69. Sitzung vom 13. März 1970
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Löffler, Senator für Schulwesen: Ja, vielen Dank,
Herr Präsident, ich schließe meine Betrachtung ab.
Niemand erwartet von mir hier, auch nicht die Oppo
sition, daß ich im Blick auf in der Öffentlichkeit statt
findende Diskussionen für den praktischen Bereich der
Realisierung der Konzeption Ausführungen mache. Hier
wird mir jeder die Chance geben, zu einer nüchternen
Bestandsaufnahme zu kommen. Ein entsprechender
Senatsbeschluß liegt vor. Nur eins steht fest, und hier
wiederhole ich am Abschluß meinen Beitrag aus der
Haushaltsdebatte des vergangenen Jahres: In den ver
gangenen sieben Jahren hat sich die Gesamtschüler
zahl in diesem Land um 4,4 Prozent erhöht und die
Gesamtlehrerzahl um 15,1 Prozent. Wenn man diese
Zahlen nüchtern sieht, kann man nicht zu Folgerungen
kommen, wie in der öffentlichen Diskussion gelegent
lich geschehen, als ob wir aktuell vor einer kritischen
Situation stünden. Die Probleme der Zukunft werden
wir gemeinsam, dessen bin ich sicher, in den sachlichen
Erörterungen dieses Hauses meistern. — Schönen Dank.
(Beifall bei den Koalitionsfraktionen.)
Präsident Sickert: Das Wort hat Frau Abgeordnete
Dr. Besser.
Frau Dr.Besser (CDU): Herr Präsident! Meine sehr
verehrten Damen und Herren! Ich darf gleich zu einem
ein paar Worte sagen. Wir arbeiten als Fraktion, egal
wie die Person heißt, mit jedem zusammen in diesem
Hause, der die praktischen Probleme der Schule zum
Wohle dieser Stadt löst.
(Beifall bei der CDU.)
Dahingehend ist auch unsere Presseerklärung zu Herrn
Löffler zu verstehen. Sie haben recht, Herr Senator
Löffler, in diesem Hause hat es in kritischen Phasen
immer ein Einvernehmen gegeben. Wenn der Ex-Schul-
senator Evers die Berliner Schule als ein sinken
des Schiff dargestellt hat in den vergangenen Tagen,
ist dazu zu sagen, die Ratten verlassen das sinkende
Schiff, der Kapitän geht zuletzt.
(Beifall bei der CDU.)
Ich bin genau der Auffassung in diesem Fall wie die
Regierungsfraktion, daß die kritische Situation im Bil
dungsbereich, die hier zum Teil dargestellt worden ist,
nicht besteht. Ich bin aber der Meinung, daß hier poli
tisch eine sehr kritische Situation entstanden ist. Wie
weit sie bewußt herbeigeführt worden ist von demjeni
gen, der das Problem in dieser Form angefaßt hat, wird
sich hier an dieser Stelle nicht klären lassen. Sicher ist
eins richtig, was der Herr Finanzsenator gesagt hat,
man kann nicht zu gleicher Zeit fünf Reformprogramme
in dieser Stadt abwickeln, aber bitte sehr, das ist ein
Problem des Gesamtsenats. Hier geht es um die Koordi
nation, und hier, für diese Koordination, ist der Regie
rende Bürgermeister dieser Stadt verantwortlich. Hier
hat er unseres Erachtens versagt. Es gibt keine Frage
darüber, und das stelle ich ausdrücklich fest, daß der
ausgeschiedene Schulsenator Evers sehr fruchtbare
Denkansätze für die Schule des Jahres 2000 geliefert
hat. Er hat aber unseres Erachtens versagt bei den
Problemen der Berliner Schule von heute. Hier ging es
um ganz aktuelle, weitgehend auch verwaltungsmäßige
Fragen, die — ohne weiteres zugegeben — vielleicht
dem Theoretiker Evers nicht so lagen. Auf diesem Ge
riet sind aber erhebliche Versäumnisse zu verzeichnen,
•'•hr haben in den vergangenen Wochen genügend
borgen gehabt — das wissen alle Beteiligten —, in ganz
bestimmten Schulbereichen, in denen zu Recht Schwie
rigkeiten auf getaucht sind, die hätten vorhergesehen
werden müssen, oft genug angemahnt worden waren
und bis in die jüngste Zeit immer wieder geleugnet
orden sind; wobei ich klar und deutlich sagen will,
uaß hier ganz offensichtlich — soweit ich das zu über
sehen vermochte — auch bestimmte Schwierigkeiten —
p einungswiderstände — zwischen der Verwaltung und
oem Schulsenator aufgetaucht sind.
Daß die mittelfristige Finanzplanung eine Zielrich
tung angibt für die Regierungspolitik, aber keine Richt
schnur ist, ist eine klare Sache. Haushaltsgesetze wer
den von diesem Hause nachher beschlossen, und Herr
Exsenator Evers weiß aus eigener Erfahrung, daß die
Zahlen in der mittelfristigen Finanzplanung von 1968
nicht bindend waren, als neue Probleme äuftauchten,
sondern daß die Haushaltsstellen ausgeweitet worden
sind. Hier hat er also schlicht wider besseres Wissen
die Behauptung aufgestellt, daß die mittelfristige
Finanzplanung ihm entsprechende Fesseln angelegt
habe. Es bleibt also die folgende Frage: Warum dieser
Rücktritt? Der ehemalige Schulsenator Evers kann
kaum wegen der mittelfristigen Finanzplanung, deren
Wert und Zweck er genau kannte, zurückgetreten sein.
Es erhebt sich die Frage: Trat er zurück, weil er die
anderen Probleme nicht mehr zu meistern vermochte —
weil ihm klar war, daß er hier versagt hatte —, oder
trat er zurück wegen interner Schwierigkeiten und Aus
einandersetzungen in der SPD? Dann wäre die Frage:
Inwieweit vermag der Regierende Bürgermeister als
Chef der Regierung dieser Stadt und als Vorsitzender
seiner Partei die auseinanderstrebenden Kräfte im eige
nen Bereich zu integrieren? Offensichtlich nicht genü
gend! Da gilt unser Aufruf diesem Hause, die Verant
wortung dafür, daß derartige Auseinandersetzungen
nicht auf dem Rücken unserer Kinder ausgetragen wer
den, trifft uns alle, und der sollten wir immer bewußt
bleiben.
(Beifall bei der CDU.)
Präsident Sickert: Das Wort hat der Abgeordnete
Mendel.
Mendel (CDU): Herr Präsident! Meine Damen und
Herren! Der Rücktritt von Herrn Exsenator Evers hat
ja auch noch andere Folgerungen in Berlin gehabt.
Der Senat sagt, die Schulstreiks sind illegal; die Schüler
ziehen deswegen doch durch die Straßen. Wenn es nicht
noch mehr sind, dann deshalb, weil zu viele rote
Fahnen mitgeführt werden. Ich kenne viele, die des
wegen nicht mitgehen. Auf der anderen Seite stellt
die Technische Universität ihre Räume zur Verfügung
für die Streikenden. Das ist zum Beispiel eine Sache,
die nicht zu verstehen ist. Wenn der Rücktritt den
Eindruck gemacht hat, daß der Senat sein Bildungs
programm nicht durchführen will oder nicht durch
führen kann, so bedauern wir, daß dieser Eindruck
vom Senat nicht in einer ganz anderen Weise aus der
Welt geschafft worden ist. Hier wird zugelassen, daß
Stadträte für Volksbildung wilde Reden halten, hier
hört man zum Beispiel gestern im Radio von Herrn
Evers, daß er für die Schulplanung gar nicht zuständig
ist, sondern der Bausenator.
(Zuruf von der CDU: Hört! Hört!)
Meine Damen und Herren! Wir haben ja schon einmal
eine mittelfristige Finanzplanung gehabt, und zwar
1968, der hat der ganze Senat einschließlich Herrn
Evers ohne Widerspruch zugestimmt. Und in dieser
Planung, die doch erst zwei Jahre alt ist, sind für den
Schulbereich weitaus schlechtere Zahlen dringewesen
als in der neuen mittelfristigen Finanzplanung, so daß
man überhaupt nicht verstehen kann, daß jemand,
der seit 1968 soviel mehr dazubekommen hat, jetzt auf
einmal sagt, er muß seinen Rücktritt nehmen, nachdem
die Steigerungsrate weitaus überdurchschnittlich ist.
Wir bedauern, daß es zu dieser Situation in dieser
Stadt gekommen ist, sei es wegen fehlender oder fal
scher Planung; aber wenn der Herr Senator Löffler
hier gesagt hat, daß die Information unzureichend ist,
so ist das eigentlich der Hauptvorwurf, den wir dem
Senat machen müssen, daß er es nämlich in den letzten
Tagen nicht verstanden hat, die Debatte so zu ver
sachlichen, daß eine echte politische Debatte geführt
werden kann.
(Zuruf von der CDU: Sehr wahr! —
Beifall bei der CDU.)