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Periodical volume

Full text: Alice Issue 36.2018

magazin
der Alice Salomon
Hochschule Berlin

Hochschulleben
Programm des neuen Rektorats:
Mut zu Strukturveränderungen bei knappen Ressourcen
Mittelpunkt
20 Jahre Hellersdorf:
Seit dem Umzug hat sich die ASH Berlin eng
mit dem Bezirk vernetzt
Seitenwechsel
Vom ASH-Studenten zum Lehrstuhlleiter:
Prof. Dr. Heiko Kleve im Interview

Mehr als Fassade.

Wintersemester 2018/19

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taz.de/40

Seit 40 Jahren ist die taz ein journalistischer und gesellschaftlicher Gegenentwurf: gegründet aus Überzeugung,
getragen von einer Genossenschaft, gelebt von MitarbeiterInnen und LeserInnen. Aber lesen Sie doch selbst –
unter der Woche in der App, am Wochenende auf Papier.

AB OKTOBER 2018 IM NEUEN REDAKTIONSGEBÄUDE: TAZ VERLAGS- UND VERTRIEBS GMBH, FRIEDRICHSTRASSE 21, 10969 BERLIN

Editorial

Liebe Leser_innen
unseres Hochschulmagazins alice,
die ASH Berlin hat im letzten Jahr durch die mediale Skandalisierung ihrer Fassadengestaltung unverhofft eine bundesweite, ja
internationale Bekanntheit erlangt. Ich danke der Alice Salomon
Poetik Preisträgerin 2017 Barbara Köhler für ihre produktive und
wegweisende Auseinandersetzung mit der Debatte, die sich künstlerisch in der neuen Fassadengestaltung ausdrückt und die die
Einführung eines beteiligungsorientierten Verfahrens im Umgang
mit der Wand befördert hat.
Die ASH Berlin ist gleichzeitig „Mehr als Fassade“. Dieses Heft
steht für die Besinnung auf Geleistetes, unsere Geschichte und
ihre Dokumentation, unsere wissenschaftliche Arbeit im Sinne
von sozialen Innovationen und im Sinne einer sozial gerechteren
und menschenrechtsorientierten Gesellschaft. Sie können Neues
lesen zum Engagement der Hochschulangehörigen für die Weiterentwicklung des Studienangebots sowie für die Disziplin- und Professionsentwicklung im
Sozial-, Gesundheits- und Bildungswesen.
Diese alice bietet auch einen Ausblick auf die nächsten vier Jahre. Ich danke dem Konzil
der Hochschule, das durch seine Rektoratswahl am 6. Juli Nils Lehmann-Franßen, Olaf
Neumann und mir sein Vertrauen ausgesprochen hat, und ich danke herzlich Uwe Bettig
für seinen Einsatz als Rektor in den letzten viereinhalb Jahren. In dieser Ausgabe wird von
ihm Bilanz gezogen und das Programm des neuen Rektorats vorgestellt.
Anlässlich der 20 Jahre, in denen wir als Hochschule bereits am Standort Hellersdorf
wirken, fragt die alice: Was war eigentlich die (hochschul-)politische Idee hinter der
Umzugsentscheidung? Wie werden wir heute im Bezirk Marzahn-Hellersdorf wahrgenommen? Was hat sich hier zum Wohle von Bezirk und Hochschule zukunftsweisend
entwickeln können?
Die Alice Salomon Hochschule Berlin kann in diesem Jahr auf 110 Jahre Geschichte
zurückblicken. Wir gedenken dabei auch Alice Salomons, der couragierten, klugen, innovativen Gründerin unserer Hochschule, die im Nationalsozialismus diskriminiert und
ins Exil vertrieben wurde, wo sie, ihrer sozialen Wirkkraft beraubt, vor 70 Jahren, am
30. August 1948, verstarb. Der Artikel „Empowerment und Sensibilisierung“ in diesem
Heft nennt in seiner Überschrift – ohne direkten Bezug auf Alice Salomon und doch
in ihrem Geiste – wichtige Stichworte für das Selbstverständnis und ein Programm der
Selbstverpflichtung der ASH Berlin, das ich auch in Zukunft gerne unterstützen möchte.
Herzlichen Dank allen Autor_innen dieser Ausgabe!
Ich wünsche Ihnen viel Freude bei der Lektüre und bin gespannt auf Ihre Resonanz,

Bettina Völter

alice

1

Inhalt

04 I Programm des neuen Rektorats:
Mut zu Strukturveränderungen bei knappen
Ressourcen

22 I 20 Jahre Hellersdorf:
Seit dem Umzug hat sich die ASH Berlin eng
mit dem Bezirk vernetzt

16

Hochschulleben

19

04

Programm des neuen Rektorats: Mut zu
Strukturveränderungen bei knappen Ressourcen

„Die einzige Möglichkeit“: Interview mit
Prof. Dr. Reinhart Wolff, Rektor a. D. der ASH Berlin

20

06

Empowerment und Sensibilisierung:
Ein Modellprojekt an der ASH Berlin

Spandau oder Hellersdorf: Prof. Dr. Heinz Cornel hat
die diversen Standorterwägungen und die Proteste
gegen die Ostberliner Peripherie selbst miterlebt

08

Dem Therapienotstand vorbeugen:
Die ASH Berlin engagiert sich durch Forschung und
Akademisierung in den betreffenden Berufen

22

Ein Anlass zum Feiern: Die vielfältigen Kooperationen zwischen Hochschule und Bezirk

26

Virus HELLEUM: Das pädagogische Konzept der
Lernwerkstattarbeit erreicht Transferwirkungen bis
nach Taiwan

09

alice läuft: Bildeindrücke von der Teamstaffel 2018

12

„Konsequent interdisziplinär“:
Der Grazer Lyriker Christoph Szalay erhält den
Alice Salomon Poetik Preis 2019

29

Expertise und Impulse: Die KitaTransferTage wirken
durch eine nachhaltige persönliche Zusammenarbeit

14

„Unsere Hochschule gilt in vielen Bereichen als
beispielgebend“: Kurz vor dem Rektoratswechsel
berichtet Prof. Dr. Uwe Bettig über die Erfahrungen
während seiner Amtszeit

30

Transfer in die Zukunft: Konzeption bedarfsorientierter Beratungs- und Unterstützungsstrukturen in der
Einwanderungsgesellschaft

32

Stadtteil(ver!)führungen: Seit 2009 laden die
„Spazierblicke“ zum Flanieren im Bezirk ein

16

Im Mittelpunkt

34

16

„Mehr als Fassade.“

10 Jahre MEISTERSCHULE: Das Theater der
Erfahrungen macht (Hoch-)Schule – die Alice
Salomon Hochschule macht Erfahrungen

36

Aufzeigen, was nicht funktioniert – gute Beispiele
vervielfältigen: Interview mit der Wissenschaftlerin
und Menschenrechtsaktivistin Begüm Başdaş

38

„Das hätte es früher nicht gegeben“ – Hunde in
Senioreneinrichtungen

40

Auf die Zukunft der Poesie, der Hochschule und
des Alice Salomon Poetik Preises! – Barbara Köhlers
Gedicht auf der neuen ASH-Fassade lädt zu vielen
Lesarten ein

20 Jahre Alice Salomon Hochschule in
Marzahn-Hellersdorf
17

Festakt und Campus-Gemeinwesen-Tag
am 22. Oktober 2018

Erheitertes Festakt-Publikum

2

alice

© WIFU - Wittener Institut für Familienunternehmen

alice
Wintersemester 2018/19

82 I Vom ASH-Studenten zum Lehrstuhlleiter:
Prof. Dr. Heiko Kleve im Interview

Zum 70. Todestag von Alice Salomon

68

Grenzübergang

44

Alice Salomons Tod im Exil: „Die Fremde als
Wandernde, die heute kommt und morgen bleibt“

68

45

Zur aktuellen Bedeutung Alice Salomons:
Pionierin der Frauenbewegung und der Sozialen
Arbeit

Lernwillige Studierende und verdorbener Döner:
Interview mit der chilenischen Studentin
Paula San Martín Maldonado

70

46

Aus dem persönlichen Besitz Alice Salomons:
Ein Fotoalbum über die Frauengeschichte der
Sozialen Arbeit von 1929

„Ich musste einsehen, dass ich nicht alles ändern
kann“: Interview mit ASH-Student Romario Almeida
Mpava über seine Feldstudienphase in Kinshasa

73

48

Soziale Arbeit zwischen Deutschland und Israel:
Ein aktuelles Forschungsprojekt des Alice Salomon
Archivs

Soziale Arbeit im Kontext von Migration und kultureller Vielfalt: Eine Begegnung zwischen Studierenden
der ASH Berlin und dem ITSRA Clermont-Ferrand

74

alice forscht

74

Partizipative Entscheidungsprozesse und gemeinsam
forschen: Zum Abschluss der 1. und Start der
2. Förderphase des Projektes ElfE – Eltern fragen Eltern

76

„Kunstwerken onder Begeleiding“: Eindrücke von der
Season School in Brügge

49

100 Jahre Frauenwahlrecht: Ein Meilenstein
und ein Auftrag

50

Hörsaal

50

Fotoprojekt: „Mein Weg zur ASH“

77

54

Zufriedenheit durch Gestaltungsmöglichkeiten:
Der Master Praxisforschung in Sozialer Arbeit und
Pädagogik aus Sicht der 2018er-Absolvent_innen

Jungen*pädagogik und Prävention von sexualisierter
Gewalt

78

Blick in den Einwegspiegel: Erste Ergebnisse aus dem
neu eröffneten Beobachtungslabor an der ASH Berlin

56

Die „Angst vor dem leeren Blatt“ verlieren

80

59

Der Blick hinter die körperliche Fassade:
Diagnostischer Ultraschall in der Physiotherapie

„Es muss Masse entstehen, dass man die nicht
mehr einfach so ignorieren kann“: Eine subjektive
Forschungsreportage aus Marzahn-Hellersdorf

60

Nice to meet you: SAGE-Berufe treffen sich beim
„Shadowing“

82

Seitenwechsel

62

„Bei Lehrenden muss ein Umdenken stattfinden“:
Interview mit Dr. Eva Maria Beck über den neuen
Bachelor „Interprofessionelle Gesundheitsversorgung – online“ (IGo)

82

„Hier habe ich praktisch erfahren, was ich in
meiner Doktorarbeit theoretisch reflektieren konnte“:
ASH-Alumnus Prof. Dr. Heiko Kleve im Interview

64

Profil und Praxis der Kulturellen Bildung an der
ASH Berlin

86

66

Wie studiert es sich eigentlich in Hellersdorf? –
Antworten auf einen Instagram-Aufruf

88

Termine, Termine
Die letzte Meldung
Impressum

alice

87

3

Hochschulleben

Programm des neuen Rektorats

Mut zu Strukturveränderungen
bei knappen Ressourcen
Nils Lehmann-Franßen, Olaf Neumann und Bettina Völter

Dieses Rektoratsteam steht mit allen
Hochschulangehörigen am Anfang von
vier außergewöhnlich herausfordernden
Jahren. Infolge des Hochschulvertrags
2017 wird die ASH Berlin um 30 Prozent wachsen. Wir werden also in vier
Jahren rund 1.000 Studierende mehr

aufnehmen, was mehr Arbeitsplätze,
aber eben auch mehr Arbeit und andere
Abstimmung im Bereich der Verwaltung, der Lehre und der Forschung mit
sich bringt. Insofern gilt es, gemeinsam
mit dem Kanzler, bisweilen ungewöhnliche, neue und vielleicht auch unpopuläre

Entscheidungen zu treffen. Wir setzen
dabei auf die Kollegialität, die Solidarität
und die positive Verbindung der Hochschulangehörigen mit der ASH Berlin.
Die Hochschulleitung hat unverzüglich Lösungen für die Raumknappheit
zu finden. Dazu gehören Anmietungen,

Das neue Rektorat (2018–2022), von links: Prorektor Prof. Dr. Nils Lehmann-Franßen, Rektorin Prof. Dr. Bettina Völter,
Prorektor Prof. Dr. Olaf Neumann und Kanzler Andreas Flegl

4

Umzüge einzelner Bereiche, das Voranbringen und die Organisation des
Neubaus, gemeinsam mit den verantwortlichen Senatsverwaltungen und
Politiker_innen im Land Berlin. Dieses
Rektorat wird trotz der finanziell verhältnismäßig knappen Möglichkeiten,
Professor_innen zu berufen und neues Verwaltungspersonal einzustellen,
weiterhin für die exzellente Qualität in
Lehre, Forschung und Verwaltung und
die Innovationskraft der ASH Berlin eintreten. Dazu gehören die Entwicklung
attraktiver neuer Studienangebote und
Studiendesigns sowie Lehr- und Lernreformen, die Aufnahme und Förderung bisher benachteiligter Menschen,
die Förderung von Diversity und gegen
Diskriminierung wirkenden Strukturen,
die Studierbarkeit und der lebendige
Austausch mit den Vertreter_innen der
Studierendenschaft. Zur Qualitätsentwicklung gehört auch die Entlastung
der einzelnen Hochschulangehörigen.
So gilt es u.a., einen Jahreskalender und
eine Optimierung von internen Arbeitsprozessen zu entwickeln sowie Gesundheit und Wohlbefinden fördernde
Voraussetzungen zu schaffen, wie z. B.
die Einrichtung von Zapfstellen für gefiltertes Trinkwasser.
Mit dem Größerwerden entsteht die
Frage nach Profilentwicklung. U. a. die
im Hochschulvertrag für jede Hochschule geforderte „studienübergreifende
Eingangsphase“, z. B. eine Zeit, in der
Erstsemester aller Studienrichtungen
in gemischten Gruppen etwas für ihre
Allgemeinbildung tun können, könnte
ein Ort für profilbildende Akzentsetzungen sein. Wir machen uns in jedem
Fall stark dafür, dass Selbstverpflichtungen, wie z. B. die Devise in unserem
Leitbild, dass wir eine chancengerechte
Hochschule sind, oder das jüngst verabschiedete Konzept zur Entwicklung des
Personals, gelebte Praxis werden. Auch
die vorgesehenen und derzeit diskutierten Förderstrukturen für die wachsende

alice

Gruppe der Wissenschaftlichen Mitarbeiter_innen und der Lehrbeauftragten
gilt es, erlebbar umzusetzen.
In die Amtszeit dieses Rektorates wird
die Verabschiedung der Grundordnung
fallen. Damit trennen wir uns von unserer bisherigen, vorläufigen Verfassung
aus einer Zeit, als es an der ASH Berlin
nur zwei Studiengänge und noch keine
Frauen*beauftragte gab. Der Entwurf
der neuen Grundordnung muss die Zustimmung des Konzils, des Akademischen Senates, des Kuratoriums und der
Senatskanzlei für Wissenschaft bekommen. Das verlangt eine gute Verständigung darüber in der Hochschule. Die
Grundordnung wird unserem großen
Zuwachs an Student_innen, Lehrenden
und neuen Studiengängen entsprechen.
Sie sieht die Bildung von Fachbereichen
mit Dekan_innen und Fachbereichsräten als mittlere Entscheidungsebenen
und kluge Verortungen der Verwaltung
vor. Für die partizipative Entwicklung
dieser hochschulüblichen neuen Strukturen nehmen wir eine große Bereitschaft unter den Hochschulmitgliedern
wahr und danken für all die Zeit und
Gedanken, die hierfür investiert werden.
Wir arbeiten nicht zuletzt für die Digitalisierung der Hochschule. Diese Veränderung umfasst nicht nur die digitale
Medien nutzenden Individuen, sondern
auch die organisationalen Strukturen,
die diese in einer Hochschule lehrenden
und lernenden Individuen umgeben.
Die Implementierung und Anwendung
IT-gestützter Techniken im Organisationsalltag ist notwendig. Digitalisierung
ist aber viel mehr: Da die digitale Welt
anders strukturiert ist als die reale, erfordert sie ein anderes Miteinander und eine
anders strukturierte Kommunikation.
Deswegen spricht man heute von anderen lehrdidaktischen Konzepten, die im
Zuge der Einführung der digitalen Lehre
benötigt werden. Das bedeutet den Versuch, durch unterschiedlichste Szenarien in einer webbasierten Lernlandschaft

auch verschiedenen Lerntypen gerecht
zu werden.
Auch für die verwaltende Arbeit vereinfacht der schnelle Datenaustausch
vieles, er bringt aber auch eine grundsätzliche Veränderung der Arbeitswelt
mit sich. Die Arbeit muss eher Projektcharakter annehmen und sich gegenüber
eingeschliffenen Routinen abgrenzen. In
diesem Sinne können die Digitalisierung
und die im Zuge der oben genannten
Organisationsentwicklung anstehende Verwaltungsreform gleichzeitig und
gemeinsam angegangen werden, denn
beides hängt unmittelbar zusammen
und wird sicherlich zu einem neuen
Miteinander aller Mitgliedergruppen
der Hochschule führen. Die Gefahr,
die wir als Rektorat sehen, ist, solche
umfassenden Veränderungen top down
einzuführen. Daher beabsichtigen wir,
Projekte zu initiieren, die in der Lage
sind, (digitale) Ideen des Miteinanders
in den Abläufen auf Praxistauglichkeit
hin zu prüfen. Wie diese genau aussehen, wird zu entwickeln sein. Wir
wünschen uns deshalb viele direkte und
konkrete Rückmeldungen, die wir dann
in den weiteren Digitalisierungsprozess
einfließen lassen.
Nachhaltige Ideen, die neue Sichtweisen oder auch innovative Inhalte schaffen, entstehen meist nicht im Kopf einer
Einzelperson. Auch nicht im Team einer
Hochschulleitung. Sie gelingen, wenn
viele Köpfe, Menschen aktiv und intrinsisch motiviert zusammenkommen.
Dieses glückhafte Zusammenkommen
ist an der ASH Berlin möglich. Verwaltungsmitarbeiter_innen, Lehrende, Wissenschaftliche Mitarbeiter_innen und
Studierende sind dafür offen und begeisterungsfähig. Das macht die ASH Berlin
zu einer außergewöhnlichen, kreativen
und freundlichen Organisation, die uns
Mut macht, unsere Leitungsverantwortung für diese kommenden mageren und
gleichwohl strukturverändernden Jahre
zu übernehmen.

5

Hochschulleben

Empowerment
und Sensibilisierung
Das Modellprojekt „Empowerment, Sensibilisierung und antirassistische Öffnung“ an der Alice Salomon
Hochschule Berlin vertritt einen einzigartigen Ansatz. Um Rassismus besser zu verstehen und proaktiv
dagegen anzugehen, verknüpft es Angebote für Schutzräume, Dialog und Netzwerkbildung.
Pasquale Virginie Rotter

„Ich hatte bis jetzt gar nichts mit Rassismus zu tun.“ „Ich bin
recht behütet in meiner weißen Blase aufgewachsen.“ So oder
so ähnlich äußern sich nicht-rassismuserfahrene Studierende
an der Alice Salomon Hochschule Berlin, wenn sie reflektieren, welche Rolle Rassismus bisher in ihrem Leben gespielt
hat. Für viele internationale Studierende und Studierende mit
Flucht- und/oder Migrationserfahrung ist das verwunderlich,
sind sie doch mitunter selbst tagtäglich mit Rassismus in unterschiedlichsten Erscheinungsformen konfrontiert. So kann sich
in einem Seminar ein internationaler Studierender in der Situation wiederfinden, sich vor Mitstudierenden für das „rückständige Frauenbild im Islam“ rechtfertigen zu müssen. Dass es
in seinem soeben gehaltenen Referat weder um Frauenbilder
noch um den Islam ging, scheint keine Rolle zu spielen. Dass
er dunkle Haare und dunkle Augen hat, scheint Grund genug
zu sein.

„Ich glaube wirklich, das Bedürfnis einen
Schutzraum aufzusuchen, liegt in dem Bedürfnis,
die Schutzrüstung ablegen zu können.“
Hinter der Fassade: Spießrutenläufe
Es sind Situationen wie diese, die rassismuserfahrene Studierende tagtäglich schwächen. Jeder Gang an die Uni wird potenziell zum Spießrutenlauf. Die deutsche Dichterin und Pädagogin
May Ayim – die als Lehrbeauftragte auch an der Alice Salomon
Hochschule Berlin unterrichtete – verwies bereits in den neunziger Jahren auf die Bedeutung von Rassismus als Stressfaktor
(siehe dazu: Weißer Stress und Schwarze Nerven. Stressfaktor
Rassismus. In: Grenzenlos und unverschämt. Berlin: Orlanda,
1997. S. 111–132). Deshalb braucht es niedrigschwellige Angebote, um alltagsrassistische Erfahrungen einzuordnen und zu
verarbeiten.

„Ich merke, dass mir das total gut tut, mich mit
euch auszutauschen. Ich wusste gar nicht, dass das
überhaupt ein Bedürfnis ist.“
Zugleich ist es nicht verwunderlich, dass viele Studierende
kaum wissen, was Rassismus ist, und dass sie – wie wir alle

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– rassistisch geprägt sind. Denn Rassismus schafft Erfahrungshorizonte, die unterschiedlicher nicht sein könnten.
Hinter der Fassade: Gräben
Zwischen den Erfahrungen der Hochschulangehörigen liegen
Gräben. Gräben, die Menschen voneinander trennen und einen Austausch über Rassismus erschweren. Erschwert wird
der Austausch, wenn nicht-rassismuserfahrene Menschen die
Realität von Rassismus nicht anerkennen, relativieren oder
gar abstreiten. Noch schwerer ist es, wenn zwischen den Dialogpartner_innen ein strukturelles Machtgefälle herrscht,
wie es bei Lehrenden und Studierenden der Fall ist. Dabei ist
sprechen, zuhören und Gehör finden wichtig für jeden Dialog. Notwendig sind daher Sensibilisierungsangebote für alle
Hochschulangehörigen, in denen Rassismus „entlernt“ wird.

„Das hat viel mit Vertrauen zu tun und mit der
Entscheidung, aus unterschiedlichen Positionierungen heraus, das Vertrauen wieder herzustellen.“
Hinter der Fassade: Netzwerke
Erfahrungen schaffen jedoch auch Verbindungen. Seit jeher
finden sich Angehörige aller Statusgruppen zusammen, um
gemeinsam Veränderungen anzustoßen. Sie gestalten Räume,
die möglichst viel Schutz bieten. Gerade die Alice Salomon
Hochschule Berlin ist geprägt von engagierten, politisierten
und solidarischen Netzwerken aller Art, die neue Denk- und
Handlungsräume eröffnen.

„May Ayim hat gesagt, es gibt keinen Raum der
frei ist von Rassismus! Das würde ich bei allen anderen Diskriminierungsverhältnissen auch sagen.
Deshalb sind Safer Spaces für mich ein Bemühen,
ein Versuch.“
Hier gilt es, Netzwerkbildung aktiv zu fördern, Peer-to-peer-Beratungskonzepte zu stärken und dem Bedarf nach Bündnissen
und möglichst sicheren Räumen entgegenzukommen. Im Wintersemester 2017 hat sich eine Gruppe von Studierenden mit

alice

unterschiedlichen Erfahrungshorizonten aus dem BA Soziale Arbeit zusammengefunden, um über zwei Semester lang
die Relevanz von Schutzräumen zu erforschen. Dabei zeigte
sich, dass sehr wohl eine Auseinandersetzung mit Rassismus
stattfinden kann, von der alle profitieren.
Hinter der Fassade: Professionalisierung
Als größte staatliche SAGE-Hochschule bereitet die Alice Salomon Hochschule Berlin alljährlich tausende Studierende
auf Tätigkeiten im Sozial- und Gesundheitswesen vor. Ein
Feld, in dem ein professionelles Verständnis davon, wie Benachteiligung, Ausgrenzung und soziale Ungleichheit funktionieren und wirken, sowie die Reflexion der eigenen Rolle
darin unabdingbar sind. Zum Glück sind bereits zahlreiche
Hochschulangehörige dafür sensibilisiert, dass Rassismus
ein zentrales Ungleichheitsverhältnis darstellt. Sie arbeiten
in Kommissionen, Arbeitsgruppen und Initiativen daran,
dieses Gewaltverhältnis in seinen unterschiedlichsten Erscheinungsformen entschieden, konsequent und nachhaltig
abzubauen.

Die (gekürzten) Zitate sind der
qualitativen Forschungsarbeit der
Hochschulwerkstatt „Exklusion und
Inklusion im urbanen Raum“ entnommen. Die Gruppe um Iris Steinmann,
Sabrina Pala, Moritz Kickel, Luisa Ortiz
und Lena Balthaus, Studierende im
2. Fachsemester Soziale Arbeit an der
ASH Berlin, hatte sich mit der Frage
„Aus welchen Bedürfnissen heraus
entstehen Schutzräume von und
für Women of Color* in Berlin und
wie wirksam sind sie?“ beschäftigt
und ihre Ergebnisse im Rahmen der
Werkstattpräsentation im Juni 2018
bei den Lehrenden Prof. Dr. Esra Erdem
und Dr. Zülfukar Cetin vorgestellt.

Hinter der Fassade: Innovation
Das Projekt „Empowerment, Sensibilisierung und antirassistische Öffnung“ des International Office wird vom DAAD
als ein Modellprojekt zur Verbesserung der Willkommenskultur finanziert.

„Ich sehe in Empowerment-Workshops sowas wie
Impulse. Sie setzen wahnsinnig viel frei und dann
machen die Leute ihr eigenes Ding.“
Es ist das einzige der 28 bundesweit geförderten Hochschulprojekte, das einen niederschwelligen Empowermentansatz
gewählt hat. Der DAAD hat damit den deutlichen Bedarf
internationaler und rassismuserfahrener Studierender an
Selbststärkung erkannt. Es ist engagierten Hochschulakteur_innen zu verdanken, dass dieser innovative Ansatz an
der ASH Berlin verankert wurde. Damit macht sie einen bedeutsamen Schritt, um die Studienbedingungen für internationale Studierende und Studierende mit Flucht- und/oder
Migrationserfahrung zu verbessern.

alice

Ansprechpartnerin:
Pasquale Virginie Rotter
Projektkoordinatorin
„Empowerment, Sensibilisierung
und antirassistische Öffnung“
rotter@ash-berlin.eu

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Hochschulleben

Dem Therapienotstand vorbeugen
Die ASH Berlin engagiert sich durch Forschung und Akademisierung in den betreffenden Berufen
Christiane Schwausch und Laura Haber

Mehr als 1.300 Brandbriefe an Gesundheitsminister Jens Spahn werden zurzeit von zwei Forscherinnen der Alice
Salomon Hochschule Berlin ausgewertet. In ihnen beschreiben Physiotherapeut_innen, Ergotherapeut_innen und
andere Heilmittelerbringer_innen die
Missstände in ihrem Arbeitsfeld und
unterbreiten der Politik Lösungsvorschläge. Der Tenor: Gibt es kein Umdenken, wird auf den Pflegenotstand ein
Therapienotstand folgen.
Angestoßen wurde die Bewegung
im Sommer 2018 von Physiotherapeut
Heiko Schneider, dem deutschlandweit
tausende Therapeut_innen folgten,
um ihrem Ärger Luft zu machen. Sie
berichteten unter den Hashtags #therapeutenamlimit und #ohnemeinenphysiotherapeuten von ihrem Alltag,
sammelten Stimmen in einer OnlinePetition, übermittelten Brandbriefe an
das Gesundheitsministerium und protestierten am 25.8.2018 bundesweit in
mehr als 240 Städten unter dem Schlagwort #kreideaktion für bessere Arbeitsbedingungen.
Bereits in ihrem Zwischenbericht vom
Juli 2018 legten Prof. Heidi Höppner und
Dr. Eva-Maria Beck von der ASH Berlin erste Ergebnisse ihrer Briefanalyse
vor: Neben Hinweisen auf Fehl- oder
Unterversorgung werde von teils lebensbedrohlichen Situationen, z. B. in der

Schlaganfallversorgung, berichtet. Ziel
der Auswertung ist es, die Situation der
Therapeut_innen in Deutschland detailliert darzulegen und Veränderungsvorschläge aus der Praxis zu systematisieren,
um so zur gesundheitspolitischen Diskussion beizutragen. Dabei bietet die
ASH Berlin schon allein durch ihr Studienangebot ein wertvolles Instrument,
um dem drohenden Therapienotstand
vorzubeugen.
„Die Akademisierung der Therapieberufe soll nicht nur dem Fachkräftemangel in diesen gesellschaftlich
bedeutenden Bereichen langfristig begegnen und die Qualität der Gesundheitsversorgungsleistungen sichern;
die Studiengänge befähigen die Studierenden auch, den Wandel im Gesundheitssystem aktiv mitzugestalten“, sagt
Frau Prof. Höppner. Letzteres bestätigt
Kerstin Harder-Pohle, Absolventin des
Bachelorstudiengangs Physio- und Ergotherapie in der additiven interdisziplinären Studienform für Berufserfahrene
(AddIS), aus eigener Erfahrung. „Das
Studium erlaubt einen weiteren Blickwinkel. Meiner Meinung nach kann
nur durch Akademisierung bzw. eine
verbesserte Ausbildung der gesellschaftliche Kontext besser eingeschätzt und
auf gesellschaftliche Veränderungen
reagiert werden“, so die staatlich anerkannte Ergotherapeutin.

In Luckenwalde betreibt Harder-Pohle
eine Praxis für Hand- und Ergotherapie
mit mehreren Mitarbeiterinnen. Durch
im Studium vermittelte Inhalte wie Praxismanagement, Mitarbeiterführung
und kaufmännische Aspekte konnte sie
ihren Umsatz sowie die Zufriedenheit
ihrer Mitarbeiterinnen und Patient_innen steigern. Außerdem fühlt sie sich
besser in der Lage, aus dem Überangebot an Fortbildungen auf dem Markt
auszuwählen. Vor allem aber hat der interdisziplinäre Studiengang sie befähigt,
offener auf angrenzende Berufsgruppen
zuzugehen und gemeinsam bedarfsorientierte Angebote zu entwickeln, wie im
Falle der schulbasierten Ergotherapie:
„Mit den Schulen entwickle ich Therapiekonzepte für die Kinder, die in erster
Linie unter Teilleistungs-, Konzentrations- und sozioemotionalen Störungen
leiden. Die Therapie kann in Gruppen
am Vormittag in der Schule stattfinden,
statt in einer künstlichen Praxisumgebung“, berichtet Harder-Pohle. Damit
vermeidet sie nicht nur lange Wartelisten für die begrenzten Nachmittagstermine in ihrer Praxis, sondern kommt
außerdem – wie von Prof. Höppner
gefordert – dem Bedürfnis ihrer Klient_innen „aktiv“ entgegen.

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Magazin der Alice Salomon Hochschule Berlin

Lesen Sie Reportagen, Interviews und Erfahrungsberichte online unter alice.ash-berlin.eu

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alice

Teamwork
makes the dream work!
Wie in den vergangenen Jahren trat auch dieses Jahr die ASH Berlin zur Berliner TEAM-Staffel an. Am
7. Juni liefen die fünfköpfigen bzw. zehnbeinigen Teams jeweils fünf Kilometer durch den Tiergarten. „Die
schnellen Schnürsenkel“ schnitten mit einer Gesamtzeit von 02:09:08 unter den sieben ASH-Teams am
besten ab.
Organisiert werden die ASH-Teams im Rahmen von „alice gesund“. Teilnehmen können alle ASH-Angehörigen, sprich Studierende, Verwaltungsmitarbeiter_innen, Lehrende – und zwar egal, ob schnell oder
gemütlich. Was zählt, sind Teamgeist, Lauffreude und das Miteinander! Du möchtest beim nächsten Mal
dabei sein? Dann melde dich an bei: teamstaffel@ash-berlin.eu

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Hochschulleben

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„Alice gesund“ bündelt alle Aktivitäten im Betrieblichen
Gesundheitsmanagement für Studierende und Beschäftigte
der ASH Berlin. Dahinter steht das Leitbild, Studium und
Arbeit an der Hochschule gesundheitsgerecht zu gestalten
und gesundheitsgerechtes Verhalten zu fördern. Daher gibt
es Angebote wie Bewegungs- und Entspannungskurse sowie die Teamstaffel „alice läuft“. Unter Mitwirkung aller
Mitgliedergruppen der ASH Berlin berät sich regelmäßig
der Steuerkreis „alice gesund“ über Strategien und Handlungsfelder der betrieblichen Gesundheitsförderung.

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Betriebliches
Gesundheitsmanagement
Koordinatorin
Kerstin Schulze (in Elternzeit)
Tel: (030) 99 245-283
schulze@ash-berlin.eu
Elternzeitvertretung
Nadja Kreutzer
Tel: (030) 99 245-283
kreutzer@ash-berlin.eu

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Hochschulleben

„Konsequent interdisziplinär“
Laura Haber

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„Angesichts der Hegemonie von Prosa in allen Spielund Erzählformen ist ein Preis, der sich explizit an eine
interdisziplinäre Arbeitsweise in und aus der Literatur
heraus wendet, etwas Großartiges.“ – Mit diesen Worten
reagierte der Lyriker, Künstler und Kurator Christoph
Szalay auf seine Auszeichnung mit dem Alice Salomon
Poetik Preis 2018. Die konsequente Interdisziplinarität
des jungen Grazers war es denn auch, die die Jury der
ASH Berlin überzeugt hatte: Szalay verwendet nicht
nur Zitate aus Kunst, Literatur, Rock-Musik und HipHop, Alltagssprache und Social Media in seinen Texten,
sondern er realisiert auch gemeinsame Werke mit
Performance- und Klangkünstler_innen, Bühnenbildner_innen und Illustrator_innen.

© Martin Schwarz

Der Grazer Lyriker
Christoph Szalay erhält den
Alice Salomon Poetik Preis 2019

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In der Begründung der Jury zur Preisverleihung heißt es unter anderem: „Eine
weitere Besonderheit der Poetik stellt
das lyrische Du und Wir in Christoph
Szalays Texten dar. Der angesprochene
Leser ist somit aufgefordert über unterschiedliche Themen aus verschiedenen
Blickwinkeln nachzudenken. Themen
wie etwa Migration, Heimat, Rassismus
und Queerness werden in semantischer,
soziologischer und historischer Hinsicht
durchleuchtet. […] Seine vielfältigen,
unkonventionellen Texte gehen oft von
etwas oberflächlich Schönem aus, doch
im nächsten Augenblick wird diese Idylle
Schicht für Schicht baggerartig abgetragen, bis das ganze blanke, ‚braune‘ Grauen zu sehen ist.“

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Geboren wurde Christoph Szalay 1987
in Graz. Zunächst war er im österreichischen Nationalkader der Nordischen Kombinierer aktiv. Danach
studierte er Germanistik an der Universität Graz sowie Kunst im Kontext
an der Universität der Künste Berlin.
Seinem aufsehenerregenden ersten Gedichtband „stadt / land / fluss“ (Leykam
2009) folgten bald weitere, er veröffentlichte in Zeitschriften, Anthologien und
im Rundfunk. Seine Publikationsliste
umfasst aber auch Ausstellungen, Performances und Herausgeberschaften,
und so zeigte er zuletzt die Installation
„Heimat“ beim Steirischen Herbst 2018
mit dem Titel „Volksfronten“.

Für seine Tätigkeiten erhielt Szalay
bereits mehrere Auszeichnungen, aktuell
ist er Stipendiat der Akademie Schloss
Solitude in der Sparte Bildende Kunst.
Seit 2017 ist er zudem Literaturbeauftragter des Forum Stadtpark in Graz.
Der Alice Salomon Poetik Preis 2019
wird am 19.01.2019 anlässlich des Neujahrsempfangs der Alice Salomon Hochschule Berlin in der Berlinischen Galerie
verliehen, Beginn 19.00 Uhr. Um Anmeldung zur Teilnahme wird gebeten unter:
poetikpreis@ash-berlin.eu

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Hochschulleben

„Unsere
Hochschule
gilt in vielen
Bereichen als
beispielgebend“
Kurz vor dem Rektoratswechsel berichtet
Prof. Dr. Uwe Bettig über die Erfahrungen
während seiner Amtszeit

Herr Prof. Bettig, von 2014 bis
2018 haben Sie das Rektorat der
ASH Berlin geleitet. Was waren die
Schwerpunkte Ihrer Amtszeit?
Wir als Rektorat haben zu Beginn unserer Amtszeit Ziele formuliert. Ein
wesentlicher Inhalt war die Schaffung von Transparenz hinsichtlich der
Hochschulfinanzen und der Lehrentlastungen. Ich denke, dass dies durch
die Einrichtung einer Haushaltskommission des Akademischen Senats (AS)
gelungen ist. Auch wollten wir die Stimmung in den Gremien – insbesondere
dem AS – verbessern. Hier muss man
ehrlich eingestehen, dass das nur kurzzeitig geglückt ist.
Während der gesamten Amtszeit
war es wichtig, die Leistungen unserer
Hochschule zu kommunizieren, insbesondere gegenüber Mandatsträger_innen. Die Spezifika des SAGE-Profils,
aber auch die Besonderheiten einer

14

Fachhochschule, müssen immer wieder
verdeutlicht werden.
Das Thema der Promotion an Fachhochschulen war eines der Kernthemen,
die ich immer wieder diskutiert habe.
Gerade in den Fächern, die wir an der
ASH Berlin vertreten, fehlen uns auf
Universitätsseite Partner für kooperative Promotionen, sodass ich ein partielles
Promotionsrecht für Fachhochschulen
für unerlässlich halte. Diese Meinung
findet allerdings viele Widersacher, und
ich denke, dass ich hier auch einige sehr
genervt habe – was aber nicht schädlich
sein muss.
Was waren für Sie die größten
Herausforderungen und Ihre
schönsten Erfolge?
Erfolge sind in der Hochschule selten Einzelpersonen oder einem Leitungsteam
zuzuschreiben. Und erfolgreich ist eine
Hochschule meines Erachtens dann,

wenn alle Mitgliedergruppen gut kommunizieren, lösungsorientiert arbeiten
und Bereichsegoismen überwinden.
Dabei nimmt die Leitung häufig eine
moderierende Rolle ein. Sehr dankbar
bin ich aus diesem Grund den Studiengangsleitungen, die sehr konstruktiv
und intensiv mit uns zusammengearbeitet haben. Auch die Unterstützung
aus der Verwaltung und den Referaten
war sehr wichtig und hilfreich.
Große Herausforderungen waren die
Hochschulvertragsverhandlungen und
der Neubau. Aus meiner Sicht waren
die Hochschulvertragsverhandlungen
ein großer Erfolg, da das kommende
Wachstum die ASH Berlin nachhaltig stärken wird. Natürlich ist die viel
zu geringe finanzielle Untersetzung
des Wachstums unbefriedigend, die
unzureichende Ausstattung, z. B. im
Bereich der professoralen Lehre, wird
fortgeschrieben. Dennoch wird unser Profil durch neue Lehrangebote in

alice

„Erfolge sind in der Hochschule
selten Einzelpersonen oder einem
Leitungsteam zuzuschreiben, sondern
allen Mitgliedergruppen.“

Das Rektorat bis 2018, von links:
Prorektor Prof. Dr. Nils Lehmann-Franßen, Rektor Prof. Dr. Uwe Bettig,
Prorektorin Prof. Dr. Bettina Völter und Kanzler Andreas Flegl

Online-Studiengängen, der Pflege und
einem weiteren Masterstudiengang im
Bereich der Sozialen Arbeit geschärft.
Bezüglich des Neubaus bin ich natürlich massiv enttäuscht. Ich hatte gehofft,
dass der dringend benötigte Neubau
noch in meiner Amtszeit beginnt, der
fixe Starttermin liegt nun leider erst im
Jahr 2020.
Wie hat sich Ihr Bild von der ASH
Berlin als ihr höchster Repräsentant
verändert?
Aus der Innenperspektive habe ich gelernt, welchen Aufwand der Betrieb einer
Hochschule bedeutet. Als Hochschullehrer ist man es gewohnt oder zumindest erwartet man, dass alles läuft. Die Prozesse
dahinter waren mir in dieser Deutlichkeit
nicht bekannt. Ich werde nach meiner
Amtszeit insbesondere die Leistungen
der Verwaltung anders beurteilen. Nach
viereinhalb Jahren als Rektor kann ich
feststellen, dass wir hier sehr gut aufgestellt sind.
Sehr positiv war für mich zu sehen, wie
die ASH Berlin von außen wahrgenommen wird. Die Forschungsleistung der
Kolleginnen und Kollegen findet – national und auch international – große Anerkennung, unsere Hochschule gilt in vielen
Bereichen als beispielgebend.
Auch das Engagement vieler Hochschulangehöriger – insbesondere unserer
Studierenden – gegen Rechtsextremismus
halte ich für herausragend und hoffe, dass
wir hier weiter Gesicht zeigen werden.

alice

„Mehr als Fassade“: Was sollte
Ihrer Meinung nach mehr in den
öffentlichen Fokus gerückt werden?
Warum braucht es überhaupt
Öffentlichkeit?
Gerade eine Fachhochschule braucht Öffentlichkeit. Nicht erst durch den Transfergedanken wird deutlich, dass der
Austausch zwischen Hochschulen auf der
einen und Gesellschaft und Wirtschaft
auf der anderen Seite wichtig ist. Gerade die ASH Berlin als forschungsstarke
Hochschule muss bestrebt sein, den Partnern der Berufspraxis Forschungsergebnisse zu vermitteln, diese aber auch als
Praxispartner in die Lehre zu integrieren.
In den Mittelpunkt rücken sollten wir die
Bedeutung unserer drei Schwerpunkte:
der Sozialen Arbeit, der Kindheitspädagogik und der Gesundheit. Die gesellschaftliche Relevanz wird oftmals – auch im
politischen Raum – verkannt. Technische
Hochschulen haben es hier offensichtlich
leichter. Das spiegelt sich letztlich ja auch
in der Bezahlung unserer Absolventinnen
und Absolventen wider. Die Kommunikation in den politischen Raum hinein hat
insofern weiterhin eine große Bedeutung
für uns.
Was für Ziele haben Sie sich für die Zeit
nach Ihrer Amtszeit gesetzt?
Zunächst freue ich mich darauf, wieder in
die Lehre einsteigen zu dürfen. Des Weiteren möchte ich mich wieder stärker der
Forschung zuwenden. Gerade im Bereich

des Pflegemanagements finden sich viele
Themen, die mich stark interessieren. Eine
wichtige Frage ist z. B., wie der Pflegeberuf anders gestaltet werden kann, sodass
attraktive Arbeitsplätze entstehen und
dem Fachkräftemangel entgegengewirkt
wird. Auch die Abbildung der Pflege im
Vergütungssystem von Gesundheitseinrichtungen beinhaltet viele Fragen, die
mich sehr interessieren.
Ich möchte mich auch dafür einsetzen,
dass innerhalb der Hochschule Meinungen abseits des Mainstreams geäußert
werden können. Die Haltung, die im AS
geäußert wurde, dass z. B. in der alice
nur Artikel veröffentlicht werden sollen,
die einer „abgestimmten Position“ folgen,
empfinde ich als äußerst bedenklich und
einer demokratisch verfassten Hochschule nicht angemessen.
Was wünschen Sie der ASH Berlin für
die Zukunft?
Ich wünsche uns vor allem Gelassenheit
und auch Freude an der täglichen Arbeit.
Wir stehen vor großen Herausforderungen, ich bin aber sicher, dass wir in der
Lage sind, diese zu meistern. Die ASH
Berlin ist gut aufgestellt und wird weiter eine herausragende Rolle im SAGEBereich einnehmen. Daneben wünsche
ich uns natürlich, dass der Neubau zügig
vorankommt und die Raumnot dadurch
gelindert wird.
Das Interview führte Laura Haber.

15

Im
Mittelpunkt

Mehr als Fassade.
Im Mittelpunkt dieser alice-Ausgabe steht das Schlagwort
„Mehr als Fassade“: Die Alice Salomon Hochschule Berlin ist in
ständiger Bewegung. Projekte und Gruppen verzahnen und
vernetzen sich. Die Jubiläumsfeier der ASH Berlin am Standort
Hellersdorf nehmen wir zum Anlass, um „hinter die Fassade“
zu blicken. Wir erinnern uns an den umstrittenen Umzug vor
20 Jahren und erfahren von den seither gewachsenen
Kooperationen zwischen der Hochschule und dem Bezirk.
Dem folgen beispielhaft weitere Themen, die Hochschulangehörigen und Studierenden der Alice Salomon Hochschule
Berlin wichtig sind. Doch hinter der Fassade fand und findet
natürlich auch die Diskussion über die Fassade statt, deren
Neugestaltung wir hier ebenfalls dokumentieren. Nicht
zuletzt gedenken wir Alice Salomons selbst, die vor siebzig
Jahren im Exil verstarb und deren Lebenswerk bis heute von
aktueller Bedeutung ist.

16

alice

20 JAHRE

ALICE SALOMON HOCHSCHULE BERLIN
IN MARZAHN-HELLERSDORF

Festakt und Campus-Gemeinwesen-Tag
am 22. Oktober 2018
Laura Haber

„Ja, die Alice Salomon Hochschule liegt direkt an der U5, bald
verbunden mit dem Bundestag und dem Kanzleramt, und jetzt
schon verbunden direkt mit dem Roten Rathaus.“ – Gleich zu
Anfang ihrer Begrüßungsrede zum Festakt „20 Jahre Alice
Salomon Hochschule Berlin in Marzahn-Hellersdorf“ stellte
Rektorin Bettina Völter die Nähe zur Stadtmitte her, die 1998
beim Umzug für viele Hochschulangehörige in schmerzhaft
weite Ferne gerückt war. 20 Jahre später machten sich nun
Vertreter_innen der Politik – unter anderen Petra Pau, Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags, und Michael Müller,
Regierender Bürgermeister von Berlin – sowie anderer Hochschulen auf den Weg an den Ostberliner Stadtrand und nahmen im Audimax der ASH Berlin neben den Gästen aus dem
Bezirk und den Hochschulangehörigen Platz. In ihren Grußworten würdigten Michael Müller, Manfred Erhardt, Senator
für Wissenschaft und Forschung a. D., sowie Dagmar Pohle,
Bezirksbürgermeisterin von Marzahn-Hellersdorf, die Arbeit
der ASH Berlin, erinnerten an den umstrittenen Umzug (vgl.
S. 18-21) und benannten aktuelle Herausforderungen. Humorvolle Untertöne sorgten für Schmunzeln im Publikum,
musikalische Zwischentöne lieferte der Hochschulchor Sin‚
gin Alice mit einem internationalen Liedprogramm.
Wie ein roter Faden zog sich der Ruf nach dem Neubau
durch den Vormittag. Die Hochschulrektorin sehnt ihn herbei, um den kommenden Zuwachs an tausend Studierenden
„qualitätvoll“ bewältigen zu können, die Bezirksbürgermeisterin, weil er „ein Stück weiterer Aufwertung dieses Stadtteilzentrums für den Stadtteil Hellersdorf und für unseren
Bezirk Marzahn-Hellersdorf “ bedeutet. Rückendeckung erhielten sie durch Erhardt, der den Regierenden Bürgermeister
von Berlin sogar persönlich aufforderte, „die finanziellen und
räumlichen Kapazitäten der aus allen Nähten platzenden ASH
Berlin zur Chefsache zu machen“. Und Müller selbst verkündete: „Die Alice Salomon Hochschule ist ein besonderer Teil
der Berliner Wissenschaftslandschaft und heute können wir
mit Freude feststellen: Sie ist aus Hellersdorf nicht mehr wegzudenken.“
„Wer ist denn dieses ‚Wir‘?“
Ganz klar im Mittelpunkt dieses 22. Oktober 2018 stand die
gewachsene Partnerschaft der ASH Berlin mit dem Bezirk
Marzahn-Hellersdorf. Letzterer habe sich gerade wegen seiner
Widersprüche – beispielhaft nannte Völter dessen Einkommens-, Wohn- und Wähler_innenstruktur – als „fruchtbarer

alice

Humorvolle Untertöne erheiterten das Publikum

‚
Musikalische Zwischentöne von Singin Alice

Boden“ für die ASH Berlin erwiesen. Das wechselseitige
Vertrauen und der Wille zum Austausch und weiteren Innovationen wurden im Anschluss an den Festakt auf dem
Campus-Gemeinwesen-Tag mit Akteur_innen aus Hochschule und Kommune lebhaft deutlich. Prorektor Olaf Neumann,
der in seiner Funktion der jetzigen Rektorin Völter nachfolgt,
zeigte sich stolz, als erste Amtshandlung dieses „Forum mit
Werkstattcharakter“ eröffnen zu dürfen. Bezirksstadträtin
Juliane Witt stellte in ihrem Grußwort die Frage nach dem
„Wir“, also jenen, die sich für eine konstruktive gesellschaftliche Entwicklung einsetzen.
Weiter erklärte sie, die Bürgerbeteiligung sei in den Stadtteilzentren eine größere Herausforderung als noch vor zwei

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20 JAHRE

ALICE SALOMON HOCHSCHULE BERLIN
IN MARZAHN-HELLERSDORF

Der Regierende Bürgermeister von Berlin Michael Müller
schätzt das Profil der ASH Berlin

Jahren. Passend schloss sich daran Anne Jeglinskis Impuls-Vortrag an, der Stadtteilzentren als „Seismographen
im Stadtteil“ definierte. Hier würden gesellschaftliche
Trends deutlich, könnten Problematiken aufgegriffen
und Konflikte angegangen werden. Die Leiterin der Geschäftsstelle Bezirke des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Berlin betonte, dass der Bezirk Marzahn-Hellersdorf
mit neun sozialen Trägern an dreizehn Standorten außergewöhnlich gut aufgestellt sei. Mit ihrer Bitte, über
das oft noch zu wenig bekannte und genutzte Angebot
weiterzuerzählen, löste sie eine angeregte Diskussion aus.
Die Repräsentant_innen verschiedener Stadtteilzentren,
Lehrende und Studierende meldeten sich mit der Schilderung eigener Erfahrungen und Fragestellungen zu Wort,
wobei klar wurde: Funktionierende praktische Beispiele
gibt es viele, aber es könnten noch mehr Menschen „abgeholt“ werden, und ein gemeinsames gesellschaftliches
Ziel wäre die Grundlage für eine neue Art der Vernetzung und letztlich ein wirksames „Wir“.
Großes Potenzial

Im Publikum begegneten sich Politik, Bezirk und Hochschule

In drei Themenworkshops wurde die Zusammenarbeit zwischen
Hochschule und Bezirk im Detail debattiert

18

In Themenworkshops wurden die aufgeworfenen Fragen
im Laufe des Nachmittags im Detail weiter erörtert. Isabell Springmann zum Beispiel, Leiterin des Stadtteilzentrums Hellersdorf-Süd, erkennt in punkto weitergehender
Kooperation zwischen Stadtteilzentren und Hochschule
neben dem, was bereits läuft, „ganz viel Potenzial gerade bei Arbeiten von Studierenden“. Selbst ehemalige
Studentin und wissenschaftliche Mitarbeiterin der ASH
Berlin, hat sie sich Gedanken gemacht, was Studierende
in ihrem Bereich interessieren könnte, und sogar einen
Flyer erarbeitet, der studienrelevante Themenfelder und
Schwerpunktbereiche sowie die Ansprechpartner_innen
auflistet. Um „Stolpersteine“ zu vermeiden, wie z.B. Abbrüche von Forschungsprojekten ohne abzusagen, würde sie gerne einen Ethik-Kodex entwickeln. Ein zweiter
Workshop sammelte Ideen für einen Fachtag zu „30 Jahre
Mauerfall – 30 Jahre Gemeinwesenarbeit in MarzahnHellersdorf“. Im Workshop zum Umgang mit rechtspopulistischen Anfeindungen seien die typischen Beispiele
wieder erwähnt worden, befand eine Studentin, dennoch
sei der Raum unglaublich wichtig, um sich erstmal auf
einen ähnlichen Wissensstand zu bringen.
Vor den Stellwänden im Audimax mit Schaubildern
von Projekten und Ergebnissen aus den Workshops sowie am stärkenden Buffet fand der Nachmittag seinen
allmählichen Ausklang. Sie sei sehr glücklich über die
offenen Gespräche, resümierte Elène Misbach, die als
Wissenschaftliche Mitarbeiterin für Transfer und Third
Mission den Campus-Gemeinwesen-Tag als ersten in dieser Form organisiert hatte. Dankbar zeigte sie sich aber
auch dafür, dass die studentische Initiative Arbeitskreis
Kritische Pflege bei Auf-, Um- und Abbau so tatkräftig
mit angepackt hatte.

alice

Im Mittelpunkt

„Die einzige
Möglichkeit“

Vor zwanzig Jahren traf
Prof. Dr. Reinhart Wolff als
damaliger Rektor der ASH Berlin
die Entscheidung für den
Umzug der Hochschule nach
Hellersdorf

Prof. Dr. Wolff, was waren aus Ihrer Sicht die größten
Chancen eines Umzugs?
Die Fachhochschule stand damals vor einer großen Entwicklungsherausforderung, weil die Studierendenzahlen stiegen, aber die räumlichen Voraussetzungen in Schöneberg sehr begrenzt waren. Vor Ort gab es so gut wie
keine Möglichkeiten zur Erweiterung. In dieser Situation kam ich zurück
von meinem Forschungsjahr in Amerika und wurde von Mitgliedern des
Akademischen Senats gefragt, ob ich nicht die Hochschule als Rektor weiter
voranbringen könnte. Wir haben mehrere interessante Standorte sehr ausführlich geprüft; es zeigte sich aber, dass nur das leere Feld in Hellersdorf
unmittelbar verfügbar war. Daraufhin hat der Berliner Senat aus stadtpolitischen Gründen gesagt, wir müssen Hellersdorf als reines Wohngebiet
infrastrukturell aufrüsten, und schon bald sprach sich im Abgeordnetenhaus – nicht nur im hochschulpolitischen oder im Bauausschuss – eine Riesenmehrheit dafür aus. Als einzige Möglichkeit, die Zukunftsperspektive
der Hochschule zu sichern, musste ich das Angebot des Hochschulbaus in
Hellersdorf annehmen. Das hat mich natürlich in große Schwierigkeiten gebracht, weil die Mehrheit an der Hochschule gegen Hellersdorf war.
Ein Umzug ist natürlich ein tiefer Einschnitt für die Angehörigen
einer Organisation. Die Presse titelte „Hellersdorf ist nicht Sibirien“,
an der Hochschule kam es zu Auseinandersetzungen. Wie wurde
mit den Herausforderungen umgegangen?
Die Frage war ja: entweder die Hochschule an einem neuen Ort weiterentwickeln oder in Schöneberg scheitern. Vor dieser klaren Alternative sind viele
ausgewichen und haben sich einer ressentimentpolitischen Position überlassen. Es wurden Geschichten erzählt, die nicht stimmten, zum Beispiel sollte
es gefährlich sein, nach Hellersdorf mit der S-Bahn zu fahren – das war
ganz absurd. Mit meinem Standpunkt war ich schließlich ganz alleine, aber
im Rückblick bin ich sehr zufrieden mit der Entscheidung für Hellersdorf.
Entspricht denn die Entwicklung der ASH Berlin in den letzten
20 Jahren Ihren Erwartungen?
Ein wichtiges Anliegen war uns damals eine multidisziplinäre Erweiterung.
Das ist uns gelungen, nicht zuletzt mit dem Pflegestudiengang (Gesundheits- und Pflegemanagement; Anm. d. Red.), den wir gegen große Schwierigkeiten durchgesetzt haben, oder auch mit Erziehung und Bildung als
einem wichtigen Studiengang für die Erzieher_innenausbildung.
Was wünschen Sie der ASH Berlin für die Zukunft?
Durch die zunehmende Überlastung der Hochschulangehörigen kommt
eine gemeinsame Philosophie heute oft zu kurz: Was ist wichtig im Unterricht? Was orientiert uns in unserer Forschung? Wie wollen wir in der
Öffentlichkeit und gegenüber der Gesellschaft dastehen? Ich selber hatte das
Glück, vierzig Jahre lang immer Kollegen an meiner Seite zu haben, mit denen dieser Dialog möglich war. Deshalb wünsche ich der ASH Berlin diesen
Dialog, mehr Miteinander, aber auch mehr Geld und mehr Spielräume.
Das Interview führte Lucia Maack.

alice

19

20 JAHRE

ALICE SALOMON HOCHSCHULE BERLIN
IN MARZAHN-HELLERSDORF

Spandau oder Hellersdorf
Prof. Dr. Heinz Cornel, seit 30 Jahren Professor für Jugendrecht, Strafrecht und Kriminologie und zugleich
seit zwölf Jahren wissenschaftlicher Leiter des Zentrums für Weiterbildung an der ASH Berlin, erinnert sich
an die diversen Standorterwägungen für den Umzug der Hochschule von Schöneberg nach Hellersdorf.
Als ich vor 30 Jahren 1988 – da war Berlin noch durch die Mauer geteilt – nach
Berlin berufen wurde, war ein Neubau
bereits in Planung: Er sollte entweder
in Spandau am Falkenseer Kreisel, wo
damals die Stallungen der berittenen
Polizei standen, oder im Westend in
den Räumen bzw. auf dem Grundstück
der ehemaligen Klinik in der Pulsstraße entstehen. Ende 1989, als die Folgen
der Maueröffnung noch nicht absehbar
waren, freute sich der damalige Bezirksbürgermeister Werner Salomon bei einem Treffen im Ratskeller des Rathauses
Spandau bereits, dass sein Bezirk bald
Hochschulstandort würde. Diese Pläne
wurden damals sehr vom Verwaltungsleiter (die damalige Funktionsbezeichnung für den Kanzler) der ASH Berlin,
Klaus Johannsen, gefördert, der sich
selbst als „Urspandauer“ bezeichnete.
Als die Klinikräume in der Pulsstraße anders genutzt wurden und sich
die Neubaupläne in Spandau verzögerten, weil die Berliner Polizei ihre
Ställe länger brauchte, rückte für kurze Zeit das ehemalige Verwaltungsgerichtsgebäude in der Hardenbergstraße
Nähe Bahnhof Zoo in den Fokus des

20

Interesses. Dann wechselte 1990 das
Rektorat von Prof. Dr. Marlis Dürkop
zu Prof. Dr. Reinhart Wolff, der sich mit
dem damaligen Senator Manfred Erhardt auf einen Neubau im Ostteil der
Stadt verständigte, weil Investitionsmittel dafür leichter zu gewinnen wären.
Zu dieser Zeit wünschte sich ein Teil des
Kollegiums immer noch, in den alten
Räumlichkeiten in Schöneberg zu bleiben. Allerdings unterrichteten wir dort
700 bis 800 Studierende in Räumen für
knapp 400, hatten zahlreiche Ladenlokale angemietet, in denen teilweise drei
Kolleg_innen auf engstem Raum zusammengepfercht waren, und ich hielt
Seminare mit bis zu 35 Studierenden in
Räumen für 16 bis 20 Personen. Dabei
waren Ausbaupläne in diesem dicht bebauten Kiez völlig illusorisch.
Zunächst wurde ein Bauplatz in Lichtenberg-Herzberge am Rand des dortigen
Klinikums in Betracht gezogen, zumal
der Pflegestudiengang (Gesundheitsund Pflegemanagement; Anm. d. Red.)
neu im Aufbau war. Als sich herausstellte, dass das Stadtteilzentrum Helle Mitte
ein gewisses Bauvolumen brauchte und
kommerziell nicht zu füllen war, kam

die Idee auf, studentisches Leben nach
Hellersdorf zu bringen. Das brachte
einerseits die Forderung nach einem
Standort innerhalb des S-Bahnrings hervor, andererseits das berühmte Zitat des
Bausenators Nagel, Hellersdorf sei nicht
Sibirien. Ich erinnere mich übrigens
nicht an eine pauschale Ablehnung eines neuen Standorts im Ostteil der Stadt,
obwohl dieser Eindruck erweckt wurde.
Ich kann aber auch noch heute ganz gut
nachvollziehen, dass nicht jede_r (z. B.
halbtags beschäftigte) Mitarbeiter_in
sich spontan für 90 Minuten Anfahrtsweg zum Arbeitsplatz begeistern konnte.
Als sich die Hellersdorf-Pläne zunehmend konkretisierten, wurde eine Initiative für eine Machbarkeitsstudie für
einen Umzug der Hochschule an den
Pfefferberg in der Schönhauser Allee angestoßen und außerdem kurzzeitig der
Eingang des sogenannten Postfuhramtes in der Oranienburger Straße/Ecke
Tucholskystraße durch einen Großteil
des Kollegiums besetzt – ein Ereignis,
das es immerhin bis in die Abendschau
brachte. Dann begann der Bau in Hellersdorf, und inzwischen war Christine
Labonté-Roset Rektorin, die sich bisher

alice

Im Mittelpunkt

ASH-Angehörige protestierten durch die Besetzung des Postfuhramtes in Berlin-Mitte
gegen einen Umzug in die östliche Peripherie

vehement gegen diesen Standort ausgesprochen hatte. Der Stimmung für Hellersdorf nutzte es nicht gerade, dass im
Planungsprozess entgegen der Bedarfsplanung, die sich noch auf den Standort
Spandau bezogen hatte, das Gebäude
wesentlich kleiner realisiert wurde. Die
späteren Anbauten an der Ostseite haben nur das nachgeholt, was schon ursprünglich einmal geplant war.
Realistischerweise muss man sagen,
dass nicht nur in Schöneberg, sondern
auch im Verwaltungsgerichtsgebäude,

im Gebäude am Pfefferberg und im Postfuhramt in der Oranienburger Straße
unser Wachstum nicht möglich gewesen
wäre. Auch die technische Infrastruktur
hätte so in Schöneberg kaum mitwachsen können.
Die Studierenden haben sich schnell
an die neuen Räume und auch die Lage in
Hellersdorf gewöhnt und wohnen oft gar
nicht mehr so weit entfernt; aber studentisches Leben bis in die Abendstunden in
der Umgebung der Hochschule hat sich
trotz allem kaum entwickelt. Auch wenn

wir uns unter allen Hochschulmitgliedern manchmal gefragt haben, warum
der Bausenator die Wissenschaftspolitik
machen musste, ob es nicht einen etwas
zentraleren Standort gegeben hätte und
ob man auch den Fachbereich Medizin
oder Rechtswissenschaft in die Stadtrandlage umgesiedelt hätte, so arbeite ich
doch seit 20 Jahren gerne in Hellersdorf
in hellen funktionalen Räumen. Gleichzeitig ist es schön, dass wir uns auf die
Ursprünge in Schöneberg immer wieder
besinnen.

Nachdem Bausenator Wolfgang Nagel dem Umzug nach Hellersdorf zugestimmt hatte, richtete sich die Wut der protestierenden
ASH-Angehörigen auch namentlich gegen ihn

alice

21

20 JAHRE

ALICE SALOMON HOCHSCHULE BERLIN
IN MARZAHN-HELLERSDORF

Ein Anlass zum Feiern:
Die vielfältigen Kooperationen
zwischen Hochschule
und Bezirk
Elène Misbach und Bettina Völter

A

ls 1998, mitten im Transformationsprozess der Nachwendezeit, die ASH Berlin von ihrem damaligen
Standort in Schöneberg nach Hellersdorf umzog, nahmen viele Angehörige der Hochschule diese
Entscheidung des Berliner Senats eher murrend als begeistert auf (siehe S. 19–21). Daran änderte auch
die drei Jahre vor dem Umzug vorgenommene Umbenennung des Platzes in Alice-Salomon-Platz wenig.
Erst mit der Erfahrung vor Ort fanden ein allmähliches Ankommen und ein Meinungsumschwung statt.
Dies dokumentierten Susanne Hecht und Barbara Jung in dem Film „Hellersdorf ist nicht Sibirien“ (2008).

Die Ansiedlung der Hochschule in Hellersdorf – seit der Bezirksreform 2001 Marzahn-Hellersdorf –
war durch den politischen Willen der Senatsverwaltung begründet, auch in den Ostbezirken der Stadt
Hochschulstandorte mit gesellschaftlicher Verantwortung und Wirkung auf die sozialräumliche Umgebung und Infrastruktur zu schaffen. Das Interesse einer integrierenden Stadtentwicklung ist aus heutiger
Perspektive eine Saat, die nach und nach in Form von Projekten und Partnerschaften zwischen der ASH
Berlin und dem Bezirk aufgegangen ist. Genannt seien beispielsweise die kontinuierliche und anlassbezogene Zusammenarbeit mit dem „Bündnis für Demokratie und Toleranz in Marzahn-Hellersdorf “,
jährliche Kooperationsveranstaltungen mit der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten des Bezirksamts Marzahn-Hellersdorf anlässlich des Internationalen Aktionstages gegen Gewalt an Frauen*, das
Kinderforscher*zentrum HELLEUM (S. 26–27), die Spazierblicke (S. 32–33) und das Kooperationsforum,
die KitaTransferTage (S. 29), das Format „alice solidarisch“1, das Projekt „ElfE – Eltern fragen Eltern“
(S. 74–75) und die vielen Projekte der kommunalen Gesundheitsförderung, Forschungsprojekte zu sozialräumlicher Demokratieentwicklung (S. 80–81), das Projekt Interfix Boulevard Kastanienallee2 und das
Theater der Erfahrungen (S. 34–35). 3
1
2

3

22

Siehe alice 31 mit dem Schwerpunkt „alice solidarisch – Hochschule in gesellschaftlicher Verantwortung“.
Die Dokumentation des Projekts „Interfix“ ist online abrufbar auf dem Publikationsserver der ASH Berlin: https://opus4.kobv.de/opus4ash/frontdoor/index/index/docId/165.
Zahlreiche weitere Beispiele sind im Internetportal „Unsere Wissenschafts-Praxis-Partnerschaften“ (www.ash-berlin.eu/wipps), in der
alice 28 mit dem Schwerpunkt „Raus ins Leben“ sowie in den Handlungsempfehlungen des Campus-Gemeinwesen-Projekts P.F.o.r.t.E.
dokumentiert (https://opus4.kobv.de/opus4-ash/frontdoor/deliver/index/docId/190/file/PFortE-Broschuere_Juni2017_Webversion.pdf).

alice

Im Mittelpunkt

Die ASH Berlin und das Bezirksamt MarzahnHellersdorf setzen mit dem Hissen der Regenbogenflagge vor der Hochschule und dem Rathaus
seit vielen Jahren ein gemeinsames Zeichen gegen
Inter*-, Trans*-, Queer-, und Homofeindlichkeit

20 Jahre nach dem Umzug ist die ASH Berlin als lebendiger Ort
von Bildung, Wissenschaft, Forschung, Lehre und Transfer ein
bedeutender Teil der kommunalen Bildungslandschaft und aus
dem Bezirk nicht mehr wegzudenken. Sie bietet Studiengänge
im Bereich der Sozialen Arbeit, der Pflege und Gesundheit, der
Therapieberufe Physio- und Ergotherapie und der Kindheitspädagogik an. Sie gestaltet das Leben in der Stadtgesellschaft
entscheidend mit, prägt durch ihren kreativen Einsatz das gesellschaftliche Klima im Bezirk Marzahn-Hellersdorf und bezieht politisch Stellung zu Themen, die uns alle angehen.4 Sie
tut dies über die fachlichen Kompetenzen und Netzwerke sowie
das große gesellschafts- und sozialpolitische Engagement ihrer
Student_innen, Lehrenden und Mitarbeiter_innen. Dass dafür
auch das konstruktive und vertrauensvolle Miteinander in den
zahlreichen Kooperationen, Projekten und Campus-Gemeinwesen-Partnerschaften von zentraler Bedeutung ist, veranschaulichen die folgenden Statements von einigen Partner_innen der
ASH Berlin, die wir gefragt haben, wie sie die Bedeutung und
Rolle der Hochschule für den Bezirk (und darüber hinaus) einschätzen:
4

Das Engagement der Hochschule, ihrer Angehörigen und Kooperationspartner_innen wird bundesweit gewürdigt, vgl. z. B.: Website des Programms
Campus und Gemeinwesen: http://www.campus-und-gemeinwesen.de/ und duz
SPECIAL (2017): Kooperative Hochschule. Erfolgreiche Partnerschaften mit
Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, Beilage zur duz – Deutsche Universitätszeitung, 23. Juni 2017, DUZ Verlags- und Medienhaus GmbH, S. 16–17; hrsg. von
Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und Heinz Nixdorf Stiftung.

alice

„Jede Kommune kann sich glücklich
schätzen, eine Hochschule vor Ort zu
haben. Wenn sich dann noch durch gegenseitiges Engagement eine verlässliche und an den Interessen beider Seiten
orientierte Zusammenarbeit entwickelt,
ist das ein Glücksfall. Zwischen der ASH
und dem Bezirk Marzahn-Hellersdorf
mit seinen vielfältigen Strukturen von
kommunaler Verwaltung und Politik,
freigemeinnützigen Anbietern sozialer
und soziokultureller Arbeit bis zu Einrichtungen der Gesundheitswirtschaft
hat sich über die Jahre solch eine Arbeit
entwickelt. Exemplarisch lässt sich das
z. B. an der Unterstützung aber auch
kritischen Begleitung der seit 2013 im
Bezirk entstehenden Einrichtungen für
Geflüchtete, ihrer Bewohner_innen und
Betreiber zeigen. Gerade bereiten wir
mit dem Land Berlin den Aufbau eines
Dualen Studiengangs für Sozialarbeiter_innen vor, da die Nachfrage nach
gut ausgebildeten Absolvent_innen in
unseren Fachämtern groß ist.“

DAGMAR POHLE
Bezirksbürgermeisterin
Marzahn-Hellersdorf

„Die ASH Berlin ist als sich erfolgreich
entwickelnde Studien- und Forschungseinrichtung für Marzahn-Hellersdorf
ein Standortfaktor von herausragender
Bedeutung. Für den Marzahn-Hellersdorfer Wirtschaftskreis ist die langjährige
Zusammenarbeit mit der Hochschule ein
wichtiger Baustein, um Erfolgspotenziale
aus der Kooperation von Wirtschaft und
Wissenschaft sowie mit weiteren regionalen Partnern zu erschließen. Höherer
Praxisbezug von Lehre und Forschung,
Anwendung von Forschungsergebnissen
und qualifizierte Fachkräfte für regionale
Unternehmen der Gesundheits- und
Sozialwirtschaft sind dabei nur einige
Schwerpunkte.“

DR. KLAUS TEICHMANN
Geschäftsführer Marzahn-Hellersdorfer
Wirtschaftskreis e. V.

23

20 JAHRE

ALICE SALOMON HOCHSCHULE BERLIN
IN MARZAHN-HELLERSDORF

„Seit Jahren engagieren sich die Alice Salomon Hochschule Berlin und ihre Studierenden in Marzahn-Hellersdorf unermüdlich gegen Rassismus und andere Formen
gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Mit neuen
Ideen, nachhaltigen Projekten und als wichtiger Teil
verschiedener Netzwerke ist die Hochschule eine unverzichtbare Partnerin für Politik und Zivilgesellschaft und
ein progressiver Lernort für Studierende aus der ganzen
Welt.“

PETRA PAU
Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags,
Wahlkreis Marzahn-Hellersdorf

„Als langjährig in den Großsiedlungen Marzahn und
Hellersdorf Tätige und Gründungsmitglied des Kooperationsforums konnte ich das zunächst sehr zarte Pflänzchen der Zusammenarbeit zwischen Stadtbezirk und
Hochschule begleiten und fördern – und freue mich jetzt
über die ausgezeichneten Ergebnisse. Wie zum Beispiel
das gemeinsam entwickelte Kinderforscher*zentrum
HELLEUM, das nun um das Jugendforscher*zentrum
erweitert wird. Für die Zukunft sehe ich viele Möglichkeiten für gemeinsame Projekte.“

DR. ELKE HERDEN
Prokuristin S.T.E.R.N.
Gesellschaft der behutsamen Stadterneuerung mbH

„In einer wachsenden Stadt, in der sich soziale Problemlagen in einzelnen Quartieren und Stadtteilen immer
deutlicher zeigen, sind wir aufgefordert, ein ausdifferenziertes und komplexer werdendes Leistungsspektrum zu
entwickeln und anzubieten. Dabei stoßen wir manchmal
an unsere Grenzen. Umso bedeutsamer werden Kooperationen und Vernetzung, um zum Beispiel (Bildungs-)
Potenziale zu aktivieren, Benachteiligungen und Entwicklungshemmnisse abzubauen und die Start- und Teilhabechancen zu verbessern. Bewährte Ansätze und Strategien
können so weiter oder auch neu gedacht werden. In
diesem Bestreben hat sich die ASH Berlin zu einem stabilen Partner entwickelt, der Prozesse nicht nur begleitet,
sondern auch anregt, voranbringt und zu ihrem
Gelingen aktiv beiträgt.“

HEIKO TILLE
Leiter des Jugendamtes Marzahn-Hellersdorf

„In der Praxis der Sozialen Arbeit brauchen wir einen
Berufsnachwuchs, der nicht nur mit aktuellem Wissen,
sondern vor allem auch mit klaren Haltungen von der
Hochschule kommt. Diese Haltungen auszuprägen ist
eine Aufgabe, welche die Hochschule nicht allein bewältigen kann. Dafür braucht sie die enge Vernetzung mit
einer lebendigen und reflektierten Praxis im Gemeinwesen – eine Aufgabe, die für beide Seiten gerade in Zeiten
heftiger gesellschaftlicher Auseinandersetzungen ein
hoher Anspruch ist. Wir bei Gangway verfolgen insbesondere in der auf konkrete Teilhabe ausgerichteten Arbeit
mit wohnungslosen Menschen eine sehr enge und handlungsorientierte Zusammenarbeit mit der ASH Berlin, die
geprägt ist von Menschen, die auf Augenhöhe agieren
und sich auf die Adressat_innen der Straßensozialarbeit
wirklich einlassen.“

ELVIRA BERNDT
Geschäftsführerin Gangway e. V. – Straßensozialarbeit in
Berlin, Mitglied im Kuratorium der ASH Berlin

„Bürgerschaftliches Engagement, Stadtteilarbeit,
Initiativen aus der Zivilgesellschaft und Wissenschaft:
Die Vernetzung dieser Bereiche stärkt unsere Demokratie. Die Alice Salomon Hochschule fördert durch ihre
Projekte und Forschungsvorhaben die transsektorale
Zusammenarbeit. Der Bezirk Marzahn-Hellersdorf
profitiert von diesem innovativen und auch konstruktivkritischen Ansatz, der Ausstrahlungskraft auf das
gesamte Land Berlin hat.“

ANNE JEGLINSKI
Paritätischer Wohlfahrtsverband, Landesverband
Berlin e. V., Leiterin der Geschäftsstelle Bezirke,
Mitglied im Kuratorium der ASH Berlin

Wir freuen uns über die aus den verschiedenen Perspektiven zum Ausdruck gebrachte Wertschätzung
der Zusammenarbeit. Sie beflügelt für viele weitere
gemeinsame Projekte und Kooperationen auf allen
Ebenen.
Herzlichen Dank!

24

alice

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20 JAHRE

ALICE SALOMON HOCHSCHULE BERLIN
IN MARZAHN-HELLERSDORF

Im Februar 2017 besuchte HELLEUM-Mitarbeiter Holger Haas gemeinsam mit Prof. Dr. Wedekind die frisch eröffnete Lernwerkstatt
der National Pingtung University in Taiwan

Virus HELLEUM
Das pädagogische Konzept der Lernwerkstattarbeit und insbesondere das
Kinderforscher*zentrum HELLEUM erreichen Transferwirkungen bis nach Taiwan
Hartmut Wedekind und Olga Theisselmann

In den letzten acht Jahren hat sich das
im Kinderforscher*zentrum HELLEUM
und an der Alice Salomon Hochschule
Berlin konsequent umgesetzte Konzept
der Lernwerkstattarbeit einem Virus
gleich weit über die Bezirksgrenzen hinaus verbreitet. Das zeigt zum Beispiel
die Anfrage einer Kollegin aus Bayern:
- Grüß Gott, entschuldigen Sie, […] wir
möchten nach dem Besuch im HELLEUM auch ein Kinderforscher*zentrum
HELLEUM aufbauen. Wäre das möglich?
- Wir freuen uns, wenn Sie das Konzept
übernehmen, allerdings würden wir Ihnen einen anderen Namen vorschlagen.
Der Name HELLEUM klingt zwar sehr
wissenschaftlich, ist aber entstanden,
weil die Einrichtung in HELLErsdorf
aufgebaut wurde. Vielleicht nennen sie
Ihre Einrichtung BAVARIUM […].

26

In Bonn dagegen haben die Kolleg_innen gleich die richtige Entscheidung
getroffen: Die ab November 2018 entstehende Einrichtung soll BONNEUM
heißen. In Rumänien und in Tschechien
wird noch nach einem entsprechenden
Namen gesucht. Gespannt schauen wir
nach Russland, China und Taiwan, wo
ebenfalls großes Interesse angemeldet
wurde, die Idee der Lernwerkstattarbeit als ein inklusives pädagogisches
Konzept umzusetzen. Mit der Gründung einer „Akademie Lernwerkstatt“
wird am 21.10.2018 in Chongqing der
Grundstein für eine Institution gelegt,
die in Zentralchina über Fortbildungsangebote die Idee verbreiten wird. Am
22.10.2018 wird dafür die erste Lernwerkstatt in einem chinesischen Kindergarten als Modell für den Aufbau
weiterer Werkstätten eröffnet. Bereits
im Herbst 2017 wurde an der National

Pingtung University in Taiwan, einem
Kooperationspartner der ASH Berlin,
eine Hochschullernwerkstatt eröffnet,
die sich an der Lernwerkstatt Freier
Ausdruck der ASH Berlin orientiert.
Jährlich absolvieren taiwanesische Studierende ein Praktikum im HELLEUM,
um mit immer neuen Ideen zurück nach
Taiwan zu reisen und diese vor Ort in
die Arbeit der Lernwerkstätten und Kindergärten einfließen zu lassen.
Aber nicht nur im Ausland hat sich
die Idee verbreitet. In vielen Fortbildungsangeboten wurden in den letzten
Jahren hunderte Pädagog_innen aus
ganz Deutschland mit dem Lernwerkstattvirus infiziert. Das HELLEUM war
und ist für sie der Beweis, dass der innovative pädagogische Ansatz große Lernfreude und Lernintensität bei Kindern
sowie sehr große Berufszufriedenheit
bei den Erwachsenen auslöst. Allein in

alice

Im Mittelpunkt

Im Juli 2017 besuchte der
Präsident der Pingtung University
in Taiwan das HELLEUM in
Berlin-Hellersdorf

der Region Höxter in Nordrhein-Westfalen sind in den letzten fünf Jahren in
Begleitung von Prof. Dr. Wedekind 28
Lernwerkstätten in Kitas, Grundschulen, Sekundarschulen und Gymnasien
entstanden.
Dem Kinderforscher*zentrum HELLEUM war und ist es ein Anliegen,
aktiv im Bereich der Bildung auch im
Bezirk zu wirken. Insbesondere die Idee
der Lernwerkstattarbeit etablierte sich
über die Projekte und Netzwerkarbeit
in verschiedenen Kitas und Grundschulen des Bezirks. So konnten, unterstützt
durch Drittmittelgeber, erfolgreiche
Partnerprojekte realisiert werden, die
mit dazu beitrugen, die Bildungslandschaft im Bezirk zu verändern (siehe
alice 31, 33, 34). Mit Unterstützung des
HELLEUM wurden entsprechend umgesetzt: das Forschungsprojekt NaWiLT
(„Naturwissenschaftliches Lernen im
Kinderforscher*zentrum HELLEUM
– Transferwirkung in die Region“, Finanzierung: Institut für angewandte
Forschung), die Praxisprojekte NaBi
KiKS („Naturwissenschaftliche Bildung
– Kinder in Kita und Schule / Bildungsleuchtturm Marzahn-Hellersdorf, Finanzierung: Programm Soziale Stadt),
„HELLE und LEUM Tüfteltruhen“
(Finanzierung: Deutsche Bundesstiftung Umwelt) sowie die Science4Life

alice

Academy für Flüchtlingskinder (Finanzierung: Bayer Science & Education
Foundation).
Dabei ist das HELLEUM eine inklusive Bildungseinrichtung, die allen Kindern und deren Eltern zur Verfügung
steht. Schulkinder aus 32 Grundschulen
und drei Gemeinschaftsschulen sowie
über 100 Kitas aus dem Bezirk gehören
zur Hauptzielgruppe. Insgesamt konnten verteilt über die letzten fünfeinhalb
Jahre etwa 36.000 Kinder im HELLEUM
forschen. Insbesondere die kostenfreien
Forscher*angebote nachmittags bieten
vielen Kindern sinnstiftende Bildungsmöglichkeiten. Oft besuchen Sozialarbeiter_innen und Einzelfallhelfer_innen
das HELLEUM mit ihren Schützlingen
oder Eltern und Großeltern mit Kindern
bzw. Enkelkindern. Viele Kinder kommen auch gerne alleine.
Zukünftig sollen auch ältere Schüler_innen bzw. Jugendliche die Möglichkeit erhalten, sich durch das
explorierende Erkunden von Phänomenen mit naturwissenschaftlichen
und technischen Sachverhalten intensiv auseinanderzusetzen. Hierzu werden die im Kinderforscher*zentrum
elaborierten Erfahrungen im Bereich
der Lernwerkstattarbeit für die Sekundarschulen modifiziert und im
neugebauten Jugendforscher*zentrum

HELLEUM (voraussichtliche Eröffnung: Herbst 2020) in einer neuen Qualität Anwendung finden. Im Rahmen
der Konzeptentwicklung und beim Aufbau des Jugendforscher*zentrums arbeitet das HELLEUM-Team bereits mit vier
Oberschulen und Gymnasien aus dem
Bezirk zusammen. Oberschüler_innen
aus dem Melanchthon-Gymnasium besuchen z. B. die Probeworkshops und
die Arbeitsgemeinschaft am Freitag.
Als Praxis- und Forschungsstätte wird
der entstehende Campus dazu beitragen, die Begeisterung und Neugierde
an naturwissenschaftlich-technischen
Phänomenen bei Kindern und Jugendlichen wachzuhalten.
Schließlich trägt das HELLEUM als
Mitglied des lokalen Netzwerks Umweltbildung, als Treff für Fachkonferenzen
der Grundschulen, als Fortbildungsort
für Pädagog_innen und Ehrenamtliche,
mit Forscherangeboten auf Schul- und
Stadtteilfesten und in Kooperationsprojekten mit anderen bezirklichen Einrichtungen erfolgreich dazu bei, die dritte
Mission der größten SAGE-Hochschule
Deutschlands vollumfänglich zu erfüllen: Wissenschaft trifft Praxis, gestaltet
mit Partner_innen Bildungslandschaften um und wird zugleich über die Zusammenarbeit mit der Praxis bereichert
und immer wieder neu gefordert.

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28

alice

Im Mittelpunkt

Expertise und Impulse
Die KitaTransferTage wirken durch eine nachhaltige persönliche Zusammenarbeit
Prof. Dr. Christian Widdascheck

2010 bis 2014 wurde in Kooperation mit dem Bezirk von der
Arbeitsgemeinschaft Gesundheit Berlin-Brandenburg e. V. das
Modellprojekt „Gesund aufwachsen in Marzahn-Hellersdorf
durchgeführt. Als für die Thematik einschlägige Hochschule
vor Ort und im Bezirk war die Alice Salomon Hochschule
Berlin ein wichtiger Partner. Im Rahmen des Modellprojektes
wurde 2011 das Konzept der KitaTransferTage entwickelt, als
Instrument einer niederschwelligen und zugleich partizipativen Qualitätsentwicklung und -sicherung der Kindertagesstätten im Bezirk. Seit dem Ende des Modellprojektes 2014
engagiert sich nun der Studiengang Erziehung und Bildung
im Kindesalter (EBK) im Rahmen eines Kooperationsvertrages zwischen dem Bezirksamt, der AWO pro.mensch (einem
im Bezirk engagierten Kita-Träger) und der ASH Berlin kontinuierlich und nachhaltig in der fachlich-wissenschaftlichen
Begleitung und Ausgestaltung der KitaTransferTage.
Ziel der KitaTransferTage ist es, einen moderierten Erfahrungsaustausch der Kindertagesstätten im Bezirk untereinander zu ermöglichen, zu Themen, die den Alltag
der Einrichtungen bewegen. Gleichzeitig wird dabei immer einer Kita ein Forum gegeben, ihre Expertise vorzustellen, die sie sich in Bezug auf ein relevantes aktuelles
inhaltlich-konzeptionelles pädagogisches Thema erarbeitet
hat. Auf persönlich-fachlicher Ebene lebt die Kooperation
insbesondere von der inzwischen über vier Jahre andauernden kontinuierlichen Arbeit von Petra Fiebig, Koordinatorin für den Bereich Tagesbetreuung des Bezirkes, und
Christian Widdascheck, Professor für Elementare Ästhetische

Bildung am EBK-Studiengang. So konnten in und aus dieser
Kooperation gemeinsame KitaTransferTage unter anderem zu
folgenden Themen realisiert werden:
• Wie können Eltern-Erzieher_innen-Partnerschaften
gelingen?
• Wie kann eine Kita zu einer zentralen Begegnungsstätte
im Stadtteil werden?
• Sprache im Alltag fördern
• Bewegungsförderung – ein integrativer Anspruch
der täglichen Arbeit
• Ernährungsbildung – Bildung zur Ernährung
• Den Übergang von der Kita zur Grundschule gemeinsam
und erfolgreich gestalten
• Kita – ein resilienzförderlicher Lern- und Lebensort für
Kinder
Der Studiengang Erziehung und Bildung im Kindesalter
bringt sich im Rahmen der Kooperation neben der inhaltlich-konzeptionellen Gestaltung der KitaTransferTage durch
Kurzreferate und in der Dokumentation ein. Für die Beteiligten des Studienganges sind die KitaTransferTage ein spannendes Forum, um den für den Studiengang kennzeichnenden
produktiven – gerade weil nicht immer reibungslosen – Diskurs der Bildungsorte Hochschule und Berufsfeld zu praktizieren, wodurch Ideen für weiterführende Forschungs- und
Entwicklungsprojekte und spannende Impulse für die Lehre
entstehen.

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www.ash-berlin.eu/hochschule/presse-und-newsroom/presse

Newsletter der ASH Berlin

alice

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20 JAHRE

ALICE SALOMON HOCHSCHULE BERLIN
IN MARZAHN-HELLERSDORF

Transfer in die Zukunft:
Konzeption bedarfsorientierter
Beratungs- und Unterstützungsstrukturen
in der Einwanderungsgesellschaft

Infotermin zum ersten Durchgang des ASH Pre-Study Programms 2016. Afsaneh T. (rechts) ist inzwischen Studierende der Sozialen Arbeit und
studentische Mitarbeiterin im ASH Refugee Office und Pre-Study Programm

Silvia Oitner und Mariangela Sglavo

Seit der rassistischen Proteste gegen
die Eröffnung der ersten Unterkunft
für Geflüchtete im Bezirk MarzahnHellersdorf im Jahr 2013 ist einige Zeit
vergangen. Die Herausforderungen,
vor denen die Einwanderungsgesellschaft Deutschland steht, haben sich
jedoch kaum verändert, sondern vielmehr weiter zugespitzt. Mehr denn je
stehen die Professionen der Sozialen
Arbeit, Erziehungs-/Bildungs- und Gesundheitsberufe vor der Aufgabe, Fragen aus der Praxis rund um Inklusion,

30

diskriminierungskritische und menschenrechtsbasierte Arbeit sowie um
gesellschaftliche Ungleichheitsverhältnisse im Rahmen von Lehre, Forschung
und Studium zu bearbeiten, zu analysieren und wiederum auf die Praxis
übertragbar zu machen. Die transdisziplinäre Fokuswoche „alice solidarisch“,
die Anfang 2016 Praktiker_innen,
Akademiker_innen, Politiker_innen,
Student_innen und Menschen mit
Fluchterfahrung aus dem Bezirk, aus
Berlin und darüber hinaus zu diesem

Themenkomplex in verschiedenen Formaten zusammenführte, hat den Anstoß
gegeben, entsprechende Kooperationen
zwischen Hochschule und Praxis weiter
auszubauen und zu vertiefen.
Besonders im Bereich der Arbeit und
Beratung mit und von Geflüchteten
haben sich seitdem und u. a. durch die
Einrichtung von ASH Refugee Office
und Pre-Study Programm zahlreiche
Einrichtungen aus der Sozialen Arbeit und dem Bildungsbereich mit der
ASH Berlin gezielt vernetzen können:

alice

Im Mittelpunkt

Verschiedene Institutionen aus dem
Bezirk wenden sich bei Fragen nach Expert_innen im Feld an die Hochschule. Kolleg_innen aus dem Raum Berlin
senden Stellenausschreibungen direkt
an das ASH Refugee Office und hoffen auf Bewerber_innen aus dem ASH
Pre-Study Programm sowie der grundständigen Studiengänge der ASH Berlin. Geflüchtete kommen für Beratung
und Information rund um die Themen
Wohnen, Bildung, Sprache und Rechtsvermittlung ins ASH Refugee Office.
Eine Kooperation, auf die in diesem Rahmen der bezirklichen Zusammenarbeit und der Förderung des
Theorie-Praxis-Transfers besonders
hingewiesen werden muss, ist jene
mit der Volkshochschule (VHS) Marzahn-Hellersdorf. Seit 2016 haben sich
verschiedene Pilotprojekte, darunter
Sprach- und Orientierungskurse an der
ASH Berlin durch Sprachlehrer_innen
mit eigener Migrationsgeschichte und
Empowermentprojekte für geflüchtete
Frauen in Unterkünften in MarzahnHellersdorf durch Master-Absolvent_
innen der ASH Berlin umsetzen lassen.
Für das Pilot-Projekt „Coaching für
Newcomer in Marzahn-Hellersdorf “
(siehe alice 35, S. 10), das Ende 2017 an
der VHS probeweise durchgeführt wurde und von bezirklicher Seite aufgrund
der niederschwelligen und bedarfsorientierten Vorgehensweise als besonders

förderungswürdig erachtet wurde, steht
nun fest, dass es für Geflüchtete im Bezirk durch Mittel der Senatsverwaltung
für Integration, Arbeit und Soziales
fortgeführt werden kann.
Absolvent_innen und Student_innen
der ASH Berlin, Teilnehmer_innen des
ASH Pre-Study Programms und ehemaligen Besucher_innen des Refugee
Office wurde es ermöglicht, gemeinsam ein kostenloses Beratungs- und
Begleitungsprogramm für geflüchtete
Menschen im Bezirk aufzubauen. Das
sozialpädagogische Coaching an der
VHS hat das Ziel, ein Unterstützungsprogramm zu schaffen, das den Teilnehmenden den Zugang zu Bildung und
Arbeit erleichtert und die gesellschaftliche Teilhabe fördert. Die (Re-)Aktivierung und Entwicklung sprachlicher,
beruflicher und persönlicher Kompetenzen stehen im Fokus der CoachingAngebote. Zudem werden gezielt sowohl
Workshops zu den Themen Rassismus
und Diskriminierung im Bildungswesen sowie auf dem Arbeitsmarkt als
auch Empowermentworkshops für Betroffene angeboten.
Künftig werden die bezirkliche Coaching-Stelle und das ASH Refugee Office
enger zusammenarbeiten, und auch der
Austausch und die Kooperation mit dem
ASH Projekt „Empowerment, Sensibilisierung und antirassistische Öffnung“
(siehe S. 6–7) sowie weiteren relevanten

Stellen wird angestrebt. Gemeinsam
wird versucht, die Erkenntnisse der Arbeit auch anderen Praxispartner_innen
zugänglich zu machen und zugleich zurück an die Hochschule zu tragen, um
den Theorie-Praxis-Transfer nicht zu
unterbrechen und von kritischen Analysen und Debatten wiederum lernen zu
können. Dieser Prozess soll eine fruchtbare Struktur wachsen lassen, die Lernprozesse und Rückkopplungsprozesse
vorantreibt.

Links:
Coaching für Newcomer in Marzahn
Hellersdorf:
https://www.berlin.de/bamarzahn-hellersdorf/aktuelles/
pressemitteilungen/2018/
pressemitteilung.735467.php

ASH Refugee Office und Pre-Study
Programm:
https://www.ash-berlin.eu/studium/
studiengaenge/ash-pre-studies-forrefugees/

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alice

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20 JAHRE

ALICE SALOMON HOCHSCHULE BERLIN
IN MARZAHN-HELLERSDORF

Seit 2009 laden die „Spazierblicke“
zum Flanieren im Bezirk Marzahn-Hellersdorf ein

Stadtteil(ver!)führungen
Sabine Bösch, Oliver Fehren, Gabriele Kokel und Elène Misbach

Müßiggang und Lustwandeln sind selten geworden in heutigen
Zeiten. Und doch gibt es mit den „Spazierblicken“ regelmäßig
eine Möglichkeit, durch Marzahn-Hellersdorf zu flanieren und
dabei immer wieder neue Ansichten und Menschen kennenzulernen. Seit 2009 laden die „Spazierblicke“ etwa sechs Mal
pro Jahr zu thematischen Spaziergängen im Bezirk ein. Mal
bieten Mitarbeiter_innen oder Student_innen der ASH Berlin, mal Menschen aus dem Bezirk die „Entdeckungstouren
jenseits eingespurter (Denk-)Wege“ (Völter in alice 28, S. 14)
an; oftmals sind es auch Tandems aus Bezirk und Hochschule.
Veranstaltet wird die Reihe vom Kooperationsforum MarzahnHellersdorf – ASH Berlin.
Beim Stichwort „Spazierblicke“ kommen uns sofort der Blick
vom Marzahner SkyWalk und der köstliche Erdbeerkuchen im
idyllischen Garten des alternativen Wohnprojekts AJZ KITA
mit dem benachbarten selbstverwalteten Jugendclub La Casa
als krönender Abschluss der Tour zu selbstorganisierten Projekten im Kiez in den Sinn. Dabei beeindruckt auch das viele
Grün im Bezirk. So manch eine_r nimmt jetzt den Fahrradweg
entlang der Wuhle vom S-Bahnhof Wuhletal zur Hochschule.

SkyWalk in Marzahn im Mai 2016:
Auch an einem verregneten Tag zeigt sich der Bezirk erstaunlich grün

32

Bereichert werden die „Spazierblicke“ durch die Erfahrungen
der vielen Tourleiter_innen. Ein Großteil von ihnen lebt und
arbeitet schon viele Jahre im Bezirk. Sie haben die Entwicklung
und das Ankommen der ASH Berlin seit 1998 miterlebt – auch
manche der anfänglichen Widerstände, Enttäuschungen und
gegenseitigen Vorbehalte.
Diese waren mit ein Grund, den Student_innen, Hochschullehrer_innen und weiteren Mitarbeiter_innen den Bezirk
näherzubringen und ein besseres Kennenlernen zu ermöglichen. In den letzten neun Jahren führten die „Spazierblicke“
zu Orten für Jugendliche, zum Kastanienboulevard und zu
weiteren Sozialräumen mit ihren Besonderheiten, zu Orten
der Integrations- und Inklusionsarbeit, der Barrierefreiheit, zu
Beteiligungsprojekten im Quartiersverfahren oder entlang der
hochschulnahen Naturoase Hönower Weiherkette, zu StadtteilEinrichtungen, die sich rund um die Gemeinschaftsunterkunft
in der Maxie-Wander-Straße engagieren, und zu vielen mehr.
Aus den einzelnen „Spazierblicken“ entwickelten sich zusätzlich die „Spazierblicke (nicht nur) für Erstsemester und
Austauschstudierende“: vier bis fünf gleichzeitige Touren zu

Im Mittelpunkt

Spazierblicke Oktober 2018
Foto: Luciana Saalbach

Urban Gardening
Der Gemeinschaftsgarten im Alten Gut Hellersdorf Urban Gardening als Praxis ökologischer Sozialarbeit
Der Gutsgarten dient der Belebung des Gutes in Einbindung der Nachbarschaft, fördert nachbarschaftliche Vernetzung
und Engagement, bietet Umweltbildung für Kinder- und Jugendliche und beschäftigt sich mit Themen wie ökologisches
Gärtnern, Nachhaltigkeit und Urban Gardening. Als Praxis greift er die Aktivierung benachteiligter Nachbarschaften,
Team- und Community-Building auf. Der Garten demonstriert einen sozial und ökologisch anderen Umgang mit
städtischem Raum und seinen Bewohner_innen. Hier wird die Frage praktisch bearbeitet wie wir in Zukunft in den
Städten zusammen leben und arbeiten wollen.

Plakate, Flyer und und soziale
Netzwerke informieren über die
aktuellen Spazierblicke

Mit: Daniel Dermitzel, Luciana Saalbach, Robert Shaw vom PrinzessinnengartenBau (Projektleitung Gutsgarten
Hellersdorf) und Oliver Fehren (ASH Berlin)

Mittwoch, 24. Oktober 2018
10.15 Uhr, ASH Berlin (Haupteingang)

Spazierblicke
Dienstag, 02. Mai 2017

Spazierblicke

Illustrationen: © fotolia.com · Foto: © degewo, Cathrin Bach

Amt für Jugend und Familie

Skywalk in Marzahn

Die Reihe „Spazierblicke“ veranstaltet das Kooperationsforum Marzahn-Hellersdorf – ASH. Jede dieser Stadtteil(ver!)führungen soll einen anderen, neuen, fremden Blick auf Hellersdorf und den Bezirk eröffnen. Kontakt: fehren@ash-berlin.eu

DIE NEUEN

Spazierblicke

Mit: Dr. Oleg Peters (Leiter Standortmarketing Marzahn-Hellersdorf)
An den eigenen Füßen vorbei in die Tiefe schauen! Der „degewo-Skywalk Marzahner Promenade“ bietet eine atemberaubende Aussicht:
Über die Marzahner Promenade hinweg sind Blickachsen von Marzahn bis in die Berliner Innenstadt und in das Brandenburger Umland neu erlebbar.
Auch der Müggelsee, das Märkische Viertel, das Rüdersdorfer Zementwerk und der Fernsehturm am Alex sind zu sehen.
Vor Beginn des Spazierblicks muss eine Einverständniserklärung unterschrieben werden, dass die Begehung des Skywalk (mit festem Schuhwerk) auf eigene Gefahr erfolgt.

Dienstag, 02.05.2017, 14.00 bis ca. 16.30 Uhr
Start: 14.00 Uhr ASH
(dann Tram M6 bis Haltestelle Freizeitforum Marzahn) oder 14.30 Uhr vor dem Hochhaus Raoul-Wallenberg-Straße 40/42
gegenüber Freizeitforum Marzahn (FMM) am Viktor-Klemperer-Platz
Die Reihe „Spazierblicke“ veranstaltet das Kooperationsforum Marzahn-Hellersdorf – ASH.
Jeder dieser Stadtteil(ver!)führungen soll einen anderen, neuen, fremden Blick auf Hellersdorf und den Bezirk eröffnen.
Kontakt: fehren@ash-berlin.eu

Amt für Jugend und Familie

verschiedenen Themen jeweils zu Semesterbeginn. Mit sehr
viel Engagement organisieren Menschen aus dem Bezirk und
aus der ASH Berlin auch diese geführten Spaziergänge. Im Anschluss treffen sich alle – jetzt schon traditionell – im Bürgergarten „Helle Oase“ zum Grillen und Austausch des Erlebten: Es ist
immer wieder interessant zu erfahren, wie die Student_innen
(und Mitarbeiter_innen) Hellersdorf sehen und inwieweit sich
das mit dem eigenen Bild von Hellersdorf trifft.
Mit dem Angebot verknüpft sich die Hoffnung, dass Studierende und Lehrende nicht nur den Weg von der U-Bahn zur
Hochschule kennenlernen, sondern auch „über den Tellerrand“
hinaus sehen. Denn wir überdenken unsere eingefahrenen
Routinen, wenn wir Menschen mit anderen, neuen oder auch
offeneren Perspektiven auf die Dinge – und die Menschen –
begegnen.
Das Programm für 2018/19 richtet seinen Fokus auf die Umweltbildung, Urban Gardening, aber auch Frauenräume. Dass
aktuell wieder neu gebaut wird im Bezirk, insbesondere rund
um das Alte Gut Hellersdorf bis hoch zur Zossener Straße, bedeutet eine extrem große Entwicklung im Wohnungsbau mit
entsprechender Infrastruktur. Wir werden als Akteur_innen
die Entwicklung verfolgen und planen auch dazu in der Reihe
„Spazierblicke“ aktuelle spannende Stadtteil(ver!)führungen.

Die nächsten
Spazierblicke:
14. Februar 2019, 14.00 bis 16.00 Uhr
Das Umweltbildungszentrum
im Kienbergpark
04. April 2019, 14.30 bis 16.30 Uhr
(anschließend Grillen)
Spazierblicke – (Nicht nur) für Erstsemester- und Austauschstudierende
der ASH Berlin
18. April 2019, 15.00 bis 17.30 Uhr
‚Frauenräume‘ in Marzahn-Hellersdorf
08. Mai 2019, 15:00 bis 17.30 Uhr
Erlebnispädagogik vor der Haustür…
wie verrückt ist das?

Sabine Bösch
SOS-Familienzentrum Berlin,
Stadtteilbüro Alte Hellersdorfer Straße

Kontakt, Ideen und Nachfragen
zu den Spazierblicken:

Oliver Fehren
Professor für Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit mit
dem Schwerpunkt Gemeinwesenarbeit

Prof. Dr. Bettina Völter
voelter@ash-berlin.eu

Gabriele Kokel
Koordinatorin Förderung und Gestaltung Hellersdorf-Nord,
Jugendamt Marzahn-Hellersdorf
Elène Misbach
Wissenschaftliche Mitarbeiterin Transfer & Third Mission

alice

Prof. Dr. Oliver Fehren
fehren@ash-berlin.eu
Gabriele Kokel
Gabriele.Kokel@ba-mh.berlin.de

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20 JAHRE

ALICE SALOMON HOCHSCHULE BERLIN
IN MARZAHN-HELLERSDORF

Bühnenszene aus der Revue „Lieder, die schockieren, verführen, irritieren“ (2008) mit Studierenden der ASH Berlin
und Spieler_innen des Theaters der Erfahrungen

10 Jahre MEISTERSCHULE
Das Theater der Erfahrungen macht (Hoch-)Schule – die Alice Salomon Hochschule Berlin
macht Erfahrungen. Angewandte Lehre im Kontext des demografischen Wandels
Frank Schüler und Svenja Krebs

Fotos von alten Menschen kleben auf
dem Fußboden in der Eingangshalle
der Alice Salomon Hochschule, sind
versteckt an der Decke angebracht oder
hängen stilsicher an der Wand an allen
möglichen und unmöglichen Orten. Die
Menschen darauf sind in Aktion auf der
Bühne, als Rocker_in verkleidet oder im
Tierkostüm zu sehen. Manche sitzen mit
Studierenden zusammen, vertieft in ein
konzentriertes Interview. All diese Momentaufnahmen stammen aus Projekten,

34

die im Rahmen der Zusammenarbeit des
Theaters der Erfahrungen und der ASH
Berlin entstanden sind.
Seit 1980 spielt das Theater der Erfahrungen Stücke mit Berliner Senior_innen, die aus ihrem ganz persönlichen
Erfahrungsschatz entstanden sind und
ihr alltägliches Leben und ihre politischen Forderungen widerspiegeln. Nicht
nur mit der Ausstellung „Alte sind überall“ (2010) wurden die Spieler_innen
des Theaters damit an der Hochschule

sichtbar, sie sind mittlerweile seit zehn
Jahren live dabei. Wie kam es dazu?
Wie alles anfing
Das Feld der sozialen Kuturarbeit, von
Professor Gerd Koch an der ASH Berlin
maßgeblich begründet, bekam im Wintersemester 2008/09 mit der Berufung
von Johanna Kaiser als seine Nachfolgerin
einen neuen Schwerpunkt: Kulturarbeit
mit alten Menschen. Als Mitbegründerin und – neben Eva Bittner – Leiterin

alice

Im Mittelpunkt

„Alte sind überall“ –
auch in der ASH Berlin mit der
Ausstellung des Theaters
der Erfahrungen 2010

des Theaters der Erfahrungen, eines der
ältesten Altentheaters Europas, verfolgte
sie unter dem Namen „Meisterschule“
die Idee, einen Transfer zwischen Studierenden und Älteren im Rahmen der
Kulturarbeit zu realisieren. Damit stieß
sie auf neugieriges Interesse im Kreis der
Kolleg_innen, nicht nur im Studiengang
Soziale Arbeit, sondern auch in den Studiengängen Erziehung und Bildung im
Kindesalter, Praxisforschung in Sozialer
Arbeit und Pädagogik sowie Gesundheit
und Pflegemanagement.
Raus aus der Hochschule
Die interdisziplinären Lehrformate der
Sozialen Kulturarbeit ermöglichten die
Beteiligung der alten Spieler_innen an
sehr vielfältigen Projekten: Sie wirkten
bei musikalisch-szenischen Produktionen mit (Josties/Kaiser 2008, 2010), entwickelten mit Gästen aus Ecuador eine
Inszenierung zum Thema Nachhaltigkeit
(Hemberger/Kaiser 2013), oder spielten
mit Studierenden des Studiengangs Erziehung und Bildung im Kindesalter
Theater mit Kita-Kindern (Kaiser 2011,
2014, Kaiser/Karcı 2010 u. v. m.). Die
Spieler_innen vermittelten in Seminaren
ihre Wahrnehmung von Partizipation
alter Menschen in der Sozialen Kulturarbeit (Kaiser/Piechotta 2016) oder stellten
sich für Interviews im Rahmen der Praxisforschungswerkstatt des Masterstudiengangs zur Verfügung (Hemberger/
Kaiser 2017). Die Studierenden wiederum besuchten Seminare mit Kindern
und Älteren in unterschiedlichen Stadtteilzentren und die intergenerativen Kreativtage des Theaters der Erfahrungen an
verschiedenen Orten Berlins – und kamen so raus aus der Hochschule.
Rauf auf die Bühne
Die Idee, Studierenden die interkulturelle und intergenerative Praxis der
Alten-Kulturarbeit in sozialen Feldern näherzubringen, erwies sich als

alice

wechselseitige Bereicherung. Die Senior_innen nahmen Einfluss auf aktuelle
Lehrinhalte, die Studierenden brachten
sich in Theaterstücke der Spieler_innen
ein. Gearbeitet wurde und wird dabei
sehr vielfältig: Mal entscheiden sich
die Studierenden für ein Thema und
die Spieler_innen des Theaters werden
ab einem gewissen Punkt in die Seminare eingebunden, mal entwickelt das
Theater der Erfahrungen ein Konzept,
das die Partizipation von Studierenden
vorsieht. Immer wieder lassen sich die
Beteiligten beim Theaterspielen einfach
von ihren Erfahrungen leiten und finden
ihre ganz eigenen Wege. Auch thematische Schnittstellen, wie beispielsweise
über Zwangsarbeit damals und Arbeit
in Zwangssituationen heute („Außen vor
und mittendrin“, Kaiser 2013) wurden
für diese intergenerative Arbeit in einer
speziellen Perspektivvielfalt genutzt. So
entstanden erstaunliche Projekte, ungewöhnliche Lehrformate und spannende
Aufführungen.
Rein in die Forschung
Eine Weiterentwicklung erlebte die Kooperation im Kontext der ästhetischen
Forschung. Filmische Erforschungen
ließen die ästhetischen und nonverbalen Prozesse im Spiel sichtbar werden.
Der Film „Theater ist meine Heimat“
feierte im Oktober 2016 Premiere vor
einem internationalen Publikum in der
Urania und wurde seither als Beitrag
zu interkulturellen Theaterformen u. a.
in England und Belgien gezeigt. Studierende konnten sowohl die Forschungen
zu dem Film verfolgen, als auch selbst
Proben zu unterschiedlichen Theaterstücken filmen. Als Teil einer Rezeptionsforschung interviewten sie im Rahmen
des Masterstudiengangs Praxisforschung
u. a. Kinder in Kitas nach intergenerativen Aufführungen des Theaters der Erfahrungen und glichen die Interviews
mit den Absichten der Akteur_innen ab.

Auch in die Realisierung von Tagungen
des Theaters sind sie involviert (Kaiser/
Karcı 2018). Hier haben sie die Gelegenheit, den Diskurs von Kulturarbeit im
gesellschaftlichen Wandel zu analysieren.
Grund zum Feiern
Dass diese lebendige Kooperation unter
dem Namen „Meisterschule“, der gegenseitige Transfer von Theorie und Praxis,
nicht ohne Stolpersteine und Hürden
gemeistert werden konnte, ist klar. Organisationsformen einer Hochschule und
Probenzeiten eines Theaters, das Zeitverständnis von Studierenden und die Vorstellung von Verbindlichkeit der Älteren
sind nur wenige Aspekte, die zeigen, an
welchen Stellen sich einiges zurechtrütteln musste. Doch die Anziehungskraft
ungewöhnlicher Lern- und Begegnungsräume wirkte und wirkt nachhaltig. Das
ist ein Grund zum Feiern, zum DankeSagen an alle Beteiligten, ein Grund für
einen Rückblick und einen Ausblick: Zur
Jubiläumsfeier laden wir ganz herzlich
am 17. Januar 2019 ab 16.30 Uhr ins Audimax der ASH Berlin ein.

35

Im Mittelpunkt

© Refik Tekin

„Wir wollen die
akademische Welt
hier bereichern.“

ASH-Gastdozentin Begüm Başdaş unterrichtet im Wintersemester 2018/19 im Master Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession

Aufzeigen, was nicht funktioniert –
gute Beispiele vervielfältigen
Interview mit der Wissenschaftlerin und Menschenrechtsaktivistin Begüm Başdaş
Nach einem Masterabschluss und PhD
in den USA und einem Post-Doc in
Großbritannien war Begüm Başdaş Assistenzprofessorin an der Yeditepe Universität Istanbul. 2012 übernahm sie für
Amnesty International Türkei die Kampagnen- und Aktivismus-Koordination.
Parallel unterrichtete sie an den Universitäten Bogazici und Bilgi – bis sie im
Zuge des Academics for Peace-Prozesses
entlassen wurde. Nun ist sie im Rahmen
des Masters Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession als Gastdozentin tätig.
Mit alice sprach sie über ihre Arbeit zum
Thema Flucht, die Situation in der Türkei
und die Bewegung Academics for Peace.

36

Herzlich willkommen in Berlin,
Begüm! Wie wirst du deine Zeit an
der ASH Berlin gestalten?

Könntest du uns den Academics
for Peace-Prozess genauer
erläutern?

Danke! Meine Forschung hier wird sich
auf die Rechte von Geflüchteten konzentrieren. Der konkrete Titel lautet: „Masculinities on the Move: Spatial Politics of
Solidarity and Care of Afghan Refugees
in Germany and Greece“1. Außerdem
werde ich für zwei Tage im Rahmen des
Moduls „Advocacy für Menschenrechte:
Lobby- und Kommunikationsstrategien“
unterrichten und dort meine Erfahrungen in der Kampagnen- und Advocacyarbeit einbringen.

2016 veröffentlichten 1.128 türkische
Wissenschaftler – die Academics for
Peace – die Petition „Wir werden nicht
Teil dieses Verbrechens sein“. Darin setzten sie sich mit der Situation im Südosten
des Landes und den getöteten Zivilisten
dort auseinander. Sofort wurden wir
Zielscheibe der türkischen Behörden,
gegen alle 1.128 Wissenschaftler wurden
Ermittlungen eingeleitet. Der Vorwurf:
Propaganda für eine terroristische Organisation. Das Strafmaß: 7,5 Jahre Haft.

alice

Wegen ihres Engagements für die Bewegung
der Academics of Peace
ermitteln die türkischen
Behörden auch gegen
Begüm Başdaş

Auch gegen mich läuft ein Verfahren.
Tausende wurden entlassen. „Entlassung“ bedeutet, du darfst nicht mehr als
Wissenschaftler arbeiten, dein Pass wird
eingezogen, du darfst das Land nicht verlassen.
Manche von euch sind dann nach
Deutschland gekommen …
Deutsche, europäische und internationale Institutionen haben Stipendien bereitgestellt, sodass Akademiker, die das Land
verlassen konnten, in der Lage sind, ihre
Arbeit fortzusetzen.2 Ungefähr 100 bis
150 der Academics for Peace sind nach
Deutschland gekommen. Wir sind relativ gut vernetzt und unterstützen einander. Eine nachhaltige Lösung ist das aber
nicht, denn sie gibt uns keine Sicherheit.
Im Endeffekt wird erwartet, dass wir entweder unseren eigenen Weg finden oder
zurück in die Türkei gehen. Aber ich würde sagen – ähnlich wie bei den Gastarbeitern – sind die meisten von uns hier, um
zu bleiben: Wir sind hochqualifiziert und
international hervorragend ausgebildet.
Wir wollen uns integrieren und integriert
werden. Wir wollen etwas bewirken, hier
Teil des Diskurses sein und mit anderen
Wissenschaftlern zusammenarbeiten.
Wir wollen die akademische Welt hier
bereichern und nicht nur als geschützte
Gruppe gesehen werden.

Eine Politik der Angst prägt das Klima.
Versammlungsfreiheit, Meinungsfreiheit, und damit auch die Freiheit der
Wissenschaft sind stark eingeschränkt.
Letztere bedeutet aber, kritisch zu denken, mehr noch, zu kritischem Denken
ausgebildet zu werden. Und wer kritisch
denkt, hat die Verantwortung aufzuzeigen, was nicht funktioniert. In der Türkei haben wir den Behörden gezeigt, was
nicht funktioniert und wurden dafür
kriminalisiert. Damit sich die Situation
verbessert, ist gesteigerter internationaler
Druck sehr wichtig, auch von Deutschland.
Wie ist die Lage Geflüchteter in
der Türkei?
In der Türkei tobt zwar kein Krieg wie in
Syrien oder Afghanistan. Trotzdem ist sie
kein „sicherer Drittstaat“ für Geflüchtete. Wirtschaftliche, soziale und kulturelle
Rechte bleiben ihnen verwehrt. Gesundheit und Bildung beispielsweise sind
zwar de jure garantiert, de facto werden
sie aber aufgrund von Sprachbarrieren,
Diskriminierung etc. kaum durchgesetzt.
Außerdem können Geflüchtete in der
Türkei keinen Flüchtlingsstatus erlangen,
da das Land die Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 zwar unterzeichnet,
aber auf Flüchtlinge aus Europa beschränkt hat – das war damals möglich.

Wie schätzt du die aktuelle Lage in
der Türkei ein?

Was ist der Schwerpunkt deiner
Forschung?

Die Türkei ist nicht sicher – nicht für
Geflüchtete, geschweige denn für die
eigene Bevölkerung. In der Türkei gibt
es die meisten inhaftierten Journalisten
weltweit und viele politische Gefangene.

Unter anderem untersuche ich, wie afghanische Geflüchtete auf lokaler Ebene
Solidaritätsnetzwerke untereinander und
mit Europäern schaffen und welche Strategien sie anwenden, um zu überleben,

1
2

zu leben, sich niederzulassen. Dazu
forsche ich hier in Deutschland und in
Griechenland. Ich denke, aus diesen Strategien können wir viel lernen und im Anschluss Politik neu denken: Was bedeutet
es, Bürger zu sein, was bedeutet es, Europäer zu sein, was macht unser Zusammenleben wirklich aus? In Deutschland
und andernorts sind viele Integrationsmaßnahmen gescheitert, weil lediglich
Annahmen darüber gemacht werden,
was Menschen brauchen, anstatt es tatsächlich herauszufinden. Sobald man
aber gute Beispiele erkennt, kann man
sie einordnen und vervielfältigen. Und
so Integration gelingen lassen. Ich fokussiere mich auf junge afghanische Männer, unter anderem, weil sie die höchste
Abschieberate aus europäischen Ländern
haben, und das, obwohl das Land ganz
klar nicht sicher ist. Afghanen sind unter
den Geflüchteten außerdem die Gruppe,
in der junge Männer am häufigsten alleine reisen. Damit werden sie sehr oft
Opfer von Gewalt.
Was versprichst du dir von deinem
Aufenthalt in Berlin?
Ich möchte meine Expertise im Bereich
der Menschenrechte vertiefen, insbesondere bezogen auf meinen Forschungsschwerpunkt. Ich freue mich sehr darauf,
mich mit Menschen auszutauschen, die
auch zu Menschenrechten, Gender, Sexualität und Geografie forschen. Daneben möchte ich weiter Griechisch lernen
und dazu Deutsch – ein volles Programm
also.

Das Interview führte Christiane Schwausch.

„Männlichkeit in Bewegung: Raumbezogene Solidaritäts- und Sorgepolitik afghanischer Geflüchteter in Deutschland und Griechenland“
Die ASH Berlin ist Gründungsmitglied der deutschen Sektion des Netzwerks Scholars at Risk. Begüm Başdaş wird von der Rosa-Luxemburg-Stiftung unterstützt.

alice

© Leben mit Tieren e. V.

Im Mittelpunkt

„Das hätte es früher nicht gegeben“ –
Hunde in Senioreneinrichtungen
Ein europäisches Forschungsprojekt zu Verbreitung und Qualitätsentwicklung
tiergestützter Interventionen untersucht und vergleicht die Situationen in Seniorenheimen
Annett Eckloff und Sandra Wesenberg

Als eine Ehrenamtliche von Leben mit
Tieren e. V. mit ihrer Hündin zu Besuch
in einer Senioreneinrichtung ist, kommt
eine alte Dame sofort freudig lächelnd
auf sie zu, zeigt auf die Hündin und
sagt: „Das hätte es früher nicht gegeben“.
Und das stimmt: Tiergestützte Interventionen finden erst in den letzten Jahren
immer mehr Verbreitung in verschiedensten psychosozialen Arbeitsfeldern.
Besonders häufig werden dabei Hunde
in die Arbeit mit älteren Menschen in
stationären Einrichtungen einbezogen.
Die Zahl der Projekte wächst hier rasant, ein systematischer Überblick zur
Situation in Deutschland wie anderen

38

europäischen Ländern fehlt aber bislang
und es bleiben noch viele Fragen offen: Wie arbeiten Mensch-Hund-Teams
konkret in Seniorenheimen in verschiedenen Ländern? Wie werden Hund
und Halter_in auf den Einsatz vorbereitet? Welche Unterschiede gibt es bei
den organisatorischen und rechtlichen
Rahmenbedingungen und den Qualitätsstandards? Diese und weitere Fragen
sollen im Forschungsprojekt „Human
Animal Interaction (HAI) with dogs in
retirement homes in Europe“ (Laufzeit:
Nov/2017 bis Nov/2018) beantwortet
werden. In dem vom CNSA (Caisse nationale de solidarité pour l’autonomie)

geförderten Projekt arbeitet ein Netzwerk europäischer Forscher_innen und
Praxispartner_innen (aus Frankreich,
Italien, den Niederlanden und Deutschland; Projektleitung: Dr. Didier Vernay,
Centre Hospitalier Universitaire de
Clermont-Ferrand) zusammen, um den
Stand tiergestützter Praxis in Seniorenheimen in den verschiedenen Partnerländern vergleichend zu untersuchen.
In mehreren Gruppendiskussionen und Workshops in Kunheim und
Clermont-Ferrand (Frankreich), Legnaro (Italien), Nijmegen (Niederlande) und Berlin (Deutschland) werden
die jeweiligen nationalen rechtlichen

alice

Rahmenbedingungen und die Verbreitung tiergestützter Arbeit sowie
Standards der Ausbildung und Qualitätssicherung präsentiert und diskutiert. Zudem werden während
Hospitationen in Seniorenheimen, in
denen hundegestützt gearbeitet wird,
in allen Partnerländern Felddaten erhoben und vergleichend ausgewertet.
In einem letzten Schritt sollen hieraus
Best Practice-Beispiele und Vorschläge
zur Verbesserung sowie zur Harmoni-

Verhaltenseinschätzung zur Eignung als
Besuchsbegleithund bei Leben mit Tieren e. V.,
durchgeführt von Elena Kaschubat-Dieudonné

sierung der verschiedenen Praktiken
und Standards erarbeitet und in einem
„White Book“ veröffentlicht werden.
Im deutschen Team ist neben
Prof. Dr. Sandra Wesenberg (ASH Berlin) und Prof. Dr. Frank Nestmann (TU
Dresden) der Berliner Verein Leben
mit Tieren e. V. als Praxispartner maßgeblich beteiligt. Der Verein nimmt in
der Entwicklung tiergestützter Arbeit
in Deutschland eine Pionierrolle ein.
Seit fast 30 Jahren organisiert Leben
mit Tieren e. V. in Berlin und Umgebung ehrenamtliche, hundegestützte
Besuchsdienste in sozialen Einrichtungen und engagiert sich zudem für die
wissenschaftliche Fundierung und

alice

Qualitätssicherung tiergestützter Interventionen.
Am 25. und 26. Juni 2018 fand ein
Meeting mit zwei französischen Kooperationspartner_innen in Berlin
statt. Über Fachvorträge, Diskussionsrunden und Hospitationen haben Mélie Daverède (Groupe de Ressources et
d’Accompagnements par des Médiations
et la Médiation Animale, GRAMMA,
Ibos) und Cécile Cardon (Coach professionnel/ Intervenante en Médiation Animale, Clermont-Ferrrand) den Stand
tiergestützter Arbeit in Deutschland allgemein und im Besonderen in der stationären Altenhilfe kennengelernt. Unter
anderem haben sie von Annett Eckloff
(Zentrum für Weiterbildung der ASH
Berlin) einen interessanten Einblick in
den ASH-Zertifikatskurs „Tiergestützt
und tiergeschützt“ erhalten, der von
der International Society for Animal
Assisted Therapy (ISAAT) zertifiziert
und akkreditiert ist. Außerdem hat die
Projektgruppe bei einer Verhaltenseinschätzung zur Eignung als Besuchsbegleithund bei Leben mit Tieren e. V.
hospitiert. In einem standardisierten
Testverfahren hat Elena KaschubatDieudonné (Veterinärmedizinerin mit
Zusatzbezeichnung Tierverhaltenstherapie und Hundetrainerin) ein MenschHund-Team, das zukünftig für den
Verein in den tiergestützten Einsatz gehen will, auf die Probe gestellt. Während
des Meetings konnten die Teilnehmer_
innen noch weitere ganz ‚praktische‘
Eindrücke der tiergestützten Arbeit in
Deutschland sammeln: Die Forscher_
innen wurden in eine Besuchsstunde in
ein Seniorenheim in Teltow eingeladen,
um sich selbst ein Bild von der Arbeit des
Mensch-Hund-Teams und den Reaktionen der Bewohner_innen zu machen.
Mélie Daverède und Cécile Cardon
waren von der Arbeit des Vereins sehr

beeindruckt. Sie kamen zum Fazit: „Wie
in Frankreich auch, existieren in diesem
Bereich bislang kaum verbindliche Regelungen. Es gibt daher eine Vielfalt von
Praktiken ganz unterschiedlicher Qualität. Erst durch Ausbildungsmaßnahmen
wie an der ASH Berlin oder durch das
konsequente Engagement von Organisationen wie Leben mit Tieren e. V., die
sich für den Tierschutz einsetzen, können sich tiergestützte Interventionen positiv weiterentwickeln“.
Annett Eckloff
Mitarbeiterin am Zentrum
für Weiterbildung der ASH Berlin
eckloff@ash-berlin.eu
Sandra Wesenberg
Gastprofessorin für Klinische Psychologie
mit den Schwerpunkten Beratung und
Therapie an der ASH Berlin
wesenberg@ash-berlin.eu

Information
Für Interessierte bietet sich die
Gelegenheit, mehr über tiergestützte
Besuchsdienste in Senioreneinrichtungen
zu erfahren.
Leben mit Tieren e. V. veranstaltet
am Samstag, 17. November 2018, einen
Fachtag. Mehr unter:
www.lebenmittieren.de/fachtag
Der Zertifikatskurs
„Tiergestützt und tiergeschützt“
wird regelmäßig an der ASH Berlin
angeboten. Für Rückfragen können
Sie sich an Annett Eckloff
(eckloff@ash-berlin.eu) wenden.

39

© Sandra Teuffel

Im Mittelpunkt

Ausschnitt aus dem Entwurf von
Barbara Köhler zur Neugestaltung der
Südfassade der ASH Berlin,
© Illustration Jan van der Most, Düsseldorf

Auf die Zukunft der Poesie, der Hochschule
und des Alice Salomon Poetik Preises!
Barbara Köhlers Gedicht auf der neuen ASH-Fassade lädt zu vielen Lesarten ein
Bettina Völter

Es bedarf eines gewissen Mutes, einer Chuzpe, aber auch einer klaren Haltung zu Kunst im öffentlichen Raum und zur
Bedeutung von Autor_innenschaft, um einer in der Öffentlichkeit als kunstfeindlich und kulturbarbarisch bezeichneten Hochschule das anzubieten, was Barbara Köhler uns
anlässlich der Podiumsdiskussion „Kunst und die Macht der
Worte“ im November 2017 präsentierte: einen Vorschlag mit
„Spielregeln“. Auflage 1: Wenn wir annehmen, dass auch sie
als Autorin uns ein Gedicht schenkt, dann darf dieses (wie
„avenidas“) höchstens 7 Jahre an der Fassade bleiben. Auflage 2: Die Gestaltungsidee muss vorher mit den Hochschulmitgliedern, insbesondere mit den Studierenden, besprochen

alice

werden. Auflage 3: Der Vorschlag wird neben das Abstimmungsverfahren zum Gestaltungswettbewerb gesetzt, „als
etwas“, so Barbara Köhler, „das neben dieses demokratische
Procedere auch noch einmal autonom die Kunst setzt. Auf die
Zukunft setzt, die Zukunft der Poesie und die Zukunft der
Hochschule und des Alice Salomon Poetik Preises setzt – und
auf eine produktive Auseinandersetzung.“
Barbara Köhler griff in ihrer künstlerisch-autonomen Gestaltungsidee konsequent die „avenidas-Debatte“ und den
Gesamtprozess an der Hochschule auf. Ihr kreatives und
produktives Umgehen mit den aufgeworfenen Fragen sowie
ihre Haltung zu Kunst im öffentlichen Raum haben uns als

41

Hochschule einen Denk- und Handlungsraum eröffnet,
der sich durch das mediale Bashing der Hochschule immer wieder zu schließen gedroht hatte. Ihr Vorschlag,
der zunächst von der Hochschulleitung und dann im
Januar 2018 auch mit großer Mehrheit vom Akademischen Senat angenommen wurde, birgt die Chance in
sich, den Alice Salomon Poetik Preis – viel mehr als er
das bis 2017 war – zum Gegenstand des Hochschullebens zu machen. Studierende, die sich bei uns einschreiben, erklären, dass sie sich gerade aufgrund der Debatte
bewusst unsere Hochschule als Studien- und Lernort
gewählt haben. Wir als Hochschule haben unsererseits
neue Erfahrungen mit Öffentlichkeitsarbeit gemacht
und sind daran gewachsen. Mit dem Einlassen auf die
Kunst von bisher noch nicht gewählten Preisträger_innen auf unserer Fassade geben wir ein Statement ab:
Doch, es ist möglich, sich an der ASH Berlin offen, interessiert und begeistert auf Kunst einzulassen, und so
soll es auch bleiben. Inzwischen ist ein neuer Preisträger
gewählt, Chris Szalay aus Graz (siehe S. 12–13). Er wird
einer von zweien sein, die in vier Jahren Vorschläge für
eine neue Fassadengestaltung machen können, alleine,
gemeinsam oder noch ganz anders, damit in fünf Jahren
wiederum neu gestaltet werden kann. Der Öffentlichkeit bietet die Hochschule in Zukunft nicht nur einen
inzwischen weithin bekannten Preis, sondern auch
wechselnde Kunst im öffentlichen Raum, ausgewählt
von einer Jury mit Fachexpertise.

Fotomontage der neuen ASH-Südfassade

Die neue Fassadengestaltung wird uns nun im Alltag
begleiten. Sie hat viel mit den Inhalten der Hochschule
zu tun, z. B. mit der Frage, wer eigentlich im Berufsalltag des Sozial-, Gesundheits- und Bildungswesens, im
Seminar oder in der Gesellschaft bewundert, bezweifelt, entscheidet, oder mit der Erfahrung, vor Menschen
zu stehen, deren Sprache man nicht spricht. Der Text
thematisiert – wie alle SAGE-Studiengänge an der ASH
Berlin – indirekt auch die Gleichzeitigkeit von mehreren
Perspektiven auf die Welt. Die Gestaltung von Barbara
Köhler lädt dazu ein, sich ihr jeden Tag mit neuem Blick
zu nähern.

42

© Tineke de Lange

Im Mittelpunkt

Barbara Köhler
beschreibt die sanierte
Fassade neu
Am 23. Januar 2018 stimmte der Akademische
Senat der ASH Berlin mehrheitlich für
Barbara Köhlers Vorschlag zur Neugestaltung
der Fassade. Die 11. Alice Salomon Poetik
Preisträgerin war 2017 von der Jury für ihre
kunstfertigen, bis ins Detail durchdachten und
gleichzeitig hochmusikalischen Texte gewürdigt
worden (siehe alice 33, S. 10).
Die gebürtige Sächsin lebt seit 1994 als freie
Schriftstellerin in Duisburg. Dabei hatte
Barbara Köhler nach dem Abitur zunächst eine
Fachausbildung für textile Flächenherstellung
in Plauen gemacht, als Altenpflegerin und am
Theater in Karl-Marx-Stadt, heute Chemnitz,
gearbeitet, bevor sie sich für ein Studium am
Leipziger Literaturinstitut entschied. Gedichte,
Essays, Übersetzungen, Katalogbeiträge sowie
Textinstallationen und Audio-Arbeiten sind
Ergebnis ihres vielseitigen Schaffens. Es erschien
nicht nur in Büchern, sondern immer wieder
auch im öffentlichen Raum, und wurde bereits
durch zahlreiche Preise geehrt.
Für den Alice Salomon Poetik Preis bedankte
sich Barbara Köhler letztes Jahr mit den Worten:
„… dass er vergeben wird von einer Hochschule
für Soziale Arbeit und Sozialpädagogik, was
erst einmal ungewöhnlich genug für einen
Literaturpreis anmutet, und auch vergeben,
um den Namen jener außergewöhnlichen Frau,
die diese Schule gründete, die ihren Namen
trägt – um auch diese Frau, diesen Namen in
einem anderen, weiteren Zusammenhang zu
sehen und womöglich damit etwas bekannter
zu machen.“ Da ahnte sie – wie auch sonst
niemand – wohl noch nicht, dass sie sich selbst
in naher Zukunft eingehender mit der ASH
Berlin auseinandersetzen und aktiv an der
Geschichte der Hochschule mitschreiben
würde.

alice

avenidas
avenidas y flores
flores
flores y mujeres
avenidas
avenidas y mujeres
avenidas y flores y mujeres y
un admirador

mit diesem gedicht aus spanischen wörtern
begründete der bolivianisch-schweizerische
dichter eugen gomringer 1953 eine neue lyrische
gedichtstruktur, eine konstellation. sie wurde
vorbild für die konkrete poesie, als deren pionier
eugen gomringer international anerkannt ist.
im jahr 2011 erhielt er den lyrik-preis der ash.
zu seiner ehre und aufgrund der bedeutung
der neuen gedichtstruktur wurde das gedicht
„avenidas“ an die wand der hochschule
angebracht. es zählt seit vielen jahren im
deutschunterricht zum kreativen umgang mit
konkreter poesie.
2016 jedoch bewog es studentinnen des
asta der ash, sich in einem offenen brief an
die hochschulleitung darüber zu beklagen,
dass dieses gedicht angesichts alltäglicher
situationen, in „denen frauen* sich nicht immer
wohl fühlen können“ wie „eine farce“ wirke,
„eine erinnerung daran, dass objektivierende
und potenziell übergriffige und sexualisierende
blicke überall sein können“ und das gedicht
deshalb von der wand entfernt werden solle.
diese stellungnahme einiger studentinnen wird
landesweit, u.a. von der akademie der künste
berlin, als ein eingriff in die künstlerische freiheit
empfunden. dennoch hat der brief bewirkt, dass
die hochschule über eine neugestaltung der
fassade abstimmen ließ mit dem ergebnis, das
gomringer-gedicht zu übermalen.
Eugen Gomringer, Mai 2018

Die beiden von Eugen Gomringer (oben) und Barbara Köhler
(unten) gestalteten Tafeln sind künftig am unteren Teil der
Fassade angebracht. Wenn ab sofort im Fünfjahresrhythmus
ein neues Gedicht das vorhergehende ablöst, erhalten die
Autor_innen des vorhergehenden die Gelegenheit, eine
weitere Tafel zu gestalten, um den voranschreitenden Prozess
zu dokumentieren.

ÜBERSCHREIBUNG
Ein Gedicht mit Vorgeschichte: ein Gedicht an einem Ort, an dem davor ein anderes
Gedicht stand, um das eine Geschichte entstand, die sehr verschieden erzählt wurde
– als öffentliche Debatte. Was eigentlich passt, weil auch der Ort ein öffentlicher ist.
Das neue Gedicht ist ein Teil dieser Geschichte, es macht nicht Schluss damit, nur eine weitere Schicht: aus dem Gedicht davor ist ein Gedicht dahinter geworden. Durch die Schrift
lässt sich in die Zeit sehen: das Aktuelle erinnert das Vorherige, nimmt es auf,
löscht es nicht aus. An einem Ort, sagt das Gedicht so, kann‘s mehr als eines geben oder einen;
möglich ist vieles – Wohin erinnern Sie sich? Wofür und wem geben Sie Raum? Und wer,
sagen Sie, hätte nichts zu sagen? Das Gedicht wendet sich an die Öffentlichkeit,
an die Vielen, die den Ort täglich passieren: es begrüßt sie ausdrücklich, es gäbe ihnen
gern Verschiedenes zu denken. Und sollte Ihnen daran etwas Spanisch vorkommen
und so nicht korrekt, könnte es sich vielleicht auch um eine andere Sprache handeln –
Katalanisch z.B.?
Barbara Köhler
Köhler, Alice Salomon Poetik Preisträgerin 2017

alice

43

Im Mittelpunkt

Zum 70. Todestag
von Alice Salomon

Alice Salomons Tod im Exil
„Die Fremde als Wandernde,
die heute kommt und morgen bleibt“
Ingrid Kollak

Mit Georg Simmels Worten aus dem
„Exkurs über den Fremden“ (1908) lässt
sich Alice Salomons Lebensgefühl im
Exil beschreiben. Ihre letzten elf Jahre
verbrachte sie in New York, wohin sie
floh, nachdem ihr die Gestapo nach einem Verhör drei Wochen Zeit zur Ausreise gegeben hatte.
Bei ihrer Einreise im September 1937
erwartete sie die gleiche Gastfreundschaft, wie sie sie knapp ein Jahr zuvor
bei ihrer Vortragsreise in den USA erlebt
hatte. Tatsächlich wurde ihre Ankunft öffentlich wahrgenommen. Die New York
Times und die Herald Tribune feierten
sie als „Jane Addams from Germany“.
Dieser Vergleich mit der amerikanischen
Feministin und Wegbereiterin der Sozialarbeit in den USA ist durchaus zutreffend.
Alice Salomon wurde 1906 als erste
Frau an der Friedrich-Wilhelms-Universität (heute HU) mit einer Dissertation
über die Ungleichheit von Löhnen bei
Frauen und Männern promoviert. Mit
der Gründung der Sozialen Frauenschule in Schöneberg 1908 konnte sie bald
zur Verminderung dieser Ungleichheit

44

beitragen. Als Leiterin der Schule arbeitete sie mit den Kolleginnen daran, die
unentgeltliche soziale Arbeit von Frauen durch eine geregelte Ausbildung zu
professionalisieren. In ihren Memoiren
schreibt sie dazu: „Es gab keine verkaufsfertige Wissenschaft der Sozialen Arbeit,
die wir im Unterricht hätten anwenden
können. Der Lehrkörper musste sich
selbst entwickeln. Es gab keine Lehrbücher, wir mussten sie selber schreiben.
Was wir leisteten, war wirklich Teamarbeit.“
Doch in den USA war ihr Leben nicht
leicht. Die ersten fünf Jahre galt sie als
Staatenlose. Außerdem war sie bereits 65,
als sie Deutschland verlassen musste. Sie
hatte keine regelmäßigen Einkünfte und
hielt sich mit Vorträgen und Artikeln
über Wasser. „Das Leben hier ist hart,
aber anregend. Ich rede viel, werde miserabel bezahlt, aber gebe auch wenig aus.
Es ist für mich nicht ganz hoffnungslos.
Die Sozialarbeiter hier tun, als ob alles,
was in Europa gelernt und gemacht wird,
völlig inferior ist. Sie nehmen unsere Diplomsozialarbeiter mit langjähriger Praxis nicht einmal in die Schulen hier auf.“

alice

Zur aktuellen Bedeutung
Alice Salomons
Pionierin der Frauenbewegung
und der Sozialen Arbeit

© Alice Salomon Archiv

Gleichzeitig gibt es eine große Feier zu
ihrem 70. Geburtstag mit dem weltbekannten Bush-Serkin-Trio, dessen Mitglieder deutscher und russisch-jüdischer
Abstammung aus Deutschland geflüchtet sind. Als „Gast, der bleibt“, erlebt Alice Salomon „die Einheit von Nähe und
Entferntheit“ (Simmel).
In dieser schwierigen Lebenslage
schreibt Alice Salomon in englischer
Sprache ihre Memoiren über ihr Arbeitsleben in Berlin: „Character is Destiny“.
Ohne noch einmal nach Deutschland
zurückgekehrt zu sein, starb sie mit 76
Jahren im Exil. Sie liegt in Brooklyn auf
dem Friedhof „The Evergreens“ (Grab
80/Sektion Gibron) begraben. In ihren
Briefen zog sie eine positive Lebensbilanz angesichts der Verfolgung und
Vernichtung in Deutschland: „Ich bin so
matt und habe viel zu leiden. Aber trotz
allem habe ich immer empfunden, dass
es ein gesegnetes Leben war.“

Dr. Alice Salomon – Gründerin und Dozentin der Sozialen Frauenschule.
Quelle: Fotoalbum über die Frauengeschichte der Sozialen Arbeit von 1929
(siehe Seite 46–47)
Sabine Toppe

Alice Salomon im Exil (2015)
Von Ingrid Kollak und Malika Chalabi
In deutscher und englischer Sprache
DVD mit einem Einführungstext und den
Aufsätzen „Die Geschichte meines äußeren
und inneren Wandels als Flüchtling“ von
Ilse Eden, „Vom Einfluss des Exils“ von
Hannah Janovsky, „Alice Salomon
1872–1948“ von Adriane Feustel sowie
einer Darstellung des Stammbaums der
Familie Salomon mit Informationen über
Vertreibung und Flucht, Vernichtung und
Überleben der Familienmitglieder

alice

Alice Salomon (1872–1948), Namensgeberin der Alice Salomon Hochschule Berlin, geriet in den Jahrzehnten nach ihrem Tod in Vergessenheit. Heute weisen zahlreiche Publikationen, das Alice Salomon Archiv
oder das Digitale Deutsche Frauenarchiv ihre Bedeutung nach: Sie gilt
als einflussreiche Vertreterin der nationalen wie internationalen Frauenbewegung und Begründerin der Sozialen Arbeit in Theorie, Praxis
und Ausbildung in Deutschland. Von ihr gegründete Einrichtungen
und Organisationen existieren noch heute, ihr schriftliches Werk umfasst mehr als 550 Titel und ihr Name fehlt in keiner anerkannten Veröffentlichung über die Geschichte der Sozialen Arbeit.
Als immer noch aktuell gilt Alice Salomons sozialpolitische und
ethische Begründung Sozialer Arbeit, die sie als Beitrag zur Verwirklichung einer sozial gerechten, mit den Schwachen und Hilfsbedürftigen
solidarischen Gesellschaft verstand. Zentral war für sie die Herstellung
von Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern, sozialen Schichten und
Nationen im Sinne einer menschenrechtsorientierten Profession. Es
reiche nicht, so Salomon, Unrecht zu sehen und individuell zu seiner
Abhilfe beizutragen, Unrecht müsse öffentlich gemacht werden, um es
zu überwinden. Für Alice Salomon trug Soziale Arbeit wesentlich zur
Humanisierung der Gesellschaft bei, ihr ging es darum, dass angehende
Sozialarbeiterinnen lernten zu beurteilen, nicht zu verurteilen.

45

Im Mittelpunkt

In vielen ihrer Schriften hat Alice Salomon auf die zentralen Werte der
Sozialen Arbeit wie Gleichheit, Verantwortung, soziale Gerechtigkeit und
Frieden hingewiesen, die für alle Sozialarbeitenden die verbindliche ethische
Grundhaltung darstellen sollten. Deren
Arbeit beinhalte die Verantwortung,
soziale Missstände auszugleichen, auch
die Verpflichtung zur Hilfe über die
Grenzen der Nation hinaus. Als Voraussetzung für den Frieden zwischen
den Nationen galt für sie der soziale
Frieden im eigenen Land, und forderte

sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen Ausgleich zwischen den Klassen
und Geschlechtern, so würde sie heute
sicher einen internationalen Ausgleich
zwischen Industrie- und Entwicklungsländern verlangen.
Auch die von Alice Salomon gegründeten Institutionen sind weiterhin anerkannt: Die 1908 gegründete
erste interkonfessionelle Soziale Frauenschule in Deutschland besteht heute
als Alice Salomon Hochschule Berlin.
Die 1917 zur Sicherung und Weiterentwicklung von Ausbildungsstandards

begründete Konferenz der Sozialen
Schulen Deutschlands trägt heute den
Namen „Fachbereichstag Soziale Arbeit“. Und das 1929 gegründete Internationale Komitee Sozialer Schulen
firmiert heute als International Association of Schools of Social Work (IASSW).
Nur die 1925 entstandene, 1933 aufgelöste Deutsche Akademie für soziale
und pädagogische Frauenarbeit, die
einzige Frauen-Hochschule in Deutschland, die als Vorwegnahme der heutigen
Masterausbildung gelten kann, wurde
nicht wieder aufgebaut.

© Carina Huestegge. CC-BY-NC 4.0

Aus dem persönlichen Besitz Alice Salomons
Ein Fotoalbum über die Frauengeschichte der Sozialen Arbeit
von 1929

Sarah Day

Mit dem Jahreskurs der Mädchen- und
Frauengruppen für Soziale Hilfsarbeit
wurde 1899 zum ersten Mal in Berlin eine berufliche Ausbildung in der
Wohlfahrtspf lege durchgeführt. Zu

46

deren dreißigjährigem Jubiläum erhielt
Alice Salomon von Siddy Wronsky,
Dozentin der Sozialen Frauenschule,
ein 18-seitiges Fotoalbum mit 41 Abbildungen und Fotografien. Es ist eines

von nur wenigen authentischen Zeugnissen über die Anfänge der Sozialen
Arbeit aus dem kaum erhaltenen Besitz
von Alice Salomon. Enthalten sind Ansichten der Sozialen Frauenschule und

alice

© Alice Salomon Archiv

Schülerinnen auf dem Dachgarten der Sozialen Frauenschule,
Foto aus dem Album über die Frauengeschichte der Sozialen Arbeit von 1929

angegliederter Einrichtungen sowie
Fotografien von wegweisenden Persönlichkeiten der Sozialen Arbeit wie
Alice Salomon selbst, Frieda Duensing,
Albert Levy, Lilly Droescher, Charlotte
Dietrich, Margarete Berent und Siddy
Wronsky. Damit liegt eine (Bilder-)Geschichte der Sozialen Arbeit vor, beginnend um 1900, als die Soziale Arbeit von
Frauen in Verbindung mit der Frauenbewegung entwickelt wurde.
Das Album besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil zeigt die von Alice Salomon 1908 gegründete Soziale
Frauenschule sowie Schülerinnen und
Dozentinnen im Alltag und in ihrer
Freizeit. Der zweite Teil dokumentiert die Ausbildungseinrichtungen der
Wohlfahrtspflege wie die Zentrale für
Private Fürsorge, das Archiv für Wohlfahrtspflege, den Verein Jugendheim
Charlottenburg, die Wohlfahrtsstelle
des Landesjugendamtes im Polizeipräsidium Berlin oder den ersten Berliner
Arbeiterinnenklub, der 1898 in Berlin
gegründet wurde. Zu den Fotografien
wurden von Frauen der Einrichtungen
kurze Beschreibungen verfasst, unter
anderem von Anna Misch, Ruth von der
Leyen und Clara Birnbaum.

alice

Hinsichtlich der Verknüpfung von Sozialer Arbeit und Frauenbewegung
bildet das Fotoalbum einen zentralen
Ausgangspunkt, um dieses Netzwerk in
Lehre und Forschung zu erkunden. Im
Archiv wird es erfolgreich zur Anregung
von Gesprächen in Seminargruppen genutzt.
Das Bundesministerium für Familie,
Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ)
ermöglichte durch seine Förderung, das
Fotoalbum in einem Digitalisierungsprojekt für das Digitale Deutsche Frauenarchiv (DDF) für die Zukunft sichtbar zu
machen und einem erweiterten interessierten Kreis den analogen wie digitalen
Zugang zu diesem Material zu verschaffen. Am 13.09.2018 wurde das originale
Album anlässlich des Onlinegangs des
DDF in einem festlichen Rahmen an der
Humboldt-Universität zu Berlin von der
Familienministerin Dr. Franziska Giffey
vorgestellt. Sie betonte die Bedeutung
von Alice Salomon für die Entwicklung
der Sozialen Arbeit auch im Hinblick auf
die erste Frauenbewegung. In Zukunft
wird das Fotoalbum auf der Webseite
des DDF unter www.digitales-deutschesfrauenarchiv.de allen Interessierten zur
Verfügung stehen.

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© Alice Salomon Archiv

© Archiv des Jeckes-Museum Tefen, Israel

Im Mittelpunkt

Kinder und Helfer_innen des Jüdischen Volksheims Berlin-Dragonerstraße auf Erholung.
Das Volksheim wurde 1916 von Siegfried Lehmann gegründet und arbeitete mit sogenannten „ostjüdischen“ Einwander_innen. Das Modell wurde von Lehmann über Kowno (Litauen)
in das damalige Palästina transferiert

Siddy Wronsky (1883-1947), deutsch-jüdische
Pionierin der Sozialen Arbeit aus Berlin,
emigrierte 1934 nach Palästina und trug dort
wesentlich zum Aufbau der Ausbildung und
Professionalisierung der Sozialen Arbeit bei

Soziale Arbeit zwischen Deutschland und Israel
Ein aktuelles Forschungsprojekt des Alice Salomon Archivs
Dayana Lau

Das Forschungsprojekt mit dem Titel „The transnational history of social
work and social welfare between Germany and Israel in the 1930s and 1940s“
ist seit September 2018 im Alice-Salomon-Archiv der ASH Berlin unter der
Leitung von Prof. Dr. Sabine Toppe angesiedelt. Das Vorhaben widmet sich der
Geschichte der Sozialen Arbeit in einer
frühen Phase ihrer Professionalisierung
und dabei insbesondere der transnationalen Zirkulation von Wissen und
Ideen. Transnationale Akteu_rinnen
förderten diese Prozesse und spielten
eine entscheidende Rolle beim Aufbau
und der Entwicklung nationaler Sozialsysteme und professioneller Diskurse.
Ein faszinierender Fall der transnationalen Übersetzung von Sozialarbeitswissen, -methoden und -praxen
ist die transnationale Bewegung von
Sozialarbeiter_innen und ihren Ideen, die zwischen Deutschland und der
jüdischen Gemeinschaft im Mandatsgebiet Palästina – dem heutigen Israel

48

– in den 1920er-, 30er- und 40er-Jahren
stattfand. Die Zuwanderung einer Reihe
von jüdischen Sozialarbeiter_innen und
Sozialpädagog_innen aus Deutschland
nach Palästina hatte in dieser Zeit einen
enormen Einfluss auf die Entwicklung
des sozialen Berufs im jüdischen „Zukunftsstaat“. Ein überdurchschnittlich
hoher Anteil dieser Personen kam aus
Berlin und besonders aus der Sozialen
Frauenschule Berlin-Schöneberg, die
damals wie heute (nun als Alice Salomon Hochschule in Berlin-Hellersdorf)
einen intellektuellen Knotenpunkt in
der Entwicklung der Sozialen Arbeit
bildete bzw. immer noch bildet.
Das Forschungsvorhaben konzentriert sich auf die Interaktionen zwischen
dem Wissen, das die deutschen Sozialarbeiter_innen in den frühen 1930erJahren nach Palästina mitbringen, und
den vorherrschenden Vorstellungen
und Werten der damaligen jüdischen
Gemeinde, insbesondere jenen, die mit
dem Zionismus in Verbindung stehen.

Es versucht, diese Prozesse in vier spezifischen Bereichen besser zu verstehen. Diese sind: 1) die Entstehung
und die Koalitionen einer Gruppe von
Fachleuten und Expert_innen; 2) der
Diskurs innerhalb des Berufs, wie er
sich in dessen Organen und in zentralen Publikationen widerspiegelt; 3) die
Strukturierung der sozialen Dienstleistungseinrichtungen in diesem Zeitraum,
und wie sie übersetzt und dabei transformiert wurden; und 4) professionelle Praktiken im entstehenden Feld der
Sozialen Arbeit. Die Studie stützt sich
dabei auf Primärquellen aus offiziellen
Archiven in Berlin – hauptsächlich dem
Alice Salomon Archiv –, Jerusalem und
New York, privaten Archiven, Publikationen und Sekundärquellen.
Das Projekt wird in Kooperation mit
der Hebrew University Jerusalem, Israel, durchgeführt und gefördert von der
German-Israeli Foundation for Scientific Research and Development (GIF),
Grant-No. G‐1329‐111.4/2016.

alice

100 Jahre
Frauenwahlrecht
Ein Meilenstein auf dem Weg zur Demokratisierung der Demokratie
und ein Auftrag, sich in gesellschaftliche Auseinandersetzungen
einzumischen
Barbara Schäuble

alice

Erfahrungen verspricht, hat die Debatte
zur Gestaltung der Südfassade der ASH
Berlin gezeigt. Neben den heftigen Reaktionen auf die Freiheit, sich ein eigenes
Urteil zu erlauben, stärkte die Debatte
das Gespür dafür, was es heißt, Positionen im Gegenwind einzunehmen, sowie
das Selbstbewusstsein und die Zusammenarbeit.
Auf solche Erfahrungen ist das Sozialund Gesundheitswesen angewiesen. Als
Patient_innen und Klient_innen sozialer
Dienstleistungen brauchen wir ungleichheitssensible und politisch erfahrene
Sozialprofessionelle. Die Studiengänge
der ASH Berlin fördern das Gespür für
die unvollständige Gewährleistung von
Rechts- und Beteiligungsansprüchen.
Denn nach wie vor gibt es sie ja, die Ausbeutung von Care-Arbeit, das besondere
Armutsrisiko von Frauen*, die Einkommensungleichheit, die Unterrepräsentation von Frauen* in einflussreichen
Positionen und den Ausschluss Drittstaatsangehöriger vom Wahlrecht. Und
auch die Mittel müssen fortwährend erstritten werden, die Sozialprofessionelle
brauchen, um ihren Klient_innen die
sozialen und gesundheitlichen Bürgerrechte zugänglich zu machen, die viele
erst in die Lage versetzen, von ihren politischen Rechten Gebrauch zu machen.
Die Studiengänge der ASH Berlin eröffnen entsprechendes Wissen und die
dahin gehenden Analyse- und Handlungskompetenzen. Doch erst das Mitgestalten öffentlicher Debatten fördert
den für die Sozial- und Gesundheitsberufe so wichtigen politischen Erfahrungsschatz. In diesem Sinne knüpfen
wir an Barbara Köhler an: „SIE WIRD
ODER WERDEN GROSS ODER KLEIN
GESCHRIEBEN“.

„Ich dachte heute nacht
die Frage des männlichen
Parlamentarismus weiter
durch. Wenn ich noch gut
schreiben könnte, so würde
ich aus dem furchtbaren
Schlamassel, das die Männer
aus der Welt gemacht haben,
die Unmöglichkeit des
männlichen Stimmrechts
konstruieren.“
(Quelle: Brief von Helene Lange an
Emmy Beckmann vom 4. März 1922)

© Landesarchiv Berlin B Rep. 235-FS Nr. 71

Wie schön ist es, allerorten von den Feierlichkeiten rund um das Frauenwahlrecht zu hören. Doch steht die Feier des
rechtlich Gegebenen in eigentümlichem
Widerspruch zum harten Gegenwind,
der all denen entgegenweht, die derzeit
für Partizipation und gleiche Rechte eintreten. Denken wir nur an die Eingriffe
in die Wissenschaftsfreiheit und Einstellung der Gender Studies-Studiengänge
in Ungarn sowie die Attacken auf die
Gender Studies in Deutschland.
Die Frauen*, deren Kämpfen wir das
Frauenwahlrecht verdanken – darunter sehr viele Pädagog_innen – haben
vorhergesehen, dass viele mit anpacken
müssen und dass Gleichstellungsstrategien vielfältig sein müssen: Olympe de
Gouges, die wegen ihres Eintretens für
die Frauenrechte 1793 geköpft wurde,
erklärte, sie überlasse den zukünftigen
Menschen die Ehre, sich dieser Sache
anzunehmen. Frauenrechtler_innen wie
Helene Lange, Gertrud Bäumer, Minna
Cauer und Marie Juchacz wussten, dass
die Beanspruchung von Rechten auf einem Kulturwandel beruht. Vor und nach
ihrem Eintreten für das Wahlrecht förderten sie die Frauenbildung, forderten
Einkommensgleichheit, das Ende der
Ausbeutung der Frau und eine geänderte
Ehe- und Scheidungsgesetzgebung. Sie
wussten, dass das Recht zu wählen und
gewählt zu werden, nicht genügt, um
die Gesellschaft zu gestalten, solange die
Machtverhältnisse, ein auf Wahlen und
Parlament verengtes Politikverständnis
sowie tiefsitzende Sozialisationserfahrungen den Einfluss von Frauen* begrenzen.
Dass ihre Kämpfe nicht ausgefochten
sind, sondern noch Platz für viele bieten,
und dass sich einzumischen lebendige

Frauenrechtlerin Helene Lange
(1848-1930) zog 1919 als Alterspräsidentin
in die Hamburgische Bürgschaft ein

49

Hörsaal

Hörsaal

Fotoprojekt:
„Mein Weg zur ASH“
Die Fotos auf den nächsten Seiten sind Ergebnisse des Fotoprojekts
„Mein Weg zur ASH“ sowie der Übung „Mehr als Fassade“ von
Studierenden des Seminars „Medienkulturarbeit und Fotografie“
(BA Soziale Arbeit), entstanden im Sommersemester 2018 bei
Prof. Ulrike Hemberger und Sandra Rokahr. Als indirektes Porträt
erzählen die Bilder vom Weg mit der Bahn, dem Fahrrad, aber auch
von Hindernissen, Fantasien, Wünschen und Motivationen zum
Studium an der Alice Salomon Hochschule Berlin.

50

alice

Mein Weg – © Viktoria Kocer:
„Natur gegen Beton. Überall steckt was Wunderbares drin. Man muss es nur entdecken.“

alice

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Hörsaal

Mein Weg – © Sarah Eichler:
„Im Rahmen des Fotoprojekts
‚Mein Weg zur ASH‘ wollte ich
mit der Umsetzung der Aufgabe
widerspiegeln, wie meine
persönliche Interpretation von
Kommunikation grundsätzlich
funktioniert, nämlich wörtlich.
Ich habe Schwierigkeiten
damit, zwischen den Zeilen zu
lesen, vertraue dadurch aber
auch genau auf das, was mein
Gegenüber mir sagt. Das habe
ich dargestellt, indem ich den
buchstäblichen Weg unter mir
von meiner Haustür bis zum ASHGebäude auf meinem typischen
Weg zur Uni abgebildet habe.“

Mein Weg – © Volker Weissgerber:
„Immer der scheinbar selbe Weg, mit
wechselndem Spiel von Schatten und Licht,
hell und dunkel, in verschiedenen Nuancen, mit
ständig sich verändernden Stimmungen.“

52

alice

Studienbuch I und II – © Marlen Scheel:
Studienbuch I: „Luxus: Ernten, lesen und schreiben.“
Studienbuch II: „Morgens: Voll den Plan.“

alice

53

Hörsaal

Zufriedenheit durch
Gestaltungsmöglichkeiten
Der Master Praxisforschung in Sozialer Arbeit und Pädagogik aus Sicht der 2018er-Absolvent_innen
Dr. Hans-Jürgen Lorenz und Julia Kahl

Die zweite Absolvent_innenbefragung
(2017/18) im Masterstudiengang Praxisforschung in Sozialer Arbeit und
Pädagogik (PSP) lässt erneut einige
Besonderheiten in den (beruflichen)
Verwirklichungschancen erkennen.
Strukturell spielen hier vor allem die
kurze Regelstudienzeit von drei Semestern sowie die vor der Reform 2017 noch
doppelte Zielausrichtung auf (Praxis-)
Forschung und Leitung eine Rolle.
Der Studienrealität mangelte es nach
Meinung der Absolvent_innen vor der
Reform an einer Praxisorientierung
bzw. Problemorientierung für die Praxis. Schwer fällt eine solche Orientierung

54

besonders dann, wenn sie sich weder
nur an den klassischen Theorien noch
an einer klaren Praxis ausrichten kann,
zumal die Absolvent_innen das Studium ohne klare Berufsbezeichnung abschließen. Dementsprechend bewerten
die Absolvent_innen den beruflichen
Nutzen der im Studium erworbenen
Qualifikationen rückblickend insgesamt
kritisch: Die akademische Anwendbarkeit trifft nicht zwangsläufig auf eine
durchdringende Praxisnachfrage mit
entsprechend dotierten Praxisfeldern.
Das ist aber kein spezifisches Problem
des PSP, da es generell in sozialwissenschaftlichen Berufsfeldern weniger

Planbarkeit, ein kleineres Angebot und
häufig befristete Stellen gibt.
Die berufliche Zufriedenheit fällt
trotz einiger Verwirklichungsschwierigkeiten in wissenschaftlichen Berufsfeldern insgesamt gut aus. Als Indikatoren
dafür werden unter anderem die Gestaltungsmöglichkeiten und die Zusammenarbeit mit Kolleg_innen genannt.
Das Gehalt, die Aufstiegsmöglichkeiten und das gesellschaftliche Ansehen
werden eher zurückhaltend bewertet.
Zudem erweitert das Masterstudium
(zukunftsorientiert) die vielfältigen
Möglichkeiten in den pädagogischen
Berufsfeldern.

alice

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Hörsaal

Career Service
der ASH Berlin

Themen WiSe 2018/19
Bewerbungstrainings und -beratung
•
•
•
•

Im Hinblick auf die Forschungsorientierung wird ein klarer Zugewinn an
Fähigkeiten zum wissenschaftlichen
Arbeiten bestätigt. Weitere Karriereperspektiven in Richtung Promotion und
der Hinführung dazu sind erwünscht.
Somit fällt die abschließende Einschätzung des Studiums je nach beruflicher Verwirklichung unterschiedlich
aus, wie die folgenden Äußerungen verdeutlichen:
• „Durch den Master wurde ich
befähigt zu promovieren und habe
zurzeit zwei großartige Jobs – in
der Hochschule/Lehre und in der
Praxis.“
• „Leider reicht [das Studium]
nicht aus, um ohne Netzwerke und
Beziehungen in Forschungsprojekte oder in die Projektleitung
zu kommen.“
Die differierenden Arbeitsmärkte in
Forschung/Management (unspezifischer, weniger planbar) und Pädagogik
(spezifischer, planbarer, sicherer) stellen
vielfältige Herausforderungen für die
Absolvent_innen dar. Positiv hervorzuheben ist die breite Akzeptanz und
große Nachfrage nach den Primärqualifikationen und die durch den PSP
ermöglichten doppelten Chancen in
pädagogischen und weiter akademisierten Berufsfeldern. Dass letztere anders
strukturiert sind und Chancen wie auch
Risiken bezüglich der Anschlussperspektiven bergen, sollte bewusst kommuniziert werden. Wissenschaftliche
Karrieren sind eben weit weniger planbar und benötigen Unterstützung, u. a.
durch den Career Service.

alice

Bewerbungsunterlagencheck I bis III
Mit Bewerbungsunterlagen überzeugen
Selbstpräsentation im Vorstellungsgespräch
Beratung und Coaching zur beruflichen Orientierung,
zum Berufseinstieg und zur Bewerbung

Existenzgründung/Selbstständigkeit im sozialen,
gesundheitlichen und pädagogischen Bereich
• Erfolgreich gründen Teil 1:
Von der ersten Projektidee zu einer Geschäftsidee – wie kann das gehen?
• Erfolgreich gründen Teil 2:
Was muss ich wissen, wenn ich mich selbstständig machen will?
Formale, rechtliche und finanzielle Aspekte beachten und einen Businessplan schreiben?
• Erfolgreich gründen: Von der Geschäftsidee zur Realisierung –
Mini-BWL für Gründungswillige
• Erfolgreich gründen mit dem Businessplan –
Wettbewerb Berlin-Brandenburg
• Wie gründe ich eine Kita?
• Gründen nebenbei – wie geht das eigentlich?

Berufsqualifizierende Trainings
• Mit Nachdruck eine klare Botschaft vermitteln – Stimm- und Sprechtraining
• Rhetorische Kompetenz für Studium und Beruf:
„Dichter werden geboren – Redner werden gemacht.“
• Mit Nachdruck eine klare Botschaft vermitteln – Stimm- und Sprechtraining
• Vom Führen und führen lassen –
Fragen und Perspektiven der Führungskommunikation
• Interdisziplinäre Praxen der Zukunft (Physio-, Ergo-, Logotherapie)
• Europäischer Qualitätsmanagement-Führerschein mit Qualifizierung zum/
zur QM-Beauftragtenund internen Auditor_in (EQMLprofessional)

Karrieremöglichkeiten und Perspektiven
• Klinische Sozialarbeit, Berufsziel: Therapeut_in und/oder Berater_in –
Information für Studierende und Absolvent_innen der Sozialen Arbeit sowie
Erziehung und Bildung
• Master nach Plan! Informationen rund um den konsekutiven
Masterstudiengang Praxisforschung in Sozialer Arbeit und Pädagogik
• Bezahlung, Honorarhöhe, Gehaltsverhandlungen – von der Wertschätzung
meiner Arbeit
• Das Studium ist zu Ende! Was nun? Ein Überblick über Angebote und
Leistungen der Arbeitsagentur
• Speed Dating mit der Gesundheits- und Sozialwirtschaft zum Frühstück
• Auf dem Weg in die Karriere – Promotion als Meilenstein

Ausführliche Informationen und die Anmeldebedingungen
finden Sie in der Rubrik „Veranstaltungen“ unter:
www.ash-berlin.eu/studium/einrichtungen-fuer-studierende/
karriereplanung/veranstaltungen/
55

Hörsaal

Die „Angst vor dem
leeren Blatt“ verlieren
Nadja Damm, Sonja Hofer und Sabine Rietz

Ein Referat halten, das kennen wohl
alle Studierenden. Aber einen Text zu
schreiben, über den im Seminar gesprochen wird, das ist für viele neu
und manchen ein wenig unheimlich ...
„Nachdem der Ablauf und die Ziele
des Seminars durch die Dozent_innen
vermittelt wurden, habe ich direkt überlegt, ob ich das Seminar wechseln sollte.
Ich bin froh, dass ich geblieben bin.“
Das im Sommersemester 2018 angebotene Wahlmodul „Öffentlichkeitsarbeit
für Menschenrechte in Sozialer Arbeit,
Bildung und Gesundheit“ sollte Studierende für die Menschenrechte in ihren
Berufsfeldern sensibilisieren. Sie sollten
Öffentlichkeitsarbeit als Handlungsmethode kennenlernen und Schreibkompetenzen weiterentwickeln. 16 Studierende
vom ersten bis zum zwölften Semester
aus den BA-Studiengängen Erziehung
und Bildung im Kindesalter und Soziale
Arbeit recherchierten zu individuellen
Fragestellungen und verfassten einen

56

Text für die Öffentlichkeitsarbeit, den
sie im Seminar zur Diskussion stellten.
„Der erste Rohtext ging mir leicht von
der Hand. Nur: Wohin passt das in
der Öffentlichkeitsarbeit? Das Wissen, dass eine Feedbackrunde mit den
Kommiliton_innen ansteht, nahm die
Anspannung, schon alles fertig haben
zu müssen. In kleinen Gruppen wurden
jedem Text 45 Minuten gewidmet. Pro
Text gab es auch ein Protokoll, das den
Autor_innen mitgegeben wurde. Super
Überarbeitungsgrundlage.“

die ich nicht kannte, war ein komisches
Gefühl. Im Nachhinein war ich unglaublich dankbar für ihre Zeit und ihr
Feedback. Ich habe das Gespräch mit
ihr als eine Form des sich Miteinanderinspirieren-Lassens erlebt.“

In zwei Runden erhielten die Schreibenden Feedback zu den Aspekten „Inhalt,
Struktur, Sprache und Stil“ des Textes:
erstens im Kurs von den anderen Teilnehmenden und den Kursleiter_innen,
zweitens von der studentischen Schreibberaterin und „Writing Fellow“ Sonja
Hofer (siehe Kasten).

So entstanden Texte zu den Menschenrechten von pflegebedürftigen Menschen,
von Menschen, deren Muttersprache die
Gebärdensprache ist, von Geflüchteten,
von Menschen mit Suchtproblematik,
von Bewohner_innen in Einrichtungen
der Behindertenhilfe sowie zur Menschenrechtsbildung in diversen Kontexten. Diese Broschüren- und Flyer-Texte,
Mailings und Elternbriefe, Facebookund Blog-Posts etc. bildeten die Grundlage für den fachlichen Austausch im
Seminar. Gleichzeitig entwickelten die
Studierenden an ihnen ihre Schreib-,
Feedback- und fachlichen Kompetenzen
weiter.

„Feedback zu bekommen macht erst mal
Angst. Den Text an Sonja zu schicken,

„Für mich war es eine Horizonterweiterung, über die Texte der anderen

alice

© Tirachard - Freepik.com

Studierenden Einblick in verschiedene
Bereiche des Berufsfeldes und in ihre
Erfahrungen zu bekommen.“
„Die Möglichkeit, die Fortschritte der
anderen zu verfolgen, ist super!“
„Neu für mich war die Interaktion mit
der Gebärdensprache. Mir war nicht
bewusst, dass diese nicht den Regeln der
deutschen Lautsprache folgt, sondern als
eigene Sprache anzusehen ist. Wieder
etwas Grundlegendes gelernt!“
„Das Gruppenfeedback war für mich
sehr wichtig, da ich Rückmeldung
bekam, wie hörende Menschen meinen
Text verstehen. Durch die Anwesenheit
von tauben Menschen und der Gebärdensprache in einem Seminar profitieren auch die hörenden Menschen.
Die Kompetenzen, die taube Menschen
mitbringen, zeigen den Hörenden neue
Perspektiven auf. Stichwort: ‚Deaf gain‘.“
Viele Studierende hatten großen Respekt
davor, eigene Texte zur Diskussion zu
stellen. Die Seminarauswertung verdeutlichte, dass es sich gelohnt hat, diese Hürde zu nehmen. Sie verloren die „Angst vor
dem leeren Blatt“ und dem Feedback und
fanden Spaß am Schreiben.
„Es war eine Erleichterung festzustellen,
dass Schreiben gar nicht so schwer war,
wie erwartet.“
„Zukünftig wird mir der ‚shitty first
draft‘ einiges an Kopfschmerzen und
Perfektionsdrang ersparen.“
Auch die Writing Fellow, Sonja Hofer,
fand im Seminar Anregungen für ihre
Schreib- und Beratungspraxis und die

alice

Dozent_innen haben von den Studierenden vieles gelernt, unter anderem
auch über die Gebärdensprache und eine
möglichst barrierearme Lehre. Aber das
ist eine andere Geschichte, die wir demnächst erzählen werden.
Was ist die Funktion von
Writing Fellows?
„Writing Fellows“ begleiten als PeerSchreibberater_innen ein schreibintensives Seminar in enger Absprache mit der
Kursleitung. Dazu lesen sie eine erste Fassung des Textes und geben den Studierenden eine schriftliche Rückmeldung zum
Text. In einem Einzelgespräch können
die Studierenden dann mit ihm_ihr über
den Text, das Feedback und die nächsten
Arbeitsschritte beraten.
Zum Weiterlesen: Dreyfürst, Stephanie/
Liebetanz, Franziska/ Voigt, Anja (2018):
Das Writing Fellow-Programm. Ein Praxishandbuch zum Schreiben in der Lehre.
Bielefeld: WBV Media
Die Perspektive der
Writing Fellow Sonja Hofer
„Als ich am Schreibtisch saß, hatte ich
selber Hemmungen, den Feedbacktext zu
formulieren. Ich wollte meinen Ansprüchen als Writing Fellow gerecht werden:
zum einen konstruktives Feedback geben
und zum anderen die Stellen hinterfragen, an denen ich als Leserin ins Stocken
geraten war.
Diese Stellen waren eigentlich die interessantesten, stellte sich bei den Treffen
heraus. Ich hakte nach und es entspann
sich ein Gespräch über das Thema. Die
so in Gang gesetzte Diskussion ließ mich
noch mehr verstehen. Und dem_der
Schreiber_in wurde deutlich, wie man
den Text schreiben kann, sodass der

Standpunkt klar herauskommt. Das
Feedback-Geben dient also als optimale
Grundlage, um sich über ein Thema
intensiv auszutauschen und kann den
Schreibenden helfen zu verstehen, dass
es machbar ist, einen Text zu schreiben,
wenn wir es als einen Prozess sehen.“

Information
Programm ASH IQ-plus für Lehrende
Seit 2014 trägt das Programm ASH-IQ
plus – über die zwei Förderlinien für
Studierende und für Lehrende – zur Weiterentwicklung der Qualität der Lehre an
der ASH Berlin bei. Die Förderlinie ASH-IQ
plus für Lehrende fördert Lehrende der
ASH Berlin in der Entwicklung und Erprobung innovativer und interdisziplinärer
Lehrangebote und -formate.
Siehe auch: https://www.ash-berlin.eu/
hochschule/organisation/zentrum-fuerinnovation-und-qualitaet-in-studiumund-lehre/ash-iq-plus-realisierunginnovativer-lehrkonzepte/
Schreibberatungsangebot
an der ASH Berlin
Das Team der ASH Schreibberatung bietet
regelmäßig Tutorien und Beratungstermine an. Seit dem WiSe 2017/18 führt
es in Kooperation mit dem Team der ASH
Lernwerkstatt einmal pro Monat einen
schreibintensiven Tag mit Kurzinputs und
anschließender Schreibwerkstatt durch.
Weiterführende Informationen
zum Angebot
https://www.ash-berlin.eu/studium/
beratung-unterstuetzung/foerderungvon-schreib-und-studienkompetenzen/

57

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Weiterbildung gesucht?

ww w.ash-berlin.eu/
weiterbildung

Angebote vom Zentrum für Weiterbildung für 2019/1. Halbjahr
Berufsbegleitende Zertifikatskurse

Weiterbildungsreihen

Fachkraft für Suchtprävention im Kontext
Schule/Jugendarbeit
Seminarzeitraum: 21.03.2019-13.09.2019
Informationsveranstaltung: 05.12.2018: 16.00-18.00 Uhr in
der Fachstelle für Suchtprävention Berlin gGmbH

Konzentrative Bewegungstherapie (KBT) zur
Erweiterung der persönlichen und beruflichen
Kompetenz
Seminarzeitraum: 01.03.2019- 26.10.2019
Anmeldung bis: 25.01.2019

Traumapädagogik
Seminarzeitraum: 10.05.2019-04.04.2020
Informationsveranstaltung: 12.02.2019: 18.30-20.30 Uhr

Reden – Zuhören – Verstehen:
Kommunikation im beruflichen Alltag
Seminarzeitraum: 26.08.2019-26.11.2019
Anmeldung bis: 15.07.2019

Professionelle Opferhilfe: Opferberatung und psychosoziale Prozessbegleitung
Seminarzeitraum: 05.04.2019-16.02.2020
Informationsveranstaltung: 24.01.2019: 17.00-19.00 Uhr
Erlebnispädagogik
Seminarzeitraum: 29.03.2019-18.04.2020
Informationsveranstaltung: 23.01.2019: 15.00-17.00 Uhr
Tiergestützt und tiergeschützt-Tiergestützte Therapie,
Pädagogik und Fördermaßnahmen im Sozial- und
Gesundheitswesen
Seminarzeitraum: 11.04.2019-23.10.2020
Informationsveranstaltung: 07.02.2019: 17.00-19.00 Uhr

Basiskurse
Bildungsarbeit mit jungen Geflüchteten
Seminarzeitraum: 02.02.2019-23.11.2019
Anmeldung bis: 07.01.2019
Workshops konzipieren und durchführen
Seminarzeitraum: 08.04.2019- 04.06.2019
Anmeldung bis: 25.02.2019

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Neue Einzelseminare 2019
Schwerpunkte:
- Anleitung und Begleitung von Praktikant_innen
- Beratung/psychosoziale Intervention
- Fallarbeit und Diagnostik
- Familien-, Kinder- und Jugendarbeit
- Interkulturelle Kompetenzen/Diversity
- Recht für soziale Berufe, Gesundheitsberufe
- Krisen- und Konfliktintervention
- Gesundheit
- Bildung und Didaktik im Kindesalter
- Gesellschaftliche und politische Rahmenbedingungen - von Erziehung und Bildung
- Handlungskompetenzen und Reflexion
- Projektmanagement
- Gesundheitsförderung im Beruf
Weitere Informationen,
zusätzliche Angebote
und unser Programm für 2019 unter:

www.ash-berlin.eu/weiterbildung

alice

Hörsaal

Die Beschäftigung mit den Ultraschallgeräten fand bei den Studierenden großen Anklang

Der Blick hinter die körperliche Fassade
Diagnostischer Ultraschall in der Physiotherapie
Prof. Dr. Friederike Baeumer

Trotz hochsommerlicher Hitze waren
die Studierenden sofort fasziniert: An
Ultraschallgeräten konnten sie gut bekannte Strukturen in ihrer Funktion in
Augenschein nehmen. Muskeln, Sehnen,
Nerven – sonst Gegenstand intensiven
theoretischen Lernens und bisher praktisch nur ansatzweise, zum Teil mittels
Palpation oder durch beobachtbare
Bewegung zu beurteilen – konnten sie
bereits nach einer kurzen Einführung
in die Theorie auf dem Bildschirm wiedererkennen.
Die Beschäftigung mit den Ultraschallgeräten in der Unterrichtseinheit
„Einführung in den Ultraschall“ der
praktischen Studienphase I (Orthopädie/Traumatologie) macht Anatomie
am lebenden Objekt sichtbar. Die schnell
einsetzbare Bildgebung und Möglichkeit, Patient_innen unkompliziert die
betroffene Struktur zu zeigen, hilft dabei, Maßnahmen zu erläutern. Für die
Studierenden eine sehr eindrückliche

alice

Erfahrung und schöne Abwechslung,
da überaschenderweise alle, obwohl sie
vorher noch nie „geschallt“ hatten, die
Sehne des flexor pollicis longus darstellen konnten.
Auch Studierende des 6. Semesters im
PT-Modul „Indikation, Differentialdiagnostik und Screeningverfahren“, welches
der Vorbereitung auf den angestrebten
Erstkontakt in der Physiotherapie dient,
zeigten sich nach dem erstmaligen Einsatz der Ultraschallgeräte angetan. Der
offensichtliche Nutzen an Patient_innen
im Hinblick auf den Erstkontakt wurde
deutlich, da auch Patient_innen nicht
nur auf das Gesagte vertrauen müssen,
sondern selbst sehen können, was passiert. Die Teilnehmer_innen wünschten
sich nach dieser Veranstaltung mehr Gelegenheiten, auf diese Weise das theoretische Grundlagenwissen direkt in die
Praxis umzusetzen.
Diagnostischer oder Echtzeit-Ultraschall kann in der Physiotherapie als

Ergänzung und Objektivierung des
klinischen Untersuchungsbefundes insbesondere von extraartikulären Weichteilen eingesetzt werden. Er dient als
Messinstrument für Diagnose, Prognose
und Kontrolle. Als nebenwirkungsfreies
bildgebendes Verfahren zeichnet er sich
durch vergleichsweise niedrige Kosten
aus. Die Geräte sind handlich und machen einen schnellen Wechsel zwischen
Therapie und Untersuchung möglich.
Aus physiotherapeutischer Sicht ist die
Ultraschalldiagnostik besonders geeignet für das Schallen in der Funktion.
Dieser Echtzeitscan wird als Videosequenz abgespeichert. Einzelne Strukturen können im Verlauf einer Bewegung
genau beurteilt werden, auch ein Seitenvergleich ist möglich.
Es ist etwas Besonderes, an der ASH
Berlin über zwei Ultraschallgeräte zu
verfügen. Der erfolgreiche Einsatz und
die positiven Rückmeldungen der Studierenden sprechen für sich.

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Nice to meet you
SAGE-Berufe treffen sich beim „Shadowing“ – ein Pilotprojekt der Studiengänge EBK
und PT/ET im Sommersemester 2018
Daniela Erzberger, Sarah Hähner, Prof. Dr. Heidi Höppner, Robert Kemna, Nikolina Lau,
Marie Maier, Sara Naumann, Jutta Stallmann, Prof. Dr. Anja Voss und Wiebke Wachtel

Nervosität und Freude, schweißnasse Hände, Unsicherheit in der ungewohnten Arbeitsumgebung, aber auch Neugierde und Interesse ... erster Arbeitstag?
Falsch. So erging es uns im neuen Lehr-Lern-Projekt (ASH-IQ Lehre plus).
Studierende der ASH Berlin konnten mit-, über- und voneinander lernen.
Dieses im Teamteaching begleitete Pilotangebot von Prof. Dr. Heidi Höppner
und Prof. Dr. Anja Voss für Physio- und Ergotherapeut_innen (AddIS PT/ET)
und Kindheitspädagog_innen (EBK BI) ermöglichte es, sich an den jeweiligen
beruflichen Wirkorten „über die Schulter“ zu schauen.
„Shadowing“ ist ein innovatives, multimediales und interprofessionelles
Konzept. Laut Shadowing-Definition folgen Beobachter_innen „wie ein Schatten“ einer Studierenden aus dem jeweils anderen Studiengang, die wie gewohnt
mit der fachlichen Arbeit fortfährt (vgl. Nauerz & Walder, 2013, S. 211).
Acht berufsbegleitend Studierende der Semester 3 (AddIS PT/ET) und 2 (EBK
BI) hatten z. B. folgende Erwartungen:
• interdisziplinärer Austausch und mögliche Netzwerke
• berufliches Selbstverständnis und eigenen Berufsalltag reflektieren
• die eigene Arbeitsweise optimieren
• spezifische Strukturen und Organisationskulturen kennenlernen
Wie gelingt es, Studierende zweier Studiengänge zusammenzubringen, wenn
sie quasi nicht zusammen vor Ort sind?
Das Angebot bestand aus drei Komponenten: Präsenztermine, E-Learning und
Vor-Ort-Besuche. Das Herzstück waren die im Speed Dating gewählten Studierendentandems. Die Präsenztermine an der Hochschule dienten zur Besprechung von Organisatorischem, dem Erfahrungsaustausch, der Reflexion und
dem Versuch der Abstraktion durch Theorie. Gemeinsame Treffen ermöglichten zwei Besuche im „virtuellen Klassenzimmer“, die jedoch hohe Anforderungen an die zehn Teilnehmenden stellten. Peter Schmidt (ASH-IQ) war hier

ansprechbar. Die konkreten und strukturierten Praxisbesuche an den Arbeitsstätten
der Teilnehmenden fanden selbstorganisiert
i. d. R. vier Mal halbtags statt.
Folgende ausgewählte Zitate
stehen für die Erfahrungen der
fünf Therapeut_innen:
„Durch das direkte „Dabei- und
Mitten-drin-Sein“ bekamen wir dieHörsaal
Realität der alltäglichen Arbeitsabläufe der anderen Profession mit.“
„Es ist eine super Erweiterung meines bisherigen Wissens, Vorurteile
wurden aus dem Weg geräumt! “
„Ich stelle fest, dass meine therapeutische Sicht der Dinge nur eine
Perspektive darstellt. Die Kombination multiprofessioneller Perspektiven
ermöglicht eine Problemlösung in
komplexen Fragen und Systemen.“
„Shadowing zeigte mir bisher unbekannte Gemeinsamkeiten von verschiedensten Berufen und eröffnete
mir neue Blickwinkel und Ansichten
in meinem Berufsfeld!“
„Als Beschatter_innen haben wir
eine neue Rolle eingenommen – unwissend, zurückhaltend, als Neuling oder Gast. Vorannahmen und
Fremdbilder der anderen Profession
können überdacht, reflektiert und
auch verändert werden. Daraus
erwächst ein besseres Verständnis in
der interprofessionellen Zusammenarbeit.“

Collage der Shadowing-Teilnehmer_innen sowie Kursleiterinnen
Prof. Dr. Heidi Höppner (oben, 2. v. l.) und Prof. Dr. Anja Voss (unten, 2. v. r.)

60

„Als Beschattete wurden wir uns
unserer Berufsrolle stärker bewusst.
Man reflektiert sein eigenes Handeln
als ‚Experte_in‘ und durchbricht
seine Routine.“

alice

Anzeige

Die drei Pädagog_innen beschreiben ihre
Erfahrungen wie folgt:
„Als berufsintegrierend Studierende, die bereits eine
abgeschlossene Erzieherinnenausbildung haben und seit
mehreren Jahren in der pädagogischen Praxis in Kitas
und Schule tätig sind, wissen wir dank Humboldt, dass
Bildung nicht nur die Aneignung von Wissen, sondern
auch eine Selbstbildung und die Herausbildung eines
Persönlichkeitsprofils bedeutet. Die Anzeige des Seminars sprach uns daher an. Gesucht wurden Studierende,
die ‚Interesse daran haben, über den eigenen Tellerrand
zu schauen und interdisziplinär zu arbeiten, Interesse an
der Mitgestaltung des Studiums und Interesse an einer
beruflichen und persönlichen Weiterentwicklung‘.“
„Wir fragten uns als Pädagog_innen vorab, wie der
Alltag von Physio- bzw. Ergotherapeut_innen abläuft,
und mit welchen Diagnosen und Anliegen die Kinder auf
welche Art und Weise unterstützt werden.
Zu unseren Besuchen gingen wir mit unbefangenem
Wissenshunger und wurden überrascht: Einen so völlig
konträr laufenden Alltag zu dem unseren vorzufinden,
war spannend. In der Ergotherapie-Praxis fielen zuerst
die Ruhe, die Autonomie im Arbeitstag und die anregende Arbeitsumgebung auf. Bemerkenswert war in den
Therapiesitzungen die Konzentration auf das Kind, sein
Thema und die jeweilige Entwicklung. Therapeut_innen sind im Kita-Alltag ‚Unterstützer_innen‘ und daher
lohnt der Kontakt. Nicht selten sind wir konfrontiert
mit verunsicherten Eltern, die Stigmatisierung fürchten,
wenn ihre Kinder Therapieempfehlungen erhalten. Nun
können wir sagen, dass es sich dabei um qualitätsvolle
Zeit handelt, die dem Kind nicht nur helfen kann, sondern es auch bereichern wird. Die strukturellen Rahmenbedingungen sind auf eine andere Art und Weise
genauso anstrengend.
Der Einblick in die Arbeit ging uns zum Teil sehr
nahe. Damit wuchs zum einen die Anerkennung des
Berufsalltags der Physio- und Ergotherapeut_innen und
zum anderen wurde der eigene Alltag in seinen Routinen
reflektiert und in einigen Teilen neu justiert. Mit etwas
Abstand beginnen wir teilweise die eigene Berufsrolle
neu zu definieren. Wir würden es spannend finden,
noch stärker in multiprofessionell aufgestellten Teams
zu arbeiten. Abschließend können wir nicht nur sagen:
‚Nice, having met you‘, sondern wir wünschen uns,
dass der Austausch in irgendeiner Form weitergeht.“

Anmerkung: Eine Fortsetzung ist im WiSe für die
Soziale Arbeit und Therapeut_innen geplant
(BASA online und AddIS PT/ET).

alice

Buddy-Programm

Werde Betreuer_in
für internationale
Studierende an der
ASH Berlin

Was heißt eigentlich
„Danke“ auf Ungarisch?
Oder „Wie geht‘s?“ auf Schwedisch?
Und was sind überhaupt Poffertjes?
All das und noch viel mehr könnten euch nächstes
Semester eure Buddies beantworten!
Dein Interesse ist geweckt, du bist international
engagiert und möchtest Studierende aus aller Welt
kennenlernen?
Dann melde dich im International Office und komme
in Kontakt mit Studierenden aus Belgien, Dänemark,
Griechenland, Großbritannien, Italien, Kolumbien,
Litauen, Mexiko, den Niederlanden, Polen, Portugal,
Schweden, Spanien, der Türkei, Ungarn und anderen
Ländern!
Weitere Infos unter:
www.ash-berlin.eu/buddy-programm

61

Hörsaal

„IGo bietet eine Diversität an Blickwinkeln, die in der Praxisbewältigung hilfreich sein werden“, sagt Projektkoordinatorin Dr. Eva Maria Beck

„Bei Lehrenden muss
ein Umdenken stattfinden“
Projektkoordinatorin Dr. Eva Maria Beck berichtet im Interview über die Entwicklung des derzeit in der
Pilotphase befindlichen neuen Bachelorstudiengangs „Interprofessionelle Gesundheitsversorgung – online“
(IGo) und Herausforderungen für Lehrende und Studierende.
Was hat das „Sofa-Studium“ dem Präsenzstudium voraus?
Ziel war es, ein Studienangebot zu entwickeln, das sich mit
Beruf und Familie vereinbaren lässt. Das Online-Format bietet
den Studierenden flexible und ortsunabhängige Lernzeiten,
angepasst an ihre Lebensumstände. So könnte z. B. die Teilnahme an einem Online-Webinar „vom Sofa aus“ passieren
oder die Aufzeichnung der Veranstaltung zu einem günstigeren Zeitpunkt angesehen werden.

Altenpfleger_innen, die gemeinsam ihre interprofessionellen
Kompetenzen und innovativen interprofessionellen Versorgungsregime entwickeln. Unsere Zielgruppe gehört nicht zu
den besonders gut Verdienenden, was bedeutet, dass sie i. d. R.
neben dem Studium weiter arbeiten müssen. Deshalb ist es
so wichtig, dass eine öffentliche Hochschule dieses Studium
anbietet.

An wen richtet sich der Studiengang?

Digitales Lernen und Lehren verändert die
Hochschullandschaft. Welche Herausforderungen
erwachsen dadurch für Lernende?

Der Bachelorstudiengang richtet sich an examinierte Physio- und Ergotherapeut_innen, Logopäd_innen, Gesundheits- und Krankenpfleger_innen, Kinderkranken- und

Die Studierenden müssen sich auf das vorgegebene Format
einlassen und sich aktiv an den Wochenetappen beteiligen. Da
müssen Texte gelesen, recherchiert und in Foren diskutiert,

62

alice

Übungen in der Kleingruppe oder alleine gelöst und präsentiert werden. Die Studierenden müssen den Lernprozess selbst
in die Hand nehmen, eine klare Struktur und begleitende Semesterberatung unterstützen dabei.

nehmen sie Studienerfahrungen in die Praxis mit oder lösen
dort kleine gestellte Aufgaben, deren Erfahrungen wiederum
ins Studium zurückfließen.

Und welche für Lehrende?

In welchen Berufsfeldern landen IGo-Absolvent_innen
im Idealfall?

Bei den Lehrenden muss ein Umdenken stattfinden, sie präsentieren nicht mehr primär die Lerninhalte, sondern begleiten
und moderieren vor allem den Lernprozess der Studierenden.
Ein wichtiger Aspekt ist die Begleitung der Foren- und Chataktivitäten, deren inhaltliche Bündelung und Zielfokussierung
und die Unterstützung bei auftretenden fachlichen Schwierigkeiten. Die Modulinhalte stehen in thematischen Wocheneinheiten auf der Lernplattform online zur Verfügung, aktuelle
Akzente bringen die Lehrenden z. B. via Webinar mit ein.

Aus Beratungsgesprächen mit Studieninteressierten wissen
wir, dass sich vor allem Berufserfahrene dafür interessieren,
die in ihren Arbeitsfeldern die Notwendigkeit von Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen sehen. Sie tragen den
Kompetenzzugewinn in die Arbeitsfelder und entwickeln diese idealerweise weiter. Auch im Schnittstellenmanagement
oder in der Beratung und Schulung von Patient_innen und
Angehörigen können die Absolvent_innen wichtige Arbeit
leisten.

Die Online-Lehre muss sich gegen Vorurteile zur
Wehr setzen. Welche Aufklärungsarbeit ist dafür noch
notwendig?

Der Pilotstudiengang wurde im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung initiierten Wettbewerbs „Aufstieg durch Bildung: offene Hochschulen“
in dreieinhalbjähriger Forschung und Entwicklung des
Projektes Health Care Professionals konzipiert.
Skizzieren Sie doch kurz den Weg, den ein Studiengang
nimmt, ehe sich Interessierte bewerben können.

Online-Lehre stellt den Präsenzstudiengang nicht infrage.
Nach wie vor wird, wenn möglich, lieber in Präsenz studiert.
Die pulsierende Atmosphäre einer Hochschule/Universität
lässt sich online momentan nur bedingt abbilden. Wenn wir
„Aufstieg durch Bildung“ und „Lebenslanges Lernen“ ernst
nehmen, müssen wir Möglichkeiten schaffen, vielfältigen Bedarfen gerecht zu werden. Die Online-Lehre ist ein ergänzendes Angebot.
Eine Besonderheit ist die Interprofessionalität des
Studiengangs. Wie wichtig ist dieses Verknüpfen der
unterschiedlichen Berufsfelder?
Das ist das zentrale Element des Studiengangs in allen Modulen. Die verschiedenen Berufsgruppen aus dem Gesundheitsbereich lernen voneinander die unterschiedlichen Blick- und
Arbeitsweisen kennen, und lernen, miteinander an realen
Fragen aus der Versorgungspraxis wissenschaftsbasiert zusammenzuarbeiten. Viele Übungen in den Modulen sind darauf ausgerichtet, dass sie interprofessionell gemeinsam gelöst
werden. Während des Studiums und schließlich als Bachelor
of Science werden die Studierenden die interprofessionelle Zusammenarbeit in der Praxis der Gesundheitsversorgung weiterentwickeln, als eine wichtige Maßnahme zur Bewältigung
der sich entwickelnden Aufgabenvielfalt.
Die Studierenden bringen Erfahrungen aus der Praxis
mit. Bringt das eine Dynamik in den Studiengang und
dessen Inhalte?
Auf jeden Fall und das ist sehr erwünscht! Wenn mit unserer Unterstützung die Studierenden vorhandene Kompetenzen weiterentwickeln sollen, müssen die mitgebrachten
Praxiserfahrungen ausgetauscht, diskutiert und in einen
wissenschaftlichen Kontext gebracht werden. Die Übungen
in Kleingruppen und die POL-Fallbearbeitung lebt von dieser Dynamik. Da die meisten Studierenden weiter arbeiten,

alice

Neben Marktanalyse und Literaturrecherchen haben wir die
Zielgruppe des Studiengangs, berufsbegleitend Studierende
in anderen Bachelorstudiengängen und Arbeitgeber_innen
der Berufsgruppen, zu Kompetenzbedarfen und notwendigen Rahmenbedingungen befragt. Die Ergebnisse flossen in
die Konzeption des Studiengangs sowohl inhaltlich als auch
strukturell ein. In einem interprofessionellen Entwickler_innenteam wurden mögliche Lernziele diskutiert und parallel
dazu ein Evaluations- und Qualitätsmanagementkonzept
entwickelt. Eine Befragung der Lehrenden an der ASH Berlin
gab Aufschluss darüber, welche Unterstützung die Lehrenden
in der Online-Lehre benötigen, als Basis für ein Beratungskonzept. Ein sehr aktiver Praxisbeirat unterstützte unseren
Entwicklungsprozess von Beginn an. In Vorbereitung auf die
erste Studierendengruppe in der Pilotphase wurden, in enger
Zusammenarbeit mit der Hochschulverwaltung, die Ordnungen entwickelt und die Lernplattform gestaltet.
Über die Probleme im Gesundheitswesen wird derzeit
in Gesellschaft und Politik viel gesprochen. Wie könnten
Lösungen aussehen und welche Rolle könnte der IGo
dabei spielen?
Die Absolvent_innen sind in der Lage, komplexe Zusammenhänge zu analysieren und zu bearbeiten. Das bezieht sich sowohl auf die Versorgung von Patient_innen als auch auf das
System Gesundheit. IGo bietet neben wissenschaftlichen Inhalten eine Diversität an Blickwinkeln und strukturelle Vielfalt, die in der Praxisbewältigung hilfreich sein werden.

Das Interview führte Denis Demmerle.

63

© Christoph Happel

Hörsaal

Kulturelle Jugendbildung in Offenen Settings ist ein bislang eher weniger beachtetes Handlungsfeld Kultureller Bildung

Profil und Praxis der
Kulturellen Bildung an der ASH Berlin
Ulrike Hemberger, Johanna Kaiser und Elke Josties

„Soziale Kulturarbeit ist gesellschaftspolitischem kritischem Engagement,
insbesondere dem Empowerment der
Menschen zu sozialer und kultureller
Teilhabe verpflichtet (vgl. Artikel 27
der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte). Kulturelle Praxis ist als
ein dauerhafter, dynamischer Prozess
des Aushandelns zu verstehen, wird gelebt, erzeugt und gestaltet, und ist durch
strukturelle Rahmenbedingungen wie
z. B. Bildungsungleichheiten, ökonomische Ungleichheiten und machtvolle
gesellschaftliche Diskriminierungen wie
z. B. Rassismus bestimmt.“ (Aus dem Positionspapier zur Sozialen Kulturarbeit
www.ash-berlin.eu)

Aktuelle Beispiele aus Lehre,
Praxisentwicklung und Forschung
an der ASH Berlin
Videobotschaften von unterwegs –
Medienkulturarbeit in der Begegnung
zwischen jugendlichen Geflüchteten
und Studierenden der ASH Berlin
– Teil III (Erstes Kurzresümee aus
Dozent_innensicht)
Das Projektseminar „Videoboten – Botschaften aus dem Exil“ fand im Juli 2018
einen von vielen Beteiligten – geflüchteten

64

Jugendlichen, Studierenden und Dozent_
innen – mit Begeisterung aufgenommenen Abschluss. Auf einer fünftägigen
Projektreise aufs Land wurden in einem
temporären, von alltäglichen Rollenerwartungen entlasteten ‚third space‘
Lernprozesse zum filmischen Erzählen
und zur Produktion von Kurz-Videos
vertieft und an neu hinzugekommene
Jugendliche weitergegeben.
Der größere Teil der 30-köpfigen
Gruppe war in Zelten auf dem Hof in
Mecklenburg untergebracht. Einem
Zusammentreffen mit dort lebenden
jugendlichen Geflüchteten folgte ein
für die Berliner Gruppe – was ihre Torchancen anging – ernüchterndes Fußallmatch. Die Gruppe besuchte einen in
der partizipativen und demokratischen
Gestaltung der dortigen Lebenswelt engagierten Verein, den Rothener Hof e. V.,
und nahm an Workshops zum Schmieden, zu Druckgrafik und Reiten teil.
Diese begegnungs-, erlebnis- und naturpädagogische Rahmung erwies sich als
besonders anregend für die im Zentrum
der Projektfahrt stehenden filmischen
Aktivitäten der Gruppe.
Das durch Studierende vorbereitete
medienpädagogische Konzept ermöglichte den Jugendlichen, ihre Fragen und
Bedürfnisse in fiktiver und symbolischer

Form auszudrücken. In kurzen Inszenierungen und Musikclips thematisierten
sie Not, Ausgrenzung, Trauer, Sehnsucht,
sich Verlieben, Suche nach Sinn und die
Bewältigung dieser Themen und erzählten filmisch über Kontaktaufnahme, Unterstützung und Solidarität. Expressivität
in der Darstellung tiefer Gefühle sind in
den Ergebnissen ebenso zu finden wie
immer wieder auch die Freude am Experimentieren mit filmischen Mitteln,
Erzählweisen, Genres und humorvollen
Wendungen in den Narrationen.
Medienkulturarbeit wurde so zum
Motor für Selbstausdruck, Begegnung
und Empowerment. Auch Grenzen wurden erfahrbar und führten dazu, Anforderungen an die Rahmenbedingungen
für sinnvolle Umsetzung und Qualität
zu formulieren. Soziale Kulturarbeit benötigt gemeinsam geteilte Räume, ausreichend Zeit und Kontinuität. Dann
schafft sie Gelegenheiten, in denen
(Vor-?)Bilder gefunden werden können
und Ver-Lernen und Umdeuten möglich, fruchtbar und öffentlich wirksam
werden.
Die gemachten Erfahrungen sollen
in Kooperation mit den Projektpartnern Evin e. V. und Jugendinstitut Film
und Fernsehen – JFF Berlin e. V. in ein
geplantes Konzept für eine nachhaltige

alice

Weiterentwicklung dieses medienpädagogischen Lehr-Lern-Begegnungs-Formates zwischen Hochschule und Praxis
einfließen. Die erste gemeinsam genutzte Förderung durch das Programm des
BMBF „Kultur macht stark“ mit der Unterstützung durch den Bundesverband
Netzwerk von Migrantenorganisationen,
BV-NEMO und moveGLOBAL e. V. haben Lehrenden und Studierenden dazu
Mut gemacht.
‚Construct/deconstruct‘ –
internationale Kooperation zur
künstlerischen Auseinandersetzung
über Diskriminierung und die
Konstruktion von Stereotypen
Welchen Diskursen begegnen wir in der
Kunst und was hat das Ganze mit mir
zu tun? Wie können wir eine Dekonstruktion von Stereotypen im Theater
erreichen? Müssen wir dazu auf deren
Konstruktion verweisen? Bedeutet dies
wiederum eine Reproduktion von Bildern auf der Bühne?
In Zagreb, Berlin und Brandenburg
fanden sich im Wahlseminar unter der
Leitung von Prof. Johanna Kaiser Studierende und interessierte junge Erwachsene zehn Tage zusammen, um diesen und
anderen diskriminierungskritischen
Fragen diskursiv mit biografischen und
künstlerischen Ansätzen nachzugehen.
Dem Vorhaben ging ein gemeinsam
erarbeitetes Konzept voraus, welches in
Vorarbeit von allen Projektpartnern in
einem siebenköpfigen Team entwickelt
und insbesondere von dem Bildungsverein Mikub e. V. über beantragte Fördermittel finanziert wurde. Hier griff man
auf Erfahrungen mit internationalen
Austauschprojekten zurück, basierend
auf der Zusammenarbeit mit Crna Ovca
und USZG. Ebenfalls im Vorfeld arbeitete das GRIPS Theater an der Produktion
„Phantom – ein Spiel“, welches letztlich
Stoff für kontroverse Diskussionen innerhalb und außerhalb des Seminars u. a.
zum Thema Antiziganismus lieferte. RomaTrial bemühte sich um Partner_innen
aus dem projektnahen Netzwerk, und da
das Seminarkonzept sich an Theatermethoden mit biografischem Ansatz orientierte, versprach die anvisierte spezielle
Konstellation der Gruppe ein interessantes, perspektivenreiches Programm. Mit

alice

Brüchen, Widersprüchen und teilweise
auf Umwegen gelang dies letztlich und
die englischsprachige Aufführung am
3. Juli in der Box des GRIPS Theaters
war vor eng gedrängtem Publikum ein
großer Erfolg.
Eindrucksvoll hatte sich die Gruppe
auf den Weg über die eigenen Erfahrungen zur künstlerischen Umsetzung auf
der Bühne eingelassen und zeigte, wie
sie sich forschend und performativ mit
den Herausforderungen von Diskriminierung – speziell bezüglich Sexismus
und Homophobie – auseinandergesetzt
hatte. Dabei war die szenische Arbeit zu
den Mechanismen von Macht und Ausgrenzung besonders hürdenreich. Die
Studierenden lernten neben den Theatermethoden der Seminarleitung weitere
unterschiedliche Theaterstile kennen,
setzten sich mit den Methoden des kroatischen Theaters, der theaterpädagogischen Arbeit des GRIPS Theaters und
den diskursiven Methoden von Mikub
e. V. kritisch und kreativ auseinander.
Die Exkursion nach Zagreb schuf neue
Erfahrungsräume in der Konstellation
mit den kroatischen Teilnehmer_innen,
die im Haus Neudorf in Brandenburg
intensiv weitergeführt wurden. Die Studierenden, die nicht an der Studienfahrt
teilnehmen konnten, gingen in eine
spannende Auseinandersetzung über
Antiziganismus mit RomaTrial in Berlin, nahmen zu diesem Thema u. a. am
Jugendforum teil und präsentierten ihre
Ergebnisse ebenfalls im GRIPS Theater.
Wesentlich für alle Beteiligten waren die
Lernorte außerhalb der Hochschule, die
besondere Kooperation in Berlin sowie
das tagelange Erproben und nächtliche
Diskutieren andernorts, die diesen internationalen Austausch in der speziellen Konstellation intensiv werden ließen.

Kulturelle Jugendbildung in
Offenen Settings – Praxisentwicklung
in Forschung und Lehre
Wer mit jungen Menschen in Offenen
Settings arbeitet, begegnet Gruppen
mit vielfältigen kulturellen Praxen – in
Jugend- und Kulturzentren, in Kulturinitiativen und im Lernraum Stadt. Die
Diversität von Orten und Teilnehmenden stellt für Anleitende Kultureller
Bildung ein besonderes Potenzial, aber

auch eine Herausforderung dar: Welche
Orte und Akteur_innen gibt es in diesem Handlungsfeld? Welche fachlichen
Hintergründe und aktuellen Diskurse
werden verhandelt? Welche Praxisansätze sind relevant – von Jugendkulturarbeit
über Urbanes Lernen bis zu Kreativer
Biografiearbeit? Für Praxis- wie Theorieinteressierte stellt der Sammelband
„Kulturelle Jugendbildung in Offenen
Settings – Praxis, Theorie und Weiterbildung“ (Hg. Josties/Menrath 2018) ein
bislang eher weniger beachtetes Handlungsfeld Kultureller Bildung aus der
Perspektive von Jugendlichen, Pädagog_
innen und Künstler_innen vor. Aktuelle
Fachdiskurse sowie Ergebnisse des Pilotprojekts ARTPAED zur Weiterbildung
geben Impulse für dieses Schnittfeld von
pädagogischen und künstlerischen Theorien und Praxisansätzen.
Praxisentwicklung ist an der ASH Berlin integraler Bestandteil von Forschung
und Lehre. Bereits vom ersten Semester im BA Soziale Arbeit an beteiligen
sich Studierende an Feldforschungen,
in Vertiefungsseminaren entwickeln sie
„Miniforschungsprojekte“. Im Masterstudiengang Praxisforschung können sie
– häufig im Zusammenhang mit ihren
Masterarbeitsthemen – sowohl eigenständige Forschungsprojekte realisieren
als auch sich an laufenden Projekten
wie ARTPAED beteiligen – in Seminarveranstaltungen oder als Studentische
Mitarbeiter_innen. Bei Fachtagungen
zum Abschluss von Forschungsprojekten wirken Studierende ebenfalls mit,
z. B. mit einem kreativen Feedback bei
der Tagung „Kulturelle Jugendbildung
– Kollaborationen von Künstler_innen,
Pädagog_innen und Jugendlichen“ (2017
an der ASH Berlin).
Im Anschluss an das Modellprojekt
ARTPAED wurden in Berlin zwei interdisziplinäre pädagogische Weiterbildungsformate durch WeTeK Berlin
GmbH in Kooperation mit der ASH Berlin realisiert, eines davon in Kooperation
mit dem sfbb (Sozialpädagogisches Fortbildungsinstitut Berlin-Brandenburg).
Im Wintersemester 2018/19 können sich
Studierende des Masterstudiengangs
Praxisforschung an einer wissenschaftlichen Begleitforschung zu Offenen Settings der Jugendkulturarbeit in Berlin
und Brandenburg beteiligen.

65

Hörsaal

Wie studiert es
sich eigentlich in
Hellersdorf?
Das hat sich die alice-Redaktion gefragt.
Sarah Grolik, Tutorin der ASH/Hochschulkommunikation,
hat für uns einen Aufruf via Instagram gestartet.
Diese Antworten haben wir bekommen.

Max:

„Nachdem ich einige
Jahre im Nachtleben Berlins gearbeitet
und auch die Schattenseiten kennengelernt hatte, war für mich klar: Mann, da
muss man helfen. Ich arbeitete zunächst
als Aushilfe in einer Suchtklinik und wollte
mehr, also entschied ich mich für den
Studiengang Soziale Arbeit an der ASH
Berlin. Für mich zunächst das einzige Manko – die Entfernung. Hellersdorf ist doch
soo weit weg und soo braun. Ich als offen
schwuler Mann? Könnte das zum Problem
werden und begebe ich mich sogar in Gefahr? Versuchen kann ich es ja mal, dachte
ich mir und bin einfach ohne Zulassungsbescheid zur ASH Berlin gefahren.

Uli:

„Das Studieren an der
ASH Berlin hat mir sehr viel Freude
bereitet, demnach wäre es auch egal
gewesen, in welchem Bezirk sich die
Hochschule befindet. Vor Beginn meines
Studiums dachte ich, dass ich mehr Zeit in
Hellersdorf verbringen würde, beispielsweise aufgrund von Freiblöcken etc.
Da ich Gesundheits- und Pflegemanagement im Wintersemester studiert habe
(Vorlesungszeiten 15:00–22:00 Uhr) und
die Unterrichtseinheiten organisatorisch
gut aufeinander abgestimmt waren, blieb
wenig Zeit dazwischen, um sich in Hellersdorf aufzuhalten. Ich wohne in Weißensee
und glücklicherweise fährt der Bus X54
von Haustür zu Haustür. Das war sehr
verlockend, weswegen ich vor und nach
der Schule nicht länger dort verweilte.“

66

Tatsächlich war ich angenehm überrascht,
denn die U5 fährt halt auch ständig und ist
stadtauswärts eigentlich nicht sonderlich
voll. Nach ein paar Wochen fing ich sogar
an, den Weg dorthin zu genießen. Sobald
man den Tunnel verlässt, fährt man durch
eine grüne Idylle, vorbei an den ‚Gärten der
Welt‘. Man plumpst ja eigentlich nur aus der
U-Bahn direkt in die Uni, aber im Umfeld
gibt es eben doch mehr, wenn man mal ein
wenig Zeit bis zum nächsten Seminar zu
überbrücken hat. Tatsächlich hab ich gern
mal meine Einkäufe in den Pausen erledigt,
mich auf die Wiese gelegt oder einfach die
Ruhe ‚vor der Stadt‘ genossen.
Marzahn-Hellersdorf wird wahrscheinlich
nicht mein Lieblingsbezirk, aber er ist deutlich attraktiver für mich geworden.
Ich habe auch in den ganzen Jahren meiner
Studienzeit nie schlechte Erfahrungen als
homosexueller Mann gemacht. Ich wurde
nicht schiefer angeguckt als jeder andere
Mensch in Berlin und auch sonst nicht anders in Hellersdorf behandelt oder auf dem
Weg dorthin.“

alice

Anzeige

Neugierig?
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Manu:

„Ich studiere Soziale
Arbeit. Studieren in Hellersdorf bedeutet für
mich in erster Linie lange Fahrten mit der Sund U-Bahn, da ich in Charlottenburg wohne.
Das kann sich manchmal ganz schön in die
Länge ziehen. Andererseits habe ich so einen
Teil Berlins kennengelernt, den ich ohne mein
Studium an der ASH Berlin wahrscheinlich nie
besucht hätte. Gut finde ich auch, dass sich
die ASH Berlin und Studierende mit Projekten
und Angeboten im Bezirk vernetzen und am
politischen Geschehen teilnehmen. In Erinnerung wird mir zum Beispiel die Werkstatt
in den beiden ersten Semestern bleiben, die
unser Seminar mit Projekten in der Geflüchtetenunterkunft in der Maxie-Wander-Straße
verknüpfte.“

Anne:

(ohne Foto)
„Also ich finde das Studieren in Hellersdorf
mittlerweile angenehm. Die Uni ist nicht allzu
groß, das bedeutet, die Seminare sind auch
nicht so groß wie an anderen Unis. Was ich
persönlich nicht so gut finde, ist, dass die
Seminarzeiten nicht viele Auswahlmöglichkeiten bieten. Die Kurse sollten schon vormittags,
nachmittags und abends angeboten werden.
Zum Beispiel würde ich es sehr begrüßen,
mehr Kurse und Seminare um 08:00 Uhr zu
beginnen.“

alice

67

Grenzübergang

Lernwillige Studierende
und verdorbener Döner
© Selin Göcmen

Paula Andrea San Martín Maldonado hat ein Jahr lang an der ASH Berlin
Soziale Arbeit studiert. Zurück in Chillán, wo sie an der Universidad del Bío-Bío ihr
Studium fortsetzt, berichtet sie von ihren Erfahrungen in Berlin.

Glücklich, in Berlin zu sein: Die chilenische Studentin Paula macht ein Selfie vor dem Brandenburger Tor

68

alice

Wie fühlst du dich kurz nach
deiner Rückkehr?
Ich bin sehr dankbar für die Erfahrungen, die ich machen konnte. Die ASH
Berlin hat mir neue Perspektiven auf
meine zukünftige berufliche und persönliche Entwicklung eröffnet. Natürlich hatte ich erwartet, dass sich das
deutsche Bildungssystem vom chilenischen unterscheidet, aber die ASH Berlin übertraf alle meine Erwartungen. Die
Umgangsweise der Dozenten mit den
Studierenden und dazu die fortwährende Unterstützung des Internationalen
Büros reflektieren sich im angenehmen
Klima, mit dem die ASH Berlin ihre
Austauschstudenten empfängt.
Warum hattest du dich für die ASH
Berlin entschieden?
Seit ich die Anzeige an meiner Universität gesehen hatte, war ich interessiert.
Deutschland war immer mein Traum,
ein Problem war dagegen die Sprache.
Ich habe aber eine Freundin in München, die mir geholfen hat. Außerdem
hat mich meine Universität zur Bewerbung an der ASH Berlin ermutigt. Dass
es eine Hochschule für Soziale Arbeit
ist, ist ein seltenes Plus. Ich habe dort
eine neue Welt kennengelernt, voller
verschiedener Perspektiven, die mir geholfen haben, mir viele Fragen neu zu
stellen, zum Beispiel wie ich arbeiten
möchte und was für Veränderungen ich
verwirklichen möchte.
Wie hattest du dich auf den Aufenthalt in Deutschland vorbereitet?
Ein paar Monate vor der Reise begann
ich, Englisch zu üben, weil das die Sprache war, mit der ich mich verständigen
würde. Außerdem war Alice, meine
Freundin in München, den (chilenischen) Sommer über hier und gab mir
Tipps zu den öffentlichen Verkehrsmitteln und zum Leben in Deutschland.
Gleichzeitig war auch die Begleitung der
Internationalen Büros sowohl der Universidad del Bío-Bío als auch der ASH
Berlin bei jedem Schritt – vom Visum
bis hin zu Unterbringung – eine sehr
wichtige Unterstützung für mich.

alice

Was hast du gelernt? Welche
Unterschiede gibt es zwischen den
Studiensystemen in Chile und
Deutschland?
An der ASH Berlin besuchte ich Seminare über Rassismus und Migration,
Internationale Soziale Arbeit, Gender
und Queer Studies, Music in Community und zwei Deutschkurse. Überall
habe ich Dinge gelernt, die ich nie wieder vergessen werde, weil die Art des
Unterrichts, der Erklärungen und Aufgabenstellungen sehr didaktisch war.
Dadurch konnten wir die Zusammenhänge viel leichter verstehen. Außerdem
möchte ich hervorheben, dass es trotz
der verschiedenen Nationalitäten der
Studierenden immer ein inklusiver Unterricht war mit dem Ziel, dass wir uns
in jeden einzelnen von uns hineinversetzen konnten.
Der größte Unterschied zum chilenischen Studiensystem besteht darin, wie
die Studierenden vom System gesehen
werden. In Deutschland übernehmen
die Studierenden Eigenverantwortung,
sie engagieren sich für ihre Bildung, zeigen Lernwillen und nutzen die Chancen,
die ihnen die Dozenten geben, sogar
wenn es keine Noten gibt. In Chile dagegen funktioniert es mit mehr Zwang. Es
gibt häufiger Bewertungen und bei den
Studierenden sieht man nicht immer so
viel Einsatz.
War es wichtig für dich, mit
deutschen Studierenden über die
Massendemonstrationen chilenischer Schüler_innen und Studierender in den letzten Jahren und über
die Reformversuche im Bildungssystem deines Landes zu
sprechen?
Eigentlich nicht, das Interesse meiner
deutschen Kommilitonen an diesen
Themen überraschte mich. Aber ich erklärte ihnen gerne die Gründe für die
Demonstrationen und die Errungenschaften der letzten Jahre, die dadurch
im Bildungssystem bewirkt wurden. Es
waren angenehme Gespräche, und ich
habe dadurch Anregungen bekommen,
was für Veränderungen das Bildungswesen verbessern könnten.

Was für einen Eindruck hattest du
vom Alltagsleben in Berlin?
Am Anfang war ich vom Leben in Berlin
wie erschlagen, es kam mir vor, als würde
die Stadt niemals schlafen und wäre rund
um die Uhr aktiv. Aber mit der Zeit gefiel
mir alles, was Berlin zu bieten hat, immer
mehr. Das breite kulturelle Spektrum und
die unzähligen Entfaltungsmöglichkeiten
haben meine Liebe zu Berlin entfacht.
Gibt es ein Erlebnis, das du immer in
Erinnerung behalten wirst?
Im Frühling machten wir eine Exkursion
mit der Hochschule zur East Side Gallery.
Um 14 Uhr sollten wir uns an der Warschauer Straße treffen. Weil noch nicht
alle da waren, ging ich mit meinen Freundinnen in der Nähe einen Döner essen.
Ungefähr eine Stunde später ging es uns
richtig schlecht, offenbar hatten wir uns
keinen guten Ort fürs Mittagessen ausgesucht. Wir konnten nicht weiter an der
Tour teilnehmen, was schrecklich war,
weil wir so gerne die East Side Gallery
kennengelernt hätten. Von da an schauten wir immer genau hin, wie vertrauenswürdig der Ort wirkte, bevor wir einen
Döner aßen.
Was würdest du Studierenden
raten, die an der ASH bzw. in Berlin
studieren wollen?
Dass sie keine Angst vor dem Abenteuer
zu haben brauchen, dass sie eine einzigartige Erfahrung machen werden. Berlin ist ein Ort mit viel interkulturellem
Austausch, das eröffnet uns die Welt, die
Sichtweisen anderer Kulturen. Ich bin
sicher, dass sie an der ASH Berlin keine
Probleme hätten, weil sich das professionnelle Personal ständig darüber Gedanken
macht, was der Austausch für uns bedeutet. Außerdem ist die Umgebung dort so
vielfältig, dass man laufend neue Kontakte und Freundschaften knüpfen kann.
Ich verlasse Berlin ohne den geringsten
Zweifel, dass es die richtige Entscheidung
war, Soziale Arbeit an der Alice Salomon
Hochschule Berlin zu studieren.
Das Interview führte Laura Haber.

69

Grenzübergang

„Ich musste einsehen,
dass ich nicht alles ändern kann“

Zu Besuch in einer Grundschule
in Lemba, Kongo: Die achtjährige
Marie stellt sich mit ASH-Student
Romario, ihrem Lehrer und ihrer
Lehrerin vor die Kamera

Romario Almeida Mpava studiert im 3. Semester Soziale Arbeit an der ASH Berlin. Seit mehr als 19 Jahren
lebt er in Deutschland, geboren wurde er aber in Zaire, der heutigen Demokratischen Republik Kongo,
aus der er mit seiner Familie fliehen musste. Anfang des Jahres kehrte er im Rahmen der Feldstudienphase
in seine unbekannte Heimat zurück und absolvierte diese in der Hauptstadt Kinshasa.
Im Interview berichtet er über seine Erfahrungen.
Romario, was hat Sie bewogen nach
Kinshasa in Ihrem Geburtsland Kongo zu gehen?
Als ich mich entschieden habe, nach so
vielen Jahren wieder in mein Land zu
gehen, um dort meine Feldstudienphase zu verbringen, war das nicht einfach.
Ich musste das dortige Praktikum hier
anerkennen lassen. Über den deutschen
Verein Hallo Kongo e. V. und dessen
Geschäftsführerin Nicole Thieke nahm
ich Kontakt zum Direktor der Lisanda Schule auf. Dass ich im Februar dort
war, verdanke ich ihr. Der Verein unterstützt bedürftige Kinder und Kinder, die
sich die Schule nicht leisten können. Im

70

Kongo gibt es keine Schulpflicht wie hier,
da gehen die Kinder zur Schule, wenn die
Eltern Geld haben. Kongo gehört zu den
ärmsten Ländern der Welt, viele Kinder
müssen dort schon früh arbeiten. Mit seinen Schätzen müsste der Kongo nicht arm
sein, aber die Korruption und die Eliten,
die sich alles nehmen, schaden dem Land.

essen oder ihr Kind zur Schule schicken.
Der Verein unterstützt Kinder, die gut in
der Schule sind und fördert sie, indem
deren Schulgeld für das ganze Jahr übernommen wird.

Also ist es im Kongo ein Privileg, zur
Schule zu gehen?

Kaum am Flughafen gelandet, kam ich
mir wie in einem Film vor. Ich wurde von
den Leuten der Schule abgeholt, weil viele
Kriminelle dort herumlungern und auf
Koffer europäischer Besucher aus sind.
Ich sollte auf keinen Fall den Flughafen
verlassen. Ich konnte nicht glauben, dass
ich in meinem eigenen Land nicht mal

Nur wer Geld hat, kann zur Schule gehen.
Es fällt ein monatliches Schulgeld an. Im
Durchschnitt leben die Leute dort von einem Dollar am Tag. Die haben wirklich
nichts. Eltern müssen entscheiden, ob sie

Können Sie prägende Ereignisse aus
der Zeit beschreiben?

alice

In dieser altersgemischten Klasse – der einzigen einer Dorfschule in der Provinz Kinshasa – lernen die Kinder im Freien
auf dem Boden sitzend

den Flughafen verlassen kann. Später sah
ich draußen bettelnde Kinder. Das war
mein erster Kontakt mit der Armut. Da
standen Frauen mit ihren Kindern und
viele Ältere. Solche Bilder kannte ich nur
aus Filmen. Das war mehr als traurig.
Aber obwohl die Leute dort nichts haben,
sind sie sehr positiv. Sie leben von einem
Tag zum anderen. Der Kongo ist ein sehr
christliches Land, die Menschen verlassen sich auf Gott, der das richten wird.
Ich verstehe nicht, wie sie diese Hoffnung
auf Besserung aufrechterhalten.
Aus professioneller Sicht betrachtet:
Wie wirkte sich Ihr erlerntes Wissen
aus?
Ich wusste, dass es dort nicht einfach
wird, dass der Kongo sehr emotional für
mich sein wird. Deshalb besuchte ich
noch an der ASH Berlin einen Kurs zur
Vor- und Nachbereitung des Aufenthalts
im Ausland bei Professor Kniffki. Da
ging es um professionelle Nähe und Distanz, und ich fühlte mich gut gewappnet.
In der ersten Woche vor Ort war das wie
weggeblasen. Ich ließ alles sehr nahe an
mich heran, das war emotional sehr hart.
Ich musste einsehen, dass ich nicht alles
würde ändern können. Ich werde die Armut im Kongo nicht ändern. Ich überlegte mir, wo ich etwas erreichen kann

alice

und entschied, mich für Bildung einzusetzen. Das ist das Beste, was man den
Leuten geben kann. Ihnen ermöglichen,
zur Schule zu gehen und Arbeit zu finden. Ich überlegte mir eine Initiative an
der ASH Berlin zu gründen und sammelte mit zwei Kommilitonen Schulsachen,
also Blöcke, Stifte, Radiergummis usw.
Auch von der Hochschule haben wir Stifte, Blöcke, T- Shirts und Beutel als Spende bekommen. Die verteilte ich vor Ort
an Schülerinnen und Schüler, von denen
ich wusste, dass sie keine Möglichkeiten
haben. Das war mein Beitrag, das, was
ich tun kann. Zurück in Berlin war ich
sofort der Überzeugung, dass noch mehr
zu tun ist, ich noch mehr machen möchte. Im August war ich wieder im Kongo
und habe an Waisenheime, Schulen und
bedürftige Kinder gespendet. Ich will
einen Hilfsverein gründen, der sich um
bedürftige Kinder in Kinshasa kümmert
und Schulpatenschaften übernimmt.

„Der Kongo ist ein
sehr christliches Land,
die Menschen verlassen
sich auf Gott, der das
richten wird.“

Ihre Familie floh vor fast zwanzig
Jahren nach Deutschland, wo Sie
aufwuchsen. Wie alt waren Sie?
Ich war sechs Jahre alt, mein Vater war
in der Opposition aktiv und kämpfte gegen den Diktator Mobutu. Er organisierte Demos und Proteste, aber dort läuft
das anders als hier: Demos werden nicht

Im Bezirk Bandal lernen die Grundschüler im
spärlichen Sonnenlicht, das durchs Fenster
hereinfällt

71

Grenzübergang

In einer Grundschule im Bezirk Lemba verteilt Romario Schulmaterialien,
T-Shirts und Beutel der ASH Berlin

angemeldet und genehmigt. Dort ist das
gefährlich. Mit Glück nehmen die Polizisten einen fest, mit Pech kommen sie
und schießen um sich. Für meinen Vater
und unsere Familie wurde es zu gefährlich. Viele Parteimitglieder wurden umgebracht oder sind verschwunden. Mein
Vater floh zuerst, zwei Jahre später folgten
meine Mutter, meine beiden Geschwister
und ich. Mithilfe von Freunden und Bekannten landeten wir in Deutschland, wo
wir seitdem in Frieden leben. Zum Glück!
Wo sind Sie angekommen?
In Berlin, in Spandau, beantragten wir
Asyl, was schwierig für meine Familie
war. Das Asyl wurde erstmal abgelehnt.
Wir waren lange in einem Flüchtlingsheim mit anderen Geflüchteten. Wir
mussten sehr lange kämpfen, um in
Deutschland bleiben zu können. Wir lebten fast zehn Jahre lang als Geduldete. Ich
bin seit 1998 in Deutschland und habe
erst 2017 eine Niederlassungserlaubnis
bekommen. Seitdem bin ich erst offiziell
sicher in Deutschland. Das ist unmöglich. Höre ich, wie Politik und Leute über
Integration sprechen, wundere ich mich.
Wenn ich nicht integriert bin, weiß ich
auch nicht. Ich habe hier die Grundschule besucht, war auf der Hauptschule und
Realschule, habe eine Ausbildung als Sozialassistent und die Fachhochschulreife
erreicht. Ich studiere, ich war nie straffällig und musste trotzdem fast zwanzig
Jahre warten.

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Fluchtbewegungen sind aktuell in
Deutschland ein großes Thema. Wie
geht man im Kongo und in Kinshasa damit um, wo Sie Ihr Praktikum
absolvierten?
Zaire, wie die Demokratische Republik
Kongo früher hieß, war in belgischer
Kolonialhand. Der Kongo ist reich an
Bodenschätzen, aber genau deshalb lebte das Land fast nie in Frieden. Es gibt
dort den Rohstoff Koltan, der für Handys und Laptops gebraucht wird, seltene Erden, Diamanten oder Kautschuk.
Nachdem Belgien das Land kolonialisiert
und unsere Bodenschätze ausgebeutet
hatte, erhielten wir die Unabhängigkeit
unter Präsident Mobutu. Er herrschte
über 30 Jahre, ehe er gestürzt wurde. Das
Land befindet sich seit Jahren in katastrophalem Zustand. Es heißt zwar jetzt
Demokratische Republik Kongo, aber die
Demokratie im Kongo ist nicht die, die
ich aus Deutschland kenne. Leute werden
einfach verhaftet, der Präsident herrscht
wie ein König, er weiß die Armee hinter
sich, genauso wie die Richter. Die Bevölkerung kann nichts dagegen machen, die
Leute versuchen zu überleben.
Können Sie beschreiben, wie Sie die
Zeit im Kongo verändert hat?

Kindern dort lebe ich ein Luxusleben. Im
Kongo unterhielt ich mich mit Professoren und Ärzten, traf einen Lehrer, der seit
zwanzig Jahren im Beruf arbeitet und im
Monat 90 Dollar verdient. Damit muss er
Miete zahlen und drei Kinder versorgen.
Ich darf hier zur Uni gehen und bekomme 700 Euro BAföG. Jeder dort würde
sofort mit mir tauschen, wenn er könnte.
Könnte sich für Sie eine berufliche
Perspektive daraus entwickeln?
Kurz nach meiner Rückkehr wusste ich,
dass ich nächstes Jahr das große Praktikum im Kongo machen werde. Ob ich
irgendwann in den Kongo ziehen kann,
weiß ich nicht. Dafür ist die Sicherheitslage zu ungewiss. Ich möchte auf jeden
Fall soziale Projekte im Kongo leiten, das
steht fest. In den sechs Wochen habe ich
schon erste Kontakte geknüpft. Die Schule dort vermittelte mir Einblicke in andere Einrichtungen wie Krankenhäuser
und Waisenheime und ich habe ein Kindergefängnis und Straßenkinder besucht.
Ich will etwas bewegen und die Vereine
vor Ort unterstützen.
Das Interview führte Denis Demmerle.

Die sechs Wochen dort kamen mir wie
ein Jahr vor. Es veränderte mich sehr: Seit
ich zurück bin, bin ich viel dankbarer für
das, was ich habe. Im Vergleich zu den

alice

Soziale Arbeit
im Kontext von Migration
und kultureller Vielfalt
Eine Begegnung zwischen Studierenden der ASH Berlin und dem ITSRA Clermont-Ferrand
Marcel Pietsch

„Wir sind zu einer großen Familie zusammengewachsen“ – die
reflektierenden Worte einer Studierenden des Institut du Travail
Social de la Région Auvergne (ITSRA) beschreiben ein Ergebnis des binationalen Studierendentreffens, das vom 26. April bis
zum 4. Mai 2018 an der Alice Salomon Hochschule stattfand. Mit
dem Ziel, Methoden und Kompetenzen der sozialpädagogischen
Praxis in Unterstützungsprozessen zum Thema Flucht und kultureller Diversität hautnah miterleben zu können, erarbeiteten
18 Student_innen eines Projektseminars im BA Soziale Arbeit
über mehrere Monate hinweg ein vielseitiges Programm, das vom
Deutsch-Französischen Jugendwerk (DFJW) gefördert wird.
Gemeinsam mit zehn Studierenden aus Frankreich wurden
in Phase 1 Einrichtungen der Sozialen Arbeit besucht, fachliche
Diskurse geführt sowie sehenswerte Orte in Berlin erkundet. Der
Austausch mit sozialarbeiterischen Fachkräften gestaltete sich
genauso intensiv und informativ wie die daran anknüpfenden
multilingualen Gesprächsrunden innerhalb der Projektgruppe.
Praxisbesuche erfolgten in der Berliner Stadtmission, dem Zirkus Internationale, dem Quartiersmanagement Pankstraße, dem
Übergangsprojekt von ProMax, den Jugendfreizeiteinrichtungen
Lessinghöhe und Eastend sowie dem Vor-Ort-Büro des Projekts
„Demokratie in der Mitte“. So lernten die Teilnehmenden unterschiedliche Facetten in der Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und
Familien im Kontext der Vielfalt von Herkunft, Sprache und Weltanschauung kennen. An manchen Projekttagen standen künstlerisch-kreativ geprägte Handlungsmethoden im Mittelpunkt, an
anderen sportliche, bewegungsorientierte Angebote oder auch
sozialpolitische Bildungsprogramme. Das Repertoire an Instrumenten aus der Praxis wurde dabei sowohl wertschätzend aufgenommen als auch hinsichtlich seiner möglichen Grenzen kritisch
reflektiert.
Zahlreiche durch die Praktiker_innen dargestellte Herausforderungen bewirkten Kommunikationsimpulse bei den Studierenden beider Hochschulen, was das Freizeitprogramm sowie den
Besuch im Bundestag bereicherte. Großen Anklang fanden die
täglichen Aktivitäten der Sprachanimation, die eine spielerische
und unterhaltsame Annäherung an die jeweils andere Sprache
ermöglichten. Bei sonnigem Wetter nahm die Projektgruppe an
Feierlichkeiten zum Tanz in den Mai und zum 1. Mai in Kreuzberg
teil und erlebte gemeinsam die pulsierende, facettenreiche Kultur und Atmosphäre der Hauptstadt. Beide Seiten blicken bereits
mit Vorfreude auf die für November 2018 geplante Phase 2 der
Begegnung in Clermont-Ferrand: Sie soll zu einem trinationalen
Studierendentreffen ausgeweitet werden.

alice

Alice-Salomon-Platz 5: Deutsche und französische Studierende
der Sozialen Arbeit trafen sich zum Austausch

Marcel Pietsch, Gastdozent an der ASH Berlin, begleitete die
deutsch-französische Studierendenbegegnung

Das Deutsch-Französische Jugendwerk,
französisch: Office franco-allemand pour la Jeunesse,
fördert die grenzübergreifende Arbeit

73

alice forscht

Partizipative
Entscheidungsprozesse
und gemeinsam forschen
Zum Abschluss der 1. und zum Start der 2. Förderphase des Projektes ElfE: Eltern fragen Eltern
Prof. Dr. Gesine Bär, Ina Schaefer und Azize Kasberg

Aus den Daten der Gesundheitsberichterstattung wissen wir,
dass die Mehrheit der Kinder in Deutschland im Wohlergehen aufwächst. Dennoch sehen wir bereits in frühen Lebensjahren ein erhebliches Maß an sozialer und gesundheitlicher
Ungleichheit. In den Schuleingangsuntersuchungen werden
Unterschiede zwischen Kindern je nach sozialer Lage ihrer
Familie besonders deutlich. Woran liegt das und was können
Kommunen zur Verbesserung von Chancengleichheit tun?
Kitas gelten als ein Schlüsselsetting für die Stärkung gesundheitlicher Chancengleichheit, denn pädagogische Arbeit
und eine höhere Besuchsdauer in der frühen Kindheit vermag
hier einen Beitrag zu leisten. Das belegen auch die Evaluationsergebnisse für Berliner Kitas. Dennoch legen Studien aus
dem Bundesgebiet nahe, dass nicht alle Kinder gleichermaßen
von der Kita-Betreuung profitieren. Gibt es Möglichkeiten in
Kitas und Kommunen noch mehr zu tun? Diese Frage liegt
dem ElfE-Projekt zugrunde.
Als einen Knackpunkt für die Verbesserung von Chancengleichheit in der Kita-Zeit haben die in der ersten Förderphase mitforschenden Eltern die Schnittstelle zwischen
Eltern und den Kita-Fachkräften benannt. Dabei zeigten sich
unterschiedliche Vorstellungen über die Inhalte, Formen und
Erwartungen an die Zusammenarbeit. Drei Jahre wurde das
im Forschungsverbund PartKommPlus angesiedelte Projekt
durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung in
der ersten Förderphase finanziert. Insgesamt hatten sich 19
Eltern aus dem Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf sowie
der Kommune Lauchhammer in Brandenburg als Forschende
engagiert.
Die Besonderheit des Projektes lag in der Umsetzung von
Partizipation im Forschungsprozess im Sinne „geteilter Entscheidungsmacht“. Alle Schritte des Forschungsprozesses
wurden mit den Eltern gemeinsam durchgeführt: von der
Definition der Forschungsfrage über die Auswertung bis zum
Ergebnistransfer.
Zum Abschluss des Forschungsprozesses wurden die Ergebnisse und Erfahrungen aus der Peerforschung der ersten
Phase im Dialog mit Fachkräften und den Steuerungsrunden
aufbereitet und in Produkte für unterschiedliche Adressaten
überführt.
Ergebnisse aus der Peerforschung
Den Beziehungsalltag zwischen Eltern und Erzieher_innen in
gegenseitigem Respekt und Vertrauen leben lautet die von den

74

Eltern aus den Interviews abgeleitete Kernkategorie. Im Alltag
ist dies nicht immer gelebte Praxis, insbesondere nicht in herausfordernden Lebenssituationen.
• Was können Eltern tun, um die Zusammenarbeit mit Erzieher_innen zu verbessern? Aussagen zu dieser Frage wurden
in einem Film von Eltern für Eltern aufbereitet.
• Was können Kita-Fachkräfte tun, um die Zusammenarbeit
mit Eltern zu verbessern? Beispiele unterschiedlicher Gesprächssituationen wurden zur Unterstützung der Reflexion des Kita-Alltags in Form eines Kartensets entwickelt.
Dies kann bereits in der Zeit der Qualifizierung aber auch
im laufenden Betrieb wichtige Anregungen zur Beziehungsgestaltung liefern.
Erfahrungen mit der Peerforschung
Um Veränderungen zu ermöglichen, wurde die Peerforschung
in eine Struktur der Gemeinschaftsforschung mit verschiedenen kommunalen Akteur_innen eingebettet (vgl. alice 31,
SoSe 2016, S. 74).
• Für die kommunale Fachsteuerung wurden Empfehlungen
für die Gestaltung der Zusammenarbeit und den Aufbau
einer angemessenen Steuerungsstruktur erarbeitet.
Die Methoden der partizipativen und qualitativen Sozialforschung (u. a. Peerforschung, Forschungswerkstätten sowie
Leitfadeninterviews, Grounded Theory) wurden in sehr unterschiedlichen kommunalen Settings zum Einsatz gebracht
und angepasst.
• Für Wissenschaftler_innen sowie Fachkräfte wurden Empfehlungen u. a. für Beteiligungsformate und die Anwendung
der Methoden in der partizipativen (Forschungs-)Arbeit
formuliert.
Seit Februar dieses Jahres hat nun die zweite Förderphase begonnen. In „ElfE² – Vom Modellvorhaben zum Transfer in
die Fläche“ gibt es eine weiterentwickelte Zielsetzung: Durch
kompakte Workshop-Formate soll eine routinemäßige Verankerung von Elternbeteiligung in bezirklichen Planungsprozessen ermöglicht werden. Die Ergebnisse und Empfehlungen
von ElfE² sind verfügbar unter www.partkommplus.de/teilprojekte/elfe2. Außerdem sollen die Forschungsergebnisse
der ersten Förderphase in den Bezirk getragen werden und
Wirkung entfalten.

alice

Nachgefragt:
Stimmen von den Kooperationspartner_innen des ElfE-Projekts am
Standort Marzahn-Hellersdorf
Das Forschungsprojekt verbindet die Hochschule seit 2015 mit
Eltern, Elternbeiräten, Fachkräften in Familienzentren und Kitas,
Gesundheits- und Jugendverwaltung. Damit ist ElfE ein Beispiel
für die Campus-Gemeinwesen-Arbeit der ASH Berlin (siehe S. 22
ff).
Die Wirkungen des Projektes werden im Laufe der nächsten
beiden Jahre noch genauer analysiert. Aber in den Augen
der beteiligten Akteur_innen zeigen sich schon verschiedene
positive Effekte, wie sich auf Nachfragen der alice-Redaktion
bei den Praxis-partner_innen herausgestellt hat.
Von Bezirksseite berichten Kerstin Moncorps
(Koordination für Gesundheitsförderung)
und Petra Fiebig (Koordination Tagesbetreuung von Kindern):
Wie erleben Sie die Zusammenarbeit im ElfE-Projekt?
„ElfE ist für Marzahn-Hellersdorf eine Chance und Möglichkeit,
Eltern in bezirkliche Prozesse einzubinden. Die wissenschaftliche
Begleitung der ASH Berlin, ihre koordinierende und
moderierende Rolle sichern und ermöglichen den in die
Forschung integrierten partizipativen Prozess auf kommunaler
Ebene sowie die Verständigung zwischen den Ressorts und
Beteiligten. Dabei können alle voneinander lernen. Insbesondere
der bezirkliche Schwerpunkt „gesundes Aufwachsen von
Kindern“ hat durch die Einbindung von Eltern im Rahmen der
Marzahn-Hellersdorfer Integrierten Kommunalen Strategie,
kurz IKS „Gesundheit leben“ weiteren Aufwind erfahren. Die
Vernetzung innerhalb des Forschungsverbundes für gesunde
Kommunen – PartKommPlus, der in sechs Bundesländern
angesiedelt ist, hat uns außerdem den Blick über den eigenen
Tellerrand ermöglicht: Neben den Ergebnissen zu den
entwickelten Forschungsfragen, mit denen im Bezirk gearbeitet
wird, steht für die strukturelle Einbindung ein methodischer
Ansatz zur Verfügung. Hier gilt es, Rahmenbedingungen
abzustimmen, die zukünftig Beteiligung sichern und anderen
Akteur_innen den Zugriff auf die Methode ermöglichen.“
Aus Elternsicht berichten Kristina Menz und Robin Adler
(vgl. Video: https://vimeo.com/280158283 bzw. ash-berlin.eu/
partnet-lernvideos):
Wie war für Sie die Erfahrung, am ElfE-Projekt
teilzunehmen?
Kristina Menz: „Besonders schwierig war es für mich, Emotionen
und ungute Gefühle gegenüber den Fachkräften oder
gegenüber den Behörden zu äußern. Ich habe festgestellt, da
wenig Sprache zu haben und fühlte mich unwohl. Innerhalb des
Projektes hatte ich unter anderem in den Gruppendiskussionen
aber dann erlernt, wie man nachfragen kann und für meine
Emotionen Wertschätzung erfahren. Und durch die Reflexion ist
es uns gelungen, Dinge klarer zu bekommen – und diese auch
zu äußern.“

alice

Was ist für Sie an den Forschungswerkstätten von Eltern
im ElfE-Projekt wichtig gewesen?
Robin Adler: „Die Atmosphäre und die wertschätzende Haltung
untereinander waren essenziell, um miteinander ins Gespräch zu
kommen und zu diskutieren. In den Gesprächsrunden konnten
wir Verständnisfragen stellen und nachhaken. Wichtig war auch,
dass jeder offen seine Meinung äußern durfte und diese nicht
angezweifelt, sondern konstruktiv damit umgegangen wurde.
In dem Projekt haben wir Eltern mit Fachkräften aus dem Bezirk
zum Thema Ressourceneinbindung um einen Tisch gesessen.
Auch hier spielte die wertschätzende Haltung uns Eltern
gegenüber eine wesentliche Rolle. Es war gut, dass beide Seiten
dabei waren, dass alle offen und ehrlich ihre Meinung sagen
konnten. So konnte man sich austauschen und gemeinsam nach
Lösungen suchen.“
Julia Friedrich ist Vorsitzende des Bezirkselternausschusses
Kita Marzahn-Hellersdorf (BEAK):
Wie nehmen Sie die Wirkung von ElfE wahr?
„Das ElfE-Projekt stärkt nachhaltig die Partnerschaften im
Netzwerk des BEAK durch die gute kooperative Zusammenarbeit
der verschiedenen bezirklichen Fachbereiche, der Eltern
und der ASH Berlin. Es hebt die Wichtigkeit der Elternarbeit
in den Kitas und auf bezirklicher Ebene hervor. Durch die
Ergebnisse der forschenden Eltern wurde deutlich, welche
Unterstützungsmöglichkeiten Elternvertreter_innen anderen
Eltern bieten können und dass diese auch genutzt werden sollten.
Eltern haben einen hohen Mitbestimmungs- und Wirkungsgrad,
der zum Teil sehr unterschiedlich wahrgenommen wird.
Das spiegelt auch das freiwillige elterliche Engagement in
der Praxis wider.“

Kurzinformation
Projekttitel
ElfE – Eltern fragen Eltern: Wege in die Kita (1. Förderphase)
Projektlaufzeit
01.02.2015 bis 31.01.2018
Projektleitung
Prof. Dr. Gesine Bär (ASH Berlin), Prof. Dr. Theda Borde (ASH Berlin)
Projektmitarbeiter_innen
Ina Schaefer (ASH Berlin), Azize Kasberg (BSPH Berlin)
Kooperationspartner
Bezirk Marzahn-Hellersdorf
Niederlausitzer Netzwerk Gesunde Kinder
Stadt Lauchhammer: Bildung, Soziales und Bürgerservice
Mittelgeber
Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)
Projektwebseite
www.partkommplus.de
Kontakt
Prof. Dr. Gesine Bär, baer@ash-berlin.eu

75

alice forscht

© Märchenland Philipp Schumann

© Ingrid Kollak

Am Ende der Season
School an der neuen
ASH- Partnerhochschule
in Brügge stehen die
finnischen und belgischen Studierenden noch
einmal für ein Gruppenfoto zusammen

„Kunstwerken onder Begeleiding“
Eindrücke von der Season School in Brügge an der Hochschule von Westflandern,
einem neuen Erasmus-Partner der ASH Berlin
Ingrid Kollak

Kunst begeistert Menschen über alle
Sprachbarrieren hinweg, denn sie drückt
aus, was mit Worten nicht zu sagen ist.
Diese Idee steckt hinter den begleiteten
Museumsbesuchen für Menschen mit
Demenz, die von der Gruppe „Memorabel“ in Brügge durchgeführt werden.
Dazu wurde ein Programm entwickelt,
das Prinzipien der Aktivierung und Interaktion folgt: Die Besucher sollen sich
über den Anblick von Bildern freuen und
Geschichten erzählen, die ihnen beim
Betrachten von Kunstwerken einfallen.
Die Vorstellung dieses psychosozialen
Angebots gehörte zum Programm der
Season School (25. bis 29. Juni 2018),
die von der Hochschule von Westflandern in Brügge (HOWEST) zusammen
mit Kolleg_innen der Hochschule Kajani in Nordfinnland gestaltet wurde. Die
Season Schools finden abwechselnd in
Belgien und Finnland statt. In diesem
Jahr ging es um die „Versorgung von
Menschen mit Demenz“.
Ein weiterer Programmpunkt der
Woche war die Vorstellung von „Green
Care“. Damit sind Angebote für Menschen mit Demenz gemeint, die aus der
natur- und tiergestützten Versorgung
stammen. Es wurde ein Film gezeigt,

76

in dem ein Mann mit schlaff gelähmter
Hand langsam die Finger bewegt, um einen Hund zu streicheln. Im selben Film
sitzt eine Frau – die sich eigentlich nicht
gerne bewegt oder draußen aufhält –
auf einer Bank und wirft mit aller Kraft
Bälle, damit der Hund sie zurückholen
kann. Danach zeigen Bewohner_innen
eines Altenheims ihre selbst angelegten
Kräuterbeete und Blumenkästen, und
eine zweite Gruppe kocht Marmelade
aus Erdbeeren und Rhabarber, die im
Garten des Altenheims wachsen.
Auch der praktische Versuch, Tanz in
die Pflege von Menschen mit Demenz zu
integrieren, war innovativ und fordernd:
Draußen auf der Wiese stellten sich Studierende und Professor_innen mit jeweils einer Bewegung vor. Nach einem
Vortrag über die Wirkung von sozialem,
therapeutischem und professionellem
Tanz auf Menschen mit Demenz wurden
Therapieschritte erklärt und in Zweiergruppen eingeübt.
Die Organisation FOTON Brügge –
vergleichbar mit der Angehörigenhilfe
für Menschen mit Demenz in Berlin –
organisiert Beratungen und Freizeitaktivitäten, wie z. B. Chorsingen, Treffen,
Ausflüge und Feiern für Betroffene und

deren Angehörige. Die eingangs vorgestellten Museumsbesuche gehören auch
zum FOTON-Programm.
Während der Season School erzählte ein altes Ehepaar, wie es durch die
Angehörigenberatung wieder zu einem
guten Zusammenleben trotz Demenz
gefunden hat. Anschaulich berichtete die Frau im Plenum vom Alltag zu
zweit, der Zeit und Geduld erfordert. Sie
stellte sinnvolle Hilfsmittel, wie z. B. einen kabellosen Kopfhörer vor, mit dem
ihr Mann ungestört seine Musik hören
und sich frei bewegen kann. Sie machte
deutlich, wie wichtig neue Freunde und
Kontakte durch FOTON sind, wenn die
Verbindungen zu Familienangehörigen
und Freunden wegen der Erkrankung
abbrechen.
Die ASH Berlin hat einen ErasmusVertrag mit HOWEST abgeschlossen.
Ein weiterer Austausch zwischen Studierenden und Professor_innen aller Arbeitsfelder ist möglich und erwünscht.
Mehr Informationen finden sich auf der
Webseite www.howest.be/en, Nachfragen zum Austausch beantwortet das International Office.

alice

Jungen*pädagogik und
Prävention von sexualisierter Gewalt
Am 1. April 2018 startete das Forschungsprojekt „Jungen*pädagogik und Prävention von sexualisierter
Gewalt – Potenziale und Herausforderungen männlichkeitsbezogener Jugendarbeit, Sexualpädagogik,
Prävention sexualisierter Gewalt sowie queerer Bildung“, eine Kooperation zwischen der ASH Berlin und
Dissens – Institut für Bildung und Forschung e. V. (Berlin).
Mart Busche und Jutta Hartmann

Gesamtziel des Projekts ist es, in einem qualitativen Praxis-Forschungsprozess die
pädagogischen Angebote aus den vier Praxisfeldern Jungen*arbeit, Sexualpädagogik,
Präventionsarbeit zu sexualisierter Gewalt sowie queerer Bildung hinsichtlich der Prävention sexualisierter Gewalt an männlichen* Kindern und Jugendlichen weiter zu
professionalisieren. Dazu werden die spezifischen Potenziale und Herausforderungen
der Angebote von acht Praxispartner_innen aus den genannten Feldern analysiert.
Leitende Forschungsfrage ist, welches Wissen und welche Leerstellen zu sexualisierter
Gewalt an männlichen* Kindern und Jugendlichen vorhanden sind.
In den vier Praxisfeldern sind bereits verschiedene pädagogische Aspekte (Zugänge,
Methoden und/oder Praxen) vorhanden, die z. B. das Potenzial in sich tragen, männliche* Kinder und Jugendliche
• dazu zu befähigen, Gewaltwiderfahrnisse als solche einzuordnen,
• von Männlichkeitsanforderungen zu entlasten, die eine Auseinandersetzung mit
Gewaltwiderfahrnissen erschweren,
• in ihrer Selbstbestimmung in Bezug auf ihren Körper oder auf ihr sexuelles
Selbstverständnis und Begehren zu stärken,
• dazu anzuregen, in Auseinandersetzung mit den eigenen Wünschen und
Bedürfnissen zu treten.
Die unterschiedlichen Wissensbestände aus diesen Praxisfeldern werden im Rahmen
des Projekts untersucht und miteinander in Beziehung gesetzt. In einem gemeinsamen Reflexionsprozess (reflecting groups) werden die gewonnenen Erkenntnisse in
einem Wissenschafts-Praxis-Transfer an die Praxispartner_innen zurückgespielt und
für die Weiterentwicklung pädagogischer Konzepte genutzt.
Methodisch kommt eine Triangulation aus Teilnehmender Beobachtung bei pädagogischen Veranstaltungen, leitfadengestützten Einzelinterviews mit Pädagog_innen
bezüglich deren Wissen und Erfahrungen und Gruppeninterviews mit pädagogischen
Teams zu deren Haltungen und Orientierungen zum Einsatz. Eine inhaltliche Grundlage des neuen Bildungsforschungsprojekts stellen die im Projekt „Aufdeckung und
Prävention von sexualisierter Gewalt gegen männliche Kinder und Jugendliche“ (Dissens, 2013–2016, siehe: https://aup.dissens.de/) gewonnenen Erkenntnisse hinsichtlich der Thematisierung und Prävention sexualisierter Gewalt an Jungen* dar.

alice

Kurzinformation
Projekttitel
Jungen*pädagogik und Prävention von
sexualisierter Gewalt – Potenziale und
Herausforderungen männlichkeitsbezogener
Jugendarbeit, Sexualpädagogik, Prävention
sexualisierter Gewalt sowie queerer Bildung
(JupP)
Projektlaufzeit
01.04.2018 – 31.03.2021
Projektleitung
Prof. Dr. Jutta Hartmann
(ASH Berlin/ Studiengangsleitung
BA Soziale Arbeit),
Bernard Könnecke (Dissens – Institut für
Bildung und Forschung e. V. Berlin)
Mittelgeber
Bundesministerium für Bildung und
Forschung (BMBF)
Kontakt
Prof. Dr. Jutta Hartmann,
jutta.hartmann@ash-berlin.eu
Mart Busche,
mart.busche@ash-berlin.eu
Webseite
https://www.ash-berlin.eu/forschung/
forschungsprojekte-a-z/jupp/

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alice forscht

Im ASH-Beobachtungslabor werden das Verhalten und Wohlbefinden von Kindern untersucht

Blick in den Einwegspiegel
Erste Ergebnisse aus dem neu eröffneten Beobachtungslabor an der ASH Berlin
Juliane Jurewicz

Am 25. April 2018 hat die ASH Berlin
feierlich ihr Beobachtungslabor eröffnet.
Es wurde im Rahmen des Forschungsprojekts „StimtS – Stimulation oder
Stress? Der Einfluss von Gruppenkonzepten auf Verhalten und Wohlbefinden
junger Kinder in Kindertageseinrichtungen“ eingerichtet, welches am selben
Tag erste Projektergebnisse vorstellte.
Projekt und Beobachtungslabor wurden
durch das Institut für angewandte Forschung (IFAF Berlin) finanziert.
StimtS untersuchte, welche Bedingungen das Spiel-, Interaktions- und
Bindungsverhalten sowie das emotionale
Wohlbefinden von ein- bis zweijährigen
Kindern in einer Kindertagesbetreuung
beeinflussen. Verhalten und Wohlbefinden sind Indikatoren dafür, ob sich

78

ein Kind in der Kindertageseinrichtung
emotional sicher fühlt, sich auf die vielfältigen Bildungsimpulse einlassen und
davon profitieren kann. Bei der Analyse
wurde ein besonderer Schwerpunkt auf
die Auswirkungen unterschiedlicher
Gruppenorganisationskonzepte gelegt,
die aktuell in Kindertageseinrichtungen
zu finden sind, z. B. altershomogene vs.
altersgemischte Gruppen, kleine Gruppen vs. offene Arbeit in größeren Gruppenstrukturen.
Im Beobachtungslabor können Wissenschaftler_innen der Kindheitspädagogik die Handlungen von jungen
Kindern und deren Bezugspersonen
durch einen Einwegspiegel beobachten
und genau auswerten. Außerdem übertragen vier Kameras die Situationen auf

einen Monitor, wo diese dann im Nachgang analysiert und ausgewertet werden.
Ein Kernelement des gemeinsamen Forschungsprojekts der ASH Berlin und der
Beuth Hochschule für Technik Berlin
bestand in der Analyse videografierter
Spielsequenzen von 140 Kindern. Diese
Spielsequenzen wurden mit einer professionellen Auswertungssoftware im
Beobachtungslabor analysiert.
Wie in ähnlichen anderen Untersuchungen erwiesen sich ca. zwei Drittel
der Kinder, die an der Studie teilnahmen, als sicher-gebunden. Ein Drittel
der Kinder wurde als unsicher-gebunden eingestuft. Erste Ergebnisse zeigen
keinen Zusammenhang zwischen den
Gruppenorganisationsformen und dem
Bindungsstatus der Kinder. Weitere

alice

Anzeige

Auswertungen sollen den Zusammenhang zwischen
Bindungsmuster und Wohlbefinden vertiefend betrachten.
Das Labor bietet zahlreiche Nutzungsmöglichkeiten, sowohl für Forschungsanliegen als auch für
die Lehre in den Studiengängen der ASH Berlin, wie
z. B.:
• Beobachtungs- und Dokumentationsübungen in
der Frühpädagogik sowie Entwicklungsdiagnostik in der Entwicklungspsychologie oder
• Analyse des Bindungs- und Spielverhaltens von
Kindern sowie der Interaktionsqualität zwischen
Kindern, Studierenden, Müttern/Vätern und
pädagogischen Fachkräften oder
• Übungen zu Beratungskontexten mithilfe von
Videografie.
Weitere Informationen:
www.ash-berlin.eu/studium/werkstattraeume/beobachtungslabor
Kontakt:
beobachtungslabor@ash-berlin.eu

Kurzinformation
Projekttitel
Stimulation oder Stress? Der Einfluss von Gruppenkonzepten
auf Verhalten und Wohlbefinden junger Kinder in Kindertageseinrichtungen (StimtS)
Projektlaufzeit
01.04.2016 - 30.09.2018
Projektleitung
Prof. Dr. Rahel Dreyer (ASH Berlin),
Prof. Dr. Rainer Senz (Beuth Hochschule für Technik Berlin)
Kooperationspartner
Kindergärten NordOst
Kindergärten City
FRÖBEL Bildung und Erziehung gGmbH
INA.KINDER.GARTEN gGmbH
Inselreich e. V.
Pestalozzi Fröbel Haus Stiftung
Remmi Demmi gGmbH
Evangelischer Kirchenkreis Steglitz
Mittelgeber
Institut für angewandte Forschung (IFAF Berlin)
Kontakt
Prof. Dr. Rahel Dreyer, dreyer@ash-berlin.eu
bzw. stimts@ash-berlin.eu
Projektwebseite
www.ash-berlin.eu/forschung/
forschungsprojekte-a-z/emes-bb

alice

Sprachtandems
an der ASH Berlin
Ein Sprachtandem ist eine besondere Art des
Fremdsprachenlernens und des Kulturaustauschs.
Zwei Personen mit unterschiedlichen Muttersprachen
oder Fremdsprachenkenntnissen auf hohem Niveau
treffen sich und lernen voneinander Sprache und
Kultur kennen. Beide Personen lehren und lernen
gleichzeitig und können so ganz individuelle
Schwerpunkte setzen, abseits vom universitären
Lehrplan. Seit September 2012 gibt es auch an der
ASH Berlin ein Tandemprogramm, das internationale
und deutsche Studierende an der Hochschule näher
zusammenbringt. Ein gewünschter Nebeneffekt:
Oft entstehen Freundschaften und Verbindungen,
die auch nach dem Tandem erhalten bleiben und
ASH-Studierende motivieren, sich selbst für einen
Auslandsaufenthalt zu interessieren.
Im 3. Obergeschoss neben Raum 350 gibt es die
Tandemwand mit den aktuellen Sprachangeboten.
Die Wand wird nach jedem Semester aktualisiert und
ist offen für alle Interessierten. Vor Ort finden Sie eine
Vorlage, die Sie für Ihr Angebot nutzen können.
Von Englisch über Türkisch bis hin zu Katalanisch sind
in jedem Semester oft mehr als zehn verschiedene
Sprachen im Angebot.
Weitere Infos unter:
www.ash-berlin.eu/internationales/
international-vor-ort/sprachtandems

79

alice forscht

„Es muss Masse entstehen,
dass man die nicht mehr einfach
so ignorieren kann“
Eine subjektive Forschungsreportage aus Marzahn-Hellersdorf
Raiko Hannemann

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dass wir mit dem Projekt mehr über die Menschen im Bezirk
erfahren wollen, als Wahlergebnisse, Nichtwähler_innenstatistiken oder Umfragen aussagen können. Wir wollen verstehen,
wie Lebensgeschichten von politischen und gesellschaftlichen
Prozessen beeinflusst werden, welche Erwartungen, Wünsche
und Bedürfnisse hinsichtlich der politischen Mitbestimmung
bestehen. Ich erkläre, dass es uns um das bessere Verständnis
der gesamten Bevölkerung geht und nicht nur um die sogenannten „Demokratiefernen“ – ein Begriff für den ich mich in den
Vorgesprächen immer auch ein bisschen schäme.
Nun geht es los. Ich kann nicht abschätzen, was mich erwartet. Ich starte die Aufnahme und beschwöre das Gerät – es ist
zum Ritual geworden – es möge keine Fehlfunktion haben. Ich
stelle die sogenannte Erzählaufforderung, bitte den Interviewpartner, seine Lebensgeschichte zu erzählen und zu berichten,
wie die Veränderungen der letzten Jahrzehnte sein Leben (mit-)
geformt haben. Er beginnt:
Geboren in der frühen DDR und groß geworden in einem
kirchlich-dörflichen Elternhaus sowie zugleich im DDR-Schulsystem, entwickelte er als Jugendlicher schnell seinen „eigenen
Kopp“; mit der Religion kann er bald nichts mehr anfangen und
auch nichts mit der SED. Sein Interesse gilt eher der Beat- und
Rockmusik. Während seines Pflichtdienstes bei der Nationalen
Volksarmee gerät er immer wieder in Konflikt mit den strengautoritären Regeln; allein seine damals modisch langen Haare
sorgen für Unmut bei den Offizieren: „Als junger Mensch hat
man damals halt gerne provoziert.“ Ihn stört „diese ständige
Gängelei“: Wenn er am Wochenende seine Eltern besucht, deren
Heimatort in Grenznähe liegt, sind die Polizeikontrollen im Zug
ein regelmäßiges Austesten der Grenzen des Verhaltens.
Doch trotz oder gerade wegen seiner renitenten Art beginnt
er sich nach dem Militärdienst politisch zu engagieren. Er wird
Mitglied in einer der sogenannten Blockparteien, denn die SED
ist angesichts des strengen Parteiklimas und wegen seines Elternhauses keine Option. Lange ist er ehrenamtlich tätig, nach
seiner Lehre im Bergbau gehört er inzwischen zu den „Kumpels“. Bald nimmt seine politische Arbeit aber ein solches Ausmaß an, dass er nach Berlin berufen wird, um in der Hauptstadt
der DDR hauptamtlich für seine Partei zu arbeiten. Der Politik
der SED steht er weiterhin kritisch gegenüber und wünscht sich
Ende der 1980er-Jahre eine demokratische Wende in der DDR.
Dann kommt die Wende. 1989/90 wird für ihn eine „aufregende Zeit“: Alles bewegt sich, jeder Tag kann neue Entscheidungen bringen. Doch schnell ahnt er, dass man die Kontrolle
über die eigenen Geschicke längst abgegeben hat. Seine Partei
wird, so berichtet er, ohne demokratischen Diskussionsprozess
© Nadine Platzek / photocase.de

Wir treffen uns wie verabredet vor einem Elfgeschosser in Marzahn. Es ist heiß. Aber meine Kollegin, Carlotta StockmayerBehr, und ich freuen uns trotz der Julihitze darauf, ein weiteres
Interview mit einem Bürger aus Marzahn-Hellersdorf zu führen.
Im November 2017 hatte unser Forschungsteam einen Fragebogen mit dem Titel „Marzahn-Hellersdorf. Ihre Meinung
ist gefragt“ an 2.000 zufällig ausgewählte Anschriften im Bezirk
versandt, mit einer guten Rücklaufquote von über 18 Prozent.
Wir fragten die Teilnehmenden u. a. nach ihrem Wohlbefinden
im Bezirk, dem Medienverhalten, politischen Meinungen, politischem und sozialem Engagement, Konfliktverhalten im Alltag,
geografischer wie sozialer Herkunft – und auch: nach Einstellungen im Bereich der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit
(Wilhelm Heitmeyer) und des Autoritarismus (Theodor W. Adorno u. a.). Außerdem fragten wir die Umfrageteilnehmer_innen, ob sie zu einem Interview bereit wären. Erstaunlich viele
Freiwillige stellten sich zur Verfügung. Von April bis August
2018 führten wir 30 Einzelinterviews.
Erneut hatte uns also ein Bürger zu sich nach Hause eingeladen, um uns in einem biografisch-narrativen Interview Rede
und Antwort zu stehen. Ich suche den Namen am Klingelschild,
betätige den Taster und mich überkommt wie immer eine Mischung aus Lampenfieber und neugieriger Spannung. Gott sei
Dank ist Carlotta dabei, die das Interviewprotokoll anfertigen
wird. Mit ihr kann ich auf dem Weg durch das angenehm kühle
Treppenhaus und im Fahrstuhl über diese seltsame Spannung
sprechen. Nervös fülle ich die Zeit mit der Bemerkung, dass es
in ostdeutschen Stockwerknummerierungen meist kein „Erdgeschoss“ gibt.
Der Fahrstuhl öffnet sich und an der Wohnungstür erwartet
uns lächelnd eine Frau. Sie bittet uns in eine Welt, die mit der
„da draußen“ nichts gemein hat: Es ist gemütlich, überall stehen
Gegenstände, aufgeladen mit Erinnerungen. Sie führt uns auf
den Balkon. Vor der herrlichen Panoramakulisse halb Marzahns
stehen ein Tisch, ein paar Stühle und zwei liebevoll vorbereitete
Teller mit italienischen Schnittchen und Kuchenstücken.
Nun kommt ihr Ehemann hinzu. Mit ihm hatte ich das Interview vereinbart. Wir setzen uns, das Paar bietet uns wohltuend
kühles Wasser an und bestärkt uns, ohne Scheu von den Tellern
zu naschen. Ich erkläre ausführlich unser Forschungsprojekt
und die Formalien: Datenschutz, Anonymisierung, Ablauf des
Interviews. Schon viele Male – bei Gesprächsterminen in Einfamilienhäusern in Kaulsdorf, Mahlsdorf und Biesdorf ebenso
wie in der „Platte“ in Hellersdorf und Marzahn, manchmal auch
an der ASH Berlin – bin ich mit unseren Interviewpartner_innen durch diese Prozedur gegangen. Wie immer erläutere ich,

alice

von ihrem westdeutschen Pendant übernommen, was ihn 1990
seine Mitgliedschaft und seinen Arbeitsplatz kostet. Mit dieser
Partei, die ihm nie sozial genug gewesen ist, verbindet ihn heute
„überhaupt nichts mehr“. Dieser Bruch, der den Politfunktionär
in einen „Privatier“ verwandelte, wirkt bis zum heutigen Tage.
Einer Partei ist er nie mehr beigetreten. Die Wendezeit und die
späteren politischen Entwicklungen haben ihn aber, so macht er
deutlich, immer mehr nach „links“ getrieben; heute versteht er
sich als „Materialist“. Er schmunzelt.
Politisch aktiv waren er und seine Frau aber weiterhin. In der
Nachwendezeit gingen sie häufig auf Demonstrationen in Mitte
und Prenzlauer Berg, um nach den Pogromen in Hoyerswerda
und Rostock ein klares Zeichen gegen rechts zu setzen – viele Hausnachbarn ihrer Generation waren auch dabei. In den
2000er-Jahren, so fährt er fort, nahmen er und seine Frau regelmäßig an Demos gegen die Agenda 2010 teil, weil die Hartz-IVGesetzgebung sie persönlich bedrohte, aber auch aus Gründen
der Solidarität nach dem Motto: „Es muss Masse entstehen, dass
man die nicht mehr einfach so ignorieren kann.“ „Doch“, so sagt
er, „gebracht hat’s nix“.
Nach dem abrupten Ende seiner Laufbahn als Politfunktionär
entwickelte er sich beruflich in eine ganz andere Richtung. Seine seit seiner Jugend bestehende Liebe zur Musik führte ihn in
den Musik-Vertrieb in West-Berlin; doch die Entwicklung der
Branche kostete ihn bald seinen Job und war das Ende seiner,
wie er sagt, „besten Zeit“.
Jahrelang blieb er arbeitslos. In dieser Zeit litt er unter starken
Herzbeschwerden – und unter dem Jobcenter. Durch Zufall bekam er vor einigen Jahren wieder eine Arbeitsstelle bei einem,
wie er sagt, „türkeistämmigen Unternehmer“; die Herzprobleme
sind seitdem verschwunden. Noch immer arbeitet er gerne für
das Unternehmen, obwohl er schon Rentner ist.
Im Bezirk leben er und seine Frau gerne, berichtet er zum
Interviewende, auch wenn sich seit der Wende vieles nachteilig
entwickelt hat. Viele Gebäude und Institutionen, die die Nachbarschaft zu DDR-Zeiten zusammenhielten, verschwanden: die
Gemeinschaftsgaststätten, Kulturorte und Jugendklubs. In den
1990er-Jahren verbrachten die Jugendlichen ihre Freizeit vor
allem auf Spielplätzen und in Hauseingängen, während ihre Eltern mit der Wende und deren Folgen beschäftigt waren. Die
Frau unseres Interviewpartners berichtet, dass einer ihrer Söhne
– sie leben in einer Patchwork-Familie – in der Nachwendezeit
in neonazistische Freundeskreise geriet. Die Familie versuchte,
ihren Sohn „zur Vernunft zu bringen“, doch es misslang. Der
Kontakt ist bis zum heutigen Tage abgebrochen.
Und nicht zum ersten Mal, werden wir kritisch auf die Gedichtsdebatte angesprochen. Wir bekommen den Eindruck,
dass es für unseren Interviewpartner hierbei nicht um die Themen Anti-Sexismus und Freiheit der Kunst geht – sie dünken
ihm Selbstverständlichkeiten. Die Debatte selbst erscheint ihm
fremd und verursacht, so meine Interpretation, beispielhaft ein
tiefes Fremdheitsempfinden gegenüber Formen, die als typisch
‚westdeutsche‘ öffentliche Positionierung verstanden werden.
Diese affizieren (Hartmut Rosa) unseren hochpolitisch interessierten Interviewpartner angesichts seiner Welterfahrungen nur
bedingt.
Fasziniert höre ich zu und vergesse trotz der Hitze, vom
inzwischen nicht mehr so kühlen Mineralwasser zu trinken.

alice

Während des Interviews arbeitet und rumort es in mir. Mir
wird deutlich, dass die gleichsam „klassischen“ politologischen
Begriffe vom Politischen, Privaten, von Familie, Öffentlichkeit,
Vielfalt, Pluralismus, Engagement, Rückzug, Demokratienähe/distanz usw. die sich hartnäckig widersetzende Wirklichkeit im
Bezirk nicht zu greifen vermögen. Muster sind dennoch erkennbar, stichhaltige Ergebnisse muss nun – bei aller Ungeduld – die
anstehende systematische Auswertung bringen.
Erschöpft und glücklich über die zahllosen Fragezeichen in
meinem Kopf bedanke ich mich bei meinem Interviewpartner
und stoppe die Aufnahme. Wie so oft, wird es im Nachgespräch
noch einmal mindestens genauso interessant. Ich nehme mir
ein Stück Kuchen und spitze weiter die Ohren. Meine Kollegin
kann nun endlich das nicht immer leichte „Schweigen der Protokollierenden“ brechen und selbst am Gespräch teilnehmen.
Irgendwann gebe ich noch zu, dass auch ich in der DDR zur
Welt kam und die Nachwendezeit als Jugendlicher erlebt habe.
Nach dem Abschied müssen Carlotta und ich uns gleich im
Fahrstuhl austauschen, es drängt uns, das Gehörte einzuordnen
und in Begriffe zu fassen. Auf dem Weg zur S-Bahn mischt sich
in unser Gespräch indes ein bisschen Verzweiflung darüber,
dass diese Biografien, Welterfahrungen und Bedürfnisse im äußerst vielfältigen Bezirk in vielen Konzepten aus Wissenschaft
und Gemeinwesenarbeit sowie in Demokratieentwicklungsprogrammen der Politik und öffentlichen Verwaltung zu wenig
Berücksichtigung finden. Später klingt in mir noch der Satz
nach, mit dem der Interviewpartner begründete, warum er sich
gegen die Sozialreformen der Schröder-Regierung engagierte:
„Verständnis für andere haben, das sollte eigentlich im Vordergrund stehen.“

Kurzinformation
Projekttitel
Demokratieferne Einstellungen in einer Kommune.
Das Beispiel Marzahn-Hellersdorf (DEFA)
Projektlaufzeit
15.03.2017 bis 31.12.2018
Projektleitung
Prof. Dr. Heinz Stapf-Finé, (ASH Berlin)
Prof. Dr. Michael Brodowski, (ASH Berlin)
Projektmitarbeiter_innen
Raiko Hannemann, Andrea Metzner (wissenschaftliche Mitarbeiter_innen)
Carlotta Stockmayer-Behr, Daniel Geidel (studentische Mitarbeiter_innen)
Kooperationspartner
concept Gesellschaft für Projektentwicklung
Mittelgeber
Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin,
Friedrich Ebert Stiftung
Kontakt
Prof. Dr. Heinz Stapf-Finé,
stapf-fine@ ash-berlin.eu
Prof. Dr. Michael Brodowski,
brodowski@ ash-berlin.eu

81

© WIFU (Wittener Institut für Familienunternehmen)

Seitenwechsel

Prof. Dr. Heiko Kleve an der Universität Witten/Herdecke (Juni 2018)

„Hier habe ich praktisch
erfahren, was ich in meiner
Doktorarbeit theoretisch
reflektieren konnte“

82

alice

Anfang der Neunzigerjahre hat Prof. Dr. Heiko Kleve an der damaligen Alice-Salomon-Fachhochschule
(ASFH) Berlin studiert. Heute leitet er einen Lehrstuhl an der Universität Witten/Herdecke. Über seinen
beruflichen Weg, seine Promotion und die Unterstützung durch Professor_innen sowie seine heutige
Tätigkeit berichtet er im Interview.

Seit einem Jahr haben Sie den
Stiftungslehrstuhl Organisation
und Entwicklung von Familienunternehmen an der Universität Witten/
Herdecke inne. Was ist wichtig für
Sie, wenn es um Ihre Arbeit geht?
Einen Lehrstuhl am Wittener Institut für
Familienunternehmen (WIFU) der Universität Witten/Herdecke als Professor zu
leiten, ist für mich etwas ganz Besonderes. Denn sowohl das Institut als auch die
gesamte Universität haben den Anspruch,
dass Lehre, Forschung und Praxisentwicklung nicht nur intellektuell erkenntnisfördernd sind, sondern auch äußerst
praxisrelevant und emotional anregend.
Persönlichkeitsbildung und die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung sind
in Witten zwei zentrale Ziele, mit denen
sich nicht nur die Studierenden, sondern
auch die Professorinnen und Professoren
sowie die Mitarbeiter_innen der Universität identifizieren. Für meine Arbeit ist
mir genau das wichtig, nämlich an einem
Ort lehrend und forschend tätig zu sein,
an dem Menschen und Sozialsysteme
tatsächlich ganzheitlich gesehen werden.
Weiterhin ist es mir in Witten möglich,
eine Theorie, Methodik und Haltung zu
nutzen und weiterzuentwickeln, die mich
bereits seit meinem Studium an der ASFH
begleitet und prägt: die Systemtheorie. In
der inhaltlichen Nachfolge der Professoren Fritz B. Simon, Rudolf Wimmer und
Arist von Schlippe, die die systemtheoretische Perspektive des WIFU in den
letzten zwei Jahrzehnten geprägt haben,
bin ich damit befasst, die psycho-soziale,
insbesondere die familiäre Seite von Familienunternehmen, nämlich die Unternehmerfamilie, zu beforschen.

alice

Was sind die konkreten Inhalte und
Aufgaben Ihrer Tätigkeit?
Ich beschäftige mich mit Familienunternehmen und Unternehmerfamilien.
In Deutschland, aber auch weltweit sind
zwischen 80 bis 90 Prozent aller Unternehmen in Familienhand. Das sind nicht
nur kleinere bis mittlere Unternehmen,
etwa Handwerksbetriebe oder Geschäfte wie die Bäckerei an der Ecke, sondern
können auch weltweit agierende Großfirmen sein. Solche Familienbetriebe haben ganz besondere Stärken, gehen aber
auch mit zahlreichen Risiken einher. Eine
Stärke ist, dass Familienunternehmen in
der Regel nicht nur am kurzfristigen unternehmerischen Erfolg interessiert sind,
sondern an der nachhaltigen Existenz des
Unternehmens, um es von der einen an
die nächste Generation der Familie übergeben zu können. Das führt dazu, dass
Familienunternehmer_innen besondere
soziale Kompetenzen benötigen, oft eine
hohe moralische Verantwortung für ihre
Verwandten, aber auch für die Mitarbeiter_innen übernehmen und klassische
Tugenden wie Verlässlichkeit, Ehrlichkeit
und Disziplin zeigen. Kurz gesagt, Familienunternehmertum offenbart die besonders menschlichen und sozialen Seiten des
Kapitalismus, die wir diesem Wirtschaftssystem oft gar nicht (mehr) zutrauen.
Dennoch sind Familienunternehmen vom
selben System gefährdet, das sie als Wirtschaftsorganisationen auszeichnet: von
der Familie. Wenn es innerhalb der Familie
Konflikte gibt, sich die Familienmitglieder
beispielsweise bezüglich ihrer Rollen bei
der unternehmerischen Nachfolge nicht
einigen können, schwappen diese Probleme nicht selten auf das Unternehmen

über und gefährden dessen Existenz. Daher interessieren mich beispielsweise die
Fragen, wie Unternehmerfamilien ihrer
ökonomischen Verantwortung gerecht
werden, wie sie die dabei auftretenden
psycho-sozialen Krisen, Konflikte und
Probleme bewältigen. Verstärkt entwickle ich derzeit Forschungsprojekte, die die
sozialpädagogischen Dimensionen ins
Blickfeld rücken, zum Beispiel wie Kinder
in diesen Familien aufwachsen, welche
Sozialisations- und Erziehungsbedingungen sie erleben, welche psycho-sozialen
Probleme dabei entstehen und wie diese
gelöst werden.
Wie sind Sie dorthin gelangt, wo
Sie heute stehen? Was hat Ihnen dabei
geholfen?
Ich denke, dass ich mir – einerseits – immer treu geblieben bin, dass ich hinsichtlich persönlichen wie beruflichen Zielen
und Projekten einen langen Atem habe,
dass ich aber auch – andererseits – flexibel
bin, wenn es darum geht, für neue Herausforderungen passende Strategien des
Denkens, Fühlens und Handelns zu finden
und zu leben. Des Weiteren bin ich überzeugt davon, dass die Soziale Arbeit eine
Disziplin und Profession ist, deren Fachkräfte nahezu überall in der Gesellschaft
gebraucht werden. Denn wir entwickeln
bestenfalls im Studium, in der Praxis, aber
auch in der wissenschaftlichen und akademischen Arbeit Fachqualifikationen,
die inzwischen in fast allen Bereichen
der Gesellschaft zu Schlüsselqualifikationen geworden sind. Je anspruchsvoller
die Aufgaben in den unterschiedlichen
Bereichen der Gesellschaft – etwa in der
Wirtschaft, in der Politik, im Recht, in der

83

Seitenwechsel

„Wer andere Menschen
und Sozialsysteme verstehen
und unterstützen möchte,
sollte zunächst den Blick auf
sich selbst richten.“

Erziehung, in der Wissenschaft – werden,
desto wichtiger werden die Kompetenzen
von Sozialarbeiterinnen und Sozialpädagogen: Team- und Konfliktfähigkeit,
Diversitäts- und Differenztoleranz sowie
die Fähigkeit, konstruktiv mit Situationen
umzugehen, die nicht eindeutig planbar,
die widersprüchlich und hinsichtlich ihrer Ergebnisse unvorhersehbar und überraschend sind. Ich denke, dass es eine
meiner Stärken ist, dass ich anhaltend
versuche, diese Kompetenzen in mein tägliches Tun für mich und andere gewinnbringend einzubringen.
Sie haben nach dem Fachabitur
an der damaligen ASFH Berlin
Sozialpädagogik studiert. Was für
Erinnerungen haben Sie an diese
Zeit, was für ein Geist wehte damals
an der Hochschule?
Ich habe noch in Berlin-Schöneberg studiert und ausgesprochen lebhafte und
wunderbare Erinnerungen an diese Zeit
der beginnenden 1990er-Jahre. Ich bin
1969 geboren, in Mecklenburg aufgewachsen und habe die sogenannte Wendezeit
in Berlin-Prenzlauer Berg sehr bewusst
erlebt. Diese Erfahrungen konnte ich im
Studium, insbesondere durch meine Beschäftigung mit sozialwissenschaftlichen
Theorien, verarbeiten. Vor allem aber habe
ich ein Studium erlebt, das starke Selbsterfahrungsanteile hatte, die mir – auch aus
der heutigen Sicht – sehr viel gebracht und
bereits damals sehr viel bedeutet haben.
Ich konnte meine Kindheit in der DDR,
mein Aufwachsen in einer mecklenburgischen Handwerkerfamilie, meine besondere Rolle in einer eher fragmentierten
Familie nicht nur besser verstehen, sondern in ganz neuer Weise deuten. Dadurch
konnte ich unter anderem erfahren, welchen Sinn es in meiner Biografie macht,

84

dass ich den Weg in die Soziale Arbeit und
sodann in die Sozialwissenschaft gewählt
habe. All diese Erlebnisse und Auseinandersetzungen sind jedoch nicht denkbar,
ohne die Beziehungen zu Professorinnen
und Professoren der ASFH, die mich tief
beeinflusst haben. Zuallererst möchte ich
hier Britta Haye nennen, die meine frühe Beschäftigung mit der Systemtheorie
unterstützt hat und die ich als besonders
authentische Lehrende und Sozialarbeiterin erleben durfte. Nachhaltig geprägt
haben mich zudem die Professoren Gerd
Koch, Kurt Eberhard und Lutz von Werder. Reinhart Wolff (siehe Interview S. 19)
konnte ich als Doktorvater gewinnen, der
mir die passende Balance von intellektueller Reibung und emotionaler Unterstützung bot, sodass ich meine Doktorarbeit
erfolgreich fertigstellen konnte.
Warum haben Sie sich für eine
Promotion und letztlich eine wissenschaftliche Laufbahn entschieden?
Seit meiner Jugend interessieren mich
soziale Prozesse. Wie bereits gesagt, meine DDR-Sozialisation und das Erleben
der Wende waren für mich wesentliche
gedankliche, emotionale und praktische
Einflussfaktoren. Die Promotion war für
mich biografisch folgerichtig. Flankiert
wurde diese Entscheidung von der stark
erwachten Wissenschaftlichkeit der Sozialen Arbeit. Als ich Ende der 1990er-Jahre
an meiner Promotion arbeitete, war gerade die Debatte über die Frage entbrannt,
ob es eine eigenständige Sozialarbeitswissenschaft geben sollte und könnte. So entschloss ich mich, meine Beschäftigung mit
der Systemtheorie und der postmodernen
Sozialphilosophie in diesem Rahmen zu
betrachten. Ich fragte mich, ob diese Theorien etwas Entscheidendes dazu beitragen können, die Wissenschaft der Sozialen

Arbeit weiterzuentwickeln. Daraus ist
dann meine Doktorarbeit „Postmoderne
Sozialarbeit“ geworden, die zuerst 1999
im Kersting Verlag Aachen und dann in
einer zweiten Auflage 2007 im Verlag für
Sozialwissenschaften erschienen ist. Dort
bewerte ich die Soziale Arbeit als postmoderne Disziplin und Profession und
erkläre, was das für die Wissenschaft und
Praxis heißt, nämlich sich im Denken, im
Fühlen und im Handeln mit den unüberwindbaren Ambivalenzen der Sozialen
Arbeit zu versöhnen. Denn gerade die
Spannungen zwischen den ambivalenten
Polen, etwa zwischen Hilfe und Nichthilfe, Hilfe und Kontrolle, Problem und
Lösung oder Vergangenheit und Zukunft,
sind die Motoren der Sozialen Arbeit, die
Energielieferanten für die Veränderungen,
die Soziale Arbeit bei ihren Nutzerinnen
und Nutzern sowie in Sozialsystemen bestenfalls anregt.
Was raten Sie Studierenden einer
Hochschule wie der ASH Berlin, wie
sie sich schon während der Studienzeit
auf den späteren Beruf / die Berufswahl vorbereiten können, insbesondere wenn sie promovieren wollen?
Entscheidend scheint mir die Frage nach
den persönlichen Leidenschaften zu sein.
Wofür brenne ich? Was reizt mich intellektuell und emotional am meisten? Ein
Studium der Sozialen Arbeit setzt meines
Erachtens eine intensive Beschäftigung
mit der eigenen Person, der eigenen Biografie, der eigenen Familiengeschichte
und den bisherigen sozialen Beziehungen
voraus. Wer andere Menschen und Sozialsysteme verstehen und unterstützen
möchte, sollte zunächst den Blick auf sich
selbst richten. Diese Selbsterfahrung und
Bildung der eigenen Persönlichkeit scheinen mir entscheidend zu sein – auch für

alice

Anzeige

den Weg in die Wissenschaft, für die Bewältigung der
Herausforderung, mit einer Forschungsarbeit zur Sozialen Arbeit zu promovieren.
Welche Rolle spielt für Sie heute die
Praxiserfahrung, die Sie als Sozialarbeiter direkt
nach Ihrem ersten Studienabschluss an der ASH
Berlin gesammelt haben?
Eine sehr große Rolle. Das Arbeitsfeld, in das ich intensiv und nach einem kurzen Blick in den Bereich der
Obdachlosenarbeit bereits während des Studiums eingetreten bin, war die sozialpädagogische Beratung und Betreuung von Familien. Hier habe ich praktisch erfahren,
was ich in meiner Doktorarbeit theoretisch reflektieren
konnte, den akzeptierenden Umgang mit Ambivalenzen.
Auch heute noch profitiere ich von der professionellen
Entwicklung, die durch die Arbeit mit Familien bei mir
angestoßen wurde. Familien sind Systeme, die uns mit
äußerst engen Beziehungen, insbesondere zwischen Eltern und Kindern, konfrontieren, die uns zeigen, wie begrenzt in diesem Kontext unsere eigenen professionellen
Möglichkeiten sind. Dennoch macht die Familienarbeit
deutlich, was wir erreichen können, wenn wir es schaffen, wertschätzend und offen mit den Mitgliedern der
Familie, insbesondere mit den Eltern zu arbeiten. Sobald
sich die Eltern, manchmal nur minimal, im Denken,
Handeln oder Fühlen verändern, hat das Auswirkungen auf die Kinder. Wenn ich heute das Beraten oder
Coachen Studierenden zu vermitteln versuche, basieren
meine Grundhaltungen, die ich veranschauliche, immer
auch auf meinen frühen Praxiserfahrungen.
Welche weiteren beruflichen Ambitionen haben
Sie für die Zukunft?
Derzeit bin ich damit beschäftigt, meine Arbeit in Witten
zu konsolidieren. Weiterhin bin ich bestrebt, auch die
Soziale Arbeit mit weiterzuentwickeln. Gerade in einer
sich rasant wandelnden Gesellschaft, die etwa für die
Digitalisierung, die Migration oder klimatische Veränderungen passende und konstruktive Umgangsweisen
finden muss, wird die Soziale Arbeit eine wichtige Rolle
spielen. Ich sehe diese Profession als Wegbereiterin für
ganzheitlichere Strategien, die nicht nur auf die weitere
Entfaltung von Rationalität setzen, sondern die die besondere Rolle der emotionalen Intelligenz betonen und
befördern. Diesbezüglich können wir viel von Familienunternehmen und Unternehmerfamilien lernen. Erfolgreich sind diese Systeme vor allem dann, wenn sie die
ökonomische Logik der wirtschaftlichen Vernunft mit
der psycho-sozialen Logik der emotionalen Verbundenheit passend kombinieren und balancieren.

Sprachtandems
an der ASH Berlin
Ein Sprachtandem ist eine besondere Art des Fremdsprachenlernens und des Kulturaustauschs. Zwei Personen mit unterschiedlichen Muttersprachen oder
Fremdsprachenkenntnissen auf hohem Niveau treffen
sich und lernen voneinander Sprache und Kultur kennen. Beide Personen lehren und lernen gleichzeitig
und können so ganz individuelle Schwerpunkte setzen, abseits vom universitären Lehrplan. Seit September 2012 gibt es auch an der ASH Berlin ein Tandemprogramm und bringt internationale und deutsche
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Mehr Informationen:
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Das Interview führte Laura Haber.

alice

85

Termine, Termine
Hochschulübergreifende
Veranstaltungen
Tango und Techno 10 Jahre Kooperation zwischen
ASH Berlin und dem Theater der
Erfahrungen
Do., 17. Januar 2019, 16.30 Uhr
Audimax der ASH Berlin
Verleihung des
Alice Salomon Poetik Preises 2019
im Rahmen des Neujahrsempfangs
der Alice Salomon Hochschule Berlin
mit Preisträger Christoph Szalay
(siehe S. 12-13)
Sa., 19. Januar 2019, 19.00 Uhr
Berlinische Galerie
Anmeldung:
poetikpreis@ash-berlin.eu

Spazierblicke
Das Umweltbildungszentrum
im Kienbergpark
Do., 14. Februar 2019, 14.00 bis 16.00 Uhr
Mit: Regina Troeder (Freilandlabor
Marzahn der INU gGmbH), Eike Friederici
(Grün Berlin/Umweltbildungszentrum)
und Leonie Rohde (INU gGmbH/NER)
Start: 14.00 Uhr Umweltbildungszentrum (Gottfried-Funeck-Weg/Lange
Brücke) oder 13.30 Uhr ASH Berlin,
Haupteingang
Spazierblicke –
(Nicht nur) für Erstsemester- und
Austauschstudierende der ASH Berlin
Do., 4. April 2019, 14.30 bis 16.30 Uhr
(anschließend Grillen)
Mit: Fachkräften und Bewohner_innen
des Bezirks
Start: ASH Berlin, Haupteingang
‚Frauenräume‘ in Marzahn-Hellersdorf
Do., 18.4.2019, 15.00 bis 17.30 Uhr
Mit: Oleksandra Bienert
(Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf,
AG Städtebauförderung)
Start: ASH Berlin, Haupteingang

Alice Salomon
Poetikpreisträger 2019:
Christoph Szalay

Veranstaltungen
der Karriereplanung
Die Termine und das ausführliche
Programm finden Sie der Rubrik
„Veranstaltungen“ unter:
www.ash-berlin.eu/studium/
einrichtungen-fuer-studierende/
karriereplanung/services/

86

Frühpädagogische
Abendvorlesung
des Studiengangs
Erziehung und Bildung
im Kindesalter
Jeweils donnerstags von
18.00 bis 20.00 Uhr im
Audimax der ASH Berlin
6. Dezember 2018
Prof. Dr. Simone Dunekacke
(Freie Universität Berlin)
Aktuelle Erkenntnisse und
Herausforderungen zur Entwicklung
und Förderung früher mathematischer Fähigkeiten in Kindertageseinrichtungen
10. Januar 2019
Prof. Dr. Sabine Andresen (Goethe
Universität Frankfurt am Main)
Von Rechten und Bedürfnissen
der Kinder ausgehen. Konzepte zur
Bekämpfung von Kinderarmut
31. Januar 2019
Prof. Dr. Simone Seitz und
Caroline Ali-Tani (Universität Paderborn)
Inklusion in Kitas – Gemeinsamkeit
und Verschiedenheit von Anfang an
6. Januar 2019
Mara Stone
(Systemische Supervisorin und Coach)
Armutssensibel handeln – Haltung
und Interventionen einer armutssensiblen Pädagogik
6. Februar 2019
Prof. Dr. Corinna Schmude
(Alice Salomon Hochschule Berlin)
Auf dem Weg zur Inklusion –
Unterwegs sein mit Index für
Inklusion

alice

Die letzte Meldung

Archivfund:
Vorläufer der alice
Das Archiv der Hochschulkommunikation hat einen, nun ja, unverkennbar fossil… – pardon: historischen Fund ans Tageslicht befördert:
„ASFH – Info intern“. Die Nummer I/1999 dieser Hochschul-Publikation (weitere Ausgaben liegen uns leider nicht vor) besteht aus dreifach
getackerten Kopien und startet mit einem Glückwunsch-Telegramm
der Alice-Salomon-Schule Wipperfurth an die Rektorin der damaligen
Alice-Salomon-Fachhochschule Berlin (ASFH) anlässlich des Neustarts
in Berlin-Hellersdorf. Es folgen die Rede zur Eröffnung des Neubaus,
Zeitungstexte, diverse Hinweise und Ausschreibungen. Die Anzeige des
uniRadios („Themen aus Hochschule, Wissenschaft und student life – Musik,
die man sonst nicht zu hören kriegt – Praktikum, bei dem man wirklich was
lernt“ (!!)) beschließt die liebevoll zusammenkopierte Zettelwirtschaft.

Und zwischen allem: Penny Powers.
Unter dem Titel „Reisen bildet… (auch die Leser)“ schildert die, (ja
,
wer eigentlich?) die von sich nur sagt „I too, am an administrator“
aus South Dakota über dreieinhalb Seiten ihre Erfahrungen in Berlin. Besonders ins Detail geht sie dabei „about ASFH students“. Die
entsprechenden Auszüge möchten wir niemandem vorenthalten.

ASFH – Info intern
Die Nummer I/1999
der ehemaligen
Hochschul-Publikation

Aufwendige Google-Recherchen übrigens führten uns zur gleichnamigen
Autorin Penny Powers, Ph. D., R.N., des Werks The Methodology of Discourse Analysis, erschienen 2001 an der South Dakota State University/
College of Nursing. Über Hinweise in jeglicher Form zu Zusammenhängen mit ASFH-Penny Powers sind wir dankbar, denn für ihre enthüllenderhellend-erheiternden Investigativrecherchen sollten wir uns erkenntlich
zeigen!

alice

87

Impressum

Impressum

magazin
der Alice Salomon
Hochschule Berlin

Hochschulleben
Programm des neuen Rektorats:
Mut zu Strukturveränderungen bei knappen Ressourcen
Mittelpunkt
20 Jahre Hellersdorf:
Seit dem Umzug hat sich die ASH Berlin eng
mit dem Bezirk vernetzt
Seitenwechsel
Vom ASH-Studenten zum Lehrstuhlleiter:
Prof. Dr. Heiko Kleve im Interview

Mehr als Fassade.

Wintersemester 2018/19

alice Nr. 36

Herausgeber:
Das Rektorat und der Kanzler
der Alice Salomon Hochschule Berlin
V.i.S.d.P.: Prof. Dr. Bettina Völter

Chefredaktion: Denis Demmerle, Laura Haber
Redaktion: Sandra Teuffel, Britta Machoy, Christiane Schwausch,
Ina Friebe, Felix Wnuck, Sarah Grolik
Layout und Satz: Willius Design, Berlin - info@willius-design.de
Korrektorat: Yvonne Götz - goetz@korrekturstudio.de
Anschrift der Redaktion:
Alice Salomon Hochschule Berlin
Referat Hochschulkommunikation
Alice-Salomon-Platz 5, 12627 Berlin
Tel.: (030) 992 45-335, Fax: (030) 992 45-444
E-Mail: alice@ash-berlin.eu
Bildnachweise: Autorinnen und Autoren, ASH Berlin
Unter Verwendung von Kues-Freepik.com (Umschlag, S. 16)
Erscheinungsweise: Zwei Ausgaben pro Jahr
(Sommersemester und Wintersemester); Auflage 4.000
Nächster Redaktionsschluss: 1.3.2019

In eigener Sache:
Die Redaktion des alice magazins
möchte noch mehr Beiträge von und
mit Studierenden veröffentlichen.
Dazu benötigen wir Ihre Hilfe. Gerne
können Sie Beiträge sowie Vorschläge
und Ideen zu Artikeln einsenden.
Selbstverständlich stehen wir Ihnen
bei Fragen rund um das Schreiben
von Artikeln zur Seite.
Redaktionskontakt:
Laura Haber
haber@ash-berlin.eu
Telefon: (030) 992 45-335
Redaktionsschluss für die
alice 37: 1.3.2019

88

Abo: Eine Online-Ausgabe kann unter:
www.alice.ash-berlin.eu/hochschule/presse-und-newsroom/alice magazin
heruntergeladen werden.
Mitarbeiter_innen erhalten ihr persönliches Exemplar per Hauspost.
Anderen Leserinnen und Lesern bieten wir ein kostenfreies Abo nach
Hause.
ISSN 1861 - 0277
Anzeigen: Britta Machoy, machoy@ash-berlin.eu
Nachdruck, auch auszugsweise, sowie Vervielfältigung u. Ä. nur mit
ausdrücklicher Genehmigung der Redaktion.
Druck: Druckerei Conrad, Berlin
11/2018

Die in den Beiträgen geäußerten Meinungen spiegeln nicht unbedingt die Ansicht
der Redaktion wider. Das Gender-Sternchen (*) dient als Verweis auf den Konstruktionscharakter von binärer Geschlechtlichkeit. Das Sternchen hinter Frauen und Männern soll
verdeutlichen, dass es sich auf alle Personen bezieht, die sich unter der Bezeichnung „Frau“
definieren, definiert werden und/oder sich sichtbar gemacht sehen. Im Hinblick auf
Benachteiligung und sexistische Diskriminierung gegenüber Menschen, die sich nicht in der
Zweigeschlechtlichkeits-Norm verorten können oder wollen, werden damit auch trans*,
inter* und nicht binäre Menschen benannt.

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ENGL CH
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FLOWER COLLECTION

BERLIN FOOD

Alles Kulinarische ist für das
Berliner Leben stilbildend.
Neue Restaurants, gewiss.
Genauso sind es Street-FoodMärkte, handwerkliche Bäckereien, Kaffeeröstereien oder die
neuen Gemüseversteher. Wir
stellen die Protagonisten vor –
und unsere Lieblingsläden im
kulinarischen Berlin.
Preis: 8,90 €

BERLIN BARS

Die Stimmung, das Handwerk,
die Drinks – „Berlin Bars“,
geschrieben von Peter Eichhorn,
dem Kenner der Trinkkultur
in Berlin, feiert diese Szene in
kurzen, kenntnisreichen Porträts
und kurzweiligen Essays – die
Pflichtlektüre für den kuratierten
Schwips!
Preis: 10 €

* zzgl. Versand; solange der Vorrat reicht
GCM Go City Media GmbH, Paul-Lincke-Ufer 42/43, 10999 Berlin

Editionen versandkostenfrei! Alle Angebote unter:

www.tip-berlin.de/shop

www.ash-berlin.eu

alice 36 · 2018/19
        
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