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Periodical volume Sonnabend, 29. Dezember 1900 Nr, 52

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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Verantwortlicher Redakteur: vr. M. Folticineano, Berlin. — Truck und 
Vertag: Friedrich Schirmer, Berlin SW., Nenenbnrger Straße 14a. 
Franzosen teil. Bei Frey bürg a» der Unstrut machten diese Halt, und 
es entwickelte sich ei» Gefecht, das dem preußischen Lübgrenadierregiment 
viele Opfer kostete. Namentlich war es eine französische Batterie, die 
von dem hohen Schlosse Zscheiplitz herab, durch Tirailleure gedeckt, mit 
Kartätschen das Regiment erfolgreich beschoß. Da rief der Leutnant 
„von Boden": „Freiwillige vor! Die Batterie muß genommen werden!" 
und ging mit Hurrah an der Spitze kühner Krieger vorwärts. Von 
der Kugel eines in einer Schacht verborgenen Tiraillenrs getroffen, 
stürzte er zusammen. Grenadiere trugen ihn auf ihren Gewehren aus 
der Schußlinie. Acht Monate fesselte ihn seine schwere Verwundung an 
das Krankenlager. Er erhielt als Premierleutnaut seinen Abschied, aber 
1815 trat er wieder in das Heer ein, diesmal unter seinem ivirklichen 
Namen. Der tapfere „von Boden" war kein anderer als Ernst von 
Bodelschwingh-Belmede, der später von 1844—48 preußischer Minister 
war. Er stammte aus der damals zum Königreich Westphalen ge 
hörenden Grafschaft Mark und hatte befürchte» müssen, baß Jcrome 
seine preußische Gesinnung an seinen viele» in Westphalen begüterten 
Verwandte» rächen würde,' deshalb ivar er unter falschem Namen ins 
preußische Heer getreten. 
Die Pommern schildert Thonias Kanzow in seiner 1542 er 
schienenen Pommerschen Chronik so: „Sie feint selten von frembden Hern 
bezwungen worden. Selten khomen srembde leinte zu ynen, darvon 
sie besser sitten geleret" und teilt uns eine eigentümliche pominersche 
Sitte mit: „Wan snnst ymands mit yrem guten! willen oder auff gntic 
zuvcrsicht zu ynen gekhomen, so habe» sie derselbe» nach yrer art sehr 
hoch geehret, und ymc mitgetheilt alles, was sie gehapt, und man sie 
nicht mehr gehapt und der gast lenzer geplieben ist, feint sie zum 
iiehisten nachparn gezogen, und haben mit dem ferner geslemmet und 
so vordhan abermal zum iiehisten, bis das der Gast hat ivollen." — 
Bon den Bewohnern der Insel Rügen sagt Kanzow, es sei ein sehr 
„zänkisch und mvrdisch Volk: im ganzen Land zu Pommern würden 
kein Jahr soviel vom Adel und andere erschlagen, als allein in dieser 
kleinen Insel." Tann fährt er fort: „Wo die Rhugianer gehen oder 
reisen, haben sie ein Schweinspieß und einen Reutling (Messer) an der 
Seite: wann sie zur Kirchen gehen, setzen sie die Spieße vor die Kirchen- 
thüre, einesteils nehmen sie die in die Kirche» mit, und sollen sie bis 
weilen, wenn sie aus der Kirchen gehen, oft ein Lärmen erbeben. Gehen 
sic zur Kirchen, so feint sie gewappnet, gehen sie zur Hochzeit, so feint 
sie gewappnet, bringen sie einen Todten zu Grabe, so feint sie gewappnet, 
und in Summa, man findet sie nirgends, sie haben ihre Wehre bei sich. 
Wann einer von ihnen sagt: dat walde Got un en kolt Isen, so mag 
man ihm wol ans die Fäuste sehen und nicht aufs Maul, denn er ist 
bald an einen. Es giebt auch dies Volk soviel Rechtgetis als das halbe 
Volk zu Pommern; denn alle Sonnabend hält der Landvogt sammt den 
Eltesten vom Adel des ganzen Landes zu Bergen Gericht, da hat er 
von früh Morgens bis schier an den Abend genug zu thun. Es ist 
kein Edelmann oder Bauer im Land so schlecht, daß er sein Wort 
nicht selbst redete und daß er nicht ihr geivöhnlich Landrecht wissen 
sollte; und aus solcher Vornehmheit will einer dem andern in nichts 
weichen." 
Ein Urteil des Generals Bonaparte über die Lorsen. 
Aul 28. Februar 1796 diktierte der spätere Napoleon I., bekanntlich ein 
Corse von Geburt, dem Divisionsgeneral Berthier, der später Fürst 
von Neuchatel hieß, folgenden Brief, dessen letzte Zeilen zu denken geben: 
„Italienische Armee. Französische Republik. Freiheit. Gleichheit. 
Aus dem Hauptquartier zu Verona den 3. Frimaire des 5. Jahres 
der einen und unteilbaren Republik. Bonaporte, General en Chef der 
italienischen Armee. 
An den Bürger Myot, bevollmächtigten Minister der Republik beim 
Großherzog von Toscana und Kommissar des Gouvernemciits von 
Corsika. 
Ich empfange, Bürger Minister, den Brief, den Ihr mir vor Eurer 
Abreise nach Corsika geschrieben habt. Die Mission, die Ihr zu erfüllen 
habt, ist äußerst schwierig; erst wenn alle diese Geschäfte abgeschlossen 
sind, wird es möglich sein, Streitkräfte nach Corsika zu senden; Ihr 
werdet daselbst den General Gentili finden, der eine Division kommandiert; 
es ist ein ehrenwerter, bcsoilders in jenem Lande geachteter Mann. 
Corsika enthält ein schwer kennen zu lernendes Volk; es hat 
eine sehr lebhafte Einbildungskraft, es hat äußerst thätige 
Leidenschaften. 
Ich wünsche Euch Gesundheit und Glück." 
Um jene Zeit stand Corsika als Königreich unter englischer Ober 
hoheit, aber die französische Partei gewann die Oberhand, und am 
Ende des Jahres 1796 räumten die Engländer die Insel. 
Büch erlisch. 
Don dem „Lebensbild Rudolf Kögels", des bekannten 
Theologen und Seelsorgers, das sein Sohn, der3iegierungsrat Gottfried 
Kögel, herausgicbt, befindet sich, wie ivir erfahren, der ziveite Teil, 
die Zeit bis 1873 umfassend, in Vorbereitung und wird noch im 
Herbst 1901 erscheinen. 
Die Herausgabe des erst kürzlich erschienenen ersten Bandes wurde 
damals nicht nur von den zahlreichen Freunden und Anhängern Kögels, 
sondern auch in weiteren Kreisen überaus willkommen geheißen. Es 
giebt allerdings auch kein Werk, das, wie dieses, uns die Bedeutung 
Kögels als Theologen, Kanzelredner und Menschen so klar vor Augen 
führt. Der erste Band umfaßt die Kindheits-, Lehr- und Wanderjahre 
Kögels und schließt mit seiner Ordination (1854). Eine ganz besondere 
Anziehung werden die folgenden Bände dadurch ausüben, daß durch eine 
Reihe von Briefen auch Kögels Verhältnis zu Kaiser Wilhelm I. näher 
beleuchtet und zugleich die edlen Züge des gottcsfürchtigen, unvergeß 
lichen Monarchen in das hellste Licht gerückt werden. 
Goldenes. Buch der Weltlitteratur. Im Verlag von W. Spemann 
in Berlin und Stuttgart erschien soeben ein „Goldenes Buch der 
Weltlittcratur" (geb. 6 M.) in Form eines über 900 Seileu starken, 
mit Geschmack ausgestatteten Werkes. 
Zur Ausführung seines Planes: ans ethnographisch begrenzten 
Einzelbildern ein Panorama der Universalpoesie zu gestalten, hatte sich 
der Herausgeber mit einer Anzahl von Fachmännern ersten Ranges 
verbunden, so behandelt z. B. Prof. G. Wilkowski die deutsche, Prof. 
G. Körting die französische und italienische, Ed. Bertz die englische, 
E. Bransewetter die skandinavische, G. Diercks die spanische und portu 
giesische, W. Henkel die russische, Prof. G. Heinrich die ungarische, 
L. Schneider die holländische Litteratur rc. Alle Darstellungen sind von 
einheitlichen Gesichtspunkten aus abgefaßt und verbinden mit Gründ- 
liclik it und Zuverlässigkeit den Vorzug einer angenehmen Lektüre. Einen 
höchst interessante» Beitrag liefert Ludwig Salomo» mit seinem Kapitel: 
Geschichte und Wesen der Publizistik; er behandelt darin eine Materie, 
die selbst dem Fachmann häufig nicht ganz vertraut ist. Nicht minder 
fesselt die Abhandlung von Robert Hessen über die Geschichte und 
Technik des Dramas; geistreich und temperamentvoll geschrieben, enthält 
sie eine Fülle treffender Bemerkungen. Einen Hauptreiz des Werkes 
bilden die von Viktor Ottmann bearbeiteten ca. 600 Biographien und 
Charakteristiken von Schriftstellern der Gegenwart, cs ist eine ungemein 
fleißige, dabei für alle Litteratnrfreuude außerordentlich brauchbare 
Arbeit; derselbe Verfasser widmet auch dem Buch und seinem Wesen ein 
Kapitel. Der reiche Jllustrationsschuinck setzt sich ans ca. 140 gut ge 
wählten Porträts von Dichtern der Vergangenheit und ca. 225 von 
lebenden Schriftstellern zusammen. Alles in allem präsentiert sich 
Spemanns Weltlitteratur als ein überraschend vielseitiges und vorzüglich 
komponiertes, in seiner buchtechnischen Eigenart ohne Nebenbuhler da 
stehendes, dabei auffallend billiges Werk. 
Dcrqnüffiingsfahrten zur Lee. Die Gemeinde derjenigen, 
die den Veranstaltungen der Hamburg-Amerika Linie alljährlich mit 
Spannung entgegen sehen, ist eine recht große, und der Umstand, daß 
die Hamburg-Amerika Linie ihre besten, geschwindesten und luxuriösesten 
Dampfer in den Dienst der Vergnügungsreisen stellt, trägt ebenso ivic 
die sorgfältige Auswahl der hochinteressanten Reiseziele dazu bei, dieser 
modernen und bequemen Form des Besuches fremder Länder immer 
neue Freunde und Anhänger zuzuführen. Die von der Hamburg- 
Amerika Linie veranstaltete Westindienfahrt hat solchen Anklang gefunden, 
daß die „Prinzessin Viktoria Luise" nahezu besetzt ist, und keine geringere 
Anziehungskraft übt die Fahrt aus, welche die „Auguste Viktoria" am 
12. Februar von Genua ans nach den historisch und landschaftlich hoch 
interessanten Ländern des Mitlelmcers antreten wird. Auf dieser Reise 
werde» besucht die Türkei, Griechenland, Aegypten und all die Stätten, 
an denen einst jene überivältigenden Ereignisse sich abspielten, die einen 
so tief gehenden Eindruck auf das religiöse Denken der ganzen Welt 
ausübten. Die zur Ausführung nötige Miudestzahl von Teilnehmern 
an dieser Orientfahrt ist längst überschritten, und noch täglich gehen An 
fragen von Reisenden ei», welche die Absicht haben, sich anzuschließen. 
Geleitet von dem Wunsch, den Vergnügungsreisenden immer mciterc 
Gebiete zu erschließen, hat die Hamburg-Amerika Linie sich veranlaßt 
gesehen, znm 27. März ab Genua eine zweite Fahrt anzusetzen, durch 
die den Reisenden Gelegenheit gegeben ivird, neben den interessantesten 
Punkten des Orients die bisher noch weniger bekannten, aber um so 
reizvolleren Punkte ans der Krim und im Kaukasus kennen zu lernen. 
Der Besuch der herrlichen Gebirge, der romantischen Buchten und 
malerischen Szenerien der sagenumwobenen Küsten des Schwarzen 
Meeres, die bekanntlich auch den Lieblingsanfeiithalt der kaiserlich 
russischen Familie bilden, ist so vielversprechend, daß dieses Nnternehmcu 
gewiß eine freudige Teilnehmcrschaft finden wird. Herrschasien, ivie der 
Prinz und die Prinzessin Reuß, der Erbprinz von Hohenlohe-Schill,ngs- 
fürst, sowie Fürst Stolberg haben sich schon jetzt Plätze sichern lassen. 
Elektrischer Gasfernzünder. Viele, die zu ihrer Beleuchtung 
Gas verwenden, iverden schon immer die Unbequemlichkeit des An- 
zündens und Auslüschens empfunden haben, und sie würden sich die 
Bequemlichkeit des elektrischen Lichts verschaffen, wenn nicht die Anlage- 
kosten und die täglichen Unkosten zu hoch wären. Die Technik ist daher 
schon seit langem' bestrebt, einen Apparat zu konstruiere», der es er 
möglicht, die Beqnemlichleit des elektrischen Lichts mit d,r Helligkeit 
und Billigkeit des Gasglühlichts zu verbinden, ohne daß hierdurch 
erhebliche Unkosten entstehen. Nach vielerlei Versuchen, die >,nr znm 
Teil befriedigende Resultate ergaben, ist es jetzt endlich gelungen, einen 
Apparat zu' konstruieren, der das Problem der Gasfernzündnng in 
vorzüglicher Weise gelöst hat. Es ist dies der „Sonnenzünder", der von 
der Gesellschnst „Elektrischer Gasfernzüudcr", G. tu. b. H., Berlin 8., 
Stallschreiberstr. 21, fabriziert und in den Handel gebracht wird. Tie 
Bequemlichkeit bei Verwendung des Sounenzündcrs fällt besonders da 
ins Gewicht, wo das Anzünden und Auslöschen Mit besonderen 
Schrvierigkciten verbunden ist, z. B. bei allen hochhängenden Beleuchtungs 
körpern in Sälen, Wohnungen, Fabriken, Gcschästslokalen rc. Für 
Treppenbeleuchtung wird diese neue Erfindung von ganz besonderen 
Interesse sein, weil die bis jetzt für nächtliche Beleuchtung verivandten 
elektrischen Glühlampen fortfallen, und die vorhandenen Gaslampen 
auch für die Nacht Verwendung finde» können. Auch kann man die 
Flammen sämtlicher Etagen von einer Stelle ans entzünden und löschen. 
Dje Ersparnis an GaS, Glühkörpern und Zylindern ist eine ganz be 
deutende, und zwar aus deur Grunde, weck das aus dem Brenner 
heraustretende Gas sofort ohne Explosion (Puff oder Knall) entzündet 
wird, was bei der bisherigen Art des Zündens nicht zu vermeiden ist. 
Der Beweis der Brauchbarkeit der Sonnenzünder wird dadurch erbracht, 
daß derselbe bei Königliche» Behörden, Staatseisenbahnen, soivie tausen 
den von Privaten des In- und Auslandes eingeführt ist. Erst kürzlich 
ist der Bahnhof Wannsee bei Berlin mit diesen vorzüglichen Apparate» 
ausgerüstet worden.
        
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