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Periodical volume Sonnabend, 22. Dezember 1900 Nr, 51

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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überzeugen, daß sie wirklich so lautete. Die meisten indessen 
betrachteten das Hans von allen Seiten, ob wirklich daniit 
nichts passiert wäre. Denn daß eine so brillante Gelegenheit 
ungenutzt vorübergehen sollte, ivar nach allem, was sonst bei 
uns hergebracht und Sitte war, gar nicht zu denken. Unser 
Billy sah eine ganze Weile, wie in Gedanken verloren, über 
den Zaun und schielte nach den Fußangeln, die im Garten 
liegen sollten. Ben Miller lag drei Stunden im Grase und 
studierte die Gesichter aller, die vorübergingen. Fred 
Hutchinson kani und sah besorgt hinüber, man konnte ihm 
nicht recht ansehen, ob er freundliche oder feindliche Gesinnungen 
hegte. Auch die Reumanns, obgleich sie stark in der Ernte 
steckten, kamen einzeln angeritten und thaten so, als ob sie 
Hilfe zur Feldarbeit suchten — fanden aber wenig Gegen 
liebe. Bill Kenalbain saß oben auf einem Stein und lachte 
alle freundlich an, so daß unser Missionsprcdiger, der natürlich 
auch dort war, Hoffnung faßte, dies räudige Schaf werde 
sich doch noch bessern und zur allumfassenden Liebe eingehen. 
„Smart! Wie?" erwiderte Bill auf seine salbungsvolle 
Ansprache. „Hat das ganze Rest zur Polizei eingesetzt, dieser 
Tom Struggle. Laufen alle herum und beivachen ihm seine 
Habe. Hahaha, keiner gönnt's dem anderen!" 
Da sah der wackere Missionsprediger, daß seine Zeit noch 
nicht gekommen war. 
Jedenfalls scheint mir, daß Bill nicht so unrecht hatte. 
Wer jetzt, am Tage, ctivas hätte machen wollen, hätte zu viel 
Zeugen gehabt und wäre, bei der Mißgunst der anderen, 
sicher nicht mit dem Leben davon gekommen, geschiveige denn 
mit der Beute. Der Zeugen waren zu viele. 
So verging der Tag, und als wir am Abend wieder in 
der Schenke beisammen ivaren, meinte Billy, er ivisse nun, 
wer die vier größten Esel in den Südstaatcn wären. „So 
eine schöne Gelegenheit, ivic vorige Nacht, kommt nicht wieder. 
Bei dem Regen und der Finsternis hätte sich kein Mensch 
hinausgeivagt. Vier forsche Kerls, ivie wir, hätten da 
ungestört das ganze Haus wegtragen können. Jetzt ist das 
ganze Rest aufmerksam, und wer weiß, >ver da angeschlichen 
kommt, wenn man gerade in der schönsten Arbeit ist!" 
„Hoho!" sagte Benjamin. „Das klingt ja süß. Erst 
warst Du derjenige, der durchaus wollte, und jetzt getraust 
Du Dich nicht mehr? Auch gut! geht die Sache nun in 
drei Teile." 
Da meinte wieder Billy, wenn cs versucht werden sollte, 
dann wollte er doch dabei sein, aber man müßte vorsichtig 
zu Werke gehen. Erst müßte die ganze Gegend um das 
Haus abgesucht werden, und dann müßten zwei zu beiden 
Seiten des Weges, im Gebüsch versteckt, fortgesetzt Wache 
halten, daß keine Störung eintrete. Einer müßte über den 
Zaun steigen und in das Haus eindringen, und der Vierte 
müsse in der Nähe sein, falls diesem in, Garten oder im 
Hause etwas zustieß", damit er sofort hilfreich bcispringen könnte. 
Also, um es kurz zu machen, es wurde Mitternacht, und 
alle übrigen Gäste hatten sich verzogen, da machten wir uns 
auf. Im Gegensatz zur vorhergehenden Nacht war diesmal 
heller Mondschein, und bald sahen wir Strngglcs Hans und 
Garten auf seiner Anhöhe vom hellen Silberlicht umflossen 
vor uns liegen. 
Wir hatten gelost, um die Aufgaben zu verteilen. Zu 
nächst an dem Absuchen des Gelände ringsum sollten sich alle 
beteiligen, dann fiel mir und Bill Kenalbain die Wache rechts 
und links zu, während Billy und Benjamin im Hause selbst 
arbeiten sollten. 
Also, es ging los, und richtig! Da lungerte auch ein 
ruppiges Individuum in den Gebüschen herum. Es gab aber 
schleunigst Fersengeld, als nur uns näherten. Wir suchten 
die umliegenden Sweet Hills ab, fanden aber die Luft rein. 
Mau konnte au die eigentliche Arbeit gehen. Wir trennten 
uns, indem wir noch verabredeten, daß wir bei irgend ver 
dächtigen Anzeichen einander zur Hilfe eilen sollten. 
Also ich strich nach Westen zu und lagerte mich ans der 
Höhe des nächsten Hügels ins Gebüsch, die Hand am Re 
volver. Scharf spähte ich umher, ob sich nichts Störendes 
zeigte. Aber ich bemerkte nichts, dagegen erschollen bald ver 
nehmliche Hilferufe vom Hause Strugglcs herüber. 
Schleunigst rannte ich, so schnell cs ivenigstcnS durch 
das Gestrüpp ging, meinen Hügel herunter und den anderen 
hinauf, und ich kam gerade gleichzeitig mit Bill Kenalbain 
an, der auf der anderen Seite Wache gestanden hatte. Wir 
fanden Benjamin zitternd und zähneklappernd am Zaun stehend, 
und jenseits ini Innern des Gartens stöhnte und fluchte Billy, 
er säße in einem Fußeisen fest. 
Ich sprang über den Zaun, und obwohl ich mir sagen 
mußte, daß mir jeden Augenblick dasselbe passieren konnte, 
eilte ich doch auf Billy zu. Ich ivar entschlossen, mir im 
schlimmsten Fall eine Kugel in den Kopf zu jagen. 
Billy lag wimmernd in einer Hecke und wagte nicht sich 
zu rühren. Vorsichtig faßte ich ihn unter den Armen und — 
zu meinem größten Erstaunen gelang es mir, ihn ein gut 
Stück fortzuziehen. Er hatte sich in eine Brombeerrankc ver 
wickelt und war gestürzt, das war alles. Das Fußeisen hatte 
er sich rein eingebildet, und er hatte sich nicht mehr zu rühren 
gewagt, aus Furcht, mit den Händen auch noch in so ein 
niederträchtiges Ding zu geraten. 
Jetzt hieß es zunächst: schleunigst hinaus! denn möglicher 
weise konnte der Lärm unangenehme Zengen herbeigelockt 
haben. Zum Glück war nichts dergleichen zu sehen. Billy 
aber war nicht zu bewegen, den Gang noch einmal anzutreten. 
„Nun", sagte Benjamin Miller, „dann werde ich Dir 
zeigen, was Du für ein Hasenfuß bist. Aber wenn ich drin 
bin und pfeife, so mußt Du nach, um niir am Geldschrank 
zu helfen." 
„Weißt Du sicher", fragte Billy, der wieder allen Mut 
verloren hatte, „daß das keiner von den neuen Geldschränken 
ist, an dem Selbstschüsse angebracht sind?" 
„Ach was! Ohne Risiko kein Gewinn!" rief Ben und 
schwang sich über den Zaun. 
Wir beiden anderen wollten uns auf unsere Posten zurück 
begeben, waren aber kaum fünfzig Schritte entfernt, als wir 
schon wieder lautes Schreien hörten. Als wir wieder an der 
Gartenthür angelangt waren, sprang auch Ben schon wieder 
über den Zaun. Der Teufel sitze in dem Hause, er habe 
plötzlich helles Licht gesehen! 
Ich muß gestehen, mir wurde ganz frostig zu Mute. 
Aber Bill Kenalbain, der sich vor keinem Teufel fürchtete, 
lachte den Aengstlichen aus und meinte, cs würde ivohl da 
ein Spiegel oder etivas Aehnliches stehen, worin er den Mond 
erblickt hätte. Er ivollte jetzt den Gang übernehmen, Billy 
sollte am Thore Wache halten, und ich nebst Ben Miller sollten 
patrouillieren. 
Gesagt, gethan. Also ich schlich zu meinen! Posten zurück, 
freilich durch alle diese Zwischenfälle etwas aus dem Gleich 
gewicht gebracht. Fremder, habt Ihr einmal, wenn Eure 
Nerven schon etivas angegriffen ivaren, in einer mondschein- 
hellen Nacht in einem Gebüsch gesessen? Seid Ihr im Mond 
schein schon einmal allein eine Straße gewandert, die rechts 
und links von Gebüsch eingefaßt ist? Hölle und Teufel! 
lieber in stockfinstrer Nacht, wenn man au Bäume rennt und 
in Gräben stolpert, als bei solchem Mondschein! Da sitzt 
hinter jedem Busch einer, jeder alte Knorren ist ein zusammen- 
gekauertcr Mensch, jeder vorstehende Zweig ein Schießding,
        
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