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Die Bau- und Kunstdenkmäler

Full text: Die Bau- und Kunstdenkmäler von Berlin / Borrmann, Richard

Das Königliche Schloss. 
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sehe Schmuck der Fensterverdachungen im I. und 
II. Stock, die Rustika - Einfassungen der Unter 
fenster gewähren den langen Flächen die erfor 
derliche Belebung und Schattenwirkung. Der alte 
Runderker des Joachimschen Schlosses wurde als 
Eckthurm bis zur Erde hinuntergeführt 1 ) und 
zeigt das am Schlosse so oft wiederkehrende 
Motiv breiter Mittelöffnungen mit eingestellten 
Säulen. — Eine gewaltige Cäsur bilden an der 
Schlossplatzseite die Portalbauten * 2 ) mit ihren 
Riesensäulen, den schweren, mit den Rücklagen 
nicht organisch verbundenen Gebälken. Sämt 
liche Portale zeigen, entsprechend den Fenster 
gruppen der oberen Festräume, ein dreifach ge- 
tlieiltes System, in dessen Mittelaxe sich das so 
eben erwähnte Motiv eingestellter Säulen wieder 
holt. Die Inschriften geben die Daten der Vol 
lendung, das Jahr 1701 für Portal I, 1716 für 
Portal II und den gesamten Schlossbau. Die Lust 
garten-Portale erscheinen enger verknüpft und im 
Maassstabe übereinstimmend mit den Rücklagen. 
Anstatt der durchgehenden Säulen treten geschoss- 
weise übereinander geordnete Wandpfeiler, im I. Stock 
in der Mitte je zwei gewaltige Atlanten 3 ). In der 
Mitte des III. Stocks findet sich ein anderes von 
Schlüter bevorzugtes Motiv, weite Bogenfenster, 
deren Scheitel mächtige, von schwebenden Figuren 
umgebene Kartuschen bekrönen 4 * ). Die Bogenver 
dachungen der Erdgeschossfenster von Portal V ent 
halten die Relieffiguren der Gerechtigkeit und Stärke. 
Die Bleieinfassungen der Fensterscheiben, die Kar 
tuschen, Helme, Balcongitter sowie auch die ko 
rinthischen Kapitelle und Säulenbasen an den Por 
talen waren vergoldet. Endlich kommt für das 
Aeussere noch der einstige plastische Schmuck der 
Attika an Figuren, Vasen, Trophäen und Kartuschen 
in Betracht. An den Schlüterschen Theilen ist der 
selbe zur Ausführung gelangt, aber zu Beginn dieses 
Jahrhunderts verfallen und allmählich beseitigt 6 ), 
') Der alte zapfenförmige Kragstein dieses Erkers ist 
noch im untersten Raume des heutigen Rundthurmes erhalten 
und sichtbar. 
2 ) Portal II und IV sind bei sonst übereinstimmender 
Ausbildung etwas breiter als die älteren Portale I und V 
angelegt. 
3 ) Die Atlanten fehlen noch auf den Deckerschen Stichen, 
an ihrer Stelle sieht man unter dem Balcon des Hauptge 
schosses eine Gruppe herabstürzender Giganten. 
4 ) Ganz das gleiche war für die Mittelaxen der Hofpor 
tale, für die Bögen am Belvedere über der Erasmus-Kapelle 
entworfen, an der Mittelaxe des alten, jetzt abgebrochenen 
Postgebäudes an der langen Brücke wirklich ausgeführt worden. 
s ) Vgl. das durch die vorurtheilslose Würdigung seines 
grossen Vorgängers besonders sympathische Gutachten Schin- 
erst neuerdings wieder an den Portalbauten ersetzt 
worden. 
Die nach dem Hofe vorspringenden Risalite 
der Portale I und V enthalten zwei Haupt 
stiegen, deren Anordnung noch die ehemaligen 
Freitreppen erkennen lässt. In genialer Weise 
hat Schlüter diese mitsamt den Gallerieen schon 
dem alten Joachimschen Schlossbau eigenthümlichen 
Anlagen für die architektonische Gestaltung seines 
Hofes zu verwerthen gewusst. Als gegebene Mit 
telpunkte der Fronten bezeichnen die Treppen 
risalite in bedeutsamer Weise die Haupträume 
und die Zugänge zu denselben. Aus der Lage 
des alten Reitschnecken erklärt sich ferner die 
von der Mitte abweichende Stellung des Haupt- 
portals mit dem Aufgange zum Schweizer Saale. 
Der fünftheilige Bau (Taf. XVI) zeigt zu ebener Erde 
eine durch zwei Geschosse reichende mächtige Säu 
lenstellung mit verkröpften Gebälken, welche Posta 
mente mit Statuen tragen. Zwischen den Säulen 
setzt sich die Stützenstellung der Gallerieen fort. 
An beiden oberen Stockwerken entsprechen den 
Säulen korinthische Pilaster; die breiten Oeffnungen 
werden durch eingestellte Säulen, die indessen kein 
Gebälk tragen, eingerahmt, die Felder über den 
selben, um dem zurückliegenden Schweizer Saale 
möglichst viel Licht zuzuführen, wiederum durch 
grosse quadratische Oberfenster durchbrochen; die 
Mittelaxe enthält ein grosses Bogenfenster. Die 
ganze Composition ist nicht frei von Willkürlieh- 
keiten, aber wegen des starken Reliefs, der kühnen 
Durchbrechung und Auflösung der Massen von 
bedeutender malerischer Wirkung. — An den beiden 
anderen dreitheiligen Portalen findet sich in der 
Hauptaxe eine vollkommen übereinstimmende An 
ordnung, nur mit gekuppelten Säulen. Die von 
strengen Geschmacksrichtern beanstandeten Säulen 
an den Ecken der Risalite und in den Winkeln mit 
den Gallerieen schreiben sich von dem, wie wir wissen, 
ursprünglich vorhandenen Plane her, jene Säulen 
stellung auch an den Galleriebauten gleichmässig 
durchzuführen 1 ). Die Gallerieen haben zu ebener 
kels über Erhaltung dieser Bildwerke in Wolzogen, Schinkels 
Nachlass III. S. 163. 
>) Wie sich der Hof unter dieser Voraussetzung gestaltet 
haben würde, veranschaulicht der Stich bei Broebes, der zu 
gleich besser als Worte den Vorzug der heutigen Anordnung 
darlegt. Es verdient ferner Beachtung, dass die korinthischen 
Kapitelle der Portalsäulen eine bis in Einzelheiten genaue 
Nachbildung der schönen Kapitelle des Castortempels auf dem 
Forum Romanum sind, wodurch die dem Broebesschen Stich 
beigeschriebene Bemerkung: Colonne di campo vaccino ihre 
Erklärung findet. 
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