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4. Die Gesundbrunnenmühle

Full text: Bilder aus der Berliner Feldmark / Jahn, Hans (Public Domain)

konnten. Es ist bekannt, wie vorsichtig der Geschichtsschreiber solchen 
Zeugenaussagen gegenüber, die immer mit dem Begriff „seit Menschen- 
gedenken“ arbeiten, sich verhalten muß. Manchmal sind keine 40 und 
50 Jahre seit dem in Frage stehenden Ereignis vergangen. Wie kurz 
ist das Gedächtnis der Menschen! Dazu ein Beispiel aus der Berliner 
Geschichte. Als der Hypothekenbuchrichter um 1770 genaue Nachrichten 
über die Anlage der Friedrichstadt als Grundlagen für das Hypo- 
thefenbuch brauchte, sind keine Akten vorhanden. Friedrich Wilhelm [. 
scheint sehr oft mündlich verfügt zu haben. Der Hypothekenbuchrichter 
ist auf die sehr zweifelhaften Bekundungen der „uralten“ Leute an- 
gewiesen und hat diese Erklärungen in das Hypothekenbuch auf- 
genommen. Je näher die Akten den Ereignissen stehen, desto besser ist 
eine Beurteilung möglich. Das erkennen wir auch beim Kaninchen- 
garten. 
Wo lag der Kaninchengarten? Die alten Weddingkarten geben 
seinen Ort genau an. Im Vergleich zu heute lag er östlich der Bad- 
straße und südlich der Prinzenallee; heute gehen die Bellermann-, die 
Grünthaler und die Stettiner Straße durch sein Gebiet"). 1753 war 
der obengenannte Augenbli> gekommen, an dem man sichere Nach- 
richten über die Besitzverhältnisse des Kaninchengartens brauchte. Um 
das ehemalige Wildgehege bewarb sich der Berliner Bürger Johann 
Paul Fischer*), um dort eine Maulbeerplantage anzulegen. Dagegen 
erhoben die Kirchenvorsteher der Nikolai- und der Marienkirche zu 
Berlin Widerspruch, ebenso mit ihnen der Schulze Erdmann Lehne zu 
Niederschönhausen. Beide behaupteten, daß Teile des Kaninchen- 
gartens ihnen gehörten. Die Kirche beanspruchte die nach Osten (nach 
Pankow zu) gelegene Hälfte, der Schulze Lehne von der anderen Hälfte 
den Teil, der sich westwärts an den Kirchenbesitz anschloß, so daß nur 
noch ein Viertel des Geheges, das ganz nach Westen zu lag, dem 
Landesherrn verbleiben sollte. Um ihre Gerechtsame wirksam zu ver- 
teidigen, versuchte die Kirche mit Zustimmung und Unterstüzung des 
Berliner Magistrats, den ihr zustehenden Anteil zur Erbpacht öffent- 
lich auszubieten. Aber durch königliches Reskript vom 7. Oktober 1754 
wurde.dem Magistrat und der Kirchenverwaltung die Vererbpachtung 
verboten und dem Amt Mühlenhof aufgetragen, auf gerichtlichem 
Wege das Recht des Landesherrn auf den ganzen Kaninchengarten 
durchzufechten. So entstand ein langwieriges Prozeßverfahren, das 
erst in den achtziger Jahren des 18. Jahrhunderts einen endgültigen 
Abschluß fand. Bei dem fast gänzlichen Mangel an Akten und Ur- 
kunden mußten eine Reihe von Zeugen vernommen werden, von denen 
man glauben konnte, daß sie über den Kaninchengarten gut Bescheid 
wußten. Es kamen dafür in Betracht: der Schulze Martin Friedrich 
„. *) Auf der Karte, die dem Buch von Matthes, Der Wedding (1935), beigegeben 
ist, ist er falsch eingezeichnet, und zwar viel zu weit nach der Pankowschen Grenze 
hin; auch die Lage zur Christianiastraße ist falsch angegeben. 
NOU St. A., Pr. Br. Rep. 2. 2. Dom.-Register Amt Mühlenhof, Paket 22, 
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