44
Reflation. Große Componi'sten haben Musik, die zu
Gedanken wird, Berlioz hat Gedanken, die zu Musik
werden. Alles, was in ihm reif und fertig wird, macht
er zu Musik; Musik fängt erst da bei ihm an, wo
sie bei Andern aufhört. Andere nämlich machen Musik
aus dem, was unreif und unfertig, was ohne Gestalt,
erst in Musik sich zu gestalten sucht; Berlioz hat
Gestalten, Formen, Figuren, die sich umgekehrt erst in
der Musik wieder aufzulösen suchen. Ich möchte
sagen: Andere bauen in der Musik, Berlioz zer
trümmert in der Musik.
Jedenfalls ist Berlioz eine eigenthümliche Er
scheinung unserer Zeit. Er will Dichter und Maler
zugleich mit dem Musiker sein. Er malt Dekorationen:
Berge, Wälder, Seeen, Thäler, Hütten, Paläste; er
malt sie bei allen Beleuchtungen: Sonn'- und Mondcn-
schein, Morgen- und Abendlichl; er dichtet Tragödien,
Dramen und Lustspiele, die unter diesen musikalischen
Dekorationen in musikalischer Sprache, in Versen und
Prosa, dargestellt werden sollen; aber er malt und
dichter leider nur so lange, so lange er eben nicht mu-
sicirt, so lange Dichter und Maler nicht Musiker
werden. Dichter und Maler bauen eine unsichtbare
Welt in ihm, in der Musik hören wir nur wie sie
auseinander fällt.
Dennoch aber, oder eben deswegen vielmehr, liegt
etwas Großes, etwas Gewaltiges in seinen Compost-
tionen, das wunderbar anzieht und sesielt, wenn es
auch nicht wohlthut, erhebt und begeistert. Man
schwindelt manchmal bei seiner Musik und steht wie
in ein Chaos, in dem Harmonie und Disharmonie,