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Die Bau- und Kunstdenkmäler

Full text: Die Bau- und Kunstdenkmäler von Berlin / Borrmann, Richard

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Marstall. 
kammer, von der schon Gr. Letis Tractat, vom 
Jahre 1687 '), eine bewundernde Schilderung 
bringt, enthielt noch 1740 an hundert Schlitten, 
unter diesen mehrere noch heute im Hohen- 
zollernmuseum aufbewahrte von hohem Kunst 
werth, ferner 50 Pferdemodelle [zur Aufnahme 
des kostbaren Sattel- und Zaumzeuges, prächtige 
Rüstungen und Waffen, darunter geschichtlich 
denkwürdige Stücke, eroberte Fahnen und Stan 
darten, Musikinstrumente, viele kunstgewerbliche 
Arbeiten, u. a. die kunstvollen Spazierstöcke 
Friedrichs I. (jetzt im Hohenzollernmuseum), Por- 
traits, endlich eine Anzahl Curiositäten. 1748/49 
durch Verkauf des Sattel- und Zaumzeuges, 1760 
durch feindliche Plünderung in ihrem Bestände 
stark vermindert, nahm die Sammlung nachmals 
nur das Obergeschoss des linken (nördlichen) 
Seitenflügels ein, woselbst heute das Geschirr und 
Sattelzeug auf bewahrt wird, während der rechte 
Flügel, die Wasserseite und der Raum über der 
Winterreitbahn als Montirungskammer dienten. In 
einem der vorderen Räume des oberen Stock 
werks hielt während der zehn Jahre 1672 — 1682 
die Gemeinde der französischen Flüchtlinge ihren 
Gottesdienst ab, — im Mittelbau, in Verbindung 
mit den Vorderräumen des Mittelrisalits, fand 
das erste Berliner Hoftheater seine Stätte. Es 
wurde am 1. Juni 1700 mit dem Lustspiele la 
festa del Hymeneo, bei der Hochzeit des Erb 
prinzen von Hessen-Kassel mit der Prinzessin 
Luise Dorothea Sophie, eingeweiht und seine Ein 
richtung soll noch bis 1780 bestanden haben * 2 ). — 
Das Vordergebäude enthielt Wohnungen und 
Diensträume für Marstallbeamte, das Plaus No. 35 
bis 1736 Diensträume für das Oberappellations 
gericht, später — bis 1818 — die Oberrechen 
kammer. Als zu Anfang dieses Jahrhunderts die 
Räumlichkeiten für diese Behörde nicht mehr zu 
reichten, schlug das Oberhofbauamt, im Bericht 
vom März 1803, einen gründlichen Umbau und 
die Errichtung eines dritten Stockwerks an Stelle 
des Dachraums mit seinen vier Giebelerkern 
vor. Glücklicherweise genehmigte der König 
die Entfernung der Giebel nicht, sondern nur 
ihre Erneuerung und Wiederherstellung in „der 
alten gothischen Bauart“. Ferner sollte das Ober 
geschoss des anstossenden rechten Seitenflügels, 
um Raum für die Akten zu gewinnen, in zwei 
') G. Leti histor. d. casa d. Brandenb. I. VI. S. 333 ff. 
1687. 
2 ) L. Schneider: Geseh. d. kgl. Oper u. d. Opernhauses 
in Berlin. 1852. 
Geschosse getheilt und der darunter befindliche 
Stall neu eingewölbt werden. — Eine durch 
greifende Renovirung mit Anwendung charakter 
loser moderner Stuckdetails hat schliesslich die 
gesamte Marstallfront in den Jahren 1865—66 er 
fahren, wobei man, der Symmetrie mit dem Rib- 
beckschen Hause zu Liebe, dessen Giebelerker 
auch auf den nördlichen Bautheil No. 37 übertrug. 
— Das Rundbogenportal von No. 35 (Fig. 47) 
aus Sandstein mit Rahmenpilastern und reich 
skulpirter Archivolte zeigt an den Seiten eine 
Einfassung von Grottesken und jenen für ihre 
Zeit so bezeichnenden knorpelartigen Ornament 
formen der Spät-Renaissance. Zwei Cherubköpfe 
unterstützen das verkröpfte Gesims, an dessen 
Friese die Namen Hans Georg v. Ribbeck, Katha 
rina v. Brösicke und die Jahreszahl 1624 stehen; 
darüber halten zwei geflügelte Figuren die Wappen 
der Erbauer. 
Theile der ursprünglichen Smidsschen Facade 
bilden noch heute die vergitterten Erdgeschoss 
fenster, die beiden Sandsteinportale von No. 37 
und 36 mit ihren Umrahmungen, . Gebälk und 
Consolen, sowie der Figurengiebel des Mittel 
risalits. Die Fensterumrahmungen der Oberge 
schosse sind modern. Das Giebelrelief zeigt eine 
von Alligatoren umgebene ovale Licht-Oeffnung 
darüber einen Reiter auf dem Flügelrösse, zu 
beiden Seiten Trossbuben mit Pferden und Hunden 
in lebhafter Bewegung und von derben, ungefügen 
Formen. Die Wasserseite, zum Theil auch die 
Höfe, haben ihre alte Architektur von gequaderten 
Bogenreihen mit glatt geputzten Wandflächen und 
kleinen Fenstern bewahrt. Auch nach der Spree 
zu springt, dem Querflügel entsprechend, ein 
Vorbau heraus, dessen Giebel ein von den In 
signien der Kurwürde umgebenes Mittelfeld und 
schwere, von Adlern und Genien gehaltene Blumen 
gewinde ausfüllen. — Im Schnittpunkte der Dach 
flächen befand sich ein 1774 abgetragener Dach 
reiter; noch erhalten ist eine gitterartige Schorn 
steinhaube — in Form einer Kurkrone — aus 
Schmiedeeisen. — Im Durchgänge von No. 37 be 
findet sich eine im Korbbogen geschlossene Thür, 
der ehemalige Zugang zur Rüstkammer, mit der 
Jahreszahl 1667 am Schlusssteine. — Die Ställe 
haben noch zum Theil die alte Einrichtung — 
Pfosten mit der Königskrone zwischen den Stän 
den — vom Jahre 1709. — Die gedrungenen dori 
schen Säulen, welche die gewölbte Decke des 
südlichen Seitenflügel tragen, rühren von dem Um 
bau von 1803 her.
        
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