summen, die nicht einmal regelmässig gezahlt 
wurden. In Berlin brachten Beinickendorf, 
Lichtenberg, Boxhagen, Woltersdorf und die 
Meierei vor dem Georgenthore um 1700 nur etwa 
700 Thlr., also weniger als hundert Jahre früher. 
Köln besass nur noch das Vorwerk Treptow, das 
gar keinen Ertrag gab. Aehnlich ungünstig ver 
hielt es sich mit anderem verpachteten Kämmerei- 
Eigenthum, wie z. B. mit den Ziegeleien und 
Kalköfen. Aber die Einnahmen aus dem Einlage- 
gelde (S. 46) flössen so reichlich, dass sich die 
Magistrate die nachlässige Wirthschaft mit dem 
städtischen Eigenthume erlauben mochten. Gegen 
Ende des 17. Jahrhunderts machte der Ertrag in 
Berlin wie in Köln schon den dritten oder vierten 
Theil der Gesammteinnahme der Kämmerei aus, die 
sieh in B er 1 in durchschnittlich auf 9000, in Köln auf 
5000 Thlr. jährlich belief. Das Einlagegeld bildete 
von da an die Grundlage des städtischen Haushaltes 
(1730 10000 Thlr. bei 27 000 Gesammteinnahme). 
Also war die befriedigende Lage der Kämmerei 
eigentlich die Folge dieser Abgabe; ihren hohen Er 
trag verdankte man dem zunehmenden Verkehre in 
der Stadt seit der .Regierung des grossen Kurfürsten. 
Wodurch nun der grosse Kurfürst den wei 
teren Fortbestand der alten Stadtverfassung ge 
fährdete (S. 63), das war erstens die Gründung 
der beiden neuen Städte und zweitens die bedeu 
tende Vermehrung der Einwohnerschaft durch 
nicht dem Bürgerrecht unterworfene Bestand 
teile, besonders die Refugies. Beide Massregeln 
förderten die äussere Entwickelung und den Wohl 
stand der Residenz, bahnten aber die Auflösung 
der alten Stadtgemein de^ an, weil im Zusammen 
hänge damit, wie wir sehen werden, die obrigkeit 
liche Gewalt der Rathsbehörden über die eigent 
lichen Bürger zu sehr eingeschränkt wurde und 
über einen unverhältnissmässig grossen Theil der 
Bevölkerung ganz verloren ging. 
1. Der Werder, das heisst der Stadttheil, der 
westlich von Köln, vom linken Spreearme etwa bis 
zum Zuge der Niederwall - und Oberwallstrasse 
reicht, war seit unvordenklicher Zeit, man wusste 
eigentlich nicht aus welchem Grunde, als kurfürst 
liches Eigenthum angesehen worden. Angeblich 
sollte schon Friedrich II. dies Land erworben 
haben. 1631 begann man hier die ersten Häuser 
zu bauen. Die Baustellen vergab der Kurfürst 
an Personen, die zum Hofstaate gehörten oder 
sonst ihm empfohlen waren, meist einen jährlichen 
Grundzins ausbedingend, und machte so das brach 
liegende Land nutzbar. Die Verwaltung der Ko 
lonie geschah durch das Amt Mühlenhof, und die 
Gerichtsbarkeit übte der Hausvogt aus. Der Kur 
fürst wünschte auch die Ansetzung von Gewerb- 
treibenden. Da aber auf dem platten Lande — 
und dies Gebiet lag noch dazu innerhalb der 
Bannmeile von Köln — Handwerk und Gewerbe 
unstatthaft waren, so musste die Ansiedlung dess- 
wegen entweder als Vorstadt an Köln angeschlossen 
werden oder selbst Stadtrecht erhalten. Die Herr 
schaft zog die Bildung einer neuen Stadt vor, um 
landesherrliches Eigenthum nicht unter kölnisches 
Stadtrecht zu stellen und zugleich in der neuen 
Stadt eine Einnahmequelle für die Hofrentei zu 
gewinnen. Das 1662 dem Friedrichswerder er- 
theilte Stadtrecht wich von allen landesüblichen 
Stadtverfassungen in der merkwürdigsten Weise 
ab. Die Stadt erhielt keinen Magistrat, sondern 
die Verwaltung und die Rechtspflege übernah 
men kurfürstliche Beamte. Die Einwohner, auch 
die Gewerbetreibenden, sollten von bürgerlichen 
Lasten mit Ausnahme des Grundzinses frei sein. 
Aber es zeigte sich doch, dass eine Stadt mit 
solcher Verfassung nicht entwicklungsfähig war. 
Besonders vermisste man einen ordnungsmässigen 
Magistrat bei der Bildung der Innungen, die da 
mals zu den Lebensbedingungen des Handwerks 
gehörten 1 ). So setzte denn der Kurfürst nach 
siebenjährigem Bestehen der Stadt einen Magistrat 
ein, der nur aus dem Ingenieur Memhardt als 
Bürgermeister und drei Rathsherren bestand. Der 
jährliche Rathswechsel fiel von vornherein weg, die 
Mitglieder blieben beständig im Amte. Erledigte 
Stellen sollten sie nach eigner Wahl wieder besetzen, 
aber oft ernannte der Kurfürst selbst die Nachfolger. 
Die obrigkeitliche Befugniss des Magistrats war 
') Handwerksbriefe aus der neuen Stadt mit der Unter 
schrift kurfürstlicher Beamten, wie des Schlosshauptmanns, 
wollte man z. B. an anderen Orten nicht gelten lassen und 
verlangte das Siegel eines Magistrats.
        
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