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Die Bau- und Kunstdenkmäler

Full text: Die Bau- und Kunstdenkmäler von Berlin / Borrmann, Richard

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Denkmäler bürgerlicher Baukunst. 
Berliner Privatbau auf seiner vollen Höhe. Die 
Herstellung stattlicher Fa§aden blieb dabei die 
Hauptsache und nur wenige Häuser haben eine 
reichere Inneneinrichtung, wie sie beispielsweise 
das Palais des Ministers v. Kreutz, Klosterstrasse 36, 
noch heute besitzt, erhalten. 
Die bedeutendsten Neubauten schlossen sich 
der nicht lange zuvor in Frankreich für städtische 
Adelspalais ausgebildeten Anlage an, wie sie z. B. 
das Hotel de Soubise in Paris, der alte Bischofspalast 
in Strassburg u. a. darstellen. —■ Der eigentliche 
Wohnflügel (corps de logis) liegt von der Strasse 
entfernt an einem Vorhofe, den zwei Seitenflügel 
und in der Strassenflucht entweder niedrige Vor 
bauten oder ein hohes Gitter begrenzen. Die 
Haupträume werden, möglichst dem Strassenverkehr 
und Geräusch entrückt, an die hintere Gartenfront 
des Hauses verlegt. In der Hauptaxe befindet 
sich gewöhnlich ein rechteckiger oder ovaler Saal, 
dem nach dem Vorhofe zu der geräumige Flur 
entspricht. An diesen stösst seitlich die Haupt 
stiege. Die Wirthschaftsräume liegen in den 
Flügeln. Wo Vorhöfe fehlen, sind breite Auf 
fahrtrampen der Strassenfront vorgelegt. — Das 
Aeussere gestaltet sich meist einfacher als in den 
Barockbauten vom Anfänge des Jahrhunderts, wobei 
nicht sowohl Sparsamkeits-Rücksichten, als die 
Stilwandlungen in jener Zeit den Ausschlag geben. 
Die schweren Säulenportale und Gesims-Verkröpfun 
gen, die wuchtigen Kartuschen, die schwebenden 
Figuren treten in den Hintergrund. Pilaster finden 
sich zumeist nur an den Mittelrisaliten; die häufig 
im Stichbogen geschlossenen Fenster zeigen viel 
fach glatte Gewände ohne Verdachungen. An 
Stelle der Verdachungen treten Schlusssteine mit 
Köpfen und Blumengewinden. Die Vereinfachung 
des Details bekundet den Einfluss des franzö 
sischen Regencestils, dessen Architekturformen 
dem aufwendigen Formenapparat des italienischen 
und deutschen Barock gegenüber sparsam und 
maassvoll erscheinen. 
Das erste französischen Adelshotels nachgebil 
dete Haus mit zurückliegendem corps de logis, 
Vorhof und Flügelbauten war das 1718 nach Ger- 
lachs Plänen erbaute Haus des Generals von Mon- 
targues l ), das 1859 der Neubau der Börse ver 
drängte. Von ähnlicher Anordnung war das für 
*) G. St. A. Rep. 21. 25 A. 1718. — Gerlacli hat hier 
vermuthlich französische Pläne zur Hand gehabt; seiner eignen 
Bauweise entsprach das Aeussere des Gebäudes keineswegs. — 
Ansichten in Photographieen von Schwarz in der Rathhaus- 
Bibliothek. 
den General von Sydow erbaute Haus in der 
Münzstrasse, auf dem Grundstücke des kürzlich ab 
gebrochenen Viktoriatheaters, das später der Graf 
von Neale, seit 1774 der Minister v. Zedlitz besass 
und durch Langhans ausbauen liess (Nicolai 
S. 864). 
Die gleiche Grundform weisen die drei noch 
aus jener Zeit stammenden Palais der Wilhelm 
strasse auf, das Prinz Albrecht-Palais (S. 306), das 
ehemals Gräflich Schulenburgische, jetzt Reichs 
kanzler-Palais, Wilhelmstrasse 77 (S. 369), und, 
wenigstens in der Plananlage, noch das königliche 
Hausministerium, Wilhelmstrasse 73 (S. 335). 
Die namhaftesten Architekten unter Friedrich 
Wilhelm I. waren nach Böhmes Tode Gerl ach 
und sein Mitarbeiter Horst, der Kriegsrath 
Stoltze, ferner Ke mm et er, welche die strenge 
und nüchterne, an heimische Traditionen einer 
seits und an die französische Kunst andererseits 
anknüpfende Richtung vertraten. Nicolai führt noch 
Richter an als Urheber des Entwurfs zum Schulen 
burgischen Palais; von de Bodt sollen die Pläne 
zum alten Johanniterpalais (Prinz Leopold-Palais) 
stammen. -— Einer reicheren, mehr malerischen, an 
das süddeutsche Barock sich anlehnenden Bau 
weise huldigten Jacob Friedrich Grael, ferner 
Wiesend sowie der begabte Dieterichs. Des 
Monarchen Vorliebe für holländisches Wesen be 
kundete sich in der Berufung des zum Oberlandes 
baudirektor ernannten Titus Favre. Doch ist von 
dessen Wirksamkeit nur wenig bekannt. Selbst 
Dilettanten, wie der Kammerherr von Wülknitz 1 ), 
von dem die Pläne zu dem von Schinkel für den 
Grafen Redern umgebauten ehemaligen v. Kamecke- 
schen Hause am Pariser Platz herrührten, sind 
hier zu verzeichnen. 
Ein Beispiel eines vornehmen Bürgerhauses 
jener Zeit bildet das noch heute wohlerhaltene 
Gebäude Gertraudenstrasse 16 von Gerlach. Die 
in den Stilformen dem Kammergericht verwandte 
Fa§ade enthält ein schmales, giebelbekröntes Mittel 
risalit, dessen Fenster zu einer Gruppe vereinigt 
sind. Die Fenster des ersten Stocks haben grade 
Verdachungen, die des zweiten Stockwerks sind 
quadratisch und mit Muscheln am Sturz verziert. 
Von strengen, maassvollen Formen ist das in 
beiden Obergeschossen durch Pilaster gegliederte 
Haus Charlottenstrasse 78. 
Aus der Reihe der Neubauten in der Wilhelm 
strasse seien hier nur einzelne hervorgehoben, zu 
■) G. St. A. Akt. d. Minist.-Arch. Tit. 115. Sect. X. Berlin.
        
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