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III. 2. Die Böhmen auf der Reise nach Berlin

Full text: Festbüchlein der böhmisch-lutherischen Gemeinde der Bethlehems-Kirche / Knak, Johannes

fähigen Leute aus und sperrte sie alles Flehens der Mütter und 
Väter ungeachtet in das Wachthaus, um sie später unter die Sol 
daten zu stecken, und theilte dann die Uebrigen in drei Ab 
theilungen, gab jeder Abtheilung zwei Soldaten zur Bewachung 
und ließ sie so nach der sächsischen Grenze zurück transportiren. 
Was die von Allem entblösten Leute hierbei und auch noch 
später erduldet haben, läßt sich annähernd ermessen, wenn man 
bedenkt, daß die Jahreszeit schon sehr vorgeschritten war und 
daß der ganze Marsch zu Fuß zurückgelegt werden mußte, da 
man angesichts der militairischeu Maßregeln in Cottbus nicht 
einmal für die Kranken und Alten ein Gefährt hatte erlangen 
können. Wie unendlich beschwerlich war der Marsch dadurch, 
und ivie langsam kam man vorwärts. An der Grenze verließen 
die Soldaten die Leute und überließen dieselben ihrem Schick 
sale, welches trübe genug erschien. Nach Sachsen hinüber wagten 
sie nicht zu gehen, da man dort inzwischen ihren Auszug höheren 
Qrtes höchst mißfällig bemerkt und den Prediger Liberda bald 
nach seiner Rückkehr von Berlin unter der Anschuldigung, er ver 
leite sächsische Unterthanen zur Auswanderung, gefänglich einge 
zogen hatte; ans Preußen durften sie vorläufig noch nicht ihre 
Blicke richten, da der König offenbar gegen sie eingenommen war 
und sie nicht dulden zu wollen schien. Biele bereuten es da, daß 
sie Liberda's Rath verschmäht hatten und ohne eine bestimmte 
Nachricht von Seiten des preußischen Königs abgewartet zu haben, 
aufgebrochen waren. In Verzweiflung irrten sie an der Grenze 
hin und her; ihr Nachtlager war meistens während dieser Lcidens- 
zeit der Wald, der sie wenigstens etwas gegen die immer rauher 
werdende Jahreszeit schützte. Nach mancherlei Seufzen zu Gott 
beschlossen sie endlich, doch in preußischem Gebiete zu bleiben und 
zu versuchen, aus irgend einem Wege nach Berlin oder Potsdam, 
wo der König residirte, zu gelangen. So kamen sie unter Müh 
seligkeiten mancherlei Art bis nach Lübben, wo sie ungefähr 
200 ihrer Brüder vorfanden, die daselbst bereits Aufnahme ge 
funden hatten. Fiir sie war aber keine Aussicht, Quartier zu 
erhalten, denn abgesehen von den schon untergebrachten 200 Brü- 
dern erwartete man in Lübben in kürzester Zeit 4 Compagnien 
Soldaten, für welche Platz gehalten werden mußte. Doch blieben
	        
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