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Band Nr. 13 (101), 20. Mai 1954

Volltext: Stenographischer Bericht (Public Domain) Ausgabe 1954, I. Wahlperiode, Band IV, 89.-116. Sitzung (Public Domain)

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101. Sitzung vom 20. Mai 1954 
Grigoleit 
Wünsche und seine Forderungen anzumelden und vor 
zubereiten. Aber was nützt das, wenn ich sage, es hat 
mich überrascht oder auch befremdet? Darf ich das 
mit einem etwas variierten Dichterwort sagen. 
(Heiterkeit.) 
Es kann der Beste nicht in Frieden leben, wenn es dem 
frommen Nachbarn nicht gefällt. 
(Heiterkeit und lebhafter Beifall bei der SPD. 
— Abg. Swolinzky: Wenn es dem bösen Pad 
berg nicht gefällt!) 
Unsere frommen Nachbarn haben es nun einmal für 
gut gehalten, uns jetzt damit zu überraschen, mit zwei 
Anträgen, von denen wir gehört haben, daß der eine 
aus technischen Gründen und aus einem technischen 
Versehen heraus von dem anderen abgetrennt worden 
ist. Ich weiß nicht, ob ich da nicht gewisse Zweifel 
hegen muß. 
(Zuruf: Ich auch!) 
Denn dieser Antrag über die Änderung des Schul 
gesetzes, die Koedukation betreffend, hat einen § 2: 
Dieses Gesetz tritt am Tage nach seiner Verkündigung 
in Kraft. 
(Abg. Lipschitz: Sehr richtig!) 
Das heißt also: sofort. Das war im Unterschied zu 
unserer Abmachung und unserer letzten Besprechung 
vor vier Wochen, die also eine gewisse Zeit vorsah 
für eine ruhige Überlegung, für Erwägungen des Se 
nats, abgesehen davon, daß der Antrag gesetzestech 
nisch ja ein ganz großer Unsinn ist. 
(Zuruf von der SPD: Natürlich!) 
Das Schulgesetz müßte geändert und nicht ein zweites 
Gesetz gemacht werden. Es müßte heißen: Der § 11 
des Schulgesetzes ist entweder zu streichen oder so zu 
ändern, daß der Zwang zur Koedukation wegfällt. Also 
nicht das Prinzip des Zwanges zur Koedukation! 
(Zuruf von der SPD: Einverstanden!) 
Aus diesem Grunde, weil der Antrag so schlecht 
formuliert ist, Kollege Padberg, und weil er im Wider 
spruch steht zu dem, was wir beschlossen haben, wer 
den wir aus erziehlichen Gründen diesem Antrag nicht 
zustimmen. 
(Große Heiterkeit und lebhafter Beifall bei 
der FDP und SPD. — Abg. Lipschitz: Das 
hilft auch bei Schwererziehbaren!) 
Nun, ich will dem Beispiel des Kollegen Landsberg 
im allgemeinen folgen und auch nicht in eine detail 
lierte Debatte eintreten. Ich möchte aber immerhin 
sagen, daß ich bei dem, was in dem großen Antrag 
hier zum Ausdruck kommt, nämlich die Änderung von 
drei Paragraphen oder, wie es bescheiden heißt, von 
drei Anliegen,' die zu berücksichtigen sind, den Ein 
druck habe: das wesentlichste Anliegen ist das, was 
den kleinsten Raum einnimmt, nämlich Ziffer 3. Sie 
bezweckt 
(Zuruf von der SPD: Ja! — Sehr richtig!) 
die Änderung der ganzen Berliner Schulorganisation 
durch Rückführung der sechsjährigen auf eine vier 
jährige Grundschule, und das andere, die anderen 
beiden Paragraphen, die sind so ein frommer Vor 
spann. 
(Zuruf von der SPD: Die Rahmenkämpfe! — 
Heiterkeit.) 
— Vielleicht auch nicht. — Meine Damen und Herren 
von der SPD! Bitte nicht zu früh jubeln. Frohlocke 
nicht; denn eifersüchtig sind des Schicksals Mächte. 
Voreilig Jauchzen greift in ihre Rechte. Den Samen 
legen wir in ihre Hände. Ob Glück, ob Unglück auf 
geht, lehrt das Ende. 
(Heiterkeit.) 
Ich darf also sagen, lieber Kollege, daß hier man 
ches angesprochen wird, was auch in unseren Kreisen 
ein Echo findet und finden wird; bloß wir brauchen 
auch Zeit, um das einmal zu erörtern und zu disku 
tieren. Aber ich darf darauf hinweisen: für uns war 
die sechsjährige Grundschule und die Differenzierung 
in drei echte Zweige nicht bloß ein mathematischer oder 
arithmetischer Kompromiß zwischen acht- und vier 
jähriger Dauer, sondern es war für uns auch eine 
echte Konzeption, die wir gründlich erwägen müssen, 
wenn wir sie damals auch unter dem Gesichtspunkt der 
Dreiparteienkoalition getroffen haben, und Sie würden 
es uns schwerer machen, meine Herren von der SPD, 
von dieser Konzeption abzurücken, wenn Sie damals 
ihr zugestimmt hätten. Das haben Sie aber bei jener 
ersten Novelle zum Schulgesetz nicht getan, sondern 
haben uns zu einer Kampfabstimmung .genötigt, die 
wir mit unserer geringen Mehrheit durchsetzten, so 
daß wir eigentlich sagen können: nun sind wir frei 
in der Entscheidung. 
(Abg. Swolinzky: Nun schlagen Sie Ihr 
eigenes Kind tot!) 
Wir werden aber diese unsere Freiheit nicht miß 
brauchen. Wir werden uns vor allen Dingen bewußt 
sein, daß die Schwierigkeiten eines Abgehens von der 
sechsjährigen zur vierjährigen Lösung niemals so groß 
sind wie gerade in dieser Zeit und in den nächsten 
Jahren. 
(Sehr richtig!) 
Denn wir haben auf Grund der Bevölkerungsstruktur, 
die ja doch diese großen, übergroßen Jahrgänge der 
Kriegs- und Nachkriegszeit durch unsere Schulen 
gehen läßt, jetzt die starken Jahrgänge in der Ober 
schule und in den beiden Jahrgängen der Grundschule 
im fünften und sechsten Jahr, um die es also geht. 
Wir stehen auch noch unter der Geburtenhäufung 
jener Jahre, während danach normalisierte, ja teilweise 
durch die Katastrophe sogar eingeschränkte Grund 
schuljahrgänge folgen. Wollte man das also jetzt, sei 
es im Oktober, sei es aber auch nächste Ostern, Wirk 
lichkeit werden lassen, dann würde man die Ober 
schulen aller Art zum Bersten bringen und die Grund 
schulen leermachen, da, wo wir jetzt also vor allem 
Räume geschaffen haben. Sie werden sich erinnern, es 
war in der Hauptsache der Neubau von Grundschulen, 
und diese würden wir entleeren und sie in die Ober 
schulen stecken, wo wir keine Räume haben, aber auch 
zur Zeit keine Lehrer. Denn es gibt keinen Studien 
ratnachwuchs, der jetzt greifbar ist; es dauert eine 
Reihe von Jahren, bis aus den Referendaren, die von 
unserer Universität und von anderen Hochschulen ent 
lassen sind, erst durch pädagogische Ausbildung eini 
germaßen erfahrene Lehrkräfte zur Verfügung stehen, 
und ich halte es nicht für richtig, zu sagen: nun, dann 
lassen wir die Klassen zunächst einmal in der Grund 
schule, nehmen sie nur organisatorisch heraus und 
unterstellen sie dem Leiter, dem Direktor der nächsten 
höheren Schule, und die Lehrer lassen wir auftrags 
weise, auch die Grundschullehrer, als abgeordnet da 
weiter unterrichten. Nein, das wäre pädagogisch un 
verantwortlich, und darum bin ich immerhin zufrieden, 
daß die Antragsteller den Weg gewählt haben, die 
eigentliche Arbeit und Verantwortung dem Senat zu 
nächst einmal zuzuwälzen. Es ist immerhin auch eigen 
tümlich, wenn nämlich ein Gesetzgeber — das ist das 
Abgeordnetenhaus — nun nicht etwa sagt: Das Ab 
geordnetenhaus wolle beschließen, sondern die merk 
würdige Formel wählt: Der Senat wird beauftragt, das 
Schulgesetz im Sinne folgenden Anliegens einer Revi 
sion zu unterziehen. Als wenn der Senat eine obere 
Instanz wäre, die das Urteil der unteren revidiert! 
Es muß natürlich heißen und ist wahrscheinlich auch 
so gemeint: Der Senat möge eine Gesetzesvorlage 
machen, die die folgenden Anliegen berücksichtigt. 
Und wenn der Senat das tut, dann wird diese Aufgabe 
natürlich in der Hauptsache dem Senator für Volks 
bildung zufallen. Allerdings möchte ich dazu sagen, 
daß auch der Senator für Finanzen dabei zu beteiligen
	        
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