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Zur Geschichte Berlins 2. Die Zeit von 1470 bis zum dreissigjährigen Kriege

Full text: Die Bau- und Kunstdenkmäler von Berlin / Borrmann, Richard

Der Magistrat im 16, Jahrhundert. 
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Verträgen mit den Ständen, die ihm und seinen 
Nachfolgern die Einmischung in die inneren An 
gelegenheiten der Städte unmöglich machten. An 
statt der Einschränkung erfuhren die Gewohn 
heiten und Rechte der alten Stadtwirthschaft 
Befestigung und Erweiterung. Diesem Zurück 
weichen der Staatsgewalt folgend änderten sich 
dann die Rechtsbegriffe über die Stellung der 
Stadtgemeinde. Das alte Rechtsverhältniss, in dem 
die Stadt im Lehnsstaate zur Grundherrschaft und 
zur Landesherrschaft stand, kam in Vergessenheit 
und das römische Recht, in das öffentliche Recht 
eindringend, lehrte die Unantastbarkeit städtischer 
Privilegien. Der dreissigjährige Krieg versetzte 
dann die Städte in eine bedürftige Lage, die sie 
zum Widerspruche gegen Massregeln der fürst 
lichen Gewalt durchaus nicht mehr geneigt machte, 
aber der grosse Kurfürst liess sich auch ohne dies 
nicht durch stadtrechtliche Satzungen in der 
Durchführung seiner Ziele einschränken. Diesen 
thatsächlichen Verhältnissen schlossen sich wieder 
die Rechtsanschauungen an, und ebenfalls auf dem 
Boden des römischen Rechtes erwuchs die Theorie, 
dass städtische Rechte und Privilegien gegenüber 
ihnen widerstreitenden kurfürstlichen Verordnungen 
als hinfällig anzusehen seien, wenn es sich um 
das Wohl des Staates handle. Indessen griff der 
grosse Kurfürst in die staatsrechtliche Stellung 
und die innere Verwaltung der Städte nur insoweit 
ein, als es die von ihm vorgenommenen Einrich 
tungen nothwendig machten, im übrigen liess er 
sie unberührt. Dasselbe war unter seinem Nach 
folger der Fall. Es kam hinzu, dass noch die er 
forderlichen Behörden fehlten, um die Städte in 
den Organismus des Staates hineinziehen und be 
ständig überwachen zu können. Erst nachdem 
unter Friedrich Wilhelm I. das Staatswesen sich 
weiter ausgebildet hatte, büssten die Stadtge 
meinden, den Staatsbehörden unterstellt, die Selb 
ständigkeit ihrer Verwaltung ein. 
In Berlin erhielt sich diese Selbständigkeit 
nicht in demselben Masse, weil hier, als am Sitze 
der Landesregierung, die Aufsicht leichter war 
und die Anwesenheit des Hofes besondere Ein 
griffe und polizeiliche Anordnungen verlangte. 
Von einer grundsätzlichen Aenderung der alten 
Verfassung war allerdings zunächst niemals die 
Rede. Die Magistrate behielten dieselbe Zahl der 
Mitglieder, wechselten jährlich und ergänzten sich 
selbst nach dem alten Herkommen, wie es Fried 
rich II. bestätigt hatte. Zehn Rathsherren und 
zwei Bürgermeister regierten jährlich in Berlin, 
fünf Rathsherren und ein Bürgermeister in Köln, 
so dass die ganze Behörde wie früher in Berlin 
aus 24, in Köln aus 12 Mitgliedern bestand. Die 
für beide Städte gemeinsamen Geschäfte wurden 
in gemeinschaftlichen Sitzungen zwei Jahre auf 
dem berlinischen, das dritte Jahr auf dem kölnischen 
Rathhause erledigt, wo dann auch der kölnische 
Bürgermeister den Vorsitz hatte. Ob die Anord 
nung Friedrichs II., dass eine bestimmte Anzahl 
der Rathspersonen den Viergewerken entnommen 
werden sollte, fortdauernd beobachtet wurde, 
scheint sehr zweifelhaft, da das Handwerk so 
wenig an Ansehen gewann. Aber an der landes 
herrlichen Bestätigung der Rathspersonen, die 
Friedrich eingeführt hatte, hielten seine Nachfolger 
fest. In der Zusammensetzung und Stellung des 
Rath es vollzog sich von selbst allmählich eine 
Wandelung. Bisher waren die Mitglieder Leute 
aus der vornehmen Bürgerschaft, denen jeder Zeit, 
nachdem sie zwei Jahre ihr Amt versehen hatten, 
der Rücktritt aus dem Kollegium freistand; ihre 
Wiederwahl verstand sich auch nicht unbedingt 
von selbst. Im Laufe des 16. Jahrhunderts wurde 
die Rathswürde bald ein festes Amt, das man 
nach der Berufung in den Rath für immer behielt, 
nach einer kurfürstlichen Entscheidung von 1528 
nur mit Genehmigung des Landesherrn niederlegen 
durfte. Bei dem jährlichen Rathswechsel fand 
keine Wahl mehr statt, die Mitglieder des alten 
Rathes traten von selbst an die Stelle des ab 
gehenden, und eine Ergänzungswahl kam nur beim 
Ausscheiden eines Rathmannes vor. Der Kurfürst 
bestätigte demgemäss nur diesen einzelnen Fall 
und nicht mehr jährlich das ganze Kollegium. 
Das Amt blieb auch nicht ein Ehrenamt in dem 
Sinne wie früher. Denn neben den wahrschein 
lich herkömmlichen Ehrenrechten und Vortheilen 
in der Nutzung der Allmend stellten sich in einer, 
wenn auch geringen Geldentschädigung die An 
fänge einer Besoldung ein. — Aus den uns erhal 
tenen Namen der Rathspersonen geht nicht hervor, 
dass gewisse Familien vorzugsweise ihre Ange 
hörigen in die Rathsstühle zu bringen wussten, 
wie dies von anderen Städten erzählt wird, auch 
ist nicht nachzuweisen, dass die Kurfürsten bereits 
im 16. Jahrhundert das Ergänzungsrecht durch 
Einsetzung kurfürstlicher Diener in die Rathsstellen 
beeinträchtigt hätten. 
Die Verantwortlichkeit des Rathes und die Wich 
tigkeit seiner Geschäfte hatten sich vermindert, 
seit Berlin Residenzstadt der Hohenzollem ge 
worden war, seit es nicht mehr, wie im Mittel- 
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