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II. 14. Auswanderungen nach Sachsen

Full text: Festbüchlein der böhmisch-lutherischen Gemeinde der Bethlehems-Kirche / Knak, Johannes

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und Verspeien nicht geringe Freude in unserm Herzen empfanden, 
und ihnen dagegen viel Gutes wünschten. Auch ans dem Wege 
mußten wir noch viel Beschimpfungen ertragen, doch haben wir 
da auch einige bemerkt, die uns mit Thränen viel Gutes wünschten, 
und sich so über »ns betrübten, daß wir sie trösten nmßten. 
Zu Opotschin wurden zwei zusammengebunden und in den Thurm, 
der dritte aber in ein finsteres Gefängniß geworfen, wo sie nichts 
zu essen, und viel Ungemach, besonders Kälte zu leiden hatten. 
Doch Gott sorgte augenscheinlich fiir sie, daß sie nicht verhungerten, 
indem gute Leute, die sie nicht kannten, ihnen Speise brachten, 
und gerade zur Zeit, da die höchste Noth war und sie zu ihm 
schrieen. Sie erinnerten sich an Daniel und stärkten sich im 
Glauben. Wegen der großen Kälte konnten sie aber keinen 
Augenblick schlafen, hatten auch anfangs keinen Halm Stroh. 
Daher seufzten sie Tag und Nacht zu Gott, dessen Wort, in 
Sprüchen, Liedern und Psalmen, welches sie vorher sich ins 
Gedächtniß geprägt hatten, ihnen nun sehr theuer und lebendig 
war. Sie glaubten, Gott sei noch allmächtig und wahrhaftig, 
und darum sei es unmöglich, daß er sie nicht erhören und nicht 
helfen sollte. Nur müßten sie geduldig auf seine Hilfe hoffen. 
Es war auch nicht möglich, vor Kälte in dem Gefängniß aus 
zuhalten; daher sie mit Thränen baten, man möchte sie in ein 
anderes Gefängniß bringen, was denn auch geschah. Allein da 
mußten sie nun von Gestank, Nässe und Ungeziefer entsetzlich 
leiden; denn es war sehr enge und wurde von ihrem eigenen 
Unrath nicht gereinigt. Daher sie denn wieder anfingen, zu Gott 
zu flehen mit Singen und Beten Tag und Nacht. Die unreinen 
Geister (wie sie sich ausdrücken) waren auch da ihre ärgsten Plage- 
geister, nämlich: die Jesuiten. Aber auch Gott war da und half 
ihnen wunderbar. Nach vielen ausgestandenen Plagen fingen 
sie an, von Stroh Seile zu flechten, sich von ihren Fesseln los 
zu machen und ein Loch durch die Wand zu bohren, so groß, 
daß ein Mensch dnrchkriechen konnte; inbrünstig zu Gott seufzend, 
daß er sich ihrer erbarnien möchte, nahmen sie von einander 
Abschied, wünschend, daß sie wenigstens in der Ewigkeit vor Gott 
einander wiedersehen möchten. Darauf ließen sic sich am Stroh 
seil, einer nach dem andern, hinunter, 18 Ellen hoch, kamen
	        
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