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Band Nr. 37, 14.06.1890

Volltext: Der Bär (Public Domain) Ausgabe 16.1890 (Public Domain)

Unter Mitwirkung 
t. Deringrrrsr, F. Dudorios, Thcsdrrr Frrntane, Stadtrat 
Gymnasialdirektor vr. M. gtdjntarij und Ernst von MikdLntrrurt) 
herausgegeben von 
Oskar Krhrvekol und Hans Kronwicke. 
XVI. 
Jahrgang. 
M 37. 
Erscheint wöchentlich am Sonnabend und ist direkt von der Geschäftsstelle (Berlin X., Schönhauser Allee — 
Lernsxrechstelle IHa, 8^so), sowie durch alle Postanstalten (No. 6ys), Buchhandlungen und Zeitungsspeditionen fiir 
2 IW. 50 Pfg. vierteljährlich zu beziehen. 
11. Juni 
1890. 
Elise von der Recke und Graf Cagliostro. 
Eine geschichtliche Darstellung von Fr. r. Hastonstanson. 
(Fortsetzung.) 
a as Hochzeitsfest des Herzogs von Kurland wurde mit echt 
fürstlicher Pracht gefeiert. Die Trauung fand in der 
Schloßkapelle statt, und zwar hatte sich der Bräutigam den 
Scherz erlaubt, seiner jungen Braut nicht zu sagen, daß eine 
große Gesellschaft dazu eingeladen war.*) Als die Ceremonie in 
dem engsten Familienkreis und in feierlichster Stille vollzogen 
war, öffneten sich die Thüren der Kapelle und das Brautpaar 
trat in den hellerleuchteten Saal, wo es die Glückwünsche der 
Versammlung wie eine Huldigung entgegennahm. 
Die kindliche Dorothea als regierende Herzogin zu be 
grüßen, war für alle ein ergreifender Allgenblick. Das schöne 
glückstrahlende Wesen ahnte nicht, wie bald dunkle Wolken 
seinen Horizont verhüllen würden! 
Elise betrachtete die geliebte Schwester mit Wehmut, sie 
wußte es, daß die Ehe gleichsam die Pforte zu den Kämpfen 
des Lehelis ist. 
Unter der bunten vornehmen Gesellschaft fiel die eiilfache 
demütige Erscheinuilg eines jungen Mannes auf, der. zuni 
letztenmal iin Schloß sich zeigte, denil er wollte Abschied 
nehmen von seiner hohen Schülerin, die bis dahin am Klavier 
von ihm unterrichtet ward; Gustav Parthey hieß er. AIs 
Hauslehrer und Reisebegleiter des verstorbenen jungen Grafen 
hatte er sich die Gunst der ganzen Faniilie erworben. Auch 
Elise betrachtete ihn wie einen wirklichen Freund und nahm 
sich vor, ihn zuweilen wiederzusehen; er war im Begriff nach 
Berlin zu reisen, wo er im Hause des Schriftstellers und 
Buchhändlers Nicolai eine Anstellung erhalten sollte. 
Nach mehreren Jahren sah Elise ihn dort wieder, wie 
später noch näher mitgeteilt werden soll. Aber er übte 
*) Historisch, wie alle hier mitgeteilten Thatsachen. 
gerade im letzten Augenblick einen wichtigen und wohlthuenden 
Einfluß auf seine freundliche Gönnerin und aufrichtige Freundin 
aus; er sagte ihr beim Abschied leise und eindringlich: „Ich 
bitte Sie herzlich dem Grafen Cagliostro kein Vertrauen zu 
schellken, ich habe Gründe zu vermuten, daß er ein Betrüger ist. 
Als ich mit dem verstorbenell jungen Grafen in Straßbilrg ivar, 
hörte ich schon viel Sonderbares und Abschreckendes über ihn." 
Während Parthey mit Elise redete, schweifte ihr Blick 
durch den Saal und haftete einen Augenblick forschend auf dem 
Manne, vor dem sie so wohlmeinend gewarnt wurde. Er 
stand weit entfernt von ihr, dennoch traf sie ein Strahl seines 
dunklen, blitzenden Auges, er hatte sie offenbar beobachtet. 
Als sie mit einem wannen Händedruck sich von Parthey 
verabschiedet hatte, hörte sie Cagliostros klangvolle Stimme 
hinter sich: 
„Ich bin ein Seelenleser, ich sehe in Ihrem so plötzlich 
umwölbten Antlitz, daß Sie etwas betrübte; sagen Sie es mir 
— vielleicht sprach der junge Mann soeben nachteilig von mir? 
Sie mißtrauen mir und niachen mich dadurch wirklich unglücklich." 
„Warum legen Sie so großen Wert auf mein Urteil, 
ich vermag es ja nicht Ihre Unternehmungen zu unterstützen," 
sagte Elise ausweichend. 
„Alles vermögen Sie,- denn nur die Haud eines Ideals 
der weiblichen Reinheit, wie Sie es sind, kann mich leiten, 
wenn ich den Stürmen entgegentrete, die auf der dornigen 
Laufbahn zum Glück gegen mich antoben. Reichen Sie mir 
diese schöne Hand und siegreich führe ich uns beide durch das 
Sturmgebraus, wie jetzt durch den Strudel des wilden Tanzes." 
Damit ilmschlang der Graf die zarte Gestalt und zog sie ge 
waltsam -in die Reihen, die sich eben zu einem stürmischen 
Mazurek aufgestellt hatten.
	        
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