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IV. Die Dekoration des Innern a) Der große Kneipsaal

Full text: Osteria / Pietsch, Ludwig (Public Domain)

Die Dekoration des Innern. 
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arabischen Lettern verräth, das unentrinnbare Berliner Nationallied 
dieses Winters, das „Mutter, der Mann . . . anstimmend, mit dem 
es uns heutigen Menschen zu ergehen scheint, wie denen des vorigen 
Jahrhunderts mit dem „Liedchen Marlborough". Weiter aber lassen 
den Hofsänger empörte Amoretten nicht im Text kommen. Aus dein 
Fenster des Söllers, vor dem er sein Ständchen bringt, streckt einer 
von ihnen seinen Bubenkopf und aus seinem Mäulchen dem Sänger 
die Zunge heraus, während zwei andere sich in der Luft überschlagen 
und ein vierter ein Bombardement von oben her gegen den „male- 
detto seccatore“ eröffnet. ■— 
Weiter nach links hin folgt unten an der Wand über dem Getäfel 
das Bild einer Parforcejagd -rothbefrackter Cavaliere, mit denen auch 
eine elegante Amazone reitet, von Hall atz gemalt. Die Kiefernbüsche, 
das Jagdhorn, der Damenschleier, dort die Schöße eines Jagdfracks, 
treten realiter aus der Fläche heraus, wie dort die Tournüre der 
Malerin. Oberhalb dieses kleinen JagdstückS zeigt sich ein großes 
Gemälde in lustiger Farbenpracht, von Katsch gemalt. In seinem 
offenen Faß, die langen Beine weit vorgestreckt, dem Beschauer die 
Sohlen seiner Füße zukehrend, so daß man das Hühnerauge unter 
dem Ballen des großen Zehen des einen und den darauf gelegten 
Leichdornring körperlich uns entgegen ragen sieht, sitzt der alte grieö- 
grämige Cyniker Diogenes. Auf dem Grase vor dieser seiner Wohnung 
liegt noch die große Visitenkarte seines vornehmen Besuchs: Alexander, 
Basileus. Mit verdrossener Miene riecht er am Zapfen des Spund 
lochs seiner Tonne. 
Eine Unterschrift belehrt uns: 
„Wassertrinkcr Diogen, 
Hat zur Wohnung doch, 
Eine Tonne sich ersehn, 
Die nach Weine roch." — 
Hier tiefer unten, wie ein auf diese Bilderwand nur ausgeheftetes 
Blatt aus seinem Skizzenbuch, ist eine Studie von C. Breitbach 
befestigt: ein schwarzlockiger brauner Capresischer Knabe, im zerfetzten 
fragmentarischen Hemd, ein liebenswürdiger kleiner Bursch, mit großen 
dunkeln Augen, welcher sich mit einem schwerem Kruge schleppt. 
Höher herauf zur Linken sieht man, von Wilberg gemalt, eine 
Pansherme, deren bärtigem Haupt ein mildherziges Flügelbübchen den 
vollen Bierkrug an die Lippen setzt, damit der arme Armlose sich
	        
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