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Band V. Vororte von Berlin Berlin=Friedenau

Volltext: Berliner Adreßbuch (Public Domain) Ausgabe 1919 (Public Domain)

Nr. 9 
Jatirg. 27 
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Da Donna IsabeUa, der Gattin von Franz, ein Junge versagt 
geblieben, tat sie alles, um Mutter eines Knaben zu werden. 
Sie nahm unter anderem täglich ein Pulver, das ein spanischer 
Arzt ihr für den Zweck verschrieben. Aber das Pulver nutzte 
nichts, denn Franz ignorierte die Gattin in jeder Beziehung. 
In ihrer Verzweiflung, wandte sich Isabella, etwas Liebe 
flehend, an Franzens Bruder, an den Kardinal Ferdinand. Dieser 
liebte im Stillen längst die Schwägerin und er haßte den 
Bruder, weil er ihm nicht mehr die 
Schulden bezahlen wollte. 
Kurzum, Don Philipp kam zur 
gleichen Zeit zur Welt wie Don 
Antonio, und Franz bildete sich 
ein, auch hier der Vater zu sein, 
indem ihm Isabella mitteilte, er, 
der Gatte, habe sich ihr eines 
Nachts im Rausche vom Falerner 
genähert. 
Eines Tages gerieten die Damen 
heftig in Streit und da die beiden 
Jungen das gleiche Tragkissen 
muster besaßen, so spielte der Zu 
fall eine unangenehme Rohe. Die 
Mütter erkannten ihre Kinder, die 
sich wie alle Babys sehr ähnlich 
sahen, nicht mehr von einander, 
denn die Ammen hatten sich 
wegen des Streites zurückgezogen. 
Isabella schrie, daß Antonio ihr 
Knabe sei, während Bianca das 
selbe behauptete. Fast hätten die 
Damen zum Dolch gegriffen, da 
erschien Franz. Er befahl, daß die 
Kinder gemeinsam von einer Gou 
vernante inskünftig zu erziehen 
seien und trennte die Streitenden, indfem er Philipp von An 
tonio ebenfaEs nicht zu unterscheiden vermochte. 
„Ich bin der Vater“, sagte er selbstherrlich, „das ist ein 
mal nun sicher.“ 
Da schwiegen die Frauen, denn sie waren sich ihrer Schuld 
bewußt; jede nach ihrer Art. Franz aber lächelte, als er in 
der Nacht im Bette lag und darüber nachdachte, daß beide 
Söhne ihr Leben ihm verdankten und keinem Anderen . • . 
Der spanische Qe.sand.te. 
Noch im Jahre 1799 war es Sitte, den Busen ganz offen zu 
tragen. Eine Dame der GeseUschaft war sehr dekolletiert und 
trotz der sonst zur Schau getragenen Prüderei nahm kein 
Mensch Anstoß an ihrer „Offenherzigkeit“. 
Die Herren besaßen nicht die Lüsternheit der Jetztzeit, und 
kein Staatsanwalt opponierte, wenn ein Mode- oder Zcit- 
schriftenbild mit einer halben Eva in Frankreich oder Deutsch 
land erschienen war. Es war eben Mode und so Mode. 
Nun kam aus Spanien, das immer den Ruf der Sittenstrenge, 
wenn auch der verlogensten, besaß, der Gesandte an den Hof 
eines deutschen Duodezstaates. 
Es war große Fete, denn der Fürst woüte ein Bündnis feiern, 
das er mit seinem Nachbarstaate abgeschlossen hatte. Die 
Damen tanzten Menuett und Gavotte. Ihre schneeweißen 
Glieder leuchteten unter dem 
KristaE-Leuchter, und der Spanier 
zitterte vor Erregung in einer 
stillen Ecke. Im Geiste huschten 
Liebesgötter um ihn herum und 
er schloß selig die Augen. 
Nachdem der Zauber vorüber 
war und er mit dem Fürsten bei 
einem Glas Champagner saß, nahm 
sein Gesicht die Steifheit einer 
Herzog-Alba-Visage an. 
„Durchlaucht“, sagte er, „es ist 
eine Schmach, wie die deutschen 
Damen an Hoffesten herumlaufen.“ 
„Wieso?“, fragte erstaunt der 
Fürst, „Sie tun ja nichts Böses, 
diese Frauen.“ 
Der Spanier sah ihn starr an: 
„Aber sie erregen Lüsternheiten 
und solche erzeugen böse Taten.“ 
Und plötzlich fuhr ihm das Wort 
’fj i,, heraus: „Ich bin ein Südländer, 
— i c h habe Temperament; bestimmen 
Sie eine Frau, mit der ich zärtlich 
sein kann.“ 
Der Fürst besann sich und 
lächelte . . . 
„Morgen früh!“, erklärte er und am anderen Tage besteEte 
er den Spanier an die Weser in eine Frauen-Badeanstalt, 
Bei einem Astloch soEte er entscheiden, welche der Schönen 
ihm am besten gefiele. Die Damen waren nicht zurecfatgemacht, 
nicht gepudert, nicht geschminkt. Sie stiegen in die Weser. 
„Das sind die Frauen von gestern?“, entsetzte sich der Ge 
sandte. Er hielt sich die Augen zu. „Jammer! Jammer!“ 
„Ich fahre sofort nach Spanien, zu den zugeknöpften Anda- 
lusierinnen“, entschied er. „Wie konnte ich nur eine so er 
regte Nacht nach dem BaE Euer Durchlaucht erleben?“, 
fragte er, 
Durchlaucht war ein Philosoph: 
„Das machen die zugeknöpften Damen am Ebro. . . Durch 
sie erscheinen unsere halboffenen Hoffräulein als Venusse . . . 
und als was entpuppten sie sich nun, ExzeEenz?“, fragte 
Durchlaucht. 
Jener erwiderte hart und fast ungezogen: „Als ungewaschene, 
badende, zweibeinige, deutsche Säugetiere.“ 
HIMMEL ODER HÖLLE? 
Ein Mann, der ungLückLich verheiratet war, Lammt in den 
HimmeL. Er soff drohen auch etnmaL etwas Schönes erLehen. 
Per aspera ad astra. 
* 
Ein Mann, der gLückLich an der Seite seiner Trau dahin * 
Lebte, soff den TeufeL in der Höffe kennen Lernen. Gerechtigkeit 
muß sein. 
Ein Mann, der nie verheiratet war, kommt in die Höffe 
Er hat zuvieL HimmeL auf Erden genossen. 
* 
Ein Mann, der zum zweiten oder dritten MaL sich verheiratete 
darf nach dieser EntgLeisung ein paar kLeine EngeL im HimmeL 
wohL kennen Lernen, er muß aßer für seine Trauen • Sehnsucht 
den Kopf mindestens einmaL in das Höffenfeuer stechen. E.H.5
	        
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