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Periodical volume Sonnabend, 29. Dezember 1900 Nr, 52

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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Lin Nachtstück aus dem alten Berlin, von Gscar Wagner. 
(Nachdruck verboten). 
uf einem Holzhof am Eingang der Albrechtstraße, vom 
Schiffbauerdamm aus linker Hand, erhebt sich inmitten 
von allerlei Gerümpel, Holz und Kohleuschichten, ein 
fast zweihundertjähriges merkwürdiges Bauwerk, dessen Erd 
geschoß von den jetzigen Inhabern des Holzplatzes zu einem 
Comptoirumgewandelt 
wurde, ivährend das 
obere Stockwerk sowie 
der Bodenraum un 
verändert geblieben, 
und, wie man mir 
versicherte, seit mehr 
als hundert Jahren 
von keines Menschen 
Fuß betreten worden 
ist. Das reizte mich 
hinauf zu steigen. Im 
staubbedeckten Winkel 
zwischen schivarzen 
Lumpen fand ich 
nach längerem Herum 
stöbern ein Paar gar 
zierliche, von Motten 
zerfressene Stöckel 
schuhe, ein Buch in 
italienischer Sprache, 
ein anderes i» deutschen 
Lettern: „Anleitung 
und Zauberformeln, 
wie ein Beschivörer es 
recht anzustellen, sich 
zum Empfang der 
abgeschiedenen Seelen 
ivürdiglich bereiten, und 
dabey sowohl ins 
gemein, als sonderlich 
zu Hause, und auf 
Kreuzwegen nach Ge 
legenheit und Ordnung der Zeit gebührlich verhalten soll." 
Am Rande oben stand ein Name! Mit vieler Mühe buch 
stabierte ich heraus: Anton Zeidler. Ferner spielte mir der 
Zufall eine kleine Rolle vergilbter Papiere in die Hände: 
Tagebuchblätter und Schicksale des ... . (der Name völlig 
verwischt). Diesem ehrwürdigen, schwer zu entziffernden Ma 
nuskript im Zusammenhang mit den vorerwähnten Funden 
verdanke ich nachfolgende Geschichte. — 
Wenige Schritte von dem oben erwähnten Gebäude, mehr 
nach den Reitställen der Kaserne zu, stand ein ähnliches, 
ivelches vor etiva zwanzig Jahren von einem unserer treff 
lichsten Künstler, dem Bildhauer Professor Schaper als Atelier 
benutzt ivurde. Dieses Haus fiel leider der Vernichtung an 
heim, während jener alte Pavillon sich noch wacker behauptet. 
Etwa um die Mitte des 17. Jahrhunderts bestand die 
ganze Gegend des heutigen Schiffbaucrdamms und die Friedrich 
Wilhelmstadt aus großen, öden, sandigen, teilweise mit Heide 
kraut bedeckten Flächen, von Kiefcrivaldungen begrenzt, denen 
sich hie und da, ivennglcich nur spärlich, einiges Laubholz 
und ein paar Eichen gesellten. Der eine Teil trug den Namen 
„die Tuchmacherwicse", während der andere „die Bullemvicse" 
genannt wurde. Auf diesem Terrain erstand 1706, ein Jahr 
nach dem Tode der 
Gemahlin Friedrichs l., 
der geistvollen Sophie 
Charlotte, eine Art 
Versailler Lustpark, in 
welchem alljährlich 
während der Sommer 
monate auf Befehl des 
Königs und unter 
Leitung seines Mi 
nisters Kolbe von 
Wartenberg Hoffest 
lichkeiten stattfanden, 
deren märchenhafte 
Pracht derjenigen der 
berühmten Versailler 
Feste ebenbürtig war. 
Wie sehr dabei der 
treulose Günstling und 
seine ihm ebenbürtige 
leichtfertige Gemahlin 
in ihre Taschen wirt 
schafteten, ist leicht ab 
zusehen, wenn man die 
ungeheuren Summen 
in Betracht zieht, welche 
für die Arrangements 
verausgabt wurden. 
Ganz am Ende des 
Parkes, hinter Taxus 
hecken lagen die Ge 
wächshäuser. Von die 
sen führte ein breiter 
Kiesweg zu der zwischen Bäumen und Gesträuch versteckten 
Behausung des alten Gärtners Josef Zeidler, der, unbe 
kümmert um das ihn umgebende lasterhafte Treiben gewisser 
Höflinge und Hofdamen, mit Frau und zivci erwachsenen 
Töchtern, sowie einer an Kindesstatt angenommenen Nichte, 
ein arbeitsreiches stilles Leben führte. Mutter Zeidler war 
eine muntere, äußerst bewegliche, dabei wißbegierige Matrone, 
die gern mehr unter Menschen gelebt hätte, obivohl sie diese 
Wünsche von ihrem gestrengen Eheherrn wohlweislich zu ver 
bergen wußte. Der hatte die Schlechtigkeit der Welt in: 
Uebermaß erfahren. Vom leiblichen Bruder, den um zehn 
Jahre jüngeren Anton Zeidler, einem wüsten Spieler und 
Säufer, wurde er um seine Ersparnisse gebracht, die ihni 
dieser unter falschen Vorspiegelungen abzulocken verstand, an 
geblich, um seine Studien zu vollenden (er sollte Geist 
licher werden) — in Wahrheit aber, um seinen Leidenschaften 
zu fröhnen. Schließlich bethörte er ein blutjunges Geschöpf, 
Ein altberliner Bauwerk (zu „Cchön-Elschen").
        
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