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Zur Geschichte Berlins 1. Berlin im Mittelalter

Full text: Die Bau- und Kunstdenkmäler von Berlin / Borrmann, Richard

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Das Innungswesen. 
und aus geringeren Bürgern. Diese erschienen 
schon dadurch, dass sie nicht rathsfähig waren, 
also in das Rathskollegium keine Vertreter stellen 
konnten, von aller Entscheidung in Fragen des 
öffentlichen Rechtes ausgeschlossen. Eine scharfe, 
durch den Standesunterschied gezogene Grenz 
linie, die sie thatsächlich bis zur Mitte des 15. 
Jahrhunderts nicht überschritten, trennte sie von 
dem oben bezeichneten Theile der Bürgerschaft, 
aus dem sich der Rath ergänzte. Die herrschende 
Klasse der Stadtgemeinde, aus der der Rath her 
vorging, bildete unter sich einzelne Genossenschaften, 
aber auch die minder berechtigte Bürgerschaft 
schied sich in solche, unter denen die Hand 
werksinnungen die erste Stelle einnahmen. Den 
Innungen verlieh der Rath ein sehr geringes 
Mass von Selbständigkeit. Er ertheilte die Er 
laubnis zu ihrer Errichtung, verfügte die Auf 
nahme neuer Mitglieder gegen den Willen der 
Genossen, führte die Aufsicht über ihre Versamm 
lungen und ihre Handwerkserzeugnisse und er 
nannte nach dem ältesten Stadtrechte sogar den 
Innungsvorstand, z. B. beim Bäckergewerke. Eine 
eigene Gerichtsbarkeit der Zunftvorstände über 
ihre Mitglieder fand nur insofern statt, als es 
ihnen gestattet wurde, Innungsgenossen zu strafen, 
wenn sie vor der Lade nicht erscheinen wollten. 
In diesem Falle besass die Zunft auch ein Pfän 
dungsrecht aus der verwirkten kleinen Strafsumme, 
wie uns die Statuten der berliner Bäcker von 
1272 und der Tuchmacher von 1289 erkennen 
lassen. Bei den berliner Zünften wiederholte sich 
die untergeordnete Stellung, die das Innungswesen, 
abweichend von Verhältnissen des süd-westlichen 
Deutschlands, in den märkischen Landen diesseits 
der Elbe und auch in weiterer Verbreitung nach 
Osten einnahm. Ueberall machte sich hier eine 
geringere Bedeutung und Achtung des Handwerks 
bemerkbar, so dass es meist das ganze Mittelalter 
hindurch von dem vollen Rechte der Theilnahme 
an der Stadtregierung fern gehalten werden konnte. 
Indessen ohne die genossenschaftlichen Verbände 
der Innungen konnte weder städtisches Handwerk 
bestehen, noch liess sich die Verwaltung der Stadt 
führen, ohne ihnen eine Stellung im Stadtrechte 
und in der Stadtgemeinde anzuweisen. Es blieb 
der Rathsregierung aber die Möglichkeit, ihre Zahl 
in engen Grenzen zu halten. Es scheint, dass 
man in der Gruppe der märkischen Städte dies 
seits der Elbe, die Beschränkung auf vier stadtrecht 
lich anerkannte Genossenschaften als Vertreter des 
Handwerks für zweckmässig gehalten habe. 
Wenigstens finden wir die Einrichtung der „Vier 
gewerke“ in der Mittelmark allgemein verbreitet. 
In Frankfurt betonte noch das erst um 1425 
niedergeschriebene Stadtbuch den Grundsatz, es 
sollten nur vier Gewerke in der Stadt bestehen. 
Die Einschränkung der Zahl ist zunächst von den 
altmärkischen Stadtrechten als Vorbildern und für 
diese wieder von westfälischen Ueberlieferungen 
herzuleiten. In einzelnen westfälischen Städten 
kam es auch im 14 Jahrhundert noch vor, dass 
die sämmtlichen Gewerke sich wenigen bestimmten 
Innungen unterordneten. Die Zahl vier galt 
allerdings weder dort überall als Regel, noch 
in der Altmark. In Stendal z. B. bestanden die 
„Dreiwerke“. In den mittelmärkischen Städten 
ersah man zu den Viergewerken die Handwerks 
zweige, in denen die meisten Personen beschäftigt 
waren. Oft kamen überhaupt wohl nur vier in 
Frage, weil die übrigen sich zu wenig entwickelt 
hatten. In Berlin setzten sie sich, wie wir 
aus einer Urkunde des Jahres 1442 ersehen, aus 
den Knochenhauern, Tuchmachern, Schuhmachern 
und Bäckern zusammen. Die ältesten Statuten 
der berliner Bäckerinnung sind von 1272, der 
Schumacherinnung von 1284, der Tuchmacher 
innung von 1289, die Knochenhauer kommen erst 
1311 in der Geschichte vor. Man darf aus diesen 
Daten nicht schliessen, dass sie nicht schon älteres 
verbrieftes oder unverbrieftes Innungsrecht be 
sessen hätten. Im Gegentheil ist vorauszusetzen, 
dass sie in den frühesten Zeiten der Stadtgemeinde 
durch den Rath gebildet seien. 
Alles übrige Handwerk in der Stadt ging auf in 
der „Mehrheit“, der geringeren Bürgerschaft. Die 
besonderen Rechte, mit denen die Viergewerke aus 
gestattet waren, machten sie zum zweiten Stande 
in der Stadt nach den rathsfähigen Bürgern. 
Was sonst an Handwerkern und Bürgern noch 
vorhanden war, bildete den dritten Stand. Die 
berliner Rathsbehörde überschritt zwar den über 
lieferten Grundsatz, nur vier Gewerke zuzulassen 
und stattete bis 1442 noch drei Handwerke mit 
Innungsrechten aus, nämlich die Kürschner 1280, 
die Schuhflicker 1284, die Schneider 1288, sodass 
die Stadt sieben anerkannte Innungen zählte, deren 
statutarische Rechte auch in das Stadtbuch aufge 
nommen sind. Aber diese drei neueren Innungen 
blieben doch in der Meinheit, und erhielten neben 
den Viergewerken keine verfassungsmässige Stel 
lung. Die in Berlin eingebürgerten Handwerks 
betriebe beschränkten sich natürlich auch im 13. 
und 14. Jahrhundert nicht auf jene sieben. Sie
        
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