72 Großstadt-Dokumente Bd. 45. Großstadt. Wohnungselend.
Bei der jetzt üblichen Intensität der gewerblichen Arbeit
sind die Männer mit ergrauendem Haare nicht gern gesehen, weder in der Fabrik noch aus dem Bauplatz;
frische Kräfte, pralle Muskeln und scharfe Augen werden
„gefragt", zitternde Finger und stumpfe Sinne kann
man nicht gebrauchen. Um überhaupt noch Erwerb zu
finden, mutz deshalb der ältere Arbeiter mit seinen Lohnforderungen oftmals stark herabgehen. Aber — „leben"
will und mutz er doch: also spart er an der Wohnung. Der schneidende Gegensatz, dem wir im Ausbau
der Gesellschaft begegnen (datz nämlich die körperlich am
schwersten Arbeitenden am schlechtesten wohnen, wie sie
sich auch am schlechtesten nähren und kleiden müssen),
dieser schneidende Gegensatz tritt uns in den engeren
Grenzen der minderbemittelten und armen Volksschichten
mit nicht minder abstoßender Brutalität entgegen: die
Alten, die Abgerackerten, die Helden und Heldinnen eines
lebenslangen, harten und aussichtslosen Kampfes gegen
die Armut wohnen wieder von den Arbeitern am schlechtesten! Ich habe immer gesunden, datz die Iahre nach¬
Arbeiter am allerschwersten zu ertragen waren; ein müder
Pessimismus beginnt ganz sacht aber unaufhaltsam an
die Stelle fröhlichen Kampfestrotzes und stolzen Selbstbewußtseins zu rücken; die körperlichen Unbehaglichkeiten
nahenden Greisenalters paaren sich mit dem seelischen
Schmerz über ein im ganzen doch freudlos verbrachtes
Leben, ein düsteres Grau versperrt den Blick auf die letzte
Wohnung — die, die fünf Schuh unter dem Rasen liegt.
In Berlin, aber auch in Kiel, Leipzig, Nürnberg und
Dresden haben mir alte Proletarier besonders darüber
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