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Die Bau- und Kunstdenkmäler

Full text: Die Bau- und Kunstdenkmäler von Berlin / Borrmann, Richard

Denkmäler bürgerlicher Baukunst. 
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nächst das bei der Durchlegung der Vossstrasse 
niedergerissene Palais Wilhelmstrasse 78, erbaut 
für den Freiherrn v. Marschall, zu Nicolais Zeit 
das Finkensteinsche, später das Vosssche Palais 1 ). 
Die Pläne rührten von Gerlach her; Nicolai 
(S. 194) schreibt Horst den Hauptantheil zu. Die 
Ueberweisung des Bauplatzes und der Bau 
materialien erfolgte am 21. September 1736. 
Wilhelmstrasse 75, vom Kriegsrath Stoltze er 
baut — die Schenkungsurkunde datirt vom 10. De- 
cember 1738 —, seit 1765 dem Prinzen Friedrich 
von Braunschweig gehörig und von diesem er 
weitert, später im Besitze der Deckerschen Hof 
buchhandlung, gehört jetzt zum auswärtigen Amt. 
Die langgestreckte Facade mit ihren durch Wand 
streifen eingefassten Kisaliten bietet nichts be- 
rnerkenswerthes. — Das gleiche gilt von dem aus 
derselben Zeit stammenden, gegenüberliegenden 
Hause No. 64, welches noch die alte Auffahrt 
rampe besitzt. Im Innern sind noch alte Decken 
decorationen aus Stuck erhalten. 
Wilhelmstrasse 63, gegen Ende des vorigen 
Jahrhunderts dem Grafen Dönhoff, seit 1874 dem 
Fürsten zu Stolberg-Wernigerode gehörig, zeigt 
einen Vorbau von zwei Paar gekuppelten Säulen 
mit einer Wappenkartusche. — Beim letzten Um 
bau (1876) wurden die Auffahrtrampe und der 
mittlere Eingang zum Treppenhause beseitigt. 
Auf die Stiege folgt ein nach dem Garten 
zu halbrund geschlossener Saal, der im Empire 
stil umgebaut, neuerdings von Bohm wiederher 
gestellt ist. Gepaarte Pilaster mit Bogenfenstern 
und Nischen gliedern die untere Wandhälfte, dar 
über finden sich kannelirte Wandstreifen und in 
den Feldern ovale Fenster und Reliefs mit Putten 
und Gehängen. — Im linken Seitenflügel liegt ein 
von C. G. Langhans eingerichteter Saal, dessen 
Decke in damals beliebter Art durch im Bogen 
vor die Schmalseiten gestellte Säulen ins Oval 
übergeführt ist. An der Mitte der Schmalseiten 
sind Nischen, über den Thüren Reliefs mit bac- 
chischen Scenen angeordnet. 
In der Leipzigerstrasse bewahrt No. 3, einst 
königliche Sammet- und Seidenfabrik (Küster 
III. S. 199), später dem Freiherrn v. d. Reck, 
dann der Mendelssohnschen Familie gehörig und 
seit 1851 für die erste Kammer des Landtages 
eingerichtet 2 ), trotz moderner Veränderungen im 
*) Photographie von Schwarz in der Rathhaus-Bibliothek. 
7 Blatt Stiche u. zw. Grundrisse, Aufrisse und Schnitte von 
Georg Pinz im Verlage von Jerem. Wolff in Augsburg. 
2 ) Deutsche Bauzeitung 1875. No. 57. 
Aeussern, die ursprüngliche Gestalt und Gliede 
rung. — Das vornehmste Haus der Strasse bildete 
das 1845—46 durch den Neubau des Kriegs 
ministeriums ganz umgestaltete Palais des Mi 
nisters v. Happe 1 ), begonnen nach Entwürfen von 
| Stoltze, weitergeführt von Dieterichs (Nicolai). — 
Später kam es an die Gräflich Reusssche Familie 
und seit Ende vorigen Jahrhunderts an den Fiskus. 
Während der letzten Regierungsjahre Friedrich 
Wilhelms I. trat im Privatbau eine Richtung her 
vor, die, wenngleich nur für kurze Zeit, im 
Gegensätze zu französischen Einflüssen und dem 
Stil der Gerlach und Genossen, die reichen, wir 
kungsvollen und malerischen Mittel des Barock 
bevorzugte. Wieder finden sich, wie im gleich 
zeitigen süddeutschen Barock, die schweren, in der 
Mitte getheilten und aufgerollten Fensterver 
dachungen, Motive wie die geschwungenen, um 
eine Bogenöffnung herumgeführten Deckgesimse, 
darunter Consolen und Kartuschen mit Gehängen. 
Die Formen werden zwar derber und gröber, 
bewahren aber noch eine gewisse Frische und 
Schwung. Der französischen Kunst entlehnt sind 
die gebrochenen, mit Lucarnen belebten Dächer. — 
Bezeichnend sind die flachen, zierlichen Con 
solen unter den Verdachungen und Sohlbänken 
der Fenster, an den Fensterbrüstungen die Ba- 
lustres in Relief. Die Kapitelle der Pilaster haben 
anstatt des Halses lamberquinartige Gehänge. Die 
Bogenöffnungen oder Blenden werden häufig durch 
geschweifte, nach oben hin zusammengezogene 
Umrahmungen mit Verdachungen auf Consolen 
eingefasst, so am Seehandlungsgebäude, am Hause 
der böhmischen Brüdergemeinde, Wilhelmstrasse 136 
u. a. — Die häufige Verwendung von Muscheln 
und Blumengewinden bezeichnet den Uebergang 
zum Rococo. 
Die schon wiederholt erwähnten Hauptbauten 
dieser Richtung sind das Königliche Hausministe 
rium, angeblich von Wiesend, das nach Nicolai 
von Dieterichs umgebaute Prinzessinnenpalais und 
das Gebäude der Seehandlung, alle drei von so 
übereinstimmenden Formen, dass man geneigt ist, 
sie einem und demselben Architekten zuzuschreiben. 
Der gleichen Zeit und Stilrichtung gehören an: das 
Haus Königsstrasse 28, an der Ecke der Kloster 
strasse, die durch keinerlei plastisches Detail be 
lebte Fa£ade Breitestrasse 3, das kleine Haus 
Friedrichsgracht No. 15, Grünstrasse 10 
und 12, Petriplatz 4, die durch Pilaster ge 
J) Küster III. S. 19!). — 2. Nicolai S. 18G. — 3. Berlin 
u. s. Bauten I. S. 262.
        
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