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Periodical volume Sonnabend, 15. Dezember 1900 Nr, 50

Full text: Der Bär Issue 26.1900

zurück, während zugleich eine fsnnuneube Nöte über ihre zarten 
Wangen flog. 
„Erwin — Du? Ah, das — das hättest Du nicht 
thun sollen!" war alles, was sie in ihrer ersten grenzenlosen 
Bestürzung hervorzubringen vermochte. Aber cs klang nicht 
hart und abivcisend, sondern unsicher und beklommen, ivic 
meint sich noch eine andere Empfindung, vielleicht eine 
Empfindung der Freude, in ihren Schrecken gemischt hätte. 
„Ja, Ada, ich bin es", erwiderte er, und sie muhte alles, 
was ihm in diesem Augenblick durch die Seele ging, aus dem 
Zittern seiner Stimme erraten. „Ich komme, Deine Verzeihung 
zn erflehen für all das Unrecht, das ich Dir angethan, und 
Dich zu bitten " 
„Es ist wohl hier nicht der rechte Ort, von solchen 
Dingen zu sprechen", fiel sie ihm hastig in die Rede, und 
indem sic eine der auf die Diele ausmündenden Thüren 
öffnete, machte sie ihm ein Zeichen, einzutreten. 
Erwin fühlte sich tief ergriffen beim Anblick der überaus 
einfachen, ja dürftigen Umgebung, in der sein Weib hier seit 
Monaten gelebt hatte, und niemals war ihm sein Verschulden 
größer, unverzeihlicher erschienen, als in diesem Moment. 
Denn jetzt erst, da das kalte Licht des Wintertagcs, soweit es 
durch die kleinen Fenster Einlaß fand, voll auf sie fiel, sah 
er, wie schwer auch sie in dieser Zeit gelitten haben mußte. 
Ihr schönes Antlitz war schmaler geworden, und ihre Augen 
hatten nicht mehr den heiteren Glanz der Gesundheit, der ihn 
so oft entzückt hatte. Er wollte ihre Hand ergreifen, wollte 
mit beweglichen, innigen Worten seine Bitte um Verzeihung 
wiederholen, aber sie wich so ivcit vor ihm zurück, daß der 
plumpe Tisch wie eine Schutzwehr zwischen ihnen blieb, und 
ohne Unfreundlichkeit zwar, doch mit einer ruhigen Festigkeit, 
die ihn ganz entmutigen mußte, kam sie seiner Anrede zuvor. 
„Du hättest nieine Bitte berücksichtigen und nicht nach 
mir forschen sollen, Erwin, denn Du würdest damit Dir selbst 
und mir die Pein dieser Stunde erspart haben. Aber ich will 
Dir keine Vorivürfe machen und will Dir vielmehr für Deine 
freundliche Absicht aufrichtig danken, und wenn Dir wirklich 
an nicincr Verzeihung gelegen ist, so bedurfte es nicht erst 
einer Bitte, um sie zu erlangen. Wenn ich Dir jemals ge 
grollt habe, ist das doch längst vorüber. Sei versichert, daß 
ich Dir von ganzem Herzen vergebe." 
„Das ist ein großmütiges Wort, Ada, aber Du darfst 
cS nicht bei den bloßen Worten bewenden lassen. Du mußt 
nicht nur vergeben, sondern auch vergessen, und Du nutßt 
mir beweisen, daß Du den Willen dazu hast, indem Dtt mit 
mir zurückkehrst und alles zwischen uns sein läßt, wie es vor 
jenem unglückseligen Tage gewesen." 
Ein schwerer Atemzug hob Adas Brust, und alle Farbe 
wich aus ihrem Gesicht, aber ihre Züge blieben unbeiveglich, 
ivährend sie antwortete: 
„Warum quälst Du Dich und mich, indem Du das Un 
mögliche verlangst? Was hülfe es, wenn ich vergessen könnte, 
da Du cs doch sicherlich nicht vermöchtest? Bei der ersten 
Gelegenheit würde das notdürftig eingeschläferte Mißtrauen 
doch wieder erwachen, und auch Dein redlichster Wille könnte 
den Schatten des Argwohns nicht bannen, der uns für alle 
Znknnft hindern muß, glücklich zu sein." 
Er fühlte, daß es all seiner Uebcrrednngskunst nicht ge 
lingen würde, ihren Sinn zu ändern, und so mußte er sich 
wohl entschließen, seine Zuflucht zu jenem letzten Mittel zu 
nehmen, das, wie er wohl wußte, seine eigene Sache bei ihr 
nicht eben verbessern konnte. 
„Wohl, Ada, ich sehe, daß Dein Herz nicht mehr meinen 
Fürsprecher macht, aber was Du mir nicht gewähren kannst, 
einem Sterbenden, der es als den letzten Liebesbeweis von 
Dir erwartet, wirst Du cs nicht verweigern. Dein Bruder 
Kurt liegt todkrank in Fiddichow, und er würde als ein Ver 
zweifelnder aus dem Leben scheiden, wenn es ohne Deine Ver 
zeihung geschehen müßte. Um seinetwillen bitte ich Dich noch 
einmal, mich zu begleiten, und ich verspreche Dir ans meine Ehre, 
daß ich nichts unternehmen ivcrde, Dich zurückzuhalten, ivenn 
Du nachher darauf bcharrst, mein Haus wieder zu verlassen." 
Natürlich mußte er ihr nun auf ihre erregten Fragen 
alles mitteilen, was er von ihrem unglücklichen Bruder zu 
niklden mußte, und als er mit seinem Bericht zu Ende war, 
sagte sie, ohne ihn anzusehen: 
„Wenn Du mich im Wirtshaus des Dorfes erwarten 
willst, Erwin — in einer halben Stunde werde ich zur Abreise 
fertig sein." 
Während der ganzen laugen Fahrt hatten sie nichts als 
das unumgänglich Notwendige mit einander gesprochen. Ada 
schien nur von dem Gedanken au Kurt und von der bangen 
Sorge beherrscht, daß sie zu spät kommen könnte, und Erwin 
war zu zartfühlend, sie in diesem Gemütszustände mit dem 
zu bedrängen, was ihm selbst ungleich mehr am Herzen lag, 
als das Schicksals seines Schwagers. 
Es war spät abends, als sic auf Fiddichow anlangten. 
Sie sahen den wohlbekannten Wagen des Kreisphysikus vor 
dem Herrcnhause halten, und schon im Vorzimmer trafen sie 
mit dem alten Herrn, der von ihrer Ankunft benachrichtigt 
worden war, zusammen. Ada eilte in höchster Erregung auf 
ihn zu. 
„Wie geht es meinem Brnder, Herr Doktor? Nicht wahr, 
ich komme noch nicht zu spät?" 
„Nein, Frau Gräfin," erwiderte der Arzt mit tiefernster 
Miene, „aber Sie hätten freilich nicht eine Stunde später 
kommen dürfen." 
Die junge Frau brach in Thränen aus, aber sie faßte 
sich schnell, und unter des Doktors Führung traten sie wenige 
Minuten später in das matterleuchtetc Krankenzimmer. Von 
Kissen unterstützt, saß Kurt von Rüdiger mühsam atmend aufrecht 
im Bette. Auch er mußte von Adas bevorstehendem Ein 
treffen bereits unterrichtet worden sein, denn mit einem Aus 
druck freudiger Spannung, der auf diesem verfallenen hppo- 
kratischen Gesicht etwas wahrhaft Erschütterndes hatte, blickte 
er den Eintretenden entgegen. 
Ada eilte auf ihn zu und legte ihren weichen Arm um 
seinen Nacken. 
„Mein lieber Kurt!" war das einzige, was sie hervor 
zubringen vermochte, denn von all den tröstlichen und er 
mutigenden Worten, die sic ihm zu sagen beabsichtigt hatte, 
wollte nun keines über ihre Lippen. Aber für den Sterbenden 
war es auch an diesen dreien genug. Wie ein Schimmer 
der Verklärung breitete es sich über seine Züge, und während 
seine rechte Hand Adas schlanke Finger umfaßte, fuhr die 
linke tastend umher, als ob sie noch etwas suche. Erwin, der 
an der Seite der Gräfin stand, glaubte seinen Wunsch zu 
verstehen, und er hatte ihni in der That die rechte Deutung 
gegeben. Sobald er dem Kranken seine Rechte überlassen 
hatte, fügte Kurt mit der letzten Kraft die Hände der beiden 
Gatten zusammen, und seine Lippen bewegten sich ivic zu 
einer Bitte oder zu einem Segenswunsch, den freilich keiner
        
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