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Full text: Berliner Adreßbuch (Public Domain) Issue1936 (Public Domain)

Und man darf heute beinahe sagen, daß sie es gut verstanden 
hat, den Inhaber und den Verkäufer zu einem selbstverständ¬ 
lichen „Dienst am Kunden" zu erziehen. Ihr unbestechlich prak¬ 
tischer Sinn schätzt gern schnell Wert und Unwert ab; sie hat 
es deshalb fertiggebracht, den Glaubenssatz der Qualität und 
der Leistung den Schaffenden und auch den Verkaufenden ein¬ 
zuhämmern. Sie wünscht Entgegenkommen und verlangt eine 
gewisse „Würdigkeit“ des Preises; man mußte diesem Willen 
nachgeben. Sie hat es auch durchgesetzt, erst in vielen Geschäf¬ 
ten vergleichen zu können, um sich das Beste herauszusuchen, 
und unsere Geschäftswelt hat sich diesem Grundsatz bedin¬ 
gungslos gefügt. In den Vorkriegsjahren ging sie noch beschei¬ 
den „schaufenstern" — wie sie es nannte — jetzt hat sie die gute 
Mode des Auslandes mit übernommen und liebt das sogenannte 
„Shopping“, das Geld und Ärger erspart. 
Nach diesen Grundsätzen hat sie den Verkäufer der Berliner 
Geschäfte dazu erzogen, geduldig und freundlich hunderterlei 
Dinge zu zeigen, vorzuführen und anzuproben, um dieses ge¬ 
rechte „Ich werde es mir überlegen" mit einem freundlichen 
Lächeln zu quittieren. „Aber selbstverständlich — es bleibt alles 
unverbindlich, gnädige Frau!“ — das ist ungefähr der immer 
wiederkehrende Satz gut aussehender und gepflegter Berliner 
Verkäuferinnen. Aus diesem Grunde haben verschiedene 
Spezialgeschäfte und größere Häuser häufig wechselnde Aus¬ 
stellungen eingerichtet, die 
jedem Käufer Gelegenheit 
geben, sich in aller Ruhe zu 
orientieren. Wer einmal in 
dem hellen Schein des Tages 
oder in dem flutenden Licht 
des sprühenden und funkeln¬ 
den Geglitzers der Großstadt 
diese Augen Berlins betrach¬ 
tet und seine Geschäfte ge¬ 
prüft hat, wird wissen, daß 
eine Wahrheit hinter diesen 
Worten steht. 
Außerdem hat man in der 
Metropole des Landes eine 
zweite unumstößliche Er¬ 
kenntnis gefunden und nach 
ihr zu handeln versucht. 
Man weiß hier, daß stets 
das Wie entscheidender ist 
als das Was. Zum schönen 
Inhalt gehört zwangsläufig 
die schöne Form, um Voll¬ 
endung und Harmonie zu er¬ 
reichen. In den großen Ge¬ 
schäften arbeiten deshalb her¬ 
vorragende Künstler, die 
Formen und Farben in den 
Schaufenstern auf das genau¬ 
este gegeneinander abwägen, 
um größte Wirkungen zu erzielen. Von jeher legten die Läden 
Münchens unbewußt ein starkes Zeugnis von dem Farben¬ 
sinn und dem Gefühl für dekorative Wirkung, das den 
Süddeutschen eigen ist, ab; diese in jener Beziehung bisher 
unerreichte Stadt übertrifft jetzt Berlin kaum noch. Der 
ständige Eifer, die Heranziehung namhafter Künstler haben 
den Wettstreit dieser Städte auf das freundlichste beigelegt. 
Berlin hat, auch ohne die vorbildliche Tradition Münchens zu 
besitzen, jetzt die gleiche Großzügigkeit der Auslage erreicht. 
Es ist interessant, daß selbst die weltbekannte und originelle 
Puppenbildnerin Käte Kruse sich in den Dienst dieser guten 
Sache gestellt hat. Sie wird mit ihren echten Schaufenster¬ 
puppen eine ebensolche Umwälzung des allgemeinen Ge¬ 
schmacks hervorrufen, wie sie es vor einem Vierteljahrhundert 
mit ihren Puppenkindern getan hat. Das eben ist es, was wir 
sagen und ausdrücken möchten: Entwicklung und Leben, 
Gegenwart und Zukunft stehen hinter den Spiegelscheiben der 
Geschäfte, und jeder, der Augen hat zu sehen, wird das ohne 
weiteres erfassen und begreifen. 
Die Frau, die Berlins Straßen der Innenstadt, die Friedrich-, 
Leipziger und Potsdamer Straße, oder im Westen den Kur¬ 
fürstendamm oder die Tauentzienstraße oder im Zentrum die 
Gegend um den Alexanderplatz durchwandert, wird ohne Mühe 
das Leben der Stadt in seinen verschiedenen Bezirken und Be¬ 
dürfnissen erkennen, wie sie auch den Wunsch der Frauen 
und ihre Bedeutung für die Gesamtheit feststellen kann. 
In diesen Brennpunkten der Stadt kauft aber nicht nur Berlin 
— hier kauft ganz Deutschland und •— hier verkauft ganz 
Deutschland. Denn das, was 
hier gestapelt oder ausgebreitet 
liegt, ist eine imposante Erzäh¬ 
lung von vieler Arbeit und vie¬ 
lem Schaffen. Deutsche Indu¬ 
strien mühen sich, um mit ihren 
surrenden Rädern den Lebens- 
atem eines 60-Millionen-Volkes 
zu erhalten. 
Aus allen Gegenden des Landes 
schickt man berühmte und er¬ 
probte Erzeugnisse. Da sind 
die Lederwaren aus Offen - 
bach, Schuhe aus Magdeburg, 
Schmuck aus Pforzheim, da 
liegen die Seiden und Samte, die 
man in Krefeld webt. Band¬ 
wirker und Blumenmacher fin¬ 
den in Deutschland noch heute 
ein karges Brot, wer aber die 
Schönheit jener künstlichen 
Blüten sieht, vergißt beinahe, 
daß die Hände, die diese kleinen 
Kunstwerke schufen, hart um 
den Lebensunterhalt ringen 
müssen. „NürnbergerTand“ — 
man hat das so oft ausgespro¬ 
chen, daß es zum Sprichwort 
wurde, und doch denkt bei dem 
Spielzeug kaum noch einer dar¬ 
an, wo seine Hersteller leben. Im Erzgebirge und in Thü¬ 
ringen arbeiten mit den Eltern Kinder für Kinder; die holz- 
geschnitzten Spielzeuge berichten viel von der kindlichen 
Sehnsucht nach schlichten und schönen Formen. Spitzen und 
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