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Zur Geschichte Berlins 3. Der dreissigjährige Krieg

Full text: Die Bau- und Kunstdenkmäler von Berlin / Borrmann, Richard

WehrverfassuDg vor und in dem Kriege. 
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Desshalb musste er sich Musterungen durch den 
Kurfürsten selbst oder seine Bevollmächtigten ge 
fallen lassen, die wirklich noch zu Anfang des 
17. Jahrhunderts, wenigstens der Form nach statt 
gefunden haben. Für die Zahl der Mannschaften 
und die kriegsmässige Ausrüstung trug die städtische 
Obrigkeit die Verantwortung. Es war auch stets 
vorgesehen, wie viel und welche Häuser zusammen 
einen Mann zum Aufgebot zu stellen hätten, aber 
für die nicht erscheinenden und für ungenügende 
Bewaffnung musste der Magistrat Ersatz schaffen, 
wozu die Mittel der Kämmerei in Anspruch ge 
nommen wurden. 
Als die kaiserliche Armee 1627 über die Elbe 
in die Mark eindrang und das Aufgebot zum Schutze 
des Landes aufgestellt werden sollte, hatte auch 
Berlin, wohl zum ersten Male wieder nach vielleicht 
100 Jahren, sein Aufgebot marschbereit zu machen. 
Die Regierung verlangte aber nicht die Mannschaft 
in der in früheren Zeiten üblichen Stärke, sondern 
nur 150 Musketiere von beiden Städten zusammen. 
Nur unter den ärgerlichsten Auftritten zwischen 
Rath und Bürgerschaft und nur dadurch, dass man 
viele geworbene Leute einreihte, gelang es, dieses 
geringe Aufgebot vollzählig zu machen. Als die 
Truppe sich auf den Weg nach Brandenburg be 
geben hatte, zeigte sich auch sofort ihre gänzliche 
Werth!osigkeit für kriegerische Zwecke 1 ). Der Zug 
nahm das bekannte unblutige, aber auch sehr un 
rühmliche Ende im Plaue. Seit diesem Ereignisse 
ist das Aufgebot der Städte als Einrichtung für 
die Landesvertheidigung in Wegfall gekommen. 
Ob für die Vertheidigung der Stadt die Bürger 
schaft stets genügend bereit sei, darüber übte der 
Landesherr keine Aufsicht, wohl in der Annahme, 
dass der Magistrat im eignen Vortheile es daran 
nicht werde fehlen lassen. Zur Mitwirkung bei 
der Vertheidigung, damit zugleich auch zum Wacht- 
dienste für die öffentliche Ordnung und Sicherheit 
in Friedenszeit, war jedes Haus verpflichtet, dem 
nach die Stellvertretung des Eigenthümers zulässig. 
Für Ausrüstung und Verpflegung hatte jeder den 
Dienst übernehmende Mann selbst zu sorgen. 
Darüber, wie die Zünfte und Genossenschaften in 
Berlin für den Schutz der Stadt organisirt waren, 
ist nichts überliefert. Eine Schützengilde bestand 
im 15. Jahrhundert, scheint aber schon am Ende 
des 16. im Verfalle gewesen zu sein. Der Magi 
strat hielt eine Rüstkammer, aus der er Waffen 
0 Eine Beschreibung über das Verhalten dieses berliner 
Aufgebotes findet sieh in dem Aufsatze von J. 0. Opel in der 
historischen Zeitschrift Band 51. 
verkaufte, verlieh und die von ihm selbst zu 
stellenden Leute ausrüstete. Nach der Einführung 
der Feuerwaffen sollten auch Munition und Geschütz 
vorräthig sein. 
Beim Beginne des dreissigjährigen Krieges 
war es längst Gewohnheit geworden, dass viele 
Bürger den Waffendienst und Wachtdienst für die 
Stadt mit einer Geldsumme ablösten und der 
Magistrat die Stellung des Mannes übernahm. 
Ausserdem gab es zahlreiche ausdrückliche Be 
freiungen von der Dienstpflicht. In einer Friedens 
zeit von weit über hundert Jahren hatte man all 
mählich vernachlässigt, die Bürgerschaft zur Ver 
theidigung der Stadt stets in kriegerischer Schu 
lung zu halten. Noch 1581, als Kurfürst August 
von Sachsen und 1595, als Christian IV. von 
Dänemark in die Stadt einzogen, erschienen aller 
dings gerüstete Bürger als zahlreiche Ehrenwache, 
inzwischen aber traten schon 1590 bei der An 
wesenheit Herzog Ulrichs von Dänemark 9 Fähn 
lein kurfürstlicher Landsknechte an ihre Stelle. 
Im Verlaufe des dreissigjährigen Krieges zeigte sich 
dann, dass die Bürgerschaft kaum noch für den 
Wachtdienst in der Stadt, viel weniger zur Ver 
theidigung tauglich war. An der Abneigung der 
Bürger und Einwohner gegen den Wacht- und 
Waffendienst, an dem Bestreben der Vornehmeren 
die Verpflichtung dazu auf die unteren Stände ab 
zuwälzen, scheiterten auch alle Versuche der 
Landesregierung, die waffenfähige Bürgerschaft für 
den Schutz ihrer Stadt neu zu organisiren. Um 
die Residenz einigermassen zu sichern, musste 
endlich das krachtsche Regiment auf einige Zeit 
hier einquartiert werden, so wenig auch diese 
Truppe, die aus vielen Offizieren und wenig Mann 
schaften bestand, zum wirklichen Schutze sich 
eignete. 
Die Befestigungsanlagen der Stadt, die wahr 
scheinlich in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts 
noch ihrem Zwecke entsprachen, hatte man im 
Laufe des sechzehnten, wo niemals ein feindlicher 
Angriff zu befürchten gewesen war, sehr vernach 
lässigt. 1583 besserte man in Köln die schon zer 
fallenen Mauern wieder aus, machte aber keinen 
Versuch Vorkehrungen zu treffen, wie sie die Wir 
kung der sehr verbesserten Feuerwaffen verlangte. 
Bei andauerndem Frieden sah man keine Veran 
lassung zu kostspieligen neuen Bauten, um so 
weniger, als die Stadt schon dadurch geschützt 
wurde, dass sie kurfürstliche Residenz war und 
das Schloss innerhalb ihrer Mauern lag. Die noth- 
dürftige Unterhaltung der Mauern hatte der Magi
        
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