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Full text: Die Bau- und Kunstdenkmäler von Berlin / Borrmann, Richard

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Zopfstil. Sculptur. 
der Neuen Friedrich-, Alexander-, Köpenicker- 
Strasse u. a. nicht zu gedenken. Zu den Bauten für 
militairische Zwecke zählt auch das von Unger, 
dem nächst Gontard begabtesten Architekten jener 
Zeit, 1776 beendete grosse Kadetten-Haus in 
der neuen Friedrich-Strasse. In die gleiche Zeit 
fällt endlich einer der bedeutendsten unter Frie 
drich II. errichteten Bauten, die von Boumann 
dem Jüngeren ausgeführte Bibliothek am 
Opern-Jflatze (1775—80), welche wie bekannt die 
Wiederholung eines grossartigen Entwurfs von 
Fischer von Erlach für die nach dem Kohlmarkte 
belegene Seite der Wiener Hofburg bildete. Kein 
Bau verräth mehr die Schwächen jener Zeit als 
diese ganz im Geiste des Barock gedachte, in der 
Detailbildung aber den trocknen Zopf kenn 
zeichnende Facade. Die Kunstweise, die man 
mit diesem unglücklichen Namen belegt hat, 
wurzelt in den Formen und Motiven noch zumeist 
in der Barockkunst, ohne jedoch die Ursprüng 
lichkeit, die flotte und kecke Formenbehandlung 
jenes Stils zu besitzen; die Bildung der Einzel 
heiten verliert die frische überquellende Kraft, die 
uns an dem echten Barock anzieht, sie erscheint 
unter dem Vorbilde palladianischer Regelrichtigkeit 
und unter dem wachsenden Einflüsse der Antike, 
correkter aber auch magerer und dürftiger, ja — 
die Bauten v. Gontards vielleicht allein ausge 
nommen — für die noch vorzugsweise auf male 
rische Wirkungen berechnete Gesammt - Anlage 
nicht selten geradezu unzulänglich. Ein Zug von 
Abspannung und Ermüdung geht durch die ganze 
Kunst jener alternden Zeit. Noch eine andere 
verdriessliche Wahrnehmung drängt sich bei der 
Betrachtung von Friedrichs späteren Kunstunter 
nehmungen auf. Zu keiner Zeit wurde mehr für 
den äusseren Schein, für die zeitweilige Wirkung 
gearbeitet als damals. Nicht dass man selbst die 
reichsten, für echte Materialien berechneten Archi 
tekturen in Stuck und Putz nachahmte, soll hier 
beanstandet werden — ein guter Putz hat sich 
selbst in unserem Klima sehr dauerhaft erwiesen 
und bietet ausserdem den Vortheil leichter Er 
neuerung — viel schlimmer war es, dass um Zeit 
und Kosten zu sparen, nicht selten unverantwortlich 
leichtfertig und mit schlechtem Material gearbeitet 
wurde, als wären Bau- und Bildwerke nur für 
einen vorübergehenden Zweck, nicht für die Dauer 
bestimmt. Aeusserte doch der König wiederholt 
zu denen, die ihm deswegen vorstellig zu werden 
wagten, es wäre ihm genug, wenn seine Bauten 
nur für ihn aushielten; und doch gewährte es ihm 
wieder Vergnügen, dieselben kunstverständigen 
Fremden zu zeigen und von ihnen rühmen zu 
hören. Man mag in Mangers Baugeschichte von 
Potsdam, der Hauptquelle für die Bauthätigkeit 
jener Zeit, vieles übertrieben finden, dennoch bleibt 
j nicht abzustreiten, dass der König einmal in dem 
Verdachte, von seinen Baumeistern tibertheuert zu 
werden, zu einer falschen Sparsamkeit veranlasst 
wurde, die nirgends verkehrter ist als in der Kunst, 
und dass seinen Bauschöpfungen trotz allen grossen 
Absichten nichts mehr fehlt als jene wahre Monu 
mentalität, die das Gute und Edle will und den 
Schein verachtet. Gleich deutlich wie in der Bau 
kunst tritt dieses auch in der Plastik jener Zeit 
zu Tage. Die Bildnerei in Berlin, die am Anfang 
des Jahrhunderts auf eine so hohe Stufe gehoben 
war und es noch in der vorhergehenden Periode 
in den zahlreichen Grabmonumenten in den Kirchen 
zu Achtung gebietenden Leistungen gebracht hatte, 
ja selbst kurz vor dem siebenjährigen Kriege, wie 
die Bildwerke am Prinz Heinrich-Palais (Univer 
sität) beweisen, ihrer Aufgabe gerecht gewoi'den 
war, sank damals zu rein handwerksmässiger 
Uebung herab. Daran war nicht sowohl der 
Mangel an tüchtigen Kräften Schuld, denn manche 
Grabmonumente in Kirchen, auf den Friedhöfen, 
endlich die Feldherrn-Denkmäler am Wilhelms- 
Platze zeigen, dass die Adam, Sigisbert Michel, 
Ränz, Ebenhecht, die Meyer und Bettkober 
doch wenigstens leidlicher Durchschnittsleistungen 
fähig waren, auch nicht der Mangel an Aufträgen, 
sondern vornehmlich die billigen Preise und die 
Kürze der Zeit, die für Aufträge dieser Art be 
willigt wurden und eine künstlerische Ausführung 
geradezu ausschlossen. So wurden die zahlreichen 
Bildwerke, Statuen und Reliefs der beiden Kuppel 
kirchen auf dem Gensdarmen-Markte nur von unter 
geordneten Kräften nach Skizzen von Malern wie 
Rode und Chodowiecki gefertigt. Angesichts von 
Arbeiten wie die Gruppen der ehemaligen Opern- 
Brücko an den Ecken des Leipziger Platzes, denen 
die auf der Spandauer- und Königs-Brücke ent 
sprochen haben, kann man sich nur beglück 
wünschen, dass, wie Schadow sich ausdrückt, ein 
gesunder Vandalismus viele Werke dieser Art im 
Laufe der Zeit zerstört hat. Bei Friedrichs Tode 
lebte in Berlin nur ein einziger tüchtiger Bild 
hauer, Pierre Antoine T assaert (geh. zu Antwerpen 
1729, f 21. Januar 1788 zu Berlin), von dem die 
Bildsäulen von Seydlitz und Keith, in ihrem wenn 
gleich noch ungeschickt behandelten Zeitcostüm die 
ersten Werke einer wirklich vaterländischen Kunst,
        
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