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Berliner Illustrirte Zeitung.
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IXXXV
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Spanische Tänzerinnen.
Nach dem Gemälde von L. v. Langenmantel.
7. Fortsetzung 2— —— Machdruck verboten.)
Copr. 1910, “y dustein & Co.
* nie wäre ich von ihm gegangen!“ sagte Auguste. „Und was
Du auch sagst, und was auch gewesen wäre, — nee, nu grade
N nichl!“. Das war wieder die alte eigensinnige Auguste; aber
j dann weinte sie wie eine betrogene Frau. „Aber daß er 'ne
andere poussiert, nein, das lasse ich mir nich gefallenl Das
—Diut er mir an? S und ich habe mich doch nie beklagt!“
Nein, weiß Gott, das hatte sie nichtl Erschüttert sah die Mutter in der
Tochter Gesicht.
Dieser paschke, so ein Lumpl! Johann und Goittfried hatten ganz recht.
Zott sei Dank, daß sie dem noch nicht das Geld gegeben hatte, Augustens schönes
Beld — nun war das wenigstens gerettet! Die Badekow beruhigte sich, aärtlich
treichelte sie der Tochter verweintes Gesicht.
Das schien Auguste gut zu tun. Ruhiger sagte sie jetzt: „Da bin ich aus
er Stube gerannt. Hätte er mich noch um Verzeihung gebeten, aber i wol Da
abe ich mir die Pelerine umgeworfen, rasch den Hut auf, und dann bin ich
veg. Raus aus'm Tor und raus aufs Feld —, wo sollte ich denn hin?! Ich
abe erst gar nicht gemerkt, daß ich nur Hausschuhe anhatte. Erst im Feld,
ils es so quatschte. Stockdunkel war's auchl“·
„Jesus, Aujustel!“ Hanne Badekow rang die Hände. „Und da biste nich
chnurstracks nach Hause jelaufen?“
„Nein!“ Auguste schob die Brauen zusammen, sie hob den Kopf und sah
die Mutter vorwurfsvoll an. „Du hattest mich ja auch in'n Stiche gelassen.
Und denn die anderen — ach, die haben so schon immer auf ihn geredet!“
„Jotte doch, Aujuste, da denke doch jetzt man nich dran. Kind, Kind, was
hätte Dir allens passieren können nachts in det dunkle Feld! Erst vor kurzem
soll da einer umjebracht sind!“ Es schauderte die Badekow noch.
Aber Auguste lächelte mit blassen Lippen: „Hätte mich man einer um—
jebracht!“ Und dann schrie sie wieder: „Mutter, Mutter!“
Es war ein Jammer. Auguste wollte niemanden sehen, sie war ganz ver—
cheucht. Mit verstörten Augen sah sie sich um: „Es kommt doch niemand?“
Die Mutter hatte Mühe, sie zu beruhigen. Nein, es kam kein Mensch, es
war ja noch viel zu früh:
„Und Mieke?“ Auguste riß verängstigt die Augen auf: auch die konnte sie
ietzt nicht sehen, nein, oh nein!
„Mieke is jar nich zu Hause. Sie is vei Mariannen.“
Nun erwachte doch eine Verwunderung in Auguste. „Was tut sie denn da?“
Da sagte die Badekow schnell — es mußte Augusten ja doch einmal gesagt
ein —, „Mieke hat — Mieke hat ein Kind gekriegt — heute vor vierzehn Tagen!“
„Was?!“ Auguste schnellte vom Stuhl empor, auf dem sie so matt gesessen
atte; nun war sie auf einmal nicht mehr matt. Ihre Augen glübten. „Mieke
zat ein Kind gekriegt — Mieke?! Und ich —?!“ Sie streckte die Arme aus,
ils wollte sie es an sich reißen. „Dann wäre es nie so gekommen, nie! Die
jat eins?!“ Es überkam sie eine förmliche Wut.
„Aber es is tot,“ sagte Hanne Badekow ernst. „Es hat nur 'n paar Tage
elebt. Es war ja man so schwachl“
„Was det nur is mit meine Kinder?“ sagte die Badekow bekümmert zum
Doktor. Sie hatte sich nun auch für Auguste Doktor Hirsekorn kommen lassen
— der wußte ja doch nun mal allesl Und mochte sich Doktor Schmitt auch
arüber beklagen, daß man ihm den Berliner Arzt vorzog, es war darin so wie
n allem anderen: Berlin kriegte die Oberhand. Und der Berliner Doktor
erstand was, er hatte die Mieke gut behandelt in ihrer schweren Stunde. Es
zing mit ihr so weit wieder gang gut; Marianne wollte sie nur noch ein bißchen
abehalten, denn sie bekam jetzt mitunter Stunden, in denen sie anfing, laut
u weinen; sie hatte eine so kindische Freude an dem Püppchen gehabt.
Die alte Badekow seufgte: „Sagen Se bloß, Herr Doktor, is et denn
chlimm mit Aujusten?“—
Er konnte sie völlig beruhigen: nein, es stand nicht schlimm mit Frau
zaschke. Es war nur der natürliche Rückschlag nach einer großen Aufregung.
dazu kam noch eine Erkältung, die sie sich jedenfalls zugezogen hatte bei ihrem
Imherirren in den dünnen Schuhen auf dem nächtlichen Feld. „Ich habe ihr
in beruhigendes Mittel verschrieben. Und dann lassen Sie sie jedenfalls nog
in paar Tage im Bett!“
„Ja, aber —“ die Badekow schüttelte den Kopf — „ich weiß doch nich, Herr
doktor, wie det mit meine Kinder zujeht! Sie sind doch nich jang so, wie se
ein sollten; nich alle. Der Johann is ja'n kreugzbraver Mensch, aber mein
Nann war bedeutend heller. Und der Jaktob ist so fahrig, hat bei nichts nich
zestand. Und die Aujuste — na, Sie kennen ihr ja nu. Un denn die Miekel!
Nanchmal denke ick, ick bin jar nich so unjlücklich mehr, det der Willem dot is.“
ẽs zuckte in ihrem Gesicht, aber dann lächelte sie ein klein wenig wie in Rück—
rinnerung früherer Zeiten: „Badekow war doch damals so'n strammer,
esunder Mensch, un ick — na, ick war ooch nich von Pappe damals. det könn'n
Se jlooben!“
„Will ich gerne glauben!“ Hirsekorn lachte. „Sie sind ja noch jetzt 'ne
tramme Frau. Von der heutigen Generation macht Ihnen das keine mehr
ach. Aber, Frau Badekow,“ — er legte ihr die Hand auf die Schulter —,
hier in Tempelhof ist zuviel untereinander geheiratet worden. Nicht immer
ieder in die Sippe rein, das tut auf die Dauer nicht gut! Die Lengnicks, die
ietzows, die Lüdeckes, die Schellnacks, die Badekows und wie sie alle heißen.
ind die denn nicht alle miteinander blutsverwandt, näher oder ferner?!“