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Full text: Die Bau- und Kunstdenkmäler von Berlin / Borrmann, Richard

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Italienischer Einfluss. Malerei. 
und Kreuzgewölbe zurück, artet aber wie in dem 
die Säulensehäfte frei iiberschneidenden Rippen 
system der genannten Kapelle schon in decorative 
Spielerei aus. Einfache Kreuzgewölbe aus der 
Mitte des XVI. Jahrhunderts bietet der obere 
Raum der jetzt in den Babelsberger Park ver 
pflanzten alten Berliner Gerichtslaube. 
Etwa um die Mitte des XVI. Jahrhunderts 
beginnt in der Kunst am brandenburgischen 
Hofe neben dem sächsischen Einflüsse ein neues 
Element in den Vordergrund zu treten, das 
Italienische, begünstigt durch die Einwanderung 
italienischer Künstler, Ingenieure und Techniker 
in die nordischen Länder. Namentlich waren es 
die überall mit Eifer betriebenen Festungsbauten 
nach neuerem, auf die Wirkung der modernen 
Feuerwaffen berechnetem italienischem System, 
welche italienische Festungs-Ingenieure in grosser 
Zahl über die Alpen riefen. Der namhafteste 
Italiener am Berliner Hofe war Francesco Chia- 
ramella de Gandino, der an der Feste Spandau 
baute, und dessen ausgedehnte Thätigkeit auch 
am Mecklenburgischen Hofe die neuerdings von 
Fritz Sarre (der Fürstenhof zu Wismar) veröffent 
lichten Aktenstücke ins rechte Licht gesetzt haben. 
— In der Malerei 1 ) verdrängt allmählich der 
italienische Einfluss, bei welchem man übrigens 
durchaus nicht an italienische Maler selbst zu 
denken braucht, die ältere sächsische Richtung. 
Am auffälligsten zeigt sich dieses wieder in den 
Darstellungen auf Votivbildern und Epitaphien 
der Kirchen, und zwar in Tracht, in den Typen, 
sowie in den Landschafts- und Architekturhinter 
gründen von klassischem Gepräge, während die 
Behandlungsweise, der Realismus der Auffassung 
sich an die ältere deutsche Kunst anschliesst. Die 
ersten bemerkenswerthen Beispiele der neuen Rich 
tung enthält vor allem die Nicolai-Kirche in einer 
Erweckung des Lazarus von 1552, einer Himmel 
fahrt (1554) u. a. Auch inhaltlich macht sich in 
den Gemälden eine Wandlung geltend. Während 
die älteren Votivbilder gewöhnlich einfache biblische 
Begebenheiten, zumeist aus der Leidensgeschichte 
Christi, schildern, entwickelt sich jetzt eine specifisch 
protestantische Malerei, die in der Wahl und Be 
handlung der Stoffe von der zeitgenössischen 
Theologie abhängig erscheint und deren Thema 
nicht das Leiden, sondern vorzugsweise das Er 
lösungswerk Christi in seinen verschiedenen Stadien 
bildet. Das dramatischste Moment dieses Dar- 
*) Schon am Hofe Joachims I. war ein italienische)' 
Maler, Johann Batista, thätig gewesen. 
Stellungskreises ist, — auf Bildern sowohl wie 
auf Reliefs — die unzählige Male variirte Er 
scheinung Christi als des Siegers über Hölle und 
Tod (Fig. 26), nächstdem die Auferstehung, die 
Höllenfahrt und das jüngste Gericht. Die Bezie 
hungen zur Erlösungsgeschichte und deren Typen 
im alten Testament werden durch die überall ge 
flissentlich hinzugefügten Bibeltexte verdeutlicht. 
Unter diesen ist besonders wichtig das 63. Kapitel 
des Jesaias, dem auch das so häufige Bild des die 
Kelter tretenden Jesus entlehnt ist, ja die Dar 
stellung des Kämpfers und Siegers Christus, in 
wehendem rothen Mantel mit der Siegesfahne im 
Arme, muss als gradezu durchgehend und typisch 
für jene Zeit angesehen werden. Sehr oft wird 
ferner der Gegensatz zwischen Gesetz und Evan 
gelium zur Veranschaulichung der vornehmsten 
evangelischen Heilswahrheit: der Rechtfertigung 
durch den Glauben, vor Augen geführt. Auch 
die Allegorie und Phantastik findet in diesen Bil 
dern ein weites Feld. Sünden und Laster werden 
durch allerhand Unthiere, die Hölle durch einen 
offenen gähnenden Rachen, die Teufel durch die 
abenteuerlichsten, mitunter recht possierlichen Spuk 
gestalten wiedergegeben *). — Portraitdarstellungen 
zeigen die Epitaphien dieser Zeit zumeist nur 
in den in kleinem Maassstabe gehaltenen Dona 
torenfiguren am unteren Bildrande, das umgekehrte 
Verhältniss, dass die Bildnisse der Stifter und ihrer 
Familienmitglieder die Hauptsache bilden, die 
biblischen Darstellungen in den Hintergrund treten, 
findet sich erst gegen Ende des Jahrhunderts z. B. 
in den grossen Distelmeierschen und Straubeschen 
Familienbildern der Nicolai-Kirche. — Hatten die 
oben erwähnten bildlichen Darstellungen schon 
einen vorwiegend lehrhaften Inhalt, so steigert sich 
derselbe um die Wende des Jahrhunderts noch 
ins Symbolische und Allegorische, wobei sich die 
Gleichnisse der Apokalypse mit Vorstellungen der 
antiken Mythologie einträchtig zusammenfinden. 
Das Hauptdenkmal dieser Richtung und gleich 
zeitig der Spätrenaissance-Kunst in Berlin über 
haupt bildet die Kötteritzschsche Kapelle in 
St. Nicolai mit ihren reich verzierten Epitaphien, 
schmiedeeisernen Gittern und dem Reliefschmuck 
der Wände und Decke. Auch in der Ornamentik 
*) Besonders bezeichnende Beispiele liefern das v. Kanitz- 
sche Epitaphium der Marien-Kirche (1680), das Epitaph des 
Peter Matthias (1552), Christus die Hölle bezwingend und 
das jüngste Gericht v. J. 1557 in der Nicolai-Kirche, von 
Grabreliefs neben dem Fig. 26 dargestellten der Grabstein des 
Gregor Bagras (1549) und des Thomas Matthias (j- 1576) 
ebendaselbst.
        
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