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Full text: Die Bau- und Kunstdenkmäler von Berlin / Borrmann, Richard

Mittelalterliche Kunst. 
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heimischen Kunst-Ueberlieferung, an die man an 
knüpfen konnte, war vor dieser Zeit keine Rede. 
Seihst die rege und fröhliche Kunstblüthe unter 
Joachim II. in der Reformationszeit und unter 
Joachims Sohne und Nachfolger Johann Georg, 
verfloss schnell ohne nachhaltige, die Zeit über 
dauernde Einwirkungen zu hinterlassen. Die Noth 
des dreissigjährigen Krieges zerstörte alle Blütlien 
und Keime und brachte Berlin in das tiefste Elend. 
Eine heruntergekommene und verarmte Bewohner 
schaft, zahlreiche unbebaute Hausstellen — in 
Berlin allein über 150 — war es, was der grosse 
Erneuerer von Stadt und Land beim westfälischen 
Friedensschlüsse vor Augen sah. Seine Regierung 
erst bezeichnet den Anfang einer immer steigenden 
Fortentwickelung, die Berlin im Laufe zweier 
Jahrhunderte nicht nur politisch, sondern auch auf 
dem Gebiete der Kunst zu einer Weltstadt gemacht 
hat. Zwar hatte Berlin schon im Mittelalter, vor 
nehmlich in den Wirren und Drangsalen nach dem 
Aussterben der Askanier, das XIV. Jahrhundert 
hindurch, eine nicht unwichtige Rolle gespielt, 
seine Bedeutung neben der Gunst seiner Lage als 
belebter Handelsplatz zwischen Elbe und Oder, 
einer besonders thatkräftigen unternehmenden 
Bürgerschaft verdankt, allein seine Kunstthätigkeit 
hat niemals seiner politischen Stellung unter den 
märkischen Städten entsprochen. Selbst seine 
kirchlichen Bauten aus jener Zeit tragen ein 
bürgerlich profanes Gepräge. Lichte geräumige 
Hallenbauten, in den Abmessungen keineswegs 
hinter den Pfarrkirchen der Schwesterstädte zurück 
tretend, sind sie aussen wie innen von einer Schlicht 
heit und Sparsamkeit der Ausstattung, die sie mehr 
als Bedürfnissbauten, denn als Denkmalbauten er 
scheinen lassen. Einzig und allein der schöne lichte 
Chor der Klosterkirche, der Kirche des Franzis 
kaner-Ordens (Taf. VI), gehört unter den mittel 
alterlichen Denkmälern Berlins in den Bereich der 
höheren Kunst. Dasselbe Kloster besitzt noch in 
dem zweistöckigen Hallenbau des Meisters Bern 
hard vom Jahre 1474 ein Bauwerk von einfacher 
Schönheit und würdigen Raumverhältnissen (Fig.lB). 
Einen charaktervollen Rest der alten, vor Einfüh 
rung des Backsteinbaues üblichen Granitbau-Tech 
nik bietet der massive Thurm - Unterbau von 
St. Nicolai (Fig. 21) aus dem zweiten Dritttlieil des 
XIII. Jahrhunderts. Der Backsteinbau selber tritt 
zwar in sehr gediegener Ausführung an der Kloster 
kirche zu Tage, gelangt aber nirgends zur vollen 
Entfaltung seiner Mittel, geschweige denn zu so 
charakteristischer Erscheinung wie etwa an der 
| Katharinen-Kirche zu Brandenburg, den Pfarrkirchen 
zu Prenzlau und Königsberg. Mehr oder minder 
reich gegliederte Staffelgiebel zeigten einst die 
1730 zerstörte Petri-Kirche und der alte Dom auf 
dem Schlossplätze, gute einfache Beispiele bieten 
noch heute die Giebelfront der Heiligen Geist- 
Kapelle, sowie die Sakristei von St. Marien. 
Reicher gestaltet in den Formen des XV. Jalir- 
| hunderts ist der Staffelgiebel der Marien-Kapelle 
neben der Nicolai-Kirche, einer Stiftung des 
Küchenmeisters Ulrich Zeuschel vom Jahre 1452, 
mithin schon aus einer Zeit, als Berlin seine Selbst 
ständigkeit durch Friedrich, den zweiten Ilohen- 
zollern, eingebüsst hatte. Von dem künstlerischen 
Unternehmungsgeiste seiner Bewohnerschaft in jenen 
Zeiten legen das um 1460 errichtete, zwar gross- 
räumige, aber bescheiden ausgestattete Langhaus 
von St. Nicolai, sowie der dürftige und unschöne, 
j um 1418 begonnene Frontthurm der Marien-Kirche 
! Zeugniss ab. Zu den spätesten Denkmälern gothi- 
scher Baukunst in Berlin gehören die stattlichen 
mit Sterngewölben bedeckten Säle im Nordflügel 
des grauen Klosters, welche erst kurz vor der 
Reformation in den Jahren 1516 — 1519 entstanden 
sind. — Von Werken der bürgerlichen Baukunst 
hat sich nach Abbruch des alten Berliner Rath 
hauses nichts weiter erhalten, als einzelne dem 
XV. oder Beginn des XVI. Jahrhunderts ange- 
hörige gewölbte Räume in Privathäusem der inneren 
Stadt, von denen in dem betreffenden Kapitel aus 
führlicher die Rede sein wird. — Ausdehnung und 
Ausstattung der ehemaligen Burg Friedrichs II. 
j von Hohenzollern zu Cöln ist uns völlig unbekannt. 
Den einzigen sichtbaren Rest derselben bildet das 
1 Backsteinmauerwerk des grünen Huts an der 
Wasserseite des Königlichen Schlosses. Reich ge 
schmückte Thor- und Thurmbauten, wie so viele 
märkische Städte, hat Berlin, soweit sich aus den 
ältesten Abbildungen seiner Befestigungswerke er 
kennen lässt, nicht besessen. Auch hierin offen 
bart sich in der Beschränkung auf das Nothwen- 
dige eine mehr das Nützliche als das Künst 
lerische erstrebende Auffassung. Selbst in der 
Anlage der Stadt, in den für mittelalterliche Ver 
hältnisse auffallend breiten Strassen, zeigt sich ein 
praktischer Sinn. Strassen wie die Kloster- und 
Breite-Strasse sind auch für moderne Stadtanlagen 
von sehr ansehnlicher Breite, die Maasse der 
Stralau er-, Spandauer- und Königs - Strasse geben 
erst bei dem heutigen so gewaltig gesteigerten 
Verkehr zu Ausstellungen Anlass. 
Das städtische Leben coneentrirte sich auf den 
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