Path:
Zur Geschichte Berlins 4. Die Zeit des grossen Kurfürsten und König Friedrichs I.

Full text: Die Bau- und Kunstdenkmäler von Berlin / Borrmann, Richard

Rückblick auf die Entwickelung des Zunftrechtes. 
91 
hauptsächlich die Handwerker damals den Theil 
der Bevölkerung bildeten, der Schoss zahlte und 
bürgerliche Lasten trug. Denn die grosse Mehrzahl 
der Innungsmeister war durch den Zwang ihrer 
Gewerksstatuten Besitzer eigner und zwar schoss 
barer Grundstücke geworden (S. 49), auf ihnen 
ruhte also die Steuerpflicht. Obwohl nun die Last 
nicht ohne eigne Schuld aufgebürdet war — denn 
die Innungen wollten durch die Verbindung der 
Meisterschaft mit dem Besitze eines Hauses die 
Meisterzahl beschränken — konnte der Magistrat 
doch nicht umhin, die Hauptträger der bürger 
lichen Leistungen zu unterstützen und zwar da, 
wo sie die Unterstützung verlangten, durch den 
Schutz ihres Gewerbebetriebes, durch strenge Auf 
rechterhaltung des Zunftzwanges. Er überliess den 
Innungen, wenn nichtzünftige Personen das Zunft 
recht verletzten, die Vollstreckung der Strafen und 
erhob auch dann keinen Einspruch, wenn seine ge 
richtliche Entscheidung nicht abgewartet oder gar 
nicht erst eingeholt wurde, sondern die Zunft eigen 
mächtig und gewaltsam gegen die Uebertreter 
vorging. 
Die Zunftstreitigkeiten nahmen im 16. Jahr 
hundert und im Anfänge des siebzehnten den 
grössten Theil der Amtsthätigkeit des Magistrats 
in Anspruch. Da das römische Recht sich auf die 
Innungssachen schlecht anwenden liess, so suchte 
man die Parteien möglichst in Güte zu einigen. 
Die Berufung von Entscheidungen des Magistrats 
ging an das Kammergericht, oder der Kurfürst 
wurde gebeten, schiedsrichterliche Urtheile zu ver 
anlassen. Während des dreissigjährigen Krieges 
traten die Ansprüche der Zünfte und das 
Zunftwesen überhaupt in den Hintergrund, und 
nach dem Kriege änderten sich in Berlin die ge 
werblichen Verhältnisse. Handwerk treibende Sol 
daten und durch die Regierung angesetzte freie 
Meister begannen den Werth des Zunftrechtes 
herabzudrücken. Dass die Regierung diese Ver 
letzungen hergebrachter Rechte duldete oder selbst 
herbeiführte, geschah indessen nicht in der be 
stimmten Absicht, das Zunftwesen der Hauptstadt 
umgestalten und dem Handwerk freiere Bewegung 
verstatten zu wollen. Berlin zählte 1659 330 In 
nungsmeister. Sie waren keineswegs wohlhabend, 
denn nur wenige erhoben sich über den untersten 
Steuersatz, trotzdemhing von ihrer Leistungsfähigkeit 
der Ertrag des Schosses, von dem Zustande ihrer 
Häuser die Unterbringung der Garnison ab. Dess- 
halb durfte man nicht daran denken, die Zunft 
einrichtungen und hiermit die Grundlagen des 
Handwerks ernstlich anzugreifen. Da in anderen 
j Städten die Verhältnisse ähnlich lagen, so konnte 
der grosse Kurfürst überhaupt keine allgemeinen 
! Reformen des Innungswesens verwirklichen. Auch 
in den neu entstandenen kurfürstlichen Städten 
i Friedrichswerder und Dorotheenstadt wurde die 
herkömmliche Zunftverfassung eingeführt. 
Nachdem dann aber der Kurfürst gegen das 
j Ende des 17. Jahrhunderts die zahlreichen fremden 
| Gewerbtreibenden, namentlich die Franzosen in der 
Residenz mit ausdrücklichen Vorrechten ausge- 
! stattet hatte, die sich mit den bestehenden Zunft 
einrichtungen nicht vertrugen, musste die Fort 
dauer des alten Zunftrechtes ernstlich in Frage 
kommen. Die Zünfte sollten Mitglieder unent 
geltlich und ohne Nachweis der Befähigung auf 
nehmen und an ihren Vergünstigungen tkeilnehmen 
lassen, andrerseits keinen Einspruch erheben, wenn 
| sie von ausserhalb der Zunft stehenden freien 
Meistern und Händlern in der Arbeit, die ihnen 
| rechtmässig zukam, beeinträchtigt wurden. Die 
Magistrate stellten sich bei den Streitigkeiten, die 
| aus diesen Verhältnissen entsprangen, auf die Seite 
! der Innungen, deren Rechte sie als ihre Obrig 
keit wahrzunehmen hatten. Ueberdies vertheidigten 
sie dabei Bürger gegen Nichtbürger. Die eximirten 
Gewerbtreibenden dagegen wurden durch ihre 
eignen Behörden und durch die Regierung vertreten. 
Die städtische Obrigkeit musste dabei in so vielen 
Fällen nachgeben, dass sie die Innungen bei ihren 
Rechten nur noch ungenügend zu schützen ver 
mochte, zumal es ihr ausserdem an polizeilicher 
Gewalt über die Eximirten fehlte. Die Folge 
davon war, dass die Innungen den Magistrat nicht 
mehr ausschliesslich als ihre zuständige Obrigkeit 
| betrachteten, sondern sich vielfach unmittelbar an 
das Generalkriegskommissariat wendeten, das auch 
mit Umgehung des Magistrats Verfügungen an sie 
erliess. Bei drei der angesehensten Innungen, den 
Fleischern, Brauern und Bäckern, setzte seit 1700 
} anstatt des Magistrats das Gouvernement die Taxen 
fest, Avas nicht zur Stärkung der obrigkeitlichen 
| Stellung des Magistrats den Zünften gegenüber 
| beitrug. 
Die Schwierigkeiten, auf die die Magistrate der 
Residenz bei der Verwaltung des Innungswesens 
jetzt allenthalben stiessen, dazu die Wahrnehmung, 
dass die Durchbrechung mancher Grenzen der 
alten Zunftverfassung der Entwickelung des Ge 
werbes und des städtischen Wohlstandes durchaus 
nicht nachtheilig sei, beeinflussten ihre Grundsätze 
bei der Aufsicht. Man wurde im Anfänge des 
12*
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.